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Full text of "George Orwell - 1984 (Roman, Deutsch)"

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GEORGE ORWELL 



1984 



Roman 



„In einer Zeit des Universalbetruges 

ist die Wahrheit zu sagen 

eine revolutionare Tat!" 

George Orwell 



Original Autor: George Orwell 

Titel: Nineteen Eighty-Four 

Jahr: 1948 

Ubersetzung aus dem Englischen, 1950 

Uberarbeitete Fassung 



Vorwort 



Mit seinem Roman „1984" hat George Orwell schon vor 
Jahrzehnten ein Zeichen gegen die drohende Gefahr eines 
globalen Uberwachungsstaates und einer Weltdiktatur gesetzt. 
Heute sind die von Orwell beschriebenen Tendenzen schon 
wesentlichen deutlicher zu erkennen, denn der „glaserne Burger" 
und das Aufkommen uberstaatlicher Gebilde sind keine Fiktion 
mehr. 

Hatte Orwell noch die Schreckensvision eines globalen 
Bolschewismus vor Augen, so wurde diese inzwischen durch die 
Globalisierung und die Bestrebungen gewisser Kreise, eine 
„Weltregierung" unter ihrer Kontrolle einzurichten, abgelost. 
Die Gefahr des weltweiten Uberwachungsstaates, der zugleich 
Nationen, Volker, Traditionen und Kulturen aufzulosen versucht, 
ist demnach keineswegs gebannt. Im Gegenteil: Sie tritt gerade in 
unserer Gegenwart in bester orwellscher Manier zu Tage. 
Als Orwell seinen Roman im Jahre 1948 schrieb, wollte er eine 
Warnung aussprechen und das ist ihm auch gelungen. Es soil ein 
jeder Leser von „1984" selbst ins Nachdenken kommen und sich 
vor allem die Frage stellen: Wer sind die Krafte, die in unserer 
heutigen Zeit den Uberwachungsweltstaat durchsetzen wollen? 
Wer hat die Macht dazu? Wer kontrolliert z.B. die Supermacht 
USA durch die Beherrschung der Banken und Medien? Und 
welche Machte stehen hinter der schrankenlosen Globalisierung, 
Kapitalisierung, Volkerentrechtung, Nationenauflosung und 
Internationalisierung der Welt? 

Es durfte in George Orwells Sinne sein, wenn die Leser seines 
Buches vor allem auch die heutige Weltpolitik und ihre 
treibenden Krafte kritisch betrachten. 



Manfred Becker, 2008 



Erster Teil 



Erstes Kapitel 



Es war ein klarer, kalter Tag im April, und die Uhren schlugen 
gerade dreizehn, als Winston Smith, das Kinn an die Brust 
gepresst, um dem rauen Wind zu entgehen, rasch durch die 
Glasturen eines der Hauser des Victory-Blocks schlupfte, wenn 
auch nicht rasch genug, als dafi nicht zugleich mit ihm ein Wirbel 
griesigen Staubs eingedrungen ware. 

Im Flur roch es nach gekochtem Kohl und feuchten Fufimatten. 
An der Ruckwand war ein grellfarbiges Plakat, das fur einen 
Innenraum eigentlich zu grofi war, mit Reifinageln an der Wand 
befestigt. Es stellte nur ein riesiges Gesicht von mehr als einem 
Meter Breite dar: das Gesicht eines Mannes von etwa 
funfundvierzig Jahren, mit dickem schwarzen Schnauzbart und 
ansprechenden, wenn auch derben Zugen. Winston ging die 
Treppe hinauf. Es hatte keinen Zweck, es mit dem Aufzug zu 
versuchen. Sogar zu den gunstigsten Stunden des Tages 
funktionierte er nur selten, und zurzeit war tagsuber der 
elektrische Strom abgestellt. Das gehorte zu den wirtschaftlichen 
Mafinahmen der in Vorbereitung befindlichen Hasswoche. Die 
Wohnung lag sieben Treppen hoch, und der 
neununddreifiigjahrige Winston, der tiber dem rechten 
Fufiknochel dicke Krampfaderknoten hatte, ging sehr langsam 
und ruhte sich mehrmals unterwegs aus. Auf jedem 
Treppenabsatz starrte ihn gegenuber dem Liftschacht das Plakat 
mit dem riesigen Gesicht an. Es gehorte zu den Bildnissen, die so 
gemalt sind, dafi einen die Augen uberallhin verfolgen. »Der 
Grofie Bruder sieht dich!« lautete die Schlagzeile darunter. 



Drinnen in der Wohnung verlas eine klangvolle Stimme eine 
Zahlenstatistik tiber die Roheisenproduktion. Die Stimme kam 
aus einer langlichen Metallplatte, die einem stumpfen Spiegel 
ahnelte und rechter Hand in die Wand eingelassen war. 
Winston drehte an einem Knopf, und die Stimme wurde 
daraufhin etwas leiser, wenn auch der Wortlaut noch zu 
verstehen blieb. Der Apparat, ein sogenannter Televisor oder 
Horsehschirm, konnte gedampft werden, doch gab es keine 
Moglichkeit, ihn vollig abzustellen. Smith trat ans Fenster, eine 
abgezehrte, gebrechliche Gestalt, deren Magerkeit durch den 
blauen Trainingsanzug der Parteiuniform noch betont wurde. 
Sein Haar war sehr hell, sein Gesicht unnattirlich gerotet, seine 
Haut rau von der groben Seife, den stumpfen Rasierklingen und 
der Kalte des gerade uberstandenen Winters. 
Die Welt draufien sah selbst durch die geschlossenen Fenster kalt 
aus. Unten auf der Strafie wirbelten schwache Windstofie Staub 
und Papierfetzen in Spiralen hoch, und obwohl die Sonne strahlte 
und der Himmel leuchtend blau war. schien doch alles farblos, 
aufier den uberall angebrachten Plakaten. Das Gesicht mit dem 
schwarzen Schnurrbart blickte von jeder beherrschenden Ecke 
herunter. 

Ein Plakat klebte an der unmittelbar gegenuberliegenden 
Hausfront. »Der Grofie Bruder sieht dich!« hiefi auch hier die 
Unterschrift, und die dunklen Augen bohrten sich tief in 
Winstons Blick. Unten in Strafienhohe flatterte ein anderes, an 
einer Ecke eingerissenes Plakat unruhig im Winde und liefi nur 
das Wort „Engsoz" bald verdeckt, bald unverdeckt erscheinen. In 
der Feme glitt ein Helikopter zwischen den Dachern herunter, 
brummte einen Augenblick wie eine Schmeififliege und strich 
dann in einem Bogen wieder ab. Es war die Polizeistreife, die den 
Leuten in die Fenster schaute. Die Streifen waren jedoch nicht 
schlimm. Zu furchten war nur die Gedankenpolizei. 
Hinter Winstons Rticken schwatzte die leise Stimme aus dem 
Televisor noch immer von Roheisen und von der weit tiber das 
gesteckte Ziel hinausgehenden Erftillung des neunten 



Dreijahresplans. Der Televisor war gleichzeitig Empfangs- und 
Sendegerat. Jedes von Winston verursachte Gerausch, das tiber 
ein ganz leises Fltistern hinausging, wurde von ihm registriert. 
Aufierdem konnte Winston, solange er in dem von der 
Metallplatte beherrschten Sichtfeld blieb, nicht nur gehort, 
sondern auch gesehen werden. Es bestand nattirlich keine 
Moglichkeit festzustellen, ob man in einem gegebenen 
Augenblick gerade uberwacht wurde. Wie oft und nach welchem 
System die Gedankenpolizei sich in einen Privatapparat 
einschaltete, blieb der Mutmafiung tiberlassen. 
Es war sogar moglich, dafi jeder einzelne standig uberwacht 
wurde. Auf alle Falle aber konnte sie sich, wenn sie es wollte, 
jederzeit in einen Apparat einschalten. Man mufite in der 
Annahme leben, und man stellte sich tatsachlich instinktiv darauf 
ein, dafi jedes Gerausch, das man machte, uberhort und, aufier in 
der Dunkelheit, jede Bewegung beobachtet wurde. Winston 
richtete es so ein, dafi er dem Televisor den Rticken zuwandte. 
Das war sicherer, wenn auch, wie er wohl wufite, sogar ein 
Rucken verraterisch sein konnte. 

Einen Kilometer entfernt ragte das Wahrheitsministerium, seine 
Arbeitsstatte, wuchtig und weifi tiber der dtisteren Landschaft 
empor. Das also, dachte er mit einer Art undeutlichen Abscheus. 
war London, die Hauptstadt des Luftsttitzpunkts Nr. 1, der am 
drittstarksten bevolkerten Provinz Ozeaniens. 
Er versuchte in seinen Kindheitserinnerungen nachzuforschen, 
ob London schon immer so ausgesehen hatte. Hatten da immer 
diese langen Reihen heruntergekommen aussehender Hauser aus 
dem neunzehnten Jahrhundert gestanden, deren Mauern mit 
Balken gesttitzt, deren Fenster mit Pappendeckeln verschalt und 
deren Dacher mit Wellblech gedeckt waren, wahrend ihre 
schiefen Gartenmauern kreuz und quer in den Boden sackten? 
Und diese zerbombten Ruinen, wo der Pflasterstaub in der Luft 
wirbelte und Unkrautgestrtipp auf den Trtimmern wucherte, 
dazu die Stellen, wo Bombeneinschlage eine grofiere Lticke 
gerissen hatten und trostlose Siedlungen von Holzbaracken 



entstanden waren, die wie Hiihnerstalle aussahen? Aber es fuhrte 
zu nichts, er konnte sich nicht erinnern; von seiner Kindheit hatte 
er nichts nachbehalten als eine Reihe greller Bilder ohne 
Hintergrund, die ihm zumeist unverstandlich waren. 
Das Wahrheitsministerium - Miniwahr, wie es in „Neusprech", 
der amtlichen Sprache Ozeaniens, hiefi - sah verbluffend 
verschieden von allem anderen aus, was der Gesichtskreis 
umfafite. Es war ein riesiger pyramidenartiger, weifi 
schimmernder Betonbau, der sich terrassenformig dreihundert 
Meter hoch in die Luft reckte. Von der Stelle, wo Winston stand, 
konnte man gerade noch die in schonen Lettern in seine weifie 
Front gemeifielten drei Wahlspruche der Partei entziffern: 

KRIEG BEDEUTET FRIEDEN 
FREIHEIT 1ST SKLAVEREI 
UNWISSENHEIT 1ST STARKE 

Das Wahrheitsministerium enthielt, so erzahlte man sich, in 
seinem pyramidenartigen Bau dreitausend Raume und eine 
entsprechende Zahl unter der Erde. In ganz London gab es nur 
noch drei andere Bauten von ahnlichem Aussehen und Ausmafi. 
Sie beherrschten das sie umgebende Stadtbild so vollkommen, 
dafi man vom Dach des Victory-Blocks aus alle vier gleichzeitig 
sehen konnte. Sie waren der Sitz der vier Ministerien, unter die 
der gesamte Regierungsapparat aufgeteilt war, des 
Wahrheitsministeriums, das sich mit dem Nachrichtenwesen, der 
Freizeitgestaltung, dem Erziehungswesen und den schonen 
Kunsten befafite, des Friedensministeriums, das die 
Kriegsangelegenheiten behandelte, des Ministeriums fur Liebe, 
das Gesetz und Ordnung aufrechterhielt, und des Ministeriums 
fur Uberflufi, das die Rationierungen bearbeitete. Ihre Namen 
lauteten in Neusprech: Miniwahr, Minipax, Minilieb, Miniflufi. 
Das Ministerium fur Liebe war das furchterregendste von alien. 
Es hatte uberhaupt keine Fenster. Winston war noch nie im 
Ministerium fur Liebe gewesen und ihm auch nie, sei es nur auf 



einen halben Kilometer, nahe gekommen. Es war unmoglich, es 
aufier in amtlichem Auftrag zu betreten, und auch dann mufite 
man erst durch einen Irrgarten von Stacheldrahtverhauen und 
versteckten Maschinengewehrnestern hindurch. Sogar die zu den 
Befestigungen im Vorgelande hinauffuhrenden Strafien waren 
durch gorillagesichtige Wachen in schwarzen Uniformen 
gesichert, die mit schweren Gummiknuppeln bewaffnet waren. 
Winston drehte sich mit einem Ruck um. Er hatte die ruhige 
optimistische Miene aufgesetzt, die zur Schau zu tragen ratsam 
war, wenn man dem Televisor das Gesicht zukehrte. Er ging quer 
durchs Zimmer in die winzige Kiiche. Indem er zu dieser 
Tageszeit aus dem Ministerium weggegangen war, hatte er auf 
sein Mittagessen in der Kantine verzichtet, andererseits wufite er, 
dafi es in der Kiiche nichts zu essen gab aufier einem Stuck 
Schwarzbrot, das fur den nachsten Tag als Fruhstuck aufgehoben 
werden mufite. Er nahm eine Flasche mit einer farblosen 
Fliissigkeit aus dem Regal, die dem schmucklosen weifien Etikett 
nach Victory-Gin war. Das Getrank stromte einen faden, oligen 
Geruch aus, wie chinesischer Reisschnaps. Winston gofi sich fast 
eine Teetasse voll davon ein, stellte sich auf den zu erwartenden 
Schock ein und wurgte es wie eine Dosis Medizin hinunter. 
Sofort lief sein Gesicht krebsrot an, und das Wasser trat ihm in 
die Augen. Das Zeug schmeckte wie Salpetersaure, und man 
hatte beim Herunterschlucken das Gefuhl, eins mit dem 
Gummiknuppel uber den Hinterkopf zu bekommen. Einen 
Augenblick spater horte jedoch das Brennen in seinem Magen 
auf, und die Welt begann rosiger auszusehen. Er zog eine 
Zigarette aus einem zerknitterten Packchen mit der Aufschrift 
Victory-Zigaretten, doch unvorsichtigerweise hielt er sie 
senkrecht, worauf der Tabak heraus auf den Fufiboden rieselte. 
Mit der nachsten hatte er mehr Gluck. Er ging ins Wohnzimmer 
zuruck und setzte sich an ein links vom Televisor stehendes 
Tischchen. Dann zog er aus der Tischschublade einen 
Federhalter, eine Tintenflasche und ein dickes, unbeschriebenes 



Diarium in Quartformat mit rotem Rucken und marmorierten 
Einbanddeckeln hervor. 

Aus irgendeinem Grunde war der Televisor in seinem 
Wohnzimmer an einer ungewohnlichen Stelle angebracht. Statt 
wie iiblich an der kurzeren Wand, von wo aus er den ganzen 
Raum beherrscht hatte, war er an der Langswand gegenuber dem 
Fenster eingelassen. An seiner einen Seite befand sich die kleine 
Nische, in der Winston jetzt safi und die vermutlich beim Bau der 
Wohnung fur ein Bucherregal bestimmt gewesen war. Wenn er 
sich so in die Nische setzte und vorsichtig im Hintergrund hielt, 
konnte Winston, wenigstens visuell, aufier Reichweite des 
Televisors bleiben. Er konnte zwar gehort, aber, solange er in 
seiner Stellung verharrte, nicht gesehen werden. Die 
ungewohnliche Anlage des Zimmers war zum Teil fur den 
Gedanken verantwortlich, zu dessen Verwirklichung er jetzt 
schritt. 

Doch auch das Tagebuch, das er soeben aus der Schublade 
hervorgezogen hatte, war mit daran schuld. Es war ein ganz 
besonders schones Tagebuch. Sein milchweifies Papier, schon ein 
wenig vergilbt, war von einer Qualitat, wie sie seit wenigstens 
vierzig Jahren nicht mehr hergestellt worden war. Er hatte jedoch 
Grund zu der Annahme, dafi „das Buch" noch weit alter war. Er 
hatte es in der Auslage eines muffigen kleinen Altwarengeschafts 
in einem der Elendsviertel der Stadt (in welchem Viertel, hatte er 
jetzt nicht mehr sagen konnen) liegen gesehen und war sofort 
von dem brennenden Wunsch beseelt worden, es zu besitzen. 
Von Parteimitgliedern wurde erwartet, dafi sie nicht in 
gewohnlichen Laden einkauften (»Geschafte auf dem freien 
Markt machten«, wie die Formel lautete), aber die Vorschrift 
wurde nicht streng eingehalten, denn es gab verschiedene Dinge, 
wie Schuhbander oder Rasierklingen, die man sich unmoglich 
auf andere Weise beschaffen konnte. Er hatte einen raschen Blick 
die Strafie hinauf- und hinuntergeworfen, dann war er 
hineingeschlupft und hatte „das Buch" fur zwei Dollar funfzig 
erstanden. Damals hatte ihm noch kein Zweck dafur 



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vorgeschwebt. Er hatte es schuldbewusst in seiner Mappe 
heimgetragen. Selbst unbeschrieben war es schon ein gefahrlicher 
Besitz. 

Nun war er im Begriff, ein Tagebuch anzulegen. Das war nicht 
illegal (nichts war illegal, da es ja keine Gesetze mehr gab), aber 
falls es herauskam, war er so gut wie sicher, dafi es mit dem Tode 
oder zumindest funfundzwanzig Jahren Zwangsarbeitslager 
geahndet werden wiirde. Winston steckte eine Stahlfeder in den 
Halter und feuchtete sie mit der Zunge an. Die Feder war ein 
vorsintflutliches Instrument, das selbst zu Unterschriften nur 
noch selten verwendet wurde, und er hatte sich heimlich und mit 
einiger Schwierigkeit eine besorgt, ganz einfach aus dem Geftihl 
heraus, dafi das wundervolle glatte Papier es verdiente, mit einer 
richtigen Feder beschrieben, statt mit einem Tintenblei bekritzelt 
zu werden. Tatsachlich war er nicht mehr gewohnt, mit der Hand 
zu schreiben. Abgesehen von ganz kurzen Notizen war es tiblich, 
alles in den Sprechschreiber zu diktieren, aber das war naturlich 
in diesem Fall unmoglich. Er tauchte die Feder in die Tinte und 
stockte noch eine Sekunde. Ein Schauer war ihm tiber den 
Rticken gelaufen. Der erste Federstrich tiber das Papier war die 
entscheidende Handlung. In kleinen unbeholfenen Buchstaben 
schrieb er: 4. April 1984. 

Er lehnte sich zurtick. Ein Geftihl volliger Hilflosigkeit hatte sich 
seiner bemachtigt. Zunachst einmal war er sich durchaus nicht 
sicher, dafi jetzt wirklich das Jahr 1984 war. Es mufite um diese 
Zeit herum sein, denn er wufite mit einiger Gewissheit, dafi er 
selbst neununddreifiig Jahre alt war, und er glaubte, 1944 oder 
1945 geboren zu sein. Doch heutzutage war es nie moglich, ein 
Datum auf ein oder zwei Jahre genau zu bestimmen. 
Ftir wen, fragte er sich plotzlich, legte er dieses Tagebuch an? Ftir 
die Zukunft, ftir die Kommenden. Sein Denken kreiste einen 
Augenblick um das zweifelhafte Datum auf der ersten Seite und 
prallte dann jah mit dem Wort „Gedankendelikt" aus dem 
Neusprech zusammen. Zum erstenmal kam ihm die Grofie seines 
Vorhabens zum Bewufitsein. Wie konnte man sich mit der 



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Zukunft verstandigen? Das war ihrer Natur nach unmoglich. 
Entweder ahnelte die Zukunft der Gegenwart, dann wtirde man 
ihm nicht Gehor schenken wollen; oder sie war anders geartet, 
dann war seine Darstellung bedeutungslos. 

Eine Zeitlang safi er da und starrte toricht auf das Papier. Der 
Televisor hatte jetzt schmetternde Militarmusik angestimmt. Es 
war seltsam, dafi er nicht nur die Gabe der Mitteilung verloren, 
sondern sogar vergessen zu haben schien, was er ursprtinglich 
hatte sagen wollen. Seit Wochen hatte er sich auf diesen 
Augenblick vorbereitet, und es war ihm nie in den Sinn 
gekommen, dafi dazu noch etwas anderes notig sein konnte als 
Mut. Die Niederschrift als solche hatte er fur leicht gehalten. 
Brauchte er doch nichts weiter zu tun, als die endlosen hastigen 
Selbstgesprache zu Papier zu bringen, die ihm buchstablich seit 
Jahren durch den Kopf geschossen waren. In diesem Augenblick 
jedoch war sogar das Selbstgesprach verstummt. Aufierdem hatte 
das Ekzem an seinen Krampfadern unertraglich zu jucken 
angefangen. Er wagte nicht, daran zu kratzen, denn dann 
entzundete es sich immer. Die Sekunden verstrichen. Nichts 
drang in sein Bewufitsein als die unbeschriebene Weifie des vor 
ihm liegenden Blattes, das Hautjucken tiber seinem Knochel, die 
schmetternde Musik und eine leise Benebeltheit, die der Gin 
verursacht hatte. 

Plotzlich begann er ubersturzt zu schreiben, ohne recht zu 
wissen, was er zu Papier brachte. Seine kleine kindliche 
Handschrift bedeckte Zeile um Zeile des Blattes, wobei er bald 
auf die grofien Anfangsbuchstaben und zum Schlufi sogar auf die 
Interpunktion verzichtete: 

„4. April 1984. Gestern Abend im Kino. Lauter Kriegsfilme. Ein 
sehr guter, tiber ein Schiff von Fltichtlingen, das irgendwo im 
Mittelmeer bombardiert wird. Zuschauer hochst belustigt durch 
eine Aufnahme von einem grofien dicken Mann, den ein 
Helikopter verfolgt, zuerst sah man ihn sich durchs Wasser 
walzen wie ein Nilpferd, dann sah man ihn durch das 



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Zielfernrohr des Hubschraubers, dann war er ganz durchlochert 
und das Meer rund um ihn farbte sich rosa, und er versank so 
plotzlich, als sei das Wasser durch die Locher eingedrungen. 
Zuschauer brullten vor lachen als er unterging. 
Dann sah man ein Rettungsboot voll kinder mit einem 
hubschrauber daruber, eine frau mittleren Alters, safi mit einem 
etwa drei jahre alten knaben im bug. Kleiner junge brullte vor 
angst und verbarg seinen kopf zwischen den brusten als wollte er 
ganz in sie hineinkriechen und die frau legte die arme um ihn 
und trostete ihn. obwohl sie selbst aufier sich vor angst war 
bedeckte sie ihn so gut wie moglich als glaubte sie ihre arme 
konnten die kugeln von ihm abhalten, dann warf der 
hubschrauber eine 20-kilo-bombe zwischen sie schreckliches 
aufblitzen und das ganze schiff zersplitterte wie streichholzer, 
dann gab es eine wundervolle aufnahme von einem kinderarm 
der hoch, hoch und immer hoher hinauffliegt in die luft ein 
hubschrauber mit einer kamera vorn in der kanzel mufi ihm 
nachgeflogen sein und es gab viel beifall aus den parteilogen aber 
eine frau unten wo die proles sitzen fing plotzlich an radau zu 
machen und zu schreien man hatte so was nicht vor kindern 
zeigen sollen es sei nicht recht vor kindern bis die polizei sie 
hinauswarf ich glaube nicht dafi ihr etwas passierte niemand 
kummert sich darum was die proles sagen typische 
prolesreaktion sie konnen nie..." 

Winston horte zu schreiben auf, auch weil er einen 
Schreibkrampf bekam. Er wufite nicht, was ihn veranlafit hatte, 
diese Flut von Gestammel aus sich herauszuschleudern. Aber das 
merkwurdige war, dafi ihm dabei eine vollstandige Erinnerung 
so deutlich zum Bewufitsein gekommen war, dafi es ihm fast so 
vorkam, als habe er sie niedergeschrieben. Nun erkannte er, dafi 
dieser andere Vorfall an seinem plotzlichen Entschlufi schuld 
war, nach Hause zu gehen und heute sein Tagebuch zu beginnen. 



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Dieser Vorfall hatte sich heute Morgen im Ministerium 
zugetragen, wenn man von etwas so Nebelhaftem uberhaupt 
sagen konnte, dafi es sich zugetragen hat. 

Es war kurz vor elf, und in der Registrierabteilung, in der 
Winston arbeitete, hatte man die Stuhle aus den 
Gemeinschaftsraumen geholt und sie in der Mitte des Saales dem 
grofien Televisor gegenuber aufgestellt, in Vorbereitung auf die 
„Zwei-Minuten-Hass-Sendung" . 

Winston nahm gerade seinen Platz in einer der Mittelreihen ein, 
als zwei Personen, die er vom Sehen kannte, mit denen er aber 
noch nie ein Wort gewechselt hatte, unerwartet in den Raum 
traten. Die eine davon war ein Madchen, dem er oft auf den 
Gangen begegnet war. Er kannte ihren Namen nicht, wufite aber, 
dafi sie in der Abteilung fur Prosa- Literatur beschaftigt war. 
Vermutlich - denn er hatte sie manchmal mit olverschmierten 
Handen und mit einem Schraubenschlussel gesehen - hatte sie 
dort eine technische Funktion an einer der 
Romanschreibmaschinen. 

Sie war ein unternehmungslustig aussehendes Madchen von 
etwa siebenundzwanzig Jahren, mit uppigem schwarzen Haar, 
sommersprossigem Gesicht und raschen, muskulosen 
Bewegungen. Eine schmale, scharlachrote Scharpe, das 
Abzeichen der „Jugendliga gegen Sexualitat", war mehrmals um 
die Taille ihres Trainingsanzuges gewunden, gerade eng genug, 
um die Rundung ihrer Huften hervorzuheben. Winston hatte sie 
vom aller ersten Augenblick an nicht ausstehen konnen. Er wufite 
auch, weshalb. Es war wegen der Atmosphare von Hockeyplatz, 
kaltem Baden, Gemeinschaftswanderung und allgemeiner 
Gesinnungstuchtigkeit, mit der sie sich zu umgeben wufite. 
Die Frauen, und vor allem die jungen, gaben immer die blind 
ergebenen Parteianhanger, die gedankenlosen Nachplapperer, 
die freiwilligen Spitzel ab, mit deren Hilfe man weniger 
Linientreue aushorchen konnte. Aber dieses Madchen im 
Besonderen machte ihm den Eindruck, gefahrlicher als die 
meisten zu sein. Einmal, als sie auf dem Gang aneinander 



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vorbeigekommen waren, hatte sie ihn mit einem Seitenblick 
gestreift, der ihn zu durchbohren schien und der ihn fur einen 
Augenblick mit blankem Entsetzen erfullt hatte. Ihm war sogar 
der Gedanke durch den Kopf gegangen, sie konnte eine Agentin 
der Gedankenpolizei sein, was freilich sehr unwahrscheinlich 
war. Trotzdem fuhlte er weiterhin, sooft sie in seine Nahe kam, 
eine merkwurdige Unsicherheit, die zu gleichen Teilen mit Angst 
und mit Feindschaft gemischt war. 

Die andere Person war ein Mann namens O'Brien, ein Mitglied 
der Inneren Partei und Inhaber eines so wichtigen und der 
Allgemeinheit entriickten Postens, dafi Winston nur eine 
undeutliche Vorstellung davon hatte. Ein kurzes Gefluster 
durchlief die um die Stiihle herumstehende Gruppe, als sie den 
schwarzen Trainingsanzug eines Mitglieds der Inneren Partei 
herankommen sah. O'Brien war ein grofier, grobschlachtiger 
Mann mit dickem Nacken und einem derben, humorvollen und 
brutalen Gesicht. Ungeachtet seines wuchtigen Aufieren lag ein 
gewisser Charme in seiner Art, sich zu bewegen. Er hatte eine 
Manier, seine Brille auf der Nase zurechtzurucken, die seltsam 
entwaffnend und auf eine merkwurdige Weise zivilisiert wirkte. 
Es war eine Geste, die einen, wenn uberhaupt noch jemand in 
solchen Begriffen gedacht hatte, an einen Edelmann aus dem 
achtzehnten Jahrhundert hatte erinnern konnen, der seinem 
Gegenuber die Schnupftabaksdose anbot. 

Winston hatte O'Brien vielleicht ein Dutzend Mai in etwa ebenso 
vielen Jahren gesehen. Er fuhlte sich aufrichtig zu ihm 
hingezogen, und das nicht nur, weil ihn der Gegensatz zwischen 
O'Briens hoflichen Manieren und seinem Preisboxertypus 
fesselte. Es beruhte vielmehr auf einem heimlich gehegten 
Glauben - oder vielleicht nur der Hoffnung -, dafi O'Briens 
politische Strengglaubigkeit nicht vollkommen sei. Etwas in 
seinem Gesicht flofite unwiderstehlich diesen Gedanken ein. Und 
doch stand in diesem Gesicht eigentlich weniger mangelnde 
Strengglaubigkeit als einfach Intelligenz geschrieben. Jedenfalls 
sah er wie ein Mensch aus, mit dem man reden konnte, wenn 



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man es fertig brachte, dem Televisor ein Schnippchen zu 
schlagen, und ihn allein zu fassen bekam. Winston hatte nie den 
geringsten Versuch gemacht, seine Vermutung auf ihre 
Richtigkeit hin zu prufen: praktisch gab es auch keine 
Moglichkeit dazu. O'Brien warf in diesem Augenblick einen Blick 
auf seine Armbanduhr, sah, dafi es fast elf Uhr war, und beschlofi 
offenbar, in der Abteilung Registratur zu bleiben, bis die Zwei- 
Minuten-Hass-Sendung zu Ende war. 

Er setzte sich auf einen Stuhl in derselben Reihe wie Winston, 
zwei Platze von ihm entfernt. Eine kleine aschblonde Frau, die in 
der Abteilung neben Winston beschaftigt war, safi zwischen 
ihnen. Das Madchen mit dem schwarzen Haar safi unmittelbar 
dahinter. 

Im nachsten Augenblick brach ein scheufilicher, knirschender 
Kreischlaut, als ob eine riesige Maschine vollig ungeolt liefe, aus 
dem grofien Televisor am Ende des Raumes hervor. Es war ein 
Larm, bei dem einen eine Gansehaut uberlief und sich die 
Nackenhaare straubten. Die Hass-Sendung hatte begonnen. 
Wie gewohnlich war das Gesicht Immanuel Goldsteins, des 
Parteiverraters, auf dem Sehschirm erschienen. Da und dort im 
Zuschauerraum wurde gezischt. Die kleine aschblonde Frau stiefi 
ein aus Furcht und Abscheu gemischtes Quieken hervor. 
Goldstein war der Renegat, der grofie Abtrunnige, der fruher 
einmal, vor langer Zeit (wie lange es eigentlich her war, daran 
erinnerte sich niemand mehr genau), einer der fuhrenden 
Manner der Partei gewesen war und fast auf einer Stufe mit dem 
Grofien Bruder selbst gestanden hatte, um dann mit 
konterrevolutionaren Machenschaffen zu beginnen, zum Tode 
verurteilt zu werden und auf geheimnisvolle Weise zu 
verschwinden. 

Die Programme der Zwei-Minuten-Hass-Sendung wechselten 
von Tag zu Tag, aber es gab keines, in dem nicht Goldstein die 
Hauptrolle gespielt hatte. Er war der erste Verrater, der fruheste 
Beschmutzer der Reinheit der Partei. Alle spater gegen die Partei 
gerichteten Verbrechen, alle Verratereien, Sabotageakte, 



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Ketzereien, Abweichungen gingen unmittelbar auf seine 
Irrlehren zuruck. Irgendwo lebte er noch und schmiedete seine 
Ranke: vielleicht irgendwo jenseits des Meeres, unter dem Schutz 
seiner auslandischen Geldgeber, vielleicht sogar - wie 
gelegentlich gemunkelt wurde - in einem Versteck in Ozeanien 
selbst. 

Winstons Zwerchfell zog sich zusammen. Nie konnte er das 
Gesicht Goldsteins sehen, ohne in einen schmerzlichen 
Widerstreit der Gefuhle zu geraten. Es war ein mageres 
Judengesicht mit einem breiten, wirren Kranz weifier Haare und 
einem Ziegenbartchen - ein gerissenes und irgendwie 
eigentumlich verachtliches Gesicht, dessen lange dunne Nase, auf 
deren Ende eine Brille safi, eine Art seniler Blodheit 
auszustrahlen schien. 

Es ahnelte einem Schafsgesicht, und auch die Stimme hatte etwas 
Schafsmafiiges. Goldstein liefi seinen ublichen giftigen Angriff 
gegen die Lehren der Partei vom Stapel - einen so ubertriebenen 
und verdrehten Angriff, dafi ihn ein Kind hatte durchschauen 
konnen, und doch gerade hinreichend glaubhaft, um einen mit 
dem alarmierenden Gefuhl zu erfullen, dafi andere Menschen, 
die weniger vernunftig waren als man selbst, sich dadurch 
vielleicht verfuhren las sen konnten. 

Er schmahte den Grofien Bruder, klagte die Tyrannei der Partei 
an, forderte sofortigen Friedensschlufi mit Eurasien, trat fur 
Rede-, Presse-, Versammlungs- und Gedankenfreiheit ein, schrie 
hysterisch, die Revolution sei verraten worden - und alles das in 
einer ubersturzten, vielsilbigen Ansprache, die eine Art Parodie 
des ublichen Stils der Parteiredner war und sogar einige Worte 
des Neusprech enthielt: praktisch mehr Neusprech-Worte, als sie 
irgendein Parteimitglied normalerweise im wirklichen Leben 
angewendet hatte. 

Und die ganze Zeit marschierten, fur den Fall, dafi man noch im 
geringsten Zweifel sein konnte, was sich in Wahrheit hinter 
Goldsteins widerlicher Phrasendrescherei verbarg, hinter seinem 
Kopf auf dem Schirm des Televisors die gewaltigen Kolonnen der 



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eurasischen Armee vorbei. Es waren endlose Reihen brutal 
aussehender Manner mit ausdruckslosen Mongolengesichtern, 
die an die Oberflache des Sehschirms heranbrandeten und 
wieder zerflossen, um von anderen, genau gleichen, abgelost zu 
werden. Der sture rhythmische Marschtritt der Soldatenstiefel 
bildete die Gerauschkulisse, von der Goldsteins blokende Stimme 
sich abhob. 

Ehe die Hassovation dreifiig Sekunden gedauert hatte, brachen 
von den Lippen der Halfte der im Raum versammelten 
Menschen unbeherrschte Wutschreie. Das selbstzufriedene 
Schafsgesicht auf dem Sehschirm und die erschreckende Wucht 
der dahinter vorbeiziehenden eurasischen Armee waren einfach 
zuviel: aufierdem weckte der Anblick oder auch nur der Gedanke 
an Goldstein schon automatisch Abscheu und Zorn. 
Er war ein dauerhafteres Hassobjekt als Eurasien oder Ostasien, 
denn wenn Ozeanien mit einer dieser Machte im Krieg lag, so 
befand es sich gewohnlich mit der anderen im Friedenszustand. 
Das merkwurdige aber war, dafi Goldsteins Einflufi, wenn er 
auch von jedermann gehasst und verachtet wurde, wenn auch 
tagtaglich und tausendmal am Tag auf Rednertribunen, durch 
den Televisor, in Zeitungen, in Buchern seine Theorien 
verdammt, zerpfluckt, lacherlich gemacht, der Allgemeinheit als 
der jammervolle Unsinn, der sie waren, vor Augen gehalten 
wurde - dafi trotz alledem dieser Einflufi nie abzunehmen schien. 
Immer wieder warteten neue Opfer darauf, von ihm verfuhrt zu 
werden. Nie verging ein Tag, an dem nicht nach seinen 
Weisungen tatige Spione und Saboteure von der 
Gedankenpolizei entlarvt wurden. 

Er war der Befehlshaber einer grofien Schatten-Armee, eines 
Untergrund-Verschworernetzes, das sich den Sturz der 
Regierung zum Ziel setzte. Der Name der Organisation sei »Die 
Bruderschaft«, so hiefi es. Auch fliisterte man von einem 
schrecklichen Buch, einer Zusammenfassung aller Irrlehren, 
dessen Verfasser Goldstein war und das heimlich da und dort 
zirkulierte. Es war ein Buch ohne Titel. Die Leute sprachen 



18 



davon, wenn uberhaupt, einfach als von »dem Buch«. Aber man 
wufite von derlei Dingen nur durch vage Geruchte. Weder »Die 
Bruderschaft« noch »das Buch« wurden, wenn es sich vermeiden 
liefi, von einem gewohnlichen Parteimitglied erwahnt. 
In der zweiten Minute steigerte sich die Hassovation zur Raserei. 
Die Menschen sprangen von ihren Sitzen auf und briillten mit 
vollem Stimmaufwand, um die zum Wahnsinn treibende 
Blokstimme, die aus dem Televisor kam, zu ubertonen. Die kleine 
aschblonde Frau war im Gesicht rot angelaufen, und ihr Mund 
offnete und schlofi sich wie bei einem an Land geworfenen Fisch. 
Sogar O'Briens grofies Gesicht war gerotet. Er safi sehr gerade 
aufgerichtet auf seinem Stuhl, seine machtige Brust hob und 
senkte sich, als stemme er sich dem Anprall einer Woge 
entgegen. 

Das schwarzhaarige Madchen hinter Winston hatte angefangen 
»Schwein! Schwein! Schwein!« hinauszuschreien und ergriff 
plotzlich ein schweres Neusprechworterbuch und schleuderte es 
gegen den Bildschirm. Es traf Goldsteins Nase und prallte von 
ihm ab; die Stimme redete unerbittlich weiter. In einem lichten 
Augenblick ertappte sich Winston, wie er mit den anderen schrie 
und trampelte. Das Schreckliche an der Zwei-Minuten-Hass- 
Sendung war nicht, dafi man gezwungen wurde mitzumachen, 
sondern im Gegenteil, dafi es unmoglich war, sich ihrer Wirkung 
zu entziehen. Eine schreckliche Ekstase der Angst und der 
Rachsucht, das Verlangen zu toten, zu foltern, Gesichter mit 
einem Vorschlaghammer zu zertrummern, schien die ganze 
Versammlung wie ein elektrischer Strom zu durchfluten, so dafi 
man gegen seinen Willen in einen Grimassen schneidenden, 
schreienden Verruckten verwandelt wurde. 

Und doch war der Zorn, den man empfand, eine abstrakte, 
ziellose Regung, die wie der Schein einer Blendlaterne von einem 
Gegenstand auf den anderen gerichtet werden konnte. So war fur 
einen Augenblick der Hass Winstons durchaus nicht gegen 
Goldstein gerichtet, sondern im Gegenteil gegen den Grofien 
Bruder, gegen die Partei und die Gedankenpolizei. Und in 



19 



solchen Augenblicken schwoll sein Herz tiber fur den einsamen, 
verachteten Abtrtinnigen auf dem Sehschirm, diesen einzigen 
Verfechter von Wahrheit und Vernunft in einer Welt der Ltigen. 
Und doch ftihlte er sich im nachsten Augenblick wieder eins mit 
den ihn umgebenden Menschen, und alle Behauptungen tiber 
Goldstein schienen ihm wahr. In solchen Augenblicken 
verwandelte sich seine geheime Abneigung gegen den Grofien 
Bruder in Verehrung, und der Grofie Bruder schien dazustehen 
als ein unbesieglicher, furchtloser Beschtitzer, der sich wie ein 
Felsen gegen die anbrandenden asiatischen Horden stemmte, 
wahrend Goldstein ihm trotz seiner Vereinsamung, seiner 
Hilflosigkeit und der Zweifel, die sich allein schon an sein 
tatsachliches Vorhandensein kntipften, wie ein unheilvoller 
Betorer vorkam, der es lediglich durch die Macht seiner Stimme 
fertig brachte, die Fundamente der Zivilisation zu zerstoren. 
In manchen Augenblicken war es sogar moglich, seinen Hass 
durch einen Willensakt da oder dorthin zu lenken. So gelang es 
Winston plotzlich, durch eine heftige Anstrengung, ahnlich der, 
mit der man in einem Alptraum seinen Kopf vom Kissen losreifit, 
seinen Hass von dem Gesicht auf dem Sehschirm auf das hinter 
ihm sitzende dunkelhaarige Madchen zu tibertragen. Lebhafte, 
bertickende Vorstellungen huschten ihm durch den Sinn. Er 
wtirde sie mit einem Gummikntippel zu Tode prtigeln, sie nackt 
an einen Pfahl binden und sie mit Pfeilen durchlochern, gleich 
dem heiligen Sebastian. Er wtirde sie vergewaltigen und ihr im 
Augenblick der hochsten Lust die Kehle durchschneiden. 
Deutlicher als zuvor war er sich auch bewufit, warum er sie 
hasste. Er hasste sie, weil sie jung, htibsch und geschlechtslos 
war, weil er mit ihr ins Bett gehen wollte und daraus nie etwas 
werden wtirde, denn um ihre reizende, biegsame Taille, die einen 
zur Umarmung aufzufordern schien, wand sich nur die verhexte 
scharlachrote Scharpe, das aufreizende Symbol der Keuschheit. 
Die Hasswelle erreichte ihren Hohepunkt. Goldsteins Stimme 
war tatsachlich zu einem Bloken geworden, und einen 
Augenblick lang verwandelte sich sein Gesicht in das eines 



20 



Schafes. Dann blendete das Schafsgesicht in die Gestalt eines 
eurasischen Soldaten tiber, der riesig und furchtbar mit 
ratternder Maschinenpistole auf den Besucher zuzuschreiten und 
aus der Flache des Sehschirms herauszuspringen schien, so dafi 
manche der Zuschauer in der ersten Reihe auf ihren Sitzen 
zurtickprallten. Aber im gleichen Augenblick, wahrend jedem 
Munde ein tiefer Seufzer der Erleichterung entfuhr, zerschmolz 
die feindliche Gestalt in das Gesicht des Grofien Bruders mit 
seinen dunklen Haaren und seinem Schnurrbart, das Macht und 
geheimnisvolle Ruhe ausstrahlte und mit seiner riesigen Grofie 
fast den ganzen Sehschirm ausftillte. 

Niemand verstand, was der Grofie Bruder sagte. Es waren nur 
ein paar Worte der Ermutigung, Worte, wie sie im Kampflarm 
einer Schlacht ausgestofien werden, nicht im einzelnen 
unterscheidbar, die aber einfach dadurch, dafi sie ausgesprochen 
werden, die Zuversicht wiederherstellen. Dann zerrann das 
Gesicht des Grofien Bruders wieder, und statt seiner erschienen 
in klaren grofien Buchstaben die drei Parteiwahlsprtiche: 

KRIEG BEDEUTET FRIEDEN 
FREIHEIT 1ST SKLAVEREI 
UNWISSENHEIT 1ST STARKE 

Aber das Gesicht des Grofien Bruders schien sich noch einige 
Sekunden auf dem Sehschirm zu behaupten, so als sei der 
Eindruck, den es auf der Netzhaut aller Zuschauer 
hervorgebracht hatte, zu lebhaft, um sogleich zu verloschen. Die 
kleine Frau hatte sich tiber die Lehne des vor ihr stehenden 
Stuhles nach vorne geworfen. Mit einem bebenden Fltistern, das 
wie »Mein Retter!« klang, breitete sie die Arme dem Sehschirm 
entgegen. Dann barg sie ihr Gesicht in den Handen. 
Offensichtlich sprach sie ein Gebet. 

Jetzt stimmten alle Versammelten einen kraftvollen, langsamen 
und rhythmischen Sprechchor an: »G-B! G-B! G-B!« 



21 



Wieder und immer wieder, sehr langsam, mit einer langen Pause 
zwischen dem ersten G und dem zweiten B - in einem 
feierlichen, murmelnden, seltsam ungestum wirkenden Ton, so 
dafi man als Begleitung das Stampfen nackter Fufie und das 
dumpfe Drohnen von Tamtams zu horen glaubte. 
Vielleicht dreifiig Sekunden lang fuhren sie damit fort. Es war ein 
Refrain, den man oft in Augenblicken uberwaltigender Erregung 
horte. Zum Teil war es eine Art Hymne auf die Weisheit und 
Majestat des Grofien Bruders, mehr aber noch ein Akt der 
Selbsthypnose, ein absichtliches Ubertonen des Bewufitseins 
durch das Mittel rhythmischen Larms. Winston fuhlte eine Kalte 
in seinen Eingeweiden. Wahrend der Zwei-Minuten-Hass- 
Sendung konnte er nicht umhin, gleichfalls dem allgemeinen 
Delirium anheim zufallen, aber dieser unmenschliche Singsang 
»G-B! G-B!« erfullte ihn immer mit Abscheu. Naturlich stand er 
den ubrigen nicht nach; etwas anderes ware unmoglich gewesen. 
Seine Gefuhle zu verschleiern, sein Gesicht zu beherrschen, zu 
tun, was jeder tat, gebot schon der Instinkt. Aber es gab eine 
Zeitspanne von einigen Sekunden, in der ihn der Ausdruck 
seiner Augen in bedenklicher Weise hatte verraten konnen. Und 
genau in diesem Augenblick ereignete sich das Bedeutsame - 
wenn es sich wirklich ereignete. 

Er fing fliichtig O'Briens Blick auf. O'Brien war aufgestanden. Er 
hatte seine Brille abgenommen und war gerade im Begriff, sie 
wieder mit seiner charakteristischen Geste aufzusetzen. Aber 
dazwischen lag der Bruchteil einer Sekunde, wahrenddessen sich 
ihre Augen begegneten, und in diesem winzigen Zeitraum wufite 
Winston - ja, er wufite es!, dafi O'Brien das gleiche dachte wie er. 
Eine unmifiverstandliche Botschaft war zwischen ihnen 
ausgetauscht worden. Es war, als hatten ihre beiden Denkwelten 
sich aufgetan und als stromten durch ihre Augen die Gedanken 
von dem einen in den anderen tiber. 

»Ich halte es mit dir«, schien O'Brien zu ihm zu sagen. »Ich weifi 
genau, was in dir vorgeht. Ich kenne deine ganze Verachtung, 
deinen Hass, deinen Abscheu. Aber hab keine Angst, ich stehe 



22 



auf deiner Seite!« - Dann war der Blitz des Einverstandnisses 
erloschen, und O'Briens Gesicht war ebenso undurchdringlich 
wie das aller anderen. 

Das war alles gewesen, und er war schon nicht mehr sicher, ob es 
sich wirklich zugetragen hatte. Derartige Zwischenfalle hatten 
nie eine Fortsetzung. Sie hielten lediglich den Glauben - oder die 
Hoffnung - in ihm lebendig, dafi es aufier ihm noch andere 
Feinde der Partei gab. Vielleicht waren die Geruchte von grofien 
Untergrundverschworungen doch wahr - vielleicht existierte 
»Die Bruderschaft« wirklich! Trotz der endlosen Verhaftungen, 
Gestandnisse und Hinrichtungen konnte man nie sicher sein, dafi 
»Die Bruderschaft« nicht lediglich eine sagenhafte Erfindung 
war. 

An manchen Tagen glaubte er daran, an anderen nicht. Es gab 
keinen greifbaren Beweis, nur fliichtige Andeutungen, die alles 
oder nichts bedeuten konnten: Bruchstucke erlauschter 
Gesprache, verwischte Aufschriften an Abortwanden - oder 
einmal, wenn zwei Freunde sich trafen, eine kleine Bewegung der 
Hande, die einem Verstandigungszeichen ahnlich sah. Alles war 
nur eine Mutmafiung: sehr wahrscheinlich hatte er sich das alles 
nur eingebildet. Er war an seinen Arbeitsplatz zuruckgegangen, 
ohne O'Brien noch einmal anzusehen. Der Gedanke, ihre kurze 
Fuhlungnahme weiter zu verfolgen, war ihm kaum durch den 
Sinn gegangen. 

Es ware unvorstellbar gefahrlich gewesen, selbst wenn er gewufit 
hatte, wie er das machen sollte. Eine oder zwei Sekunden lang 
hatten sie einen zweideutigen Blick getauscht - und damit 
Schlufi. Aber sogar das war ein denkwurdiger Augenblick in der 
abgeschlossenen Einsamkeit, in der man zu leben gezwungen 
war. 

Winston rappelte sich hoch und setzte sich gerade. Er mufite 
rulpsen. Der Gin rumorte in seinem Magen. Sein Blick richtete 
sich wieder auf das Blatt. Er entdeckte, dafi er, wahrend er in 
hilflosem Grubeln dagesessen, gleichzeitig automatisch 
weitergeschrieben hatte. Und zwar war es nicht mehr die gleiche 



23 



verkrampfte Handschrift von vorhin. Seine Feder war 
beschwingt tiber das glatte Papier geglitten und hatte in grofier 
klarer Blockschrift hingemalt: 

NIEDER MIT DEM GROSSEN BRUDER! NIEDER MIT DEM 
GROSSEN BRUDER! NIEDER MIT DEM GROSSEN BRUDER! 

Immer wieder schrieb er es, fast tiber eine halbe Seite hinweg. 
Unwillktirlich durchzuckte ihn ein furchtbarer Schrecken. Das 
war im Grunde toricht, denn das 

Niederschreiben gerade dieser Worte war nicht gefahrlicher als 
der erste Schritt, ein Tagebuch anzulegen; und doch ftihlte er sich 
einen Augenblick lang versucht, die beschriebenen Seiten 
herauszureifien und die ganze Sache aufzugeben. 
Er tat es jedoch nicht, weil er wufite, dafi es zwecklos war. Ob er 
„nieder mit dem Grofien Bruder" hinschrieb oder nicht, machte 
keinen Unterschied. Ob er mit dem Tagebuch fortfuhr oder nicht, 
machte keinen Unterschied. Die Gedankenpolizei wurde ihn 
trotzdem erwischen. Er hatte - auch wenn er nie die Feder 
angesetzt hatte - das Kapitalverbrechen begangen, das alle 
anderen in sich einschlofi. Gedankenverbrechen nannten sie es. 
Gedankenverbrechen konnte man auf die Dauer nicht geheim 
halten. Man konnte vielleicht eine Weile, oder sogar Jahre lang, 
schlaue Winkelzuge machen, aber friiher oder spater kamen sie 
einem doch darauf. 

Immer war es nachts - die Verhaftungen fanden unabanderlich 
nachts statt. Das plotzliche Hochfahren aus dem Schlaf, die derbe 
Hand, die einen an der Schulter packte, die Lichter, die einem die 
Augen blendeten, der Kreis harter Gesichter um das Bett. In der 
uberragenden Mehrzahl der Falle fand keine 
Gerichtsverhandlung statt, kein Bericht meldete die Verhaftung. 
Die Menschen verschwanden einfach, immer mitten in der Nacht. 
Der Name wurde aus den Listen gestrichen, jede Aufzeichnung 
von allem, was einer je getan hatte, wurde vernichtet; dafi man 
jemals gelebt hatte, wurde erst geleugnet und dann vergessen. 



24 



Man war ausgeloscht, zu nichts geworden; man wurde 
„vaporisiert", wie das gebrauchliche Wort daftir lautete. 
Einen Augenblick tiberfiel ihn eine Art Nervenkrise. Er begann in 
fliegendem, krakeligem Gekritzel zu schreiben: 
»sie werden mich erschiefien wenn ich nicht aufpasse sie werden 
mich mit einem genickschufi erschiefien wenn ich nicht aufpasse 
nieder mit dem grofien bruder sie erschiefien einen immer mit 
genickschufi mir ist es egal nieder mit dem grofien bruder. . .« 

Er lehnte sich in seinen Stuhl zurtick, ein wenig beschamt tiber 
sich selbst, und legte den Federhalter hin. Im nachsten 
Augenblick fuhr er heftig zusammen. Es klopfte jemand an die 
Ttir. 

Schon! Er safi mucksmauschenstill da, in der vergeblichen 
Hoffnung, der Draufienstehende konnte nach einem einmaligen 
Versuch weggehen. Aber nein, das Klopfen wurde wiederholt. 
Das Schlimmste, was er tun konnte, war zu zogern. Sein Herz 
klopfte wie eine Pauke, aber sein Gesicht war, vermutlich aus 
langer Gewohnheit, ganz ausdruckslos. Er stand auf und ging 
schweren Schrittes zur Tur. 



Zweites Kapitel 



Wahrend er die Hand auf die Turklinke legte, sah Winston, dafi 
er das Tagebuch offen auf dem Tisch hatte liegen lassen. „Nieder 
mit dem Grofien Bruder!" stand da tiber die halbe Seite hinweg in 
Buchstaben, die beinahe grofi genug waren, um durch das ganze 
Zimmer leserlich zu sein. Es war eine unvorstellbare Dummheit. 
Aber er stellte fest, dafi er es sogar in seinem Schrecken nicht 
tiber sich gebracht hatte, das weifie Papier dadurch zu besudeln, 
dafi er das Buch zuklappte, solange die Tinte noch nafi war. 



25 



Er hielt den Atem an und offnete die Tur. Sofort durchflutete ihn 
eine warme Welle der Erleichterung. Draufien stand eine 
farblose, zerknittert aussehende Frau mit strahnigem Haar und 
tiefgefurchtem Gesicht. 

»Ach, Genosse«, begann sie mit leidender Jammerstimme, »mir 
war so, als ob ich Sie heimkommen horte. Konnten Sie wohl 
heruberkommen und sich eben mal unsern Ausguss in der Kuche 
ansehen? Er ist verstopft und. . .« 

Es war Frau Parsons, die Frau des Nachbarn auf dem gleichen 
Flur. (Die Geschlechtsbezeichnung »Frau« wurde von der Partei 
nicht gern gesehen - man erwartete, dafi man alle Leute mit 
»Genosse« oder »Genossin« anredete -, aber bei einigen Frauen 
gebrauchte man das Wort ganz unwillkurlich.) 
Sie war eine Frau von etwa dreifiig Jahren, sah aber viel alter aus. 
Man hatte den Eindruck, dafi sich in den Falten ihres Gesichts 
Staub angesetzt hatte. Winston folgte ihr durch den Gang. Solche 
eigenhandigen, unfachgemafien Reparaturarbeiten waren eine 
fast alltagliche Last. Der Victory-Block war ein alter, etwa um das 
Jahr 1930 gebauter Wohnungskomplex und ging langsam in die 
Bruche. Dauernd brockelte der Verputz von Decken und 
Wanden, die Leitungsrohre platzten bei jedem starken Frost, das 
Dach liefi Wasser durchsickern, sobald es schneite, die 
Zentralheizung war gewohnlich nur unter halbem Druck, wenn 
sie nicht aus Sparsamkeitsgrunden ganz abgestellt war. 
Reparaturen mufiten, wenn man sie nicht selbst machte, von 
abgelegenen Amtern genehmigt werden, die es fertig brachten, 
sogar das Wiedereinsetzen einer Fensterscheibe zwei Jahre 
hinauszuzogern. 

»Ich komme naturlich nur, weil Tom nicht zu Hause ist«, 
murmelte Frau Parsons unbestimmt vor sich hin. 
Die Wohnung der Parsons war grofier als die von Winston und 
auf eine andere Art schabig. Alles sah hier abgestofien und 
niedergetrampelt aus, so als seien die Raume eben von einem 
grofien wilden Tier heimgesucht worden. Sportgerate - 
Hockeyschlager, Boxhandschuhe, ein aus den Nahten geplatzter 



26 



Fufiball, eine verschwitzte, umgekrempelte Turnhose - lagen 
samtlich tiber den Fufiboden verstreut, und auf dem Tisch war 
ein Durcheinander von schmutzigem Geschirr und eselsohrigen 
Schulbuchern. An den Wanden hingen knallrote Wimpel der 
Jugendliga und der sogenannten „Spaher", nebst einem Plakat 
vom Grofien Bruder in Grofiformat. 

Auch hier schwebte der ubliche Kohlgeruch, der dem ganzen 
Haus anhaftete, in der Luft, aber er war von einem scharferen 
Schweifidunst geschwangert, nach dem Schweifi eines - wie man 
vom ersten Schnuppern an wufite, wenn man auch schwer den 
Grund dafur hatte sagen konnen - im Augenblick abwesenden 
Menschen. In einem andern Zimmer versuchte jemand im Takt 
der Militarmusik, die noch immer aus dem Televisor drohnte, auf 
einem Kamm mit daruber gespanntem Toilettenpapier zu blasen. 
»Es sind die Kinder«, sagte Frau Parsons mit einem halb 
furchtsamen Blick auf die Tur. »Sie sind heute nicht aus dem 
Haus gekommen. Und natiirlich . . . « 

Sie hatte eine Angewohnheit, ihre Satze mittendrin abzubrechen. 
Der Kuchenausguss war fast bis zum Rand voll mit schmutzig- 
grunlichem Wasser, das schlimmer als alles andere nach Kohl 
stank. Winston kniete nieder und untersuchte das gebogene 
Verbindungsstuck des Ableitungsrohres. Er verabscheute 
manuelle Arbeit sehr, und es war ihm schrecklich, sich bucken zu 
mussen, weil das fast immer einen Hustenanfall bei ihm ausloste. 
Frau Parsons machte ein hilfloses Gesicht. 

»Freilich, wenn Tom daheim ware, wurde er es im Nu in 
Ordnung bringen«, meinte sie. »Solche Sachen machen ihm Spafi. 
Er ist so geschickt mit seinen Handen, wirklich, er ist so 
geschickt, der Tom.« 

Parsons war Winstons Kollege im Wahrheitsministerium. Er war 
ein rundlicher, jedoch sehr beweglicher Mann von entwaffnender 
Dummheit, ein Klotz voll torichter Begeisterung - einer von 
diesen ergebenen Gimpeln, die niemals eine Frage stellen und 
von denen - mehr sogar noch als von der Gedankenpolizei - der 
Bestand der Partei abhing. Mit funfunddreifiig Jahren war er erst 



27 



kurzlich sehr ungern aus der Jugendliga ausgeschieden, und ehe 
er in die Jugendliga aufgeruckt war, hatte er es fertiggebracht, ein 
Jahr iiber das satzungsgemafi festgesetzte Alter hinaus bei den 
Spahern zu verbleiben. Im Ministerium wurde er auf einem 
untergeordneten Posten verwendet, fur den kein Verstand notig 
war, doch war er andererseits ein fuhrender Mann beim 
Sportausschufi und alien anderen Ausschussen, denen die 
Organisation von Gemeinschaftswanderungen, spontanen 
Demonstrationen, Sparwerbewochen und uberhaupt jede Art 
freiwilligen Einsatzes unterstand. Er erzahlte einem voll ruhigen 
Stolzes, wahrend er seiner Pfeife kleine Rauchwolkchen 
entlockte, dafi er in den letzten vier Jahren jeden Abend im 
Gemeinschaftshaus erschienen sei. 

Ein durchdringender Schweifigeruch folgte ihm wie ein 
unfreiwilliges Zeugnis fur die Angestrengtheit seines Lebens 
uberallhin und schwebte sogar nach seinem Weggehen noch im 
Zimmer. 

»Haben Sie einen Schraubenschlussel?« fragte Winston und 
machte sich mit der Schraubenmutter am Verbindungsstuck zu 
schaffen. 

»Einen Schraubenschlussel«, sagte Frau Parsons und wurde 
sofort unsicher. »Ich weifi nicht. Vielleicht, dafi die Kinder... « 
Man horte Schuhgetrampel und einen neuen Trompetenstofi auf 
dem Kamm, als die Kinder ins Wohnzimmer hereinsturmten. 
Frau Parsons brachte den Schraubenschlussel. Winston liefi das 
Wasser ablaufen und entfernte angeekelt den Pfropfen 
menschlicher Haare, der die Rohre verstopft hatte. Er reinigte 
seine Hande so gut er konnte in dem kalten Leitungswasser und 
ging in das andere Zimmer zuruck. 
»Hande hoch!« schrie eine wilde Stimme. 

Ein hubscher, robust aussehender Junge von neun Jahren war 
hinter dem Tisch hervorgesprungen und bedrohte ihn mit seiner 
automatischen Kinderpistole, wahrend seine um etwa zwei Jahre 
jungere Schwester mit einem Stuck Holz dieselbe Geste machte. 
Beide waren mit den kurzen blauen Hosen, den grauen Hemden 



28 



und dem roten Halstuch bekleidet, aus denen die Uniform der 

Spaher bestand. Winston hob seine Hande tiber den Kopf, aber 

mit einem unbehaglichen Gefuhl, denn der Junge gebardete sich 

so bosartig, als ob es wirklich mehr als ein Spiel war. 

»Sie sind ein Verrater!« schrie der Junge. »Sie sind ein 

Gedankenverbrecher! Sie sind ein eurasischer Spion! Ich 

erschiefie Sie, ich werde Sie vaporisieren, ich werde Sie in die 

Salzbergwerke verbannen!« 

Plotzlich sprangen beide um ihn herum und schrien »Verrater!« 

und »Gedankenverbrecher!«, wobei das kleine Madchen ihrem 

Bruder jede Bewegung nachmachte. 

Es war irgendwie erschreckend, gleich den Freudensprungen von 

Tigerjungen, die bald zu Menschenfressern herangewachsen sein 

werden. Es war etwas von berechnender Wildheit im Auge des 

Jungen, ein ganz offensichtliches Verlangen, Winston zu schlagen 

oder zu treten, und das Bewufitsein, schon beinahe grofi genug 

dazu zu sein. Ein Gliick, dafi er keine richtige Pistole in Handen 

hielt, dachte Winston. 

Frau Parsons' Blicke huschten nervos von Winston zu den 

Kindern und wieder zuruck. In dem besseren Licht des 

Wohnzimmers bemerkte er voller Mitleid, dafi es tatsachlich 

Staub war, was sich in ihren Runzeln eingenistet hatte. 

»Sie sind so laut«, sagte sie. »Sie sind enttauscht, weil sie nicht 

ausgehen und sich das Hangen ansehen konnen, daher kommt es 

wohl. Ich bin zu beschaftigt, um mit ihnen hinauszugehen, und 

Tom kommt nicht rechtzeitig von der Arbeit heim.« 

»Warum konnen wir nicht gehen und das Hangen sehen?« 

briillte der Junge mit seiner kraftigen Stimme. 

»Hangen sehen! Hangen sehen!« leierte das Madchen, das noch 

immer herumsprang. 

Einige eurasische Gefangene, denen Kriegsverbrechen zur Last 

gelegt wurden, sollten an diesem Abend im Park gehangt 

werden, fiel Winston ein. Dergleichen fand etwa einmal im 

Monat statt und war ein beliebtes Schauspiel. Kinder verlangten 

immer, dazu mitgenommen zu werden. Er verabschiedete sich 



29 



von Frau Parsons und ging zur Tur. Er war aber noch keine sechs 
Stufen die Treppe hinuntergestiegen, als ihn etwas mit 
furchtbarer Wucht hochst schmerzhaft in den Nacken traf. Es 
war, als sei ihm ein rotgluhender Draht ins Fleisch gestofien 
worden. Er fuhr gerade noch rechtzeitig herum, um zu sehen, 
wie Frau Parsons ihren Sohn durch die Wohnungstur 
hineinzerrte, wahrend der Junge eine Schleuder einsteckte. 
»Goldstein!« schrie ihm der Junge nach, wahrend sich die Tur 
hinter ihm schloss. Was Winston am betroffensten machte, war 
der Ausdruck hilfloser Angst im Antlitz der Frau. 
Als er in seine Wohnung zuruckgekehrt war, ging er rasch hinter 
den Televisor und setzte sich wieder an den Tisch. Er rieb seinen 
immer noch schmerzenden Nacken. Die Musik aus dem Televisor 
war verstummt. Stattdessen verlas eine forsche militarische 
Stimme mit einer Art brutalen Behagens eine Beschreibung von 
der Bewaffnung der neuen Schwimmenden Festung, die soeben 
zwischen Island und den Faroer-Inseln vor Anker gegangen war. 
Mit die sen Kindern, dachte Winston, mufite die arme Frau ein 
Hollenleben haben. Noch ein, zwei Jahre, und sie wurden sie Tag 
und Nacht nach Anzeichen nachlassender Parteitreue bespitzeln. 
Fast alle Kinder waren heutzutage schrecklich. Am schlimmsten 
von allem war jedoch, dafi sie mit Hilfe von solchen 
Organisationen wie den Spahern systematisch zu 
unbezahmbaren kleinen Wilden erzogen wurden. Und doch 
weckte das in ihnen keineswegs die Neigung, sich gegen die 
Parteidisziplin aufzulehnen. 

Die Umzuge, die Fahnen, die Wanderungen, das Exerzieren mit 
Holzgewehren, das Brullen von Schlagworten, die Verehrung des 
Grofien Bruders - alles das war fur sie ein herrliches Spiel. Ihre 
ganze Wildheit wurde nach aufien gelenkt, gegen die 
Systemfeinde, gegen Abweichler, Verrater, Saboteure, 
Gedankenverbrecher. Es war fur Leute uber dreifiig nahezu 
normal, vor ihren eigenen Kindern Angst zu haben. Und das mit 
gutem Grund, denn es verging kaum eine Woche, in der nicht in 
der Times ein Bericht stand, wie ein lauschender kleiner Angeber 



30 



- »Kinderheld« lautete die gewohnlich gebrauchte Bezeichnung - 

eine kompromittierende Bemerkung mit angehort und seine 

Eltern bei der Gedankenpolizei angezeigt hatte. 

Der durch das Geschofi der Schleuder verursachte Schmerz war 

vergangen. Winston griff unentschlossen zum Federhalter und 

fragte sich, ob ihm wohl noch etwas fur sein Tagebuch einfallen 

wurde. Plotzlich dachte er von neuem an O'Brien. 

Vor Jahren - wie lange war es her? Es mufite vor sieben Jahren 

gewesen sein - hatte er getraumt, er gehe durch ein stockdunkles 

Zimmer. Und jemand, der seitlich von ihm safi, hatte, als er 

voruberkam, gesagt: »Wir wollen uns wiedersehen, wo keine 

Dunkelheit herrscht.« 

Er sagte das ganz ruhig, fast nebenbei - als eine Feststellung, kein 

Befehl. Er war weitergegangen, ohne stehen zubleiben. Das 

selfsame war, dafi damals, im Traum, die Worte keinen grofien 

Eindruck auf ihn gemacht hatten. Erst spater und allmahlich 

hatten sie anscheinend eine Bedeutung angenommen. Er konnte 

sich jetzt nicht mehr erinnern, ob es vor oder nach dem Traum 

war, dafi er O'Brien zum erstenmal gesehen hatte; so wenig wie 

er sich entsann, wann er zum erstenmal jene Stimme als die 

O'Briens identifiziert hatte. Jedenfalls war es fur ihn jetzt die 

Stimme O'Briens. O'Brien hatte aus der Dunkelheit zu ihm 

gesprochen. 

Winston hatte nie genau herausfinden konnen - auch nach dem 

fluchtigen zweideutigen Blick von heute morgen konnte er 

dessen nicht sicher sein -, ob O'Brien ein Freund oder ein Feind 

war. Aber das schien nicht einmal viel auszumachen. Zwischen 

ihnen herrschte ein Einverstandnis, das wichtiger war als 

Zuneigung oder Parteizugehorigkeit. 

»Wir wollen uns wiedersehen, wo keine Dunkelheit herrscht«, 

hatte er gesagt. Winston wufite nicht, was das zu bedeuten hatte, 

sondern nur, dafi es sich auf irgendeine Weise bewahrheiten 

wiirde. 

Die Stimme aus dem Televisor brach ab. Ein Fanfarenstofi 

schmetterte klar und schon durch die stille Luft. Die Stimme fuhr 



31 



rasch und krachzend fort: »Achtung! Achtung! Soeben ist eine 
Sondermeldung von der Malabar-Front eingetroffen. Unsere 
Streitkrafte in Sud-Indien haben einen glanzenden Sieg erfochten. 
Ich bin zu der Durchsage ermachtigt, dafi die kriegerische 
Operation, von der wir gleich berichten werden, das Kriegsende 
in errechenbare Nahe rucken durfte. Es folgt jetzt die 
Sondermeldung. . . " 

Das bedeutet nichts Gutes, dachte Winston. Und tatsachlich, nach 
einer blutrunstigen Schilderung der vollstandigen Vernichtung 
einer eurasischen Armee, bei der riesige Zahlen von Toten und 
Gefangenen genannt wurden, kam die Ankundigung, dafi ab 
nachster Woche die Schokoladeration von dreifiig auf zwanzig 
Gramm herabgesetzt werden sollte. 

Winston mufite noch einmal aufstofien. Die Wirkung des Gins 
verfluchtigte sich und liefi ein Gefuhl der Erschlaffung zuruck. 
Der Televisor stimmte - vielleicht um den Sieg zu feiern, oder 
aber um die Erinnerung an die Schokoladenkurzung zu 
ubertonen - die schmetternden Klange von »Ozeanien, mein 
Land, fur Dich mit Herz und Hand« an. Vom Zuhorer wurde 
erwartet, dafi er dabei stramme Haltung annahm. Aber an seinem 
derzeitigen Platz war Winston nicht sichtbar. 
Die Hymne wurde von leichterer Musik abgelost. Winston trat 
ans Fenster, mit dem Rucken zum Televisor. Der Tag war noch 
immer kalt und klar. Irgendwo in der Feme explodierte eine 
Raketenbombe mit dumpfem, widerhallendem Drohnen. Zurzeit 
fielen wochentlich etwa zwanzig bis dreifiig Stuck auf London. 
Drunten auf der Strafie klappte der Wind das zerrissene Plakat 
hin und her, und das Wort Engsoz war abwechselnd sichtbar und 
unsichtbar. Die heiligen politischen Grundsatze von Engsoz: 
Neusprech, Doppeldenk, die Verwandlung der Vergangenheit. 
Ihm war, als wandle er durch Walder auf dem Meeresgrund, in 
eine ungeheuerliche Welt verirrt, in der er selbst das Ungeheuer 
war. Er war allein. Die Vergangenheit war tot, die Zukunft 
unvorstellbar. Welche Gewifiheit hatte er, dafi auch nur ein 
einziger lebender Mensch auf seiner Seite stand? Und warum 



32 



sollte die Herrschaft der Partei nicht ewig dauern? Wie eine Art 
Antwort fielen ihm die drei Wahlspruche auf der weifien Front 
des Wahrheits-Ministeriums ein: 

KRIEG BEDEUTET FRIEDEN 
FREIHEIT 1ST SKLAVEREI 
UNWISSENHEIT 1ST STARKE 

Er zog ein Funfundzwanzig-Cent-Stuck aus der Tasche. Auch 
hier waren in winziger, klarer Schrift die gleichen Devisen 
eingestanzt, wahrend die Kehrseite der Miinze den Kopf des 
Grofien Bruders zeigte. Sogar auf der Miinze verfolgten einen die 
Augen. Von Geldmunzen, Briefmarken, Bucheinbanden, Fahnen, 
Plakaten, Zigarettenschachteln - von uberall verfolgten sie einen. 
Immer wurde man von den Augen beobachtet, von der Stimme 
eingehullt. Im Wachen und im Schlafen, bei der Arbeit oder beim 
Essen, im Haus oder aufier Haus, im Bad oder im Bett - es gab 
kein Entrinnen. Nichts gehorte einem aufier den paar 
Kubikzentimetern im eigenen Schadel. 

Die Sonne war weitergeruckt, und die unzahligen Fenster des 
Wahrheits-Ministeriums, auf die ihre Strahlen nicht mehr fielen, 
sahen grimmig wie die Schiefischarten einer Festung aus. 
Winstons Herz verzagte angesichts dieser riesig sich 
hochturmenden Pyramide. Die Pyramide - dieses Symbol wurde 
von den Herren Ozeaniens haufig verwendet, wie es Winston 
kurz in den Sinn kam. 

Dieser Betonmoloch war zu unerschutterlich, um ersturmt zu 
werden, tausend Raketenbomben vermochten ihn nicht zu 
zertrummern. Wieder fragte er sich, fur wen er sein Tagebuch 
schrieb. 

Fur die Zukunft, fur die Vergangenheit - fur ein Zeitalter, das 
vielleicht nur ein Traum war. Ihn erwartete nicht allein der Tod, 
sondern vollstandige Austilgung. Das Tagebuch wurde zu Asche, 
er selbst zu blofiem Rauch verbrannt werden. Nur die 
Gedankenpolizei wurde das von ihm Geschriebene lesen, ehe sie 



33 



es aus der Welt und aus der Erinnerung tilgte. Wie konnte man 
an die Zukunft appellieren, wenn keine Spur von einem, nicht 
einmal ein Stuckchen Papier mit ein paar darauf gekritzelten 
anonymen Worten hinubergerettet werden konnte? 
Im Televisor schlug es vierzehn Uhr. In zehn Minuten mufite er 
aufbrechen. Urn vierzehn Uhr dreifiig mufite er zuruck an der 
Arbeit sein. 

Merkwurdigerweise schien ihn das Schlagen der vollen Stunde 
mit neuem Mut erfullt zu haben. Er war ein einsamer Gast auf 
dieser Erde, der eine Wahrheit verkundete, die niemand jemals 
horen wurde. Aber solange er sie verkundete, war auf eine 
geheimnisvolle Weise der rote Faden nicht abgerissen. Nicht 
indem man sich Gehor verschaffte, sondern indem man sich 
unversehrt bewahrte, gab man das Erbe der Menschheit weiter. 
Er kehrte an den Tisch zuruck, tauchte seine Feder ein und 
schrieb: 

»Einer Zukunft oder einer Vergangenheit, in der 
Gedankenfreiheit herrscht, in der die Menschen voneinander 
verschieden sind und nicht jeder fur sich lebt - einer Zeit, in der 
es Wahrheit gibt und das Geschehene nicht ungeschehen 
gemacht werden kann, schicke ich diesen Grufi aus einem 
Zeitalter der Gleichmachung und der Vereinsamung, dem 
Zeitalter des Grofien Bruders, dem Zeitalter des 
Zwiegedankens.« 

Er war bereits tot, uberlegte er. Es schien ihm, als habe er erst 
jetzt, seit er angefangen hatte, seine Gedanken formulieren zu 
konnen, den entscheidenden Schritt getan. Die Folgen jeder 
Handlung sind schon in der Handlung selbst beschlossen. Er 
schrieb: »Das Gedankenverbrechen zieht nicht den Tod nach sich: 
das Gedankenverbrechen ist der Tod!« 

Jetzt aber, seit er sich als einen toten Mann betrachtete, wurde es 
wichtig, so lange wie moglich am Leben zu bleiben. Zwei Finger 
seiner rechten Hand waren mit Tinte bekleckst. Gerade durch 
eine solche Kleinigkeit konnte man sich verraten. Ein 
schnuffelnder fanatischer Eiferer im Ministerium (vermutlich 



34 



eine Frau: so jemand wie die kleine Aschblonde oder das 
schwarzhaarige Madchen aus der Literatur-Abteilung) konnte 
sich zu wundern anfangen, warum er wahrend der Mittagspause 
geschrieben, warum er eine altmodische Stahlfeder benutzt und 
was er geschrieben hatte - um dann an zustandiger Stelle einen 
Wink zu geben. Er ging ins Badezimmer und schrubbte die 
Tintenflecke sorgfaltig mit der sandigen dunkelbraunen Seife, die 
einem die Hand wie Schmirgelpapier aufscheuerte und deshalb 
fur seinen Zweck geeignet war. 

Er legte sein Tagebuch in die Schublade. Der Gedanke, es zu 
verstecken, war vollig sinnlos, aber er konnte wenigstens 
Vorkehrungen treffen, um sich zu vergewissern, ob es entdeckt 
worden war. Ein zwischen die Seiten gelegtes Haar war zu 
augenfallig. Mit der Fingerspitze pickte er ein gerade noch 
erkennbares weifiliches Staubkornchen auf und legte es auf die 
Ecke des Einbands, wo es herunterfallen mufite, wenn jemand 
das Buch beruhrte. 



Drittes Kapitel 



Winston traumte von seiner Mutter. Er mufite, so uberlegte er, 
zehn oder elf Jahre alt gewesen sein, als seine Mutter 
verschwunden war. Sie war eine grofie, wurdevolle, ziemlich 
stille Frau mit gemessenen Bewegungen und wundervollen 
blonden Haaren gewesen. 

Seinen Vater hatte er undeutlicher in Erinnerung: dunkelhaarig 
und hager, immer in eleganten dunklen Anzugen (Winston 
entsann sich insbesondere seiner sehr dunnen Schuhsohlen) und 
mit einer Brille. Die beiden mufiten offenbar bei einer der ersten 
grofien Sauberungsaktionen urns Leben gekommen sein. Im 
Traum safi seine Mutter an einem Platz tief unter ihm, seine 



35 



kleine Schwester in den Armen. Er erinnerte sich an seine 
Schwester nur noch als an ein winziges, schwachliches, immer 
lautloses Kind mit grofien, aufmerksamen Augen. Beide blickten 
zu ihm empor. Sie befanden sich an einer Stelle unter der Erde - 
etwa auf dem Grunde eines Ziehbrunnens oder in einem sehr 
tiefen Grab -, aber der Fleck, auf dem sie safien, sank, obwohl 
bereits tief unter ihm gelegen, selbst noch immer tiefer nach 
unten ab. Sie waren in der Kajute eines sinkenden Schiffes und 
blickten durch das immer dunkler werdende Wasser zu ihm 
empor. 

Noch war Luft in der Kajute, noch konnten sie einander sehen, 
aber die ganze Zeit sanken sie tiefer, immer tiefer hinunter in die 
grunen Wasser, die sie im nachsten Augenblick fur immer dem 
Blick entziehen mufiten. Er weilte in Licht und Luft, wahrend sie 
in den Tod hinuntergezogen wurden, und sie waren dort 
drunten, weil er hier oben war. Er wufite es, und auch sie wufiten 
es, und er konnte dieses Wissen in ihren Gesichtern lesen. Es war 
kein Vorwurf, weder in ihren Gesichtern noch in ihren Herzen, 
nur das Bewufitsein, dafi sie sterben mufiten, damit er am Leben 
blieb, und dafi dies zur unausweichlichen Ordnung der Dinge 
gehorte. 

Er konnte sich nicht erinnern, was eigentlich geschehen war, aber 
er wufite in seinem Traum, dafi das Leben seiner Mutter und 
seiner Schwester irgendwie fur das seine geopfert worden war. 
Es war einer jener Traume, die in der charakteristischen 
Verkleidung des Traumes doch eine Fortsetzung des seelischen 
Erlebens sind und in denen einem Tatsachen und Gedanken zum 
Bewufitsein kommen, die auch nach dem Erwachen neu und 
wertvoll erscheinen. Die Erkenntnis, die Winston jetzt plotzlich 
dammerte, war, dafi der Tod seiner Mutter vor dreifiig Jahren auf 
eine Weise traurig und tragisch gewesen war, die es heutzutage 
nicht mehr gab. 

Tragik, erkannte er, gehorte einer vergangenen Zeit an, als es 
noch ein Eigenleben, Liebe und Freundschaft gab und die 
Mitglieder einer Familie, ohne nach dem Grund zu fragen, 



36 



fureinander eintraten. Die Erinnerung an seine Mutter nagte an 
seinem Herzen, denn sie war aus Liebe zu ihm gestorben, als er 
selbst noch zu Jung und eigensuchtig war, um ihre Liebe zu 
erwidern, und weil sie sich irgendwie - auf welche Weise, 
erinnerte er sich nicht mehr - einem Treuegedanken geopfert 
hatte, an den sie personlich und unerschutterlich geglaubt hatte. 
Derlei konnte heutzutage nicht mehr vorkommen, das begriff er. 
Heutzutage gab es Angst, Hass und Leid, aber keine starken und 
wertvollen Gefuhle, keine tiefen und echten Schmerzen mehr. All 
das schien er in den grofien Augen seiner Mutter und seiner 
Schwester zu lesen, mit denen sie ihn durch das grime Wasser 
aus einer Tiefe von vielen hundert Klafter ansahen, dabei immer 
tiefer versinkend. 

Plotzlich stand er auf einer abgemahten Wiese, auf der federnden 
Grasnarbe; es war ein Sommerabend, und die Strahlen der 
untergehenden Sonne vergoldeten die Erde. Die Landschaft, die 
er sah, kehrte so oft in seinen Traumen wieder, dafi er nie ganz 
sicher war, ob er sie nicht in Wirklichkeit gesehen hatte. In seiner 
wachen Vorstellung nannte er sie das „Goldene Land". 
Es war eine alte, von Kaninchen bevolkerte Weide, durch die ein 
Fufipfad lief, mit da und dort einem Maulwurfshugel. In der 
unregelmafiigen Baumreihe jenseits der Wiese wiegten sich die 
Zweige der Ulmen leise in der sanften Brise, und ihre Blatter 
wogten in dichten Buscheln wie Frauenhaar. In der Nahe war, 
wenn auch aufier Sicht, ein klarer, trage dahinfliefiender Flufi, in 
dessen seichten Buchten unter den Weidenbaumen sich 
Weififische tummelten. 

Das Madchen mit dem dunklen Haar kam tiber die Wiese auf ihn 
zu. Mit einer einzigen Bewegung riss sie sich das Kleid herunter 
und warf es verachtlich beiseite. Ihr Leib war weifi und weich, 
aber er weckte kein Verlangen in ihm, ja er sah ihn kaum an. Was 
ihn in diesem Augenblick ganz erfullte, war die Bewunderung 
fur die Gebarde, mit der sie ihre Kleider weggeschleudert hatte. 
Mit ihrer Grazie und Unbekummertheit schien sie eine ganze 
Kultur abzutun, eine ganze Denkordnung, so, als konnten der 



37 



Grofie Bruder, die Partei und die Gedankenpolizei mit einer 

einzigen herrlichen Armbewegung weggewischt werden. Auch 

das war eine der alten Zeit angehorende Geste. Winston wachte 

mit dem Wort »Shakespeare« auf den Lippen auf . 

Der Televisor liefi einen ohrenbetaubenden Pfeifton horen, der in 

gleicher Hohe dreifiig Sekunden lang anhielt. Es war Punkt 

sieben Uhr funfzehn, Zeit zum Aufstehen fur alle 

Behordenangestellten. Winston walzte seinen Korper aus dem 

Bett - er schlief nackt, denn ein Mitglied der Aufieren Partei 

erhielt nur dreitausend Kleiderpunkte im Jahr - und ergriff ein 

tiber dem Stuhl liegendes graufarbenes Unterhemd und eine 

kurze Sporthose. In drei Minuten begann die Morgengymnastik. 

Doch im nachsten Augenblick krummte er sich unter einem 

heftigen Hustenanfall, der ihn fast immer kurz nach dem 

Erwachen uberfiel. 

Seine Lungen wurden dadurch so vollstandig leergepumpt, dafi 

er erst wieder Atem schopfen konnte, indem er sich der Lange 

nach auf den Rucken streckte und ein paar tiefe Atemzuge 

machte. Seine Adern waren unter der Anstrengung des Hustens 

geschwollen, und die Krampfaderknoten hatten angefangen zu 

schmerzen. 

»Gruppe der Dreifiig- bis Vierzigjahrigen!« klaffte eine schrille 

Frauenstimme. »Gruppe der Dreifiig- bis Vierzigjahrigen. Bitte, 

auf die Platze! Dreifiig- bis Vierzigjahrige.« 

Winston nahm stramme Haltung vor dem Televisor an, auf 

dessen Schirm bereits das Bild einer ziemlich jungen, mageren, 

aber muskulosen Frau in einem Kittel und Turnschuhen 

erschienen war. 

»Arme beugt und streckt!« legte sie los. »Im Takt, bitte! Eins, 

zwei, drei, vier! Eins, zwei, drei, vier! Los, Genossen, ein bisschen 

lebhafter! Eins, zwei, drei, vier! Eins, zwei, drei, vier! . . .« 

Der von dem Hustenanfall verursachte Schmerz hatte in 

Winstons Gehirn noch nicht ganz den Eindruck verwischt, den 

sein Traum auf ihn gemacht hatte, und unter den rhythmischen 

Bewegungen der Gymnastik wurde dieser wieder lebhafter. 



38 



Wahrend er mechanisch seine Arme beugte und streckte, wobei 
sein Gesicht den beflissen begeisterten Ausdruck zur Schau trug, 
der fur die Morgengymnastik Vorschrift war, versuchte er sich in 
Gedanken zuruck in die unklare Zeit seiner fruhen Kindheit zu 
versetzen. Das war aufierst schwierig. Schon bei den funfziger 
Jahren trubte sich jede Erinnerung. Wenn es keine aufierlichen 
Anhaltspunkte gab, an die man sich halten konnte, verlor sogar 
der Verlauf des eigenen Lebens seine deutlich umreifibare 
Kontur. 

Man entsann sich grofier Geschehnisse, die sehr wahrscheinlich 
gar nicht stattgefunden hatten, erinnerte sich an Einzelheiten von 
Vorfallen, ohne ihre Atmosphare wiederherstellen zu konnen, 
und es gab lange leere Zeitabschnitte, mit denen man uberhaupt 
nichts anzufangen wufite. Damals war alles anders gewesen. 
Sogar die Namen der Lander und ihre Gestalt auf der Landkarte 
waren anders gewesen. Luftflottenstutzpunkt Nr. 1 zum Beispiel 
hatte zu der Zeit als es noch Nationen gab eine andere 
Bezeichnung gehabt: er hatte England oder Grofibritannien 
geheifien, wenn auch London, wie er ziemlich sicher zu sein 
glaubte, immer London genannt worden war. 
Winston konnte sich nicht genau an einen Zeitpunkt erinnern, in 
dem seine Heimat nicht in einen Krieg verwickelt gewesen ware, 
aber offenbar hatte es doch zwischendurch, wahrend seiner 
Kindheit, eine ziemlich lange Friedensperiode gegeben; denn 
eine seiner fruhesten Erinnerungen betraf einen Luftangriff, der 
fur jedermann vollkommen uberraschend gekommen zu sein 
schien. 

Vielleicht handelte es sich um die Zeit, als die Atombombe auf 
Colchester gefallen war. Er erinnerte sich nicht an den Luftangriff 
selbst, entsann sich aber, wie die Hand seines Vaters die seinige 
umklammert hielt, als sie hinunter, immer tiefer und tiefer 
hinunter an einen Ort tief unter der Erde geeilt waren, immer im 
Kreis auf einer spiralformigen Treppe, die unter seinen Sohlen 
leise geklirrt und schliefilich seine Beine so ermudet hatte, dafi er 
zu jammern begann und sie stehen bleiben und ausruhen 



39 



mufiten. Die Mutter, in ihrer langsamen, vertraumten Art, kam 
ein gutes Stuck hinter ihnen drein. Sie trug sein Schwesterchen - 
oder vielleicht auch nur ein Bundel Decken: er war nicht sicher, 
ob seine Schwester damals schon geboren war. Endlich waren sie 
an einen uberfullten Ort gekommen, den er als einen 
Untergrundbahnhof erkannt hatte. 

Menschen kauerten uberall auf dem steingepflasterten Fufiboden, 
und andere safien, dicht zusammengedrangt, ubereinander auf 
den Eisentragern. Winston, sein Vater und seine Mutter fanden 
einen Platz auf dem Boden, und dicht neben ihnen safien Seite an 
Seite ein alter Mann und eine alte Frau auf einem Eisentrager. 
Der alte Mann hatte einen guten schwarzen Anzug an, eine 
schwarze Reisemutze war tiber seinem sehr weifien Haar aus der 
Stirn geruckt; sein Gesicht war blaurot, und seine blauen Augen 
standen voller Tranen. Er roch heftig nach Gin, den seine Haut an 
Stelle von Schweifi auszudunsten schien, und man hatte glauben 
konnen, auch die Tranen, die aus seinen Augen rollten, seien 
purer Gin. 

Aber abgesehen von seiner leichten Betrunkenheit, litt er auch 
unter einem echten und unertraglichen Kummer. In seinem 
kindlichen Verstand begriff Winston, dafi soeben etwas 
Schreckliches, etwas Unverzeihliches und nie wieder 
Gutzumachendes geschehen war. Es schien ihm auch, als wisse 
er, was es war. Jemand, den der alte Mann lieb hatte, vielleicht 
eine kleine Enkelin, war getotet worden. 

Alle paar Augenblicke rief der alte Mann von neuem aus: »Wir 
hatten ihnen nicht trauen durfen. Hab' ich's nicht immer gesagt, 
Muttchen? Das hat man davon, dafi man ihnen vertraut hat. Ich 
hab' es immer gesagt. Wir hatten diesen Lumpen nicht trauen 
sollen.« 

Aber welchen Lumpen man nicht hatte trauen sollen, daran 
konnte sich Winston jetzt nicht mehr erinnern. 
Seit dieser Zeit namlich war der Krieg buchstablich ein 
Dauerzustand geworden, wenn es sich auch genaugenommen 
nicht immer um den gleichen Krieg handelte. Mehrere Monate 



40 



wahrend seiner Kindheit hatten in London selbst wirre 
Strafienkampfe getobt, an einige davon erinnerte er sich noch 
lebhaft. Aber die geschichtliche Entwicklung genau zu verfolgen 
und zu sagen, wer jemals wen bekampfte, ware vollstandig 
unmoglich gewesen, denn keine schriftliche Aufzeichnung oder 
mundliche Uberlieferung erwahnte je eine andere Konstellation 
als die gegenwartig gultige. 

So war zum Beispiel in diesem Augenblick, um das Jahr 1984 
(man schrieb tatsachlich das Jahr 1984), Ozeanien mit Eurasien im 
Kriegszustand und mit Ostasien verbundet. In keiner offentlichen 
oder privaten Verlautbarung wurde je zugegeben, dafi die drei 
Machte jemals anders gruppiert gewesen seien. In Wirklichkeit 
war es, wie Winston sehr wohl wufite, erst vier Jahre her, dafi 
Ozeanien Ostasien bekriegt und mit Eurasien ein Bundnis gehabt 
hatte. Aber das war nur ein kleiner Schimmer historischen 
Wissens, den er auch nur besafi, weil seine Erinnerung noch nicht 
hinreichend kontrollierbar war. Offiziell hatte nie eine 
Veranderung in der Kombination der Partner stattgefunden. 
Ozeanien fuhrte mit Eurasien Krieg: also hatte Ozeanien immer 
mit Eurasien Krieg gefuhrt. Der augenblickliche Feind stellte 
immer das Bose an sich dar, und daraus folgte, dafi jede 
vergangene oder zukunftige Verbindung mit ihm undenkbar 
war. 

Das Schrecklichste, uberlegte er zum zehntausendstenmal, 
wahrend er seine Schultern mit schmerzender Anstrengung 
zuruckrifi (sie machten jetzt, die Hande auf den Huften, einige 
Rumpfbeugen, eine Ubung, welche die Ruckenmuskeln starken 
sollte) - das Schrecklichste war, dafi einfach alles wahr oder 
falsch sein konnte. Wenn die Partei sich so in die Vergangenheit 
einmischen und von diesem oder jenem Ereignis behaupten 
konnte, „es habe nie stattgefunden" - war das nicht wirklich 
furchtbarer als Folter und Tod? 

Die Partei sagte, Ozeanien sei nie mit Eurasien verbundet 
gewesen. Er, Winston Smith, wufite seinerseits, dafi Ozeanien 
noch vor nicht langer als vier Jahren mit Eurasien verbundet 



41 



gewesen war. Aber wo war dieses Wissen verankert? Nur in 
seinem eigenen Bewufitsein, das unausweichlich bald in Staub 
zerfallen mufite. Und wenn alle anderen die von der Partei 
verbreitete Luge glaubten - wenn alle Aufzeichnungen gleich 
lauteten -, dann ging die Luge in die Geschichte ein und wurde 
Wahrheit. Denn die Machtigen kontrollierten die Medien und 
damit auch das Bewusstsein der Massen. Sie schrieben 
Geschichte und hatten allein die Mittel dazu. 
»Wer die Vergangenheit beherrscht«, lautete die Parteiparole, 
»beherrscht die Zukunft! Wer die Gegenwart beherrscht, 
beherrscht die Vergangenheit !« 

Und doch hatte sich die Vergangenheit, so wandelbar sie von 
Natur aus sein mochte, nie gewandelt. Das gegenwartig Wahre 
blieb wahr bis in alle Ewigkeit. Es war ganz einfach. Es war 
nichts weiter notig als eine nicht abreifiende Kette von Siegen 
tiber das eigene Gedachtnis. „Wirklichkeitskontrolle" nannten sie 
es; im Neusprech hiefi es „Doppeldenk". 

»Ruhrt euch!« klaffte die Vorturnerin, ein wenig freundlicher. 
Winston liefi die Arme sinken und fiillte seine Lungen langsam 
mit Luft. Seine Gedanken schweiften in die labyrinthische Welt 
des Doppeldenk ab. 

Zu wissen und nicht zu wissen, sich des vollstandigen 
Vertrauens seiner Horer bewufit zu sein, wahrend man sorgfaltig 
konstruierte Lugen erzahlte, gleichzeitig zwei einander 
ausschliefiende Meinungen aufrechtzuerhalten, zu wissen, dafi 
sie einander widersprachen, und an beide zu glauben; die Logik 
gegen die Logik ins Feld zu fuhren; die Moral zu verwerfen, 
wahrend man sie fur sich in Anspruch nahm. So behauptete man, 
Demokratie sei unmoglich, wobei die Partei jedoch zugleich die 
Huterin der Demokratie war. 

Und man sollte vergessen, um es sich dann, wenn man es 
brauchte, wieder ins Gedachtnis zuruckzurufen, und es hierauf 
erneut prompt wieder zu vergessen; und vor allem, dem 
Verfahren selbst gegenuber wiederum das gleiche Verfahren 
anzuwenden. 



42 



Das war die aufierste Spitzfindigkeit: bewusst die Unbewusstheit 
vorzuschieben und dann noch einmal sich des eben vollzogenen 
Hypnoseaktes nicht bewusst zu werden! Allein schon das 
Verstandnis des Wortes Doppeldenk setzte eine doppelbodige 
Denkweise voraus. 

Die Vorturnerin hatte sie wieder zum Stillstehen aufgerufen. 
»Und jetzt wollen wir mal sehen, wer von uns seine Zehen 
beruhren kann!« sagte sie betont munter. »Aus den Huften 
heraus beugt, Genossen. „Eins! Zwei! Eins! Zwei!" 
Winston war diese Ubung schrecklich, da sie ihm von den Fersen 
bis ins Gesafi einen stechenden Schmerz verursachte und oft mit 
einem erneuten Hustenanfall endete. Ihm vergingen die 
halbwegs freundlichen Gedanken. 

Die Vergangenheit, uberlegte er, war nicht nur verandert, 
sondern rundweg ausgeloscht worden. Denn wie konnte man die 
offensichtlichste Tatsache beweisen, wenn es - aufier in der 
eigenen Erinnerung - keine andere Aufzeichnung daruber gab? 
Er versuchte sich zu erinnern, in welchem Jahr er zum erstenmal 
vom Grofien Bruder gehort hatte. 

Er glaubte, es mufite im Laufe der sechziger Jahre gewesen sein, 
aber es war unmoglich, der Tatsache sicher zu sein. In den 
Geschichtsdarstellungen der Partei figurierte der Grofie Bruder 
selbstverstandlich als Fuhrer und Huter der Revolution von ihren 
ersten Anfangen an. Seine Heldentaten waren allmahlich zeitlich 
zuriickverlegt worden, bis sie bereits in die sagenhafte Welt der 
vierziger und dreifiiger Jahre zuruckreichten, als die Kapitalisten 
noch mit ihren seltsamen zylindrischen Huten in grofien 
schimmernden Automobilen oder Pferdewagen mit seitlichen 
Glasfenstern durch die Strafien Londons fuhren. 
Man wufite nicht, wie viel an dieser Legende wahr und wie viel 
erfunden war. Winston konnte sich nicht einmal erinnern, zu 
welchem Zeitpunkt die Partei selbst erstmalig in Erscheinung 
getreten war. Er glaubte nicht, das Wort Engsoz jemals vor dem 
Jahre 1960 gehort zu haben, aber es war moglich, dafi es in seiner 



43 



alten Form - namlich als »Englischer Sozialismus« - schon friiher 
gebrauchlich gewesen war. 

Alles loste sich in Nebel auf. Manchmal freilich konnte man eine 
deutliche Luge festnageln. Es war zum Beispiel nicht wahr - wie 
in den Parteigeschichtsbuchern behauptet wurde -, dafi die Partei 
die Flugzeuge erfunden hatte. Er erinnerte sich an Flugzeuge von 
seiner fruhesten Kindheit an. Aber man konnte nichts beweisen. 
Es gab keinen Beweis. Nur einmal in seinem ganzen Leben hatte 
er den unverkennbaren dokumentarischen Beweis einer 
Geschichtsfalschung in Handen gehalten. Und das war damals, 
als... 

»Smith!« schrie die giftige Stimme aus dem Televisor. »6079 
Smith W.! Ja, Sie meine ich! Tiefer bucken, wenn ich bitten darf! 
Sie bringen mehr fertig, als was Sie da zeigen. Sie geben sich 
keine Mtihe. Tie-fer, bitte! So ist es schon besser, Genosse. 
Ruhren, der ganze Verein, und alle mal herschauen!« 
Heifier Schweifi war Winston plotzlich am ganzen Korper 
ausgebrochen. Sein Gesicht blieb vollkommen undurchdringlich. 
Nur keine Unlust verraten! Niemals entrustet sein! Ein einziges 
Zucken in den Augen konnte einen verraten. Er stand da und sah 
aufmerksam zu, wahrend die Vorturnerin ihre Arme tiber den 
Kopf gehoben hatte und dann - man konnte nicht gerade sagen 
anmutig, aber mit erstaunlicher Exaktheit und Tuchtigkeit - eine 
tiefe Rumpfbeuge machte, wobei sie ihre vordersten 
Fingerglieder unter ihre Zehen schob. 

»Bitte, Genossen. So mochte ich das bei Ihnen sehen. Schauen Sie 
mir noch einmal genau zu. Ich bin neununddreifiig und habe vier 
Kinder. Obacht jetzt!« 

Sie beugte sich wieder. »Sie sehen, die Knie sind bei mir 
durchgedruckt. Sie alle konnen das, wenn Sie wollen«, fugte sie 
hinzu, wahrend sie sich aufrichtete. »Jeder Mensch unter 
funfundvierzig Jahren ist durchaus imstande, seine Zehenspitzen 
zu beriihren. Wir haben nicht alle den Vorzug, an der Front 
kampfen zu durfen, aber wenigstens konnen wir uns alle in 
bester Form erhalten. Denkt an unsere Jungens an der Malabar- 



44 



Front! Und an die Matrosen auf den Schwimmenden Festungen! 
Denkt nur mal daran, was die auszuhalten haben. Jetzt versuchen 
Sie es noch einmal. So ist's besser, Genosse, so ist's schon viel 
besser«, fugte sie ermutigend hinzu, als es Winston in einer 
heftigen Tauchbewegung zum erstenmal in mehreren Jahren 
gelang, mit durchgedruckten Knien seine Zehen zu beruhren. 



Viertes Kapitel 



Mit dem tiefen, unbewussten Seufzer, den bei Beginn seiner 
Tagesarbeit auszustofien ihn nicht einmal die Nahe des 
Televisors hindern konnte, zog Winston den Sprechschreiber an 
sich heran, blies den Staub aus dem Mundstuck und setzte seine 
Brille auf. Dann offnete er vier kleine Papierrollen, die bereits aus 
der Rohrpost an der rechten Seite seines Schreibtisches 
herausgeschossen waren, und heftete sie mit Klammern 
zusammen. 

In den Wanden des Buroraumes waren drei Locher angebracht. 
Rechts von dem Sprechschreiber eine kleine Rohrpostrohre fur 
schriftliche Mitteilungen; links eine grofiere fur Zeitungen; und in 
der Seitenwand, fur Winston in bequemer Reichweite, ein grofier, 
durch ein Klappgitter geschutzter langlicher Schlitz. 
Dieser Schlitz diente als Papierkorb, und ahnliche Schlitze waren 
zu Tausenden oder Zehntausenden tiber das ganze Gebaude 
verteilt, nicht nur in jedem Zimmer, sondern in kurzen 
Abstanden auf jedem Gang. Aus irgendeinem Grunde hiefien sie 
die „Gedachtnis-L6cher". Wufite man, dafi ein Dokument zur 
Vernichtung bestimmt war, oder sah man auch nur ein Stuck 
Abfallpapier herumliegen, war es eine automatische Handlung, 
das Schutzgitter des nachstbesten Gedachtnis-Loches 
hochzuklappen und das Papier hineinzuwerfen, woraufhin es 



45 



von einem warmen Luftstrom zu den riesigen Verbrennungsofen 
fortgewirbelt wurde, die in den geheimen Tiefen des Gebaudes 
verborgen waren. 

Winston las die vier Zettel, die er aufgerollt hatte. Jeder enthielt 
eine nur eine oder zwei Zeilen umfassende Botschaft in dem 
abgekurzten Jargon, der im Ministerium fur interne Zwecke 
benutzt wurde und der nicht eigentlich aus der Neusprech 
bestand, aber viele einzelne Worte der Neusprech enthielt. Sie 
lauteten: „Times vom 17. 3. 84: G B Rede Fehlbericht Afrika 
rechtstellt. Times vom 19. 12. 83: Voraussagen 3 jp 4. Quartal 83 
Falschdruck verbessert Neuausgabe. Times vom 14. 2. 84: Miniflu 
fehlzitiert Schokolade rechtstellt. Times vom 3. 12. 83: Bericht GB 
Tagesbefehl doppelplusungut nennt Unpersonen totalumschreibt 
anteordner." 

Mit einem leisen Gefuhl der Befriedigung legte Winston die letzte 
Botschaft beiseite. Es war eine verzwickte und 
verantwortungsvolle Aufgabe und besser erst am Schluss zu 
erledigen. Die anderen drei waren Routineangelegenheiten, wenn 
auch die zweite vermutlich ein langweiliges Durchackern von 
Zahlenlisten erfordern wurde. 

Winston schaltete auf dem Televisor »Fruhere Nummern« ein 
und verlangte die entsprechenden Ausgaben der Times, die 
schon nach ein paar Augenblicken aus der Rohrpostanlage 
herausglitten. Die Botschaften, die er erhalten hatte, bezogen sich 
auf Zeitungsartikel oder Meldungen, die aus diesem oder jenem 
Grunde zu andern oder, wie die offizielle Phraseologie lautete, 
„richtigzustellen" fur notig befunden wurde. 

So ging z. B. aus der Times vom 17. Marz hervor, dafi der Grofie 
Bruder in seiner Rede am Tage vorher prophezeit hatte, die 
Sudindien-Front wurde ruhig bleiben, aber in Nordafrika wiirde 
bald eine eurasische Offensive losbrechen. In Wirklichkeit jedoch 
hatte das eurasische Oberkommando seine Offensive in 
Sudindien angesetzt, und in Afrika hatte Ruhe geherrscht. 
Deshalb mufite eine neue Fassung der Rede des Grofien Bruders 
geschrieben werden, die eben das voraussagte, was wirklich 



46 



eingetreten war. Im zweiten Falle hatte die Times vom 19. 
Dezember die offiziellen Voraussagen der Produktion 
verschiedener Gebrauchsguter wahrend des vierten Quartals von 
1983 publiziert, das gleichzeitig das 6. Quartal des neunten 
Dreijahresplans war. 

Die heutige Ausgabe enthielt einen Bericht der tatsachlichen 
Produktion, aus dem hervorging, dafi die Voraussagen in jeder 
Sparte grob unrichtig waren. Winstons Aufgabe bestand nun 
darin, die ursprunglichen Zahlen richtig zustellen, indem er sie 
mit den spateren in Ubereinstimmung brachte. Was die dritte 
Botschaft betraf, so bezog sie sich auf einen ganz einfachen 
Irrtum, der in ein paar Minuten eingerenkt werden konnte. Noch 
im Februar hatte das Ministerium fur Uberflufi ein Versprechen 
verlautbaren lassen (eine »kategorische Garantie« hiefi der 
offizielle Wortlaut), dafi wahrend des Jahres 1984 keine Kurzung 
der Schokoladeration vorgenommen werden wurde. 
In Wirklichkeit sollte, wie Winston nun wufite, Ende dieser 
Woche die Schokoladeration von dreifiig auf zwanzig Gramm 
herabgesetzt werden. Man brauchte nun nichts weiter zu tun, als 
statt des ursprunglichen Versprechens eine warnende Aufierung 
zu unterschieben, dafi es vermutlich notig sein wiirde, die Ration 
im Laufe des Monats April zu kurzen. 

Nachdem Winston von jeder der Botschaften Kenntnis 
genommen hatte, heftete er seine sehsprechgeschriebenen 
Korrekturen an die jeweilige Ausgabe der Times und steckte sie 
in den Rohrpostzylinder. Dann knullte er, mit einer fast vollig 
unbewufiten Bewegung, die ursprungliche Meldung und alle von 
ihm selbst gemachten Notizen zusammen und warf sie in das 
Gedachtnis-Loch, um sie von den Flammen verzehren zu lassen. 
Was in dem unsichtbaren Labyrinth geschah, in dem die 
Rohrpostrohren zusammenliefen, wufite er nicht im einzelnen, 
sondern nur in grofien Umrissen. Wenn alle Korrekturen, die in 
einer Nummer der Times notig geworden waren, gesammelt und 
kritisch miteinander verglichen worden waren, wurde diese 



47 



Nummer neu gedruckt, die ursprungliche vernichtet und an ihrer 
Stelle die richtiggestellte Ausgabe ins Archiv eingereiht. 
Dieser dauernde Umwandlungsprozefi vollzog sich nicht nur an 
den Zeitungen, sondern auch an Buchern, Zeitschriften, 
Broschuren, Plakaten, Flugblattern, Filmen, Liedertexten, 
Karikaturen - an jeder Art von Literatur, die irgendwie von 
politischer oder ideologischer Bedeutung sein konnte. Einen Tag 
um den anderen und fast von Minute zu Minute wurde die 
Vergangenheit mit der Gegenwart in Einklang gebracht. Auf 
diese Weise konnte fur jede von der Partei gemachte Vorhersage 
der dokumentarische Beweis erbracht werden, dafi sie richtig 
gewesen war; auch wurde nie geduldet, dafi man eine 
Verlautbarung oder Meinungsaufierung aufhob, die den 
augenblicklichen Gegebenheiten widersprach. 
Die ganze Historie stand so gleichsam auf einem 
auswechselbaren Blatt, das genauso oft, wie es notig wurde, 
radiert und neu beschrieben werden konnte. In keinem Fall ware 
es moglich gewesen, nach Durchfuhrung des Verfahrens 
nachzuweisen, dafi eine Falschung vorgenommen worden war. 
Die grofite Gruppe der Abteilung Registratur, weit grofier als die 
Winstons, bestand aus Personen, deren Aufgabe lediglich war, 
alle Ausgaben von Buchern, Zeitungen und anderen 
Druckerzeugnissen ausfindig zu machen und zu sammeln, die 
aufier Gebrauch gesetzt und vernichtet werden mufiten. 
Eine Nummer der Times, die vielleicht infolge von Anderungen 
in der politischen Gruppierung oder der vom Grofien Bruder 
ausgesprochenen irrtumlichen Prophezeiungen ein Dutzend Mai 
neu abgefafit worden war, stand noch immer mit ihrem 
ursprunglichen Datum versehen in ihrem Regal, und es gab auf 
der ganzen Welt keine andere Ausgabe, die mit ihr in 
Widerspruch hatte stehen konnen. Auch Bucher wurden immer 
wieder aus dem Verkehr gezogen und neu geschrieben und ohne 
jeden Hinweis auf die vorgenommenen Veranderungen neu 
aufgelegt. Sogar die geschriebenen Weisungen, die Winston 
erhielt und deren er sich in jedem Fall nach Gebrauch sofort 



48 



entledigte, sprachen nie aus oder liefien durchblicken, dafi eine 
Falschung vorgenommen werden sollte: immer wurde nur von 
Weglassungen, Irrtumern, Druckfehlern oder falschen Zitaten 
gesprochen, die im Interesse der Genauigkeit richtiggestellt 
werden mufiten. 

In Wirklichkeit, so dachte er, wahrend er die Ziffern der Angaben 
des Ministeriums fur Uberflufi neu einsetzte, war es auch nicht 
einmal eine Falschung. Es war lediglich die Einsetzung eines 
Unsinns an Stelle eines anderen. Der grofite Teil des Materials, 
das man bearbeitete, hatte keinerlei Relation zur Wirklichkeit, 
nicht einmal die Relation, die eine direkte Luge zur Wahrheit hat. 
Die Statistiken waren in ihrer ursprunglichen Fassung genauso 
wohl eine Ausgeburt der Phantasie wie in ihrer berichtigten 
Form. Sehr haufig wurde erwartet, dafi man sie nach eigenem 
Ermessen zurechtstutzte. So hatten zum Beispiel die Voraussagen 
des Ministeriums fur Uberflufi die Schuhproduktion fur ein 
Vierteljahr auf 145 Millionen Paare geschatzt. 
Die tatsachliche Produktion wurde mit 62 Millionen angegeben. 
Winston jedoch setzte, als er die Vorhersage neu schrieb, dafur 57 
Millionen ein, um so die ubliche Behauptung zu ermoglichen, die 
Quote sei ubererfullt worden. In jedem Fall aber kamen 
zweiundsechzig Millionen der Wahrheit nicht naher als 
siebenundfunfzig oder einhundertfunfundvierzig Millionen. Sehr 
wahrscheinlich waren uberhaupt keine Schuhe produziert 
worden. Noch wahrscheinlicher war es, dafi niemand wufite, wie 
viel Schuhe produziert worden waren, oder dafi sich uberhaupt 
niemand darum kummerte. 

Man wufite nur so viel, als dafi jedes Vierteljahr auf dem Papier 
astronomische Zahlen von Schuhen produziert wurden, wahrend 
etwa die Halfte der Bevolkerung Ozeaniens barfufi lief. Und so 
war es mit jeder Gattung berichteter Tatsachen, ob es sich nun 
um grofie oder kleine handelte. Alles loste sich in einer Welt des 
leeren Scheins auf, in der zuletzt sogar die gultige Jahreszahl 
unsicher geworden war. Winston warf einen Blick durch den 
Saal. Auf dem entsprechenden Platz auf der anderen Seite ging 



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ein kleiner, pedantischer, dunkelhautiger Mann namens Tillotson 
beflissen seiner Arbeit nach, eine entfaltete Zeitung auf den 
Knien, den Mund ganz dicht an der Muschel des 
Sprechschreibers. Er sah so aus, als versuche er, was er sagte, als 
Geheimnis zwischen ihm und dem Televisor zu bewahren. Er 
blickte auf, und seine Brille warf ein feindseliges Aufblitzen zu 
Winston hertiber. 

Winston kannte Tillotson kaum und hatte keine Ahnung, mit 
welcher Arbeit er beschaftigt war. Die Angestellten der 
Registratur sprachen nicht gerne tiber ihre Tatigkeit. In dem 
langen, fensterlosen Saal mit seiner doppelten Reihe von Nischen 
und seinem endlosen Rascheln von Papier und Summen von 
Stimmen, die in die Sprechschreiber sprachen, safien ein gutes 
Dutzend Menschen, die Winston nicht einmal dem Namen nach 
kannte, obwohl er sie tagtaglich auf den Gangen hin und her 
eilen oder wahrend der Zwei-Minuten-Hass-Sendung 
gestikulieren sah. 

Er wufite, dafi in der Nische neben ihm die kleine Frau mit dem 
aschblonden Haar tagein, tagaus damit beschaftigt war, aus der 
Presse die Namen von Menschen herauszusuchen und zu 
streichen, die vaporisiert worden waren und die man 
infolgedessen so behandelte, als hatten sie niemals existiert. 
Darin lag eine gewisse Abgebruhtheit, denn erst vor zwei Jahren 
war ihr eigener Mann vaporisiert worden. 

Ein paar Nischen weiter safi ein milder, untuchtiger, vertraumter 
Mensch namens Ampleforth, mit stark behaarten Ohren und 
einem erstaunlichen Talent, mit Reimen und Versmafien zu 
jonglieren, der dazu angestellt war, geanderte Texte - 
»endgultige Fassungen«, wie es hiefi - von Gedichten 
herzustellen, die ideologisch anstofiig geworden waren, die man 
aber aus diesem oder jenem Grunde in den Gedichtsammlungen 
beibehalten wollte. Und dieser Saal mit seinen etwa funfzig 
Angestellten war nur eine Unterabteilung Registratur. Neben, 
tiber und unter ihnen waren andere Schwarme von Angestellten 
mit einer unvorstellbaren Vielfalt von Arbeiten beschaftigt. Da 



50 



waren die grofien Druckereien mit ihren Hilfsredakteuren, ihren 
drucktechnischen Fachleuten und ihren hervorragend 
ausgestatteten Ateliers fur Falschungen von Photographien. 
Da war die Tele-Programm-Abteilung mit ihren Ingenieuren, 
ihren Produktionsleitern und ihrem Stab von Schauspielern, die 
speziell im Hinblick auf ihr Imitationstalent ausgewahlt worden 
waren. Da gab es die Heerscharen von Bibliothekaren, deren 
Aufgabe lediglich darin bestand, Listen von Buchern und 
Zeitschriften aufzustellen, von denen eine Neuauflage hergestellt 
werden mufite. Da waren die grofien Lagerraume, in denen die 
korrigierten Druckerzeugnisse aufbewahrt, und die versteckten 
Verbrennungsanlagen, in denen die ursprunglichen Ausgaben 
vernichtet wurden. Und irgendwo safien ganz anonym die 
leitenden Hirne, die den ganzen Betrieb koordinierten und die 
politischen Richtlinien festlegten, nach denen dieses Bruchstuck 
der Vergangenheit aufbewahrt, jenes gefalscht und ein anderes 
aus der Welt geschafft wurde. 

Und doch war die Registraturabteilung als solche nur ein 
einzelner Zweig des Wahrheitsministeriums, dessen 
Hauptaufgabe ja nicht darin bestand, die Vergangenheit 
entsprechend zu frisieren, sondern die Burger Ozeaniens mit 
Zeitungen, Filmen, Lehrbuchern, Televisor-Programmen, 
Theaterstucken, Romanen - mit jeder nur vorstellbaren Art von 
Nachrichten, Belehrung oder Unterhaltung zu versorgen, von 
Denkmalern angefangen bis zum taglichen Kernspruch, vom 
lyrischen Gedicht bis zur biologischen Abhandlung, von der 
Kinderfibel bis zum Worterbuch der Neusprech. Und das 
Ministerium mufite nicht nur die mannigfachen Bedurfnisse der 
Partei befriedigen, sondern den ganzen Arbeitsgang noch einmal 
auf dem niedrigeren Niveau des Proletariats wiederholen. Es gab 
eine Reihe von besonderen Abteilungen, die sich mit der 
proletarischen Literatur, mit Musik, Theater und Variete fur 
Proletarier befafiten. 

Dort wurden minderwertige Zeitungen, die fast nichts als Sport, 
Verbrechen und astrologische Ratschlage enthielten, reifierische 



51 



Funf-Cent-Romane, von Sexualitat strotzende Filme und 
sentimentale Schlager hergestellt, die vollkommen mechanisch 
mit Hilfe einer Art Kaleidoskop, des sogenannten „Versificators", 
abgefafit wurden. 

Es gab sogar eine ganze Unterabteilung - „Porno-Ro" hiefi sie in 
der Neusprech -, die sich mit der massenhaften Erzeugung der 
niedrigsten Art von Pornographie befafite, die in versiegelten 
Verpackungen versandt wurde und von keinem Parteimitglied, 
aufier den in der betreffenden Abteilung beschaftigten, betrachtet 
werden durfte. Drei Mitteilungen waren aus der Rohrpostanlage 
geglitten, wahrend Winston an der Arbeit war; aber es handelte 
sich um einfache Dinge, und er hatte sie erledigt, ehe er durch die 
Zwei-Minuten-Hass-Sendung unterbrochen wurde. Als die 
Hassovation zu Ende war, ging er in seine Nische zuruck, schob 
den Sprechschreiber auf die Seite, putzte seine Brille und machte 
sich an die Hauptarbeit, die er an diesem Morgen zu bewaltigen 
hatte. 

Winstons grofite Freude im Leben war seine Arbeit. Das meiste 
war langweilige Routine, aber es gab doch auch so schwierige 
und knifflige Aufgaben darunter, dafi man sich darin wie in den 
Tiefen mathematischer Probleme verlieren konnte - feine 
Falschungen, bei denen man von nichts anderem geleitet wurde 
als seiner Kenntnis der Prinzipien des Engsoz und dem eigenen 
Einfuhlungsvermogen dafur, was die Partei von einem erwartete. 
Winston war in diesen Dingen tuchtig. Gelegentlich war er sogar 
mit der Umarbeitung von vollig in der Neusprech verfafiten 
Leitartikeln der Times betraut worden. Er rollte die Mitteilung 
auf, die er vorher beiseite gelegt hatte: „Times vom 3. 12. 83: 
Bericht GB Tagesbefehl doppelplusungut nennt Unpersonen 
totalumschreibt anteordner." 

In der alten umstandlichen Sprache hiefi das ungefahr soviel wie: 
Der Bericht uber den Tagesbefehl des Grofien Bruders in der 
Times vom 3. Dezember 1983 ist aufierst unbefriedigend und 
erwahnt heute nicht mehr lebende Personen. Noch einmal vollig 



52 



neu schreiben und Ihren Entwurf an hoherer Stelle vorlegen, ehe 
er im Archiv abgelegt wird. 

Winston las den beanstandeten Artikel durch. Der Tagesbefehl 
des Grofien Bruders hatte offenbar hauptsachlich in einem 
Loblied auf die Leistung einer als SFZZ bekannten Organisation 
bestanden, die fur die Matrosen auf den Schwimmenden 
Festungen Zigaretten und andere Zubehore des taglichen Lebens 
lieferte. Ein gewisser Genosse Withers, ein prominentes Mitglied 
der Inneren Partei, war mit namentlicher Erwahnung geehrt und 
mit der Zweiten Klasse des Ordens fur besondere Verdienste 
ausgezeichnet worden. 

Drei Monate spater war die SFZZ plotzlich ohne Bekanntgabe 
eines Grundes aufgelost worden. Man durfte annehmen, dafi 
Withers und seine Geschaftsteilhaber jetzt in Ungnade gefallen 
waren, jedoch war in der Presse oder durch den Televisor kein 
Bericht daruber erfolgt. Das war zu erwarten gewesen, da es 
nicht ublich war, politische Sunder vor Gericht zu stellen oder 
offentlich anzuklagen. 

Die grofien Sauberungsaktionen, bei denen es sich um Tausende 
von Menschen handelte, mit offentlichen Verhandlungen von 
Verratern und Gedankenverbrechern, die dann Gestandnisse 
ihrer abscheulichen Verbrechen ablegten und darauf hingerichtet 
wurden, waren besondere Schaustellungen, die nicht offer als 
einmal alle Jahre stattfanden. 

Gewohnlich verschwanden Menschen, die sich das Mififallen der 
Partei zugezogen hatten, ganz einfach, und man horte nie wieder 
etwas von ihnen. Man erhielt nie auch nur die leiseste 
Andeutung, was aus ihnen geworden war. In manchen Fallen 
waren sie vielleicht nicht einmal tot. Etwa dreifiig Menschen, die 
Winston personlich gekannt hatte, abgesehen von seinen Eltern, 
waren im Laufe der Zeit auf diese Weise verschwunden. 
Winston schubberte sich mit einer Heftklammer die Nase. In der 
Nische jenseits des Ganges safi Genosse Tillotson noch immer 
geheimnistuerisch uber seinen Sprechschreiber gebeugt. Er hob 
einen Augenblick den Kopf: wieder das feindselige Blitzen der 



53 



Brille. Winston fragte sich, ob Genosse Tillotson mit der gleichen 
Arbeit wie er beschaftigt war. Das war durchaus moglich. 
Ein so kniffliges Stuck Arbeit wurde niemals nur einem 
Sachbearbeiter anvertraut werden: es andererseits einem 
Ausschufi vorzulegen, ware mit dem offentlichen Eingestandnis 
gleichbedeutend gewesen, dafi eine Falschung vorgenommen 
werden sollte. Sehr wahrscheinlich bemuhte sich jetzt ein ganzes 
Dutzend Menschen darum, die beste Abwandlung von dem zu 
finden, was der Grofie Bruder in Wirklichkeit gesagt hatte. Und 
bald darauf wurde dann ein Grofikopfeter aus der Inneren Partei 
diese oder jene Fassung auswahlen, sie erneut herausgeben und 
das komplizierte Getriebe der notwendig werdenden 
Richtigstellung auf anderen Gebieten in Gang setzen, worauf die 
ausgewahlte Luge ins Archiv eingehen und zu Wahrheit werden 
wurde. 

Winston wufite nicht, warum Withers in Ungnade gefallen war. 
Vielleicht wegen Bestechlichkeit oder wegen Unfahigkeit. 
Vielleicht wollte sich auch der Grofie Bruder lediglich eines allzu 
beliebten Untergebenen entledigen. Vielleicht hatte Withers oder 
ein ihm Nahestehender sich ketzerischer Ansichten verdachtig 
gemacht. Oder vielleicht - und das war das 
Allerwahrscheinlichste - war das Ganze nur geschehen, weil 
Sauberungsaktionen und Vaporisierungen nun einmal zu den 
notwendigen Mafinahmen der Regierungsmaschinerie gehorten. 
Der einzige Schlussel lag in den Worten »nennt Unpersonen«, 
was darauf hinwies, dafi Withers bereits tot war. Man konnte 
nicht ein fur allemal annehmen, dafi dies der Fall war, wenn 
Menschen festgenommen wurden. Manchmal wurden sie wieder 
entlassen und ein oder zwei Jahre in Freiheit geduldet, ehe sie 
hingerichtet wurden. Ganz unvermutet trat ein Mensch, den man 
seit langem fur tot gehalten hatte, bei einer offentlichen 
Gerichtsverhandlung wieder in gespenstische Erscheinung, wo er 
dann Hunderte andere durch seine Zeugenaussage belastete, ehe 
er, diesmal fur immer, von der Bildflache verschwand. 



54 



Withers jedoch war bereits eine Unperson. Er war nicht 
vorhanden: er war nie vorhanden gewesen. Winston entschied, es 
geniige nicht, einfach die Tendenz der Rede des Grofien Bruders 
auf den Kopf zu stellen. Es war besser, man liefi sie von etwas 
handeln, das uberhaupt nichts mit ihrem ursprunglichen Thema 
zu tun hatte. 

Er konnte die Rede in die ubliche Anklage gegen Verrater und 
Gedankenverbrecher verwandeln, aber das war ein bifichen zu 
naheliegend; andererseits wurde es die Registratur zu sehr 
uberlasten, wenn man einen Sieg an der Front oder einen 
Triumph der Uberproduktion wahrend des neunten 
Dreijahresplanes erfinden wollte. Das Richtigste war schon ein 
reines Phantasiegebilde. Plotzlich schwebte ihm, fix und fertig, 
die Phantasiegestalt eines gewissen Genossen Ogilvy vor, der vor 
kurzem unter heldenhaften Umstanden im Kampf gefallen war. 
Manchmal kam es vor, dafi der Grofie Bruder seinen Tagesbefehl 
dem Gedachtnis eines einfachen, dem Mannschaftsstand 
angehorenden Parteimitglieds widmete, dessen Leben und 
Sterben er als ein der Nachahmung wurdiges Beispiel hinstellte. 
An diesem 3. Dezember also sollte er des Genossen Ogilvy 
gedenken. Zwar gab es keinen Menschen dieses Namens auf der 
Welt, aber ein paar gedruckte Zeilen und zwei gefalschte 
Photographien wurden ihn schnell und ohne grofie Mtihe ins 
Leben rufen. 

Winston uberlegte einen Augenblick, zog dann den 
Sprechschreiber zu sich heran und begann in dem vertrauten Stil 
des Grofien Bruders zu diktieren. Dieser Stil, zugleich militarisch 
und pedantisch, war infolge eines Kniffes, Fragen zu stellen und 
sie sofort zu beantworten (»Welche Lehre lernen wir daraus, 
Genossen? Die Lehre, die auch eines der Grundprinzipien von 
Engsoz ist, namlich dass...«), sehr leicht nachzuahmen. 
Im Alter von drei Jahren hatte Genosse Ogilvy kein anderes 
Spielzeug als eine Trommel, eine Maschinenpistole und ein 
Flugzeugmodell in die Hand nehmen wollen. Sechsjahrig war er 
- infolge einer besonderen Genehmigung ein Jahr fruher, als nach 



55 



den Statuten zulassig - den Spahern beigetreten; mit neun Jahren 
war er Truppftihrer geworden. 

Mit elf hatte er seinen Onkel bei der Gedankenpolizei angezeigt, 
nachdem er eine Unterhaltung belauscht hatte, die ihm 
verbrecherische Tendenzen zu haben schien. Mit siebzehn war er 
Bezirksleiter der Jugendliiga gegen Sexualitat geworden. 
Mit neunzehn hatte er eine Handgranate erfunden, die vom 
Friedensministerium ubernommen und bei ihrer ersten 
Versuchsweisen Anwendung mit einem Schlag einunddreifiig 
eurasische Gefangene getotet hatte. Mit dreiundzwanzig war er 
im Kampf gefallen. Von feindlichen Dusenjagern auf einem Flug 
mit wichtigen Depeschen tiber dem Indischen Ozean verfolgt, 
hatte er den eigenen Leib mit dem Bord-MG beschwert und war 
samt den Depeschen aus dem Flugzeug ins Meer gesprungen - 
ein Tod, sagte der Grofie Bruder, den man unmoglich ohne 
Neidgeftihle betrachten konnte. 

Der Grofie Bruder ftigte ein paar Worte tiber die Lauterkeit und 
Untadeligkeit von Genosse Ogilvys Leben hinzu. Er war ein 
vollstandiger Abstinenzler und Nichtraucher gewesen, hatte 
keine andere Erholung als eine tagliche Stunde auf dem 
Turnplatz gekannt und das Geltibde abgelegt, unverheiratet zu 
bleiben, da er Ehe- und Familiensorgen ftir unvereinbar mit der 
taglich vierundzwanzigsttindigen Pflichterftillung hielt. Er 
kannte keinen anderen Gesprachsstoff als die Grundlehren des 
Engsoz und kein anderes Lebensziel als die Vernichtung des 
eurasischen Feindes und die Unschadlichmachung von Spionen, 
Saboteuren, Gedankenverbrechern und aller Arten von Verratern 
und anderen unsauberen Elementen. 

Winston schwankte, ob er dem Genossen Ogilvy den Orden ftir 
besondere Verdienste verleihen sollte. Am Schlufi entschied er 
sich dagegen, wegen der unnotigen Richtigstellungen, die das 
mit sich bringen wtirde. 

Noch einmal schielte er kurz zu seinem Rivalen in der 
gegentiberliegenden Nische hintiber. Etwas schien ihm mit 
Gewifiheit zu sagen, dafi Tillotson mit der gleichen Aufgabe 



56 



beschaftigt war wie er selbst. Man konnte nicht wissen, wessen 
Losung schliefilich angenommen wurde, aber er fuhlte eine tiefe 
Uberzeugung, dafi er den Vogel abschiefien wurde. Genosse 
Ogilvy, vor einer Stunde noch im Schofie des Nicht-Gedachten, 
war jetzt eine Tatsache. Es fiel ihm ein, dafi man seltsamerweise 
Toten Gestalt geben konnte, nicht aber Lebenden. Genosse 
Ogilvy, der nie in der Gegenwart gelebt hatte, lebte jetzt in der 
Vergangenheit, und wenn erst einmal die Tatsache der Falschung 
vergessen war, wurde er ebenso authentisch und ebenso 
nachweislich vorhanden sein wie Karl der Grofie oder Julius 
Casar. 



Fxinftes Kapitel 



In der tief unter der Erde liegenden, niedrigen Kantine rilckte die 
Schlange der Mittagsgaste nur langsam voran. Der Raum war 
bereits gedrangt voll, und es herrschte ein betaubender Larm. 
Von dem Herd hinter dem Ausgabetisch stieg der dicke Dampf 
eines Eintopfgerichts auf, mit einem sauerlich-metallischen 
Geruch, der die Dunste des Victory-Gins nicht ganz uberdeckte. 
Am Ende des langen Raumes namlich befand sich eine kleine 
Bar, nur eben eine Nische in der Wand, wo man ein grofies Glas 
Gin fur zehn Cents kaufen konnte. 

»Da ist ja der Mann, den ich suche«, sagte eine Stimme hinter 
Winstons Riicken. 

Er drehte sich um. Es war sein Freund Syme, der in der 
Forschungsabteilung arbeitete. Vielleicht war »Freund« nicht 
ganz das richtige Wort. Man hatte heutzutage keine Freunde, 
man hatte Genossen; aber es gab Genossen, deren Gesellschaft 
angenehmer war als die anderer. Syme war 
Sprachwissenschaftler, ein Spezialist fur »Neusprech«. Er gehorte 



57 



zu der riesigen Gruppe von Fachleuten, die jetzt mit der 

Zusammenstellung der elften Ausgabe des Worterbuchs der 

Neusprech betraut waren. Er war ein winziges Kerlchen, kleiner 

als Winston, mit dunklem Haar und grofien, hervortretenden 

Augen, die traurig und spottisch zugleich dreinblickten und im 

Gesprach das Gesicht des Gegenubers genau zu durchforschen 

schienen. 

»Ich wollte dich fragen, ob du vielleicht ein paar Rasierklingen 

hast«, sagte er. 

»Nicht eine!« versicherte Winston mit gleichsam schuldbewufiter 

Hast. »Ich habe uberall welche aufzutreiben versucht. Es gibt 

keine mehr.« 

Bestandig wurde man von alien Leuten nach Rasierklingen 

gefragt. In Wirklichkeit hatte Winston noch zwei unbenutzte 

gehortet. Seit Monaten schon herrschte Mangel an diesem 

Artikel. Alle Augenblicke fehlte es an einem notwendigen 

Gebrauchsartikel, den die Parteiladen nicht liefern konnten. 

Manchmal waren es Knopfe, manchmal Stopfwolle, dann wieder 

Schnursenkel; zurzeit waren es Rasierklingen. Man konnte sie, 

wenn uberhaupt, nur dadurch bekommen, dafi man mehr oder 

weniger heimlich den »freien« Markt abgraste. 

»Ich habe seit sechs Wochen die gleiche Klinge benutzt«, setzte 

Winston lugnerisch hinzu. 

Die Schlange machte einen neuen Ruck vorwarts. Erst als sie zum 

Stehen kam, drehte er sich wieder Syme zu. Jeder von ihnen 

nahm ein fettiges Metalltablett von einem auf der Ecke des 

Ausgabetisches stehenden hochaufgeturmten Stofi. 

»Hast du gestern zugeschaut, wie die Gefangenen aufgehangt 

wurden?« fragte Syme. 

»Ich hatte zu arbeiten«, sagte Winston leichthin. »Ich werde es 

mir wohl im Kino ansehen.« 

»Ein sehr ungenugender Ersatz«, meinte Syme und blickte 

Winston forschend an. Seine spottischen Augen glitten tiber 

Winstons Gesicht. »Ich kenne dich!« schienen die Augen zu 

sagen. 



58 



»Ich sehe durch dich hindurch. Ich weifi sehr wohl, warum du 

nicht hingegangen bist, um dir das anzusehen.« 

Auf eine intellektuelle Art und Weise war Syme verbissen 

orthodox. Er konnte mit einer unangenehm geniefierischen 

Befriedigung von Bombenangriffen auf feindliche Dorfer, von 

den Gerichtsverhandlungen und Gestandnissen der 

Gedankenverbrecher und den Hinrichtungen in den Kellern des 

Liebesministeriums sprechen. 

Wenn man sich mit ihm unterhalten wollte, so mufite man ihn 

vor allem von diesen Themen ablenken und ihn moglichst in ein 

Gesprach tiber die technischen Eigenttimlichkeiten der 

Neusprech verwickeln, ein Thema, tiber das er fesselnd und voll 

Sachkenntnis plaudern konnte. Winston drehte den Kopf ein 

wenig zur Seite, um dem forschenden Blick der grofien dunklen 

Augen zu entgehen. 

»Es war recht interessant, das Hangen«, sagte Syme in 

Erinnerung daran. »Ich finde, es beeintrachtigt die Sache sehr, 

wenn man ihnen die Ftifie zusammenbindet. Ich sehe sie gerne 

strampeln. Und vor allem mufi am Schlufi die Zunge 

herausblecken, blau - ganz zart hellblau. Das ist eine Einzelheit, 

die mir gefallt.« 

»Der nachste, bitte!« rief der weifibeschtirzte Prole mit der 

Schopfkelle. 

Winston und Syme schoben ihre Tabletts tiber den Ausgabetisch. 

Jedem wurde mit einem raschen Schwung seine Einheitsmahlzeit 

zugeteilt: ein Efigeschirr voll eines rosagrauen Eintopfes, ein 

Sttick Brot, ein Wtirfel Kase, ein Becher Victory-Kaffee ohne 

Milch und eine Sacharin-Tablette. 

»Dort unter dem Televisor ist ein Tisch frei«, sagte Syme. 

»Nehmen wir uns im Vorbeigehen einen Gin mit.« 

Der Gin wurde in henkellosen Porzellanbechern ausgegeben. Sie 

zwangten sich durch den gedrangt vollen Raum und stellten ihre 

Schtisseln auf die Metallplatte des Tisches, auf dessen einer Ecke 

jemand eine Pftitze von Eintopf hinterlassen hatte, einen 

schmutzig-nassen Brei, der wie Erbrochenes aussah. Winston hob 



59 



seinen Ginbecher in die Hohe, hielt einen Augenblick inne, um 

Mut zu sammeln, und sturzte das olig schmeckende Zeug 

hinunter. Nachdem er die Tranen niedergekampft hatte, die ihm 

in die Augen gestiegen waren, merkte er plotzlich, dafi er 

hungrig war. Er begann gehaufte Loffel des Eintopf-Gerichtes 

herunterzuschlingen, in dessen schlupfriger Masse auch Wurfel 

eines schwammigen, rosafarbenen Zeugs auftauchten, das 

vermutlich ein Kunstfleischprodukt war. 

Keiner der beiden sprach ein Wort, bis sie ihr Efigeschirr geleert 

hatten. An dem Tisch links von Winston, ein wenig hinter ihm, 

sprach jemand rasch und pausenlos - ein unangenehmes 

Geplapper, das wie das Quaken einer Ente durch das allgemeine 

Getose des Raumes drang. 

»Wie geht's mit dem Worterbuch vorwarts?« fragte Winston mit 

erhobener Stimme, um den Larm zu ubertonen. 

»Nur langsam«, sagte Syme. »Ich bin jetzt bei den Adjektiven. Es 

ist sehr interessant.« 

Bei der Erwahnung des Neusprech war er sofort lebhaft 

geworden. Er schob seine Schilssel beiseite, ergriff mit der einen 

seiner zarten Hande sein Stuck Brot und mit der andern den 

Kase; dabei beugte er sich uber den Tisch, um nicht schreien zu 

mussen. 

»Die Elfte Ausgabe ist die endgultige Fassung«, erklarte er. »Wir 

geben dem Neusprech seinen letzten Schliff - wir geben ihm die 

Form, die es haben wird, wenn niemand mehr anders spricht. 

Wenn wir damit fertig sind, werden Leute wie du die Sprache 

ganz von neuem erlernen mussen. Du nimmst wahrscheinlich an, 

neue Worte zu erfinden. Ganz im Gegenteil! Wir merzen jeden 

Tag Worte aus - massenhaft, zu Hunderten. Wir vereinf achen die 

Sprache auf ihr nacktes Gerust. Die Elfte Ausgabe wird kein 

einziges Wort mehr enthalten, das vor dem Jahr 2050 entbehrlich 

wird.« 

Er biss hungrig in sein Brot, und nachdem er zwei Bissen 

geschluckt hatte, fuhr er mit pedantischer Leidenschaft zu 

sprechen fort. Sein mageres, dunkles Gesicht hatte sich belebt, 



60 



seine Augen hatten ihren spottischen Ausdruck verloren und 

waren fast traumerisch geworden. 

»Es ist eine herrliche Sache, dieses Ausmerzen von Wortern. 

Naturlich besteht der grofie Leerlauf hauptsachlich bei den Zeit- 

und Eigenschaftswortern, aber es gibt auch Hunderte von 

Hauptwortern, die ebenso gut abgeschafft werden konnen. Es 

handelt sich nicht nur urn die sinnverwandten Worte, sondern 

auch um Worte, die den jeweils entgegengesetzten Begriff 

wiedergeben. 

Welche Berechtigung besteht schliefilich fur ein Wort, das nichts 

weiter als das Gegenteil eines anderen Wortes ist? Jedes Wort 

enthalt seinen Gegensatz in sich. Zum Beispiel >gut<: Wenn du ein 

Wort wie >gut< hast, wozu brauchst du dann noch ein Wort wie 

>schlecht<? 

>Ungut< erfullt den Zweck genauso gut, ja sogar noch besser, 

denn es ist das haargenaue Gegenteil des anderen, was man bei 

>schlecht< nicht wissen kann. Wenn du wiederum eine starkere 

Abart von >gut< willst, worin besteht der Sinn einer ganzen Reihe 

von undeutlichen, unnotigen Worten wie >vorzuglich<, 

>hervorragend< oder wie sie alle heifien mogen? >Plusgut< druckt 

das Gewunschte aus; oder >doppelplusgut<, wenn du etwas noch 

Starkeres haben willst. Freilich verwenden wir diese Formen 

bereits, aber in der endgultigen Neusprech gibt es einfach nichts 

anderes. 

Zum Schluss wird die ganze Begriffswelt von Gut und Schlecht 

nur durch sechs Worte - letzten Endes durch ein einziges Wort - 

gedeckt werden. Siehst du die Schonheit, die darin liegt, 

Winston? Es war naturlich ursprunglich eine Idee vom G. B.«, 

fugte Syme hinzu. 

Ein mattes Aufleuchten huschte bei der Erwahnung des Grofien 

Bruders tiber Winstons Gesicht. Trotzdem stellte Syme sofort 

einen Mangel an Begeisterung fest. 

»Du weifit Neusprech nicht wirklich zu schatzen, Winston«, sagte 

er beinahe traurig. »Selbst wenn du in ihr schreibst, denkst du 

noch immer in der Altsprache. Ich habe ein paar von den 



61 



Artikeln gelesen, die du gelegentlich in der Times schreibst. Sie 
sind recht gut, aber es sind doch nur Ubertragungen. Dein Herz 
hangt noch an der Altsprache, mit alien ihren Unklarheiten und 
unnutzen Gedankenschattierungen. Dir geht die Schonheit der 
Wortvereinfachung nicht auf . Weifit du auch, dass Neusprech die 
einzige Sprache der Welt ist, deren Wortschatz von Jahr zu Jahr 
kleiner wird?« 

Nein, Winston wufite das nicht. Er lachelte, wie er hoffte, mit 
einem anerkennenden Ausdruck, ohne dafi er zu sprechen wagte. 
Syme bifi wieder ein Stuck Schwarzbrot ab, kaute kurz und fuhr 
dann fort: »Siehst du denn nicht, dafi Neusprech kein anderes 
Ziel hat, als die Reichweite des Gedankens zu verkurzen? 
Zum Schlufi werden wir Gedankenverbrechen buchstablich 
unmoglich gemacht haben, da es keine Worte mehr gibt, in denen 
man sie ausdrucken konnte. Jeder Begriff, der jemals benotigt 
werden konnte, wird in einem einzigen Wort ausdruckbar sein, 
wobei seine Bedeutung streng festgelegt ist und alle seine 
Nebenbedeutungen ausgetilgt und vergessen sind. Schon heute, 
in der Elften Ausgabe, sind wir nicht mehr weit von diesem 
Punkt entfernt. 

Aber der Prozefi wird immer weitergehen, lange nachdem wir 
beide tot sind. Mit jedem Jahr wird es weniger und immer 
weniger Worte geben, wird die Reichweite des Bewufitseins 
immer kleiner und kleiner werden. Auch heute besteht naturlich 
kein Entschuldigungsgrund fur das Begehen eines 
Gedankenverbrechens. Es ist lediglich eine Frage der Selbstzucht, 
der Wirklichkeitskontrolle. 

Aber schliefilich wird auch das nicht mehr notig sein. Die 
Revolution ist vollzogen, wenn die Sprache geschaffen ist. 
Neusprech ist Engsoz, und Engsoz ist Neusprech!«, fugte er mit 
einer Art geheimnisvoller Befriedigung hinzu. »Hast du schon 
einmal bedacht, Winston, dafi um das Jahr 2050 kein Mensch 
mehr am Leben sein wird, der ein solches Gesprach, wie wir es 
eben fuhren, uberhaupt verstehen konnte?« 



62 



»Aufier...«, wollte Winston einwenden, aber er brach ab. Es lag 
ihm auf der Zunge zu sagen: »Aufier den Proles«, aber er hielt 
sich zuruck, da er nicht ganz sicher war, ob eine solche 
Bemerkung nicht in gewisser Weise unorthodox gewesen ware. 
Syme hatte jedoch erraten, was er sagen wollte. 
»Die Proles sind keine Menschen!«, sagte er beilaufig. »Mit dem 
Jahr 2050 - aber vermutlich schon fruher - wird jede wirkliche 
Kenntnis der Altsprache verschwunden sein. Die gesamte 
Literatur der Vergangenheit wird vernichtet worden sein - und 
damit auch die alte Kultur dieses Landes. 

Chaucer, Shakespeare, Milton, Byron werden nur noch in 
Neusprech-Fassungen vorhanden sein, und damit nicht einfach 
umgewandelt, sondern zu dem Gegenteil von dem verkehrt, was 
sie waren. Selbst die Parteiliteratur wird eine Wandlung erf ahren. 
Sogar die Leitsatze werden anders lauten. Wie konnte ein 
Leitsatz wie >Freiheit ist Sklaverei< bestehen bleiben, wenn der 
Begriff Freiheit aufgehoben ist? Das ganze Reich des Denkens 
wird anders sein. Es wird uberhaupt kein Denken mehr geben - 
wenigstens was wir heute darunter verstehen. Strengglaubigkeit 
bedeutet: nicht mehr denken - nicht mehr zu denken brauchen. 
Strengglaubigkeit ist Unkenntnis.« 

Eines Tages, dachte Winston plotzlich aus innerster 
Uberzeugung, wird Syme vaporisiert werden. Er ist zu gescheit. 
Er sieht zu klar und spricht zu often. Die Partei sieht solche 
Menschen nicht gerne. Eines schonen Tages wird er 
verschwinden. Es steht in seinem Gesicht geschrieben. 
Winston war fertig mit seinem Brot und seinem Kase. Er drehte 
sich auf seinem Stuhl ein wenig zur Seite, um seinen Becher 
Kaffee zu trinken. Am Tisch links von ihm sprach der Mann mit 
der kreischenden Stimme noch immer unbarmherzig weiter. 
Eine junge Frau, vielleicht seine Sekretarin, die mit dem Rucken 
zu Winston dasafi, horte ihm zu und schien allem, was er sagte, 
eifrig beizustimmen. 



63 



Von Zeit zu Zeit fing Winston Bemerkungen auf wie »Ich glaube, 
Sie haben vollkommen recht, ich bin ganz Ihrer Meinung«, die 
eine jugendliche und ziemlich torichte Frauenstimme vorbrachte. 
Aber die andere Stimme schwieg keinen Augenblick still, auch 
nicht, wenn das Madchen einmal sprach. Winston kannte den 
Mann vom Sehen, doch wufite er nicht mehr von ihm, als dafi er 
einen wichtigen Posten in der Literaturabteilung bekleidete. Er 
war ein Mann von etwa dreifiig Jahren, mit einem muskulosen 
Hals und einem grofien, beweglichen Mund. 
Sein Kopf war ein wenig zuruckgebeugt, und infolge des 
Winkels, in dem er dasafi, fingen seine Brillenglaser das Licht auf 
und zeigten Winston zwei blanke Scheiben statt der Augen. Das 
etwas Gespenstische an der Sache war, dafi es fast unmoglich 
war, ein einziges Wort des aus seinem Munde hervorbrechenden 
Redeschwalls zu verstehen. Nur einmal fing Winston einen 
Gesprachsfetzen auf: »...vollstandige und endgultige Ausrottung 
des Goldsteinismus...« - sehr rasch und gleichsam in einem 
Stuck, wie eine fertiggegossene Druckzeile, hervorgestofien. 
Der Rest war nur ein Gerausch, quak-quak-quak. Und doch 
konnte man, auch ohne zu verstehen, was der Mann sagte, sich 
tiber den Grundton nicht im Zweifel sein. Mochte er nun 
Goldstein beschuldigen und strengere Mafinahmen gegen 
Gedankenverbrecher und Saboteure fordern, mochte er gegen die 
Grausamkeiten der eurasischen Streitkrafte wettern, mochte er 
den Grofien Bruder oder die Helden an der Malabar-Front 
lobpreisen - es blieb sich alles gleich. 

Man konnte sicher sein, was immer er sagte, dafi jedes seiner 
Worte streng orthodox, reinster Engsoz war. Wahrend Winston 
das augenlose Gesicht betrachtete, dessen Unterkiefer schnell 
auf- und zuklappte, hatte er ein merkwurdiges Gefuhl, dafi dies 
kein richtiger Mensch, sondern eine Art Puppe war. Hier sprach 
nicht das Gehirn eines Menschen, sondern sein Kehlkopf. Was 
dabei herauskam, bestand zwar aus Worten, aber es war keine 
menschliche Sprache im echten Sinne; es war ein unbewufit 



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hervorgestofienes, vollig automatisches Gerausch, wie das 
Quaken einer Ente. 

Syme war einen Augenblick verstummt und zeichnete mit dem 
Stiel seines Loffels ein Muster in die Eintopf-Reste. Die Stimme 
am Nebentisch quakte pausenlos weiter, gut horbar trotz des 
grofien Getoses ringsum. 

»Es gibt ein Wort im Neusprech«, sagte Syme, »ich weifi nicht, ob 
du es kennst: Entenquak. Es ist eines von den interessantesten 
Wortern, die zwei gegensatzliche Bedeutungen haben. Einem 
Gegner gegenuber angewandt, ist es eine Beschimpfung; 
gebraucht man es von jemandem, mit dem man einer Meinung 
ist, dann ist es ein Lob.« 

Fraglos wird Syme vaporisiert werden, dachte Winston von 
neuem. Er dachte es mit einem gewissen Bedauern, obwohl er 
genau wufite, dafi Syme ihn verachtete und keineswegs 
besonders mochte, ja, dafi er durchaus imstande war, ihn beim 
geringsten Anlafi als Gedankenverbrecher zu denunzieren. 
Etwas an Syme stimmte nicht ganz. Ihm fehlte etwas: Takt, 
Zuruckhaltung, ein rettendes Quentchen Dummheit. Man konnte 
ihn nicht als unorthodox bezeichnen. Er glaubte an die 
Grundsatze des Engsoz, verehrte den Grofien Bruder, jubelte 
tiber Siege, hasste politisch Unkorrekte nicht nur eifrig und 
unermudlich aus Uberzeugung, sondern wohlinformiert, mit 
einem Scharfblick, wie ihn ein gewohnliches Parteimitglied sonst 
nicht besafi. Dennoch hatte er immer etwas Anruchiges. 
Er sagte Dinge, die besser ungesagt blieben, er hatte zu viele 
Bucher gelesen und war ein Stammgast im Cafe 
»Kastanienbaum«, dem Treffpunkt der Maler und Musiker. Es 
gab kein Gesetz, nicht einmal ein ungeschriebenes, das den 
Besuch dieses Cafes untersagte, und trotzdem war dieses Lokal 
einigermafien tibel beleumundet. 

Die alten, in Mifikredit geratenen Parteifuhrer hatten dort 
verkehrt, ehe sie schliefilich liquidiert worden waren. Goldstein 
selbst, erzahlte man sich, war dort vor Jahren oder Jahrzehnten 
manchmal gesehen worden. Symes Schicksal war unschwer 



65 



vorauszusehen. Und doch war kein Zweifel, dafi Syme, wenn er - 
und sei es auch nur fur die Dauer von drei Sekunden - die wahre 
Natur von Winstons geheimen Absichten erkannt hatte, ihn 
sofort an die Gedankenpolizei verraten wurde. Freilich hatte das 
auch jeder andere getan; aber Syme mit grofierer Bestimmtheit als 
die meisten. Eifer allein genugte noch nicht. Der strenge Glaube 
handelte unbewusst. 

Syme blickte auf . »Da kommt Parsons«, sagte er und stutzte seine 
Ellbogen auf die metallische Tischplatte. Etwas im Ton seiner 
Stimme schien hinzuzufugen: »Dieser blode Kerl.« 
Tatsachlich bahnte sich Parsons, Winstons Wohnungsnachbar im 
Victory-Block, seinen Weg durch den Raum - ein dickbauchiger, 
mittelgrofier Mann mit blondem Haar und einem froschartigen 
Gesicht. 

Mit funfunddreifiig Jahren setzte er bereits am Nacken und an 
den Huften Fettpolster an, seine Bewegungen waren jedoch 
temperamentvoll und jungenhaft. Seine ganze Erscheinung war 
die eines hochaufgeschossenen Knaben, so sehr, dafi man sich ihn 
- obwohl er den vorschriftsmafiigen Trainingsanzug trug - 
schwerlich anders als in den kurzen blauen Hosen, dem grauen 
Hemd und dem roten Halstuch der Spaher vorstellen konnte. 
Wenn man sich im Geiste sein Bild vor Augen hielt, sah man 
immer nackte Knie und rundliche Unterarme mit 
aufgekrempelten Hemdarmeln. Parsons kehrte auch 
unweigerlich zu kurzen Hosen zuruck, sobald ihm eine 
Gemeinschaftswanderung oder eine sonstige Form von 
Leibesubungen den geringsten Anlafi dafur bot. 
Er begrufite die beiden mit einem munteren »Hallo, hallo !« und 
setzte sich an den Tisch, wobei ein intensiver Schweifigeruch von 
ihm ausstromte. 

Auf seinem ganzen rosaroten Gesicht standen Schweifitropfen. 
Seine Fahigkeit zu schwitzen war unbegrenzt. Im 
Gemeinschaftshaus konnte man immer an der Feuchtigkeit des 
Schlagergriffs feststellen, ob er vor einem Tischtennis gespielt 
hatte. Syme hatte ein Blatt Papier hervorgezogen, auf dem eine 



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lange Reihe Worte standen, und studierte sie aufmerksam, wobei 
er einen Tintenbleistift zur Hand nahm. 

»Schauen Sie nur, wie er wahrend der Mittagspause arbeitet«, 
sagte Parsons und gab Winston einen Rippenstofi. »Das nenne ich 
Eifer! Was haben Sie denn da, alter Junge? Vermutlich etwas, das 
ein bifichen tiber meinen Horizont hinausgeht. Smith, alter Junge, 
jetzt mufi ich Ihnen sagen, warum ich hinter Ihnen her bin. Es ist 
wegen des Beitrags, den Sie mir noch nicht gestiftet haben.« 
»Um welchen Beitrag handelt es sich?« fragte Winston und 
tastete automatisch nach Geld. Ungefahr ein Viertel seines 
Gehaltes mufite man fur freiwillige Beitrage zeichnen, die so 
zahlreich waren, dafi man sie kaum auseinanderhalten konnte. 
»Fur die Hass-Woche. Sie wissen ja, die Haussammlung. Ich bin 
Vertrauensmann fur unseren Block. Die ganze Stadt soil im 
Festschmuck prangen - es wird eine Riesensache werden. Ich 
kann Ihnen sagen, es wird bestimmt nicht meine Schuld gewesen 
sein, wenn der gute alte Victory-Block nicht den reichsten 
Fahnenschmuck in der ganzen Strafie aufzuweisen hat. Sie haben 
mir zwei Dollar versprochen.« 

Winston fischte zwei fettig-schmutzige Scheine aus der Tasche 
und uberreichte sie Parsons, der den Betrag mit der sauberen 
Handschrift des Ungebildeten in ein kleines Notizbuch eintrug. 
»Bei der Gelegenheit, alter Junge«, meinte er, »wie ich hore, hat 
mein kleiner Lauselummel gestern mit seinem Katapult nach 
Ihnen geschossen. Ich habe ihm eine tuchtige Abreibung dafur 
erteilt. Ich sagte ihm, ich wurde ihm das Ding wegnehmen, wenn 
er es noch einmal tut.« 

»Er war wohl ein wenig verstimmt, weil er nicht zu der 
Hinrichtung gehen durfte«, sagte Winston. 

»Ei nun - das zeigt den richtigen Geist, finden Sie nicht auch? 
Mutwillige kleine Lausejungen sind sie, alle beide, aber an Eifer 
mangelt es bei ihnen wahrhaftig nicht! Sie haben nichts anderes 
im Kopf als die Spaher - und den Krieg naturlich. Wissen Sie, 
was mein kleines Madel letzten Samstag getan hat, als ihr 
Fahnlein einen Gemeinschaftsausflug nach Berkhamsted machte? 



67 



Sie stahl sich mit zwei anderen Madchen aus der Reihe und 

heftete sich den ganzen Nachmittag an die Fersen eines 

merkwurdig aussehenden Mannes. Sie folgten ihm zwei Stunden 

lang, mitten durch den Wald, und als sie nach Amersham kamen, 

ubergaben sie ihn der Polizeistreife.« 

»Warum haben sie das getan?« fragte Winston ein wenig 

verbltifft. 

Parsons fuhr triumphierend fort: »Mein Sprofiling hatte erkannt, 

dafi er irgendwie so eine Art Feindagent war - er konnte zum 

Beispiel mit dem Fallschirm abgesetzt worden sein. Aber nun 

kommt der springende Punkt, alter Junge. 

Was glauben Sie, was ihr zuerst an ihm aufgefallen ist? Sie 

merkte, dafi er eine merkwurdige Sorte Schuhe anhatte. Sie sagte, 

sie habe noch nie zuvor jemanden solche Schuhe tragen sehen. 

Daher bestand die Wahrscheinlichkeit, dafi es sich um einen 

feindlichen Spitzel handelte. Allerhand Kopfchen fur einen 

siebenjahrigen Dreikasehoch, was?« 

»Was wurde aus dem Mann?« fragte Winston. 

»Ach, das kann ich Ihnen nattirlich nicht sagen. Aber ich ware 

durchaus nicht verwundert, wenn...« Parsons machte die 

Bewegung des Gewehranlegens und deutete mit einem 

Zungenschnalzen den Schufi an. 

»Gut!« sagte Syme zerstreut, ohne von seinem Papier 

aufzublicken. 

»Nattirlich konnen wir uns kein Risiko leisten«, stimmte Winston 

pflichtschuldig bei. 

»Schliefilich haben wir nun einmal Krieg«, meinte Parsons. 

Wie zur Bestatigung seiner Worte erscholl ein Fanfarenstofi aus 

dem gerade tiber ihren Kopfen angebrachten Televisor. Diesmal 

war es jedoch nicht die Verkundigung eines militarischen Sieges, 

sondern lediglich eine Meldung des Ministeriums fur Uberflufi. 

»Genossen!« rief eine eifrige jugendliche Stimme. »Achtung, 

Genossen! Wir haben herrliche Nachrichten fur euch! Wir haben 

die Erzeugungsschlacht gewonnen! Die jetzt abgeschlossenen 

amtlichen Berichte tiber die Produktion aller Kategorien von 



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Gebrauchsgiitern zeigen, dafi der Lebensstandard im Vergleich 
zum vergangenen Jahr sich um nicht weniger als zwanzig 
Prozent erhoht hat. In ganz Ozeanien fanden heute morgen 
spontane Demonstrationen statt, bei denen die Arbeiter aus den 
Fabriken und Buros herausmarschierten und mit Fahnen durch 
die Strafien zogen, um dem Grofien Bruder ihre Dankbarkeit fur 
das neue, gluckliche Leben zum Ausdruck zu bringen, mit dem 
uns seine weise Fuhrung beschenkt hat. Hier folgen einige der 
endgultigen Zahlen: Lebensmittel...« 

Der Satz »unser neues, gliickliches Leben« kehrte mehrmals 
wieder. Es war in letzter Zeit ein Lieblingsausdruck des 
Ministeriums fur Uberflufi geworden. Parsons, dessen 
Aufmerksamkeit durch den Fanfarenstofi geweckt worden war, 
safi in einem Zustand von gahnendem Ernst und belehrter 
Langeweile da. Er vermochte den Zahlen nicht zu folgen, war 
sich aber bewufit, dafi sie irgendwie einen Grund zur 
Befriedigung boten. Er hatte eine grofie, verschmutzte Pfeife 
hervorgeholt, die bereits bis zur Halfte mit verkohltem Tabak 
angefullt war. 

Mit der Tabakration von hundert Gramm in der Woche konnte 
man seine Pfeife selten bis zum Rand fullen. Winston rauchte 
eine Victory-Zigarette, die er sorgfaltig waagrecht hielt. Die neue 
Zuteilung wurde erst morgen fallig, und er hatte nur noch vier 
Zigaretten ubrig. Fur den Augenblick hatte er seine Ohren den 
entfernteren Gerauschen verschlossen und lauschte dem 
Redeschwall, der aus dem Televisor drang. Es stellte sich heraus, 
dafi sogar Demonstrationen stattgefunden hatten, um dem 
Grofien Bruder fur die Erhohung der Schokoladeration auf 
zwanzig Gramm in der Woche zu danken. 

Dabei war erst gestern, so uberlegte Winston, bekanntgegeben 
worden, dafi die Ration auf zwanzig Gramm die Woche 
herabgesetzt wurde. War es moglich, dafi die Leute das nach nur 
vierundzwanzig Stunden schlucken wurden? Ja, sie schluckten 
es. Parsons schluckte es muhelos, mit der Dummheit eines Tieres. 
Das augenlose Geschopf am Nebentisch schluckte es fanatisch, 



69 



leidenschaftlich, mit der blindwtitigen Sucht, jeden ausfindig zu 
machen, zu denunzieren und zu vaporisieren, der behaupten 
wollte, vergangene Woche habe die Ration dreifiig Gramm 
betragen. 

Auch Syme schluckte es - allerdings auf eine komplizierte Art, 
bei der das Doppeldenk hineinspielte. Stand er demnach allein 
da, war er der einzige, der ein Gedachtnis hatte? 
Immer noch tonten die frei erfundenen Statistiken aus dem 
Televisor. Im Vergleich zum vergangenen Jahr gab es mehr zu 
essen, mehr Kleidung, mehr Hauser, mehr Mobel, mehr 
Kochtopfe, mehr Heizmaterial, mehr Schiffe, mehr Flugzeuge, 
mehr Bticher, mehr Neugeborene - mehr von allem aufier 
Krankheit, Verbrechen und Wahnsinn. 

Jahr um Jahr, von einer Minute zur anderen erlebte alles einen 
rasenden Aufstieg. Wie vorher Syme, hatte Winston jetzt seinen 
Loffel ergriffen und manschte in den farblosen Speiseresten auf 
dem Tisch herum, wobei er einen langen Streifen zu einem 
Muster auszog. Voll Ingrimm dachte er tiber die physische 
Beschaffenheit des Lebens nach. War es schon immer so 
gewesen? Hatte das Essen immer so geschmeckt? 
Er blickte sich in der Kantine um. Ein niedriger, gedrangt voller 
Raum, dessen Wande durch die Beruhrung unzahliger Leiber 
schmutzig geworden waren. Verbeulte Metalltische und Sttihle, 
so eng zusammengertickt, dafi man sich im Sitzen mit den 
Ellenbogen beruhrte. Verbogene Gabeln, am Rand abgestofienes 
Geschirr, grobe weifie Becher, auf alien Flachen fettglanzend, 
Schmutz in jedem Sprung. Und ein sauerlicher Geruch tiber 
allem, zusammengesetzt aus schlechtem Gin, minderwertigem 
Kaffee, leicht metallisch schmeckendem Eintopf und unsauberen 
Kleidern. 

Immer regte sich im Magen und auf der Haut ein Protest - das 
Geftihl, um etwas betrogen worden zu sein, worauf man ein 
Anrecht hatte. Zwar hatte er keine Erinnerung an etwas 
wesentlich anderes. Soweit er sich genau zurtickzuerinnern 
vermochte, hatte es nie wirklich genug zu essen gegeben, hatte 



70 



man nie Socken oder Unterhosen besessen, die nicht voll Locher 
waren, war das Mobiliar immer schadhaft und wackelig 
gewesen, waren die Zimmer ungenugend geheizt, die 
Untergrundbahn uberfullt, die Hauser verfallen, das Brot dunkel, 
der Tee eine Raritat, der Kaffee schauderhaft, die Zigaretten zu 
wenig gewesen. Nichts war billig oder reichlich vorhanden 
gewesen aufier dem synthetischen Gin. 

Und obwohl man das alles mit dem Alterwerden naturlich 
schlimmer empfand, war es nicht ein Zeichen, dafi dies nicht die 
naturliche Ordnung der Dinge sein konnte, wenn einem stets das 
Herz weh tat bei der Unbehaglichkeit, dem Schmutz und dem 
Mangel, den endlosen Wintern, den verfilzten Socken, den nie 
funktionierenden Fahrstuhlen, dem kalten Wasser, der sandigen 
Seife, den zerbrockelnden Zigaretten, den kunstlichen 
Nahrungsmitteln mit ihrem chemischen Geschmack? 
Warum empfand man das als so unertraglich, wenn man nicht 
eine altererbte Erinnerung in sich trug, dafi die Dinge einmal 
ganz anders gewesen waren? 

Er sah sich noch einmal in der Kantine um. Fast jeder einzelne 
war hafilich, und ware auch hafilich gewesen, wenn er etwas 
anderes als den gleichformigen blauen Trainingsanzug getragen 
hatte. Am anderen Ende des Raumes safi allein an einem Tisch 
ein kleiner, einem Kafer merkwurdig ahnlicher Mann und trank 
seine Tasse Kaffee, wobei seine Auglein argwohnische Blicke von 
einer Seite zur anderen warfen. 

Winston betrachtete die ihn umgebenden Gestalten. Die 
Mehrzahl der Menschen im Luftflottenstutzpunkt Nr. 1, war, 
soweit er es beurteilen konnte, klein, dunkel und hafilich. Es war 
merkwurdig, wie dieser kaferartige Typ in den Ministerien 
Uberhand nahm: kleine, rundkopfige, untersetzte Menschen, die 
schon in jungen Jahren korpulent wurden, mit kurzen Beinen, 
raschen zappeligen Bewegungen und gedunsenen 
undurchdringlichen Gesichtern mit sehr kleinen Augen. Dieser 
Typ schien unter der Herrschaft der Partei am besten zu 
gedeihen. 



71 



Die Meldung des Ministeriums fur Uberflufi endete mit einem 

erneuten Fanfarenstofi und wurde durch Blechmusik abgelost. 

Parsons, durch das Zahlenbombar dement zu vager Begeisterung 

aufgeruttelt, nahm seine Pfeife aus dem Mund. 

»Das Ministerium fur Uberflufi hat dieses Jahr wahrhaftig Grofies 

geleistet«, sagte er mit einem wissenden Kopfnicken. »Bei der 

Gelegenheit, Smith, alter Junge, Sie haben nicht zufallig ein paar 

Rasierklingen, die Sie mir ablassen konnten?« 

»Nicht eine«, sagte Winston. »Ich benutze selber seit sechs 

Wochen dieselbe Klinge.« 

»Ach so - ich dachte nur, ich wollte Sie mal fragen, alter Junge. « 

»Tut mir leid«, sagte Winston. 

Die quakende Stimme vom Nebentisch, die wahrend der 

Meldung des Ministeriums vorubergehend zum Schweigen 

gebracht worden war, hatte wieder mit voller Lautstarke 

loszulegen begonnen. Aus irgendeinem Grunde mufite Winston 

plotzlich an Frau Parsons mit ihrem Wuschelhaar und dem Staub 

in ihren Kummerfalten denken. In zwei Jahren wurden ihre 

Kinder sie bei der Gedankenpolizei denunzieren. Frau Parsons 

wurde vaporisiert werden. Syme wurde vaporisiert werden. 

Winston wurde vaporisiert werden. O'Brien wurde vaporisiert 

werden. Parsons dagegen wurde nie vaporisiert werden. 

Das augenlose Wesen mit der quakenden Stimme wurde nie 

vaporisiert werden. Die kleinen kaferartigen Menschen, die so 

nichtssagend durch die labyrinthischen Gange der Ministerien 

huschten - auch sie wurden nie vaporisiert werden. Und das 

Madchen mit dem dunklen Haar, das Madchen aus der 

Literaturabteilung - auch sie wurde niemals vaporisiert werden. 

Es schien ihm, als wisse er instinktiv, wer mit dem Leben 

davonkommen und wer vernichtet werden wurde: wenn man 

auch nicht ohne weiteres sagen konnte, welcher Faktor eigentlich 

das Uberleben entschied. 

In diesem Augenblick schrak er heftig aus seiner Traumerei auf. 

Das Madchen am Nebentisch hatte sich halb umgedreht und ihn 

angeblickt. Es war das Madchen mit dem dunklen Haar. Sie sah 



72 



ihn mit einem verstohlenen Seitenblick, aber mit merkwurdiger 
Eindringlichkeit an. In dem Moment, in dem ihre Augen sich 
begegneten, wandte sie sich wieder ab. 

Winston brach der Schweifi aus alien Poren. Ein furchtbarer 
Schreck durchzuckte ihn. Zwar liefi er fast sofort nach, aber es 
blieb eine nagende Ungewifiheit zuruck. Warum beobachtete sie 
ihn? Warum verfolgte sie ihn dauernd? Unglucklicherweise 
konnte er sich nicht entsinnen, ob sie bereits bei seinem Kommen 
an diesem Tisch gesessen hatte oder erst nachher erschienen war. 
Auf alle Falle hatte sie sich gestern, wahrend der Zwei-Minuten- 
Hass-Sendung, unmittelbar hinter ihn gesetzt, obwohl dazu keine 
zwingende Notwendigkeit bestand. Sehr wahrscheinlich hatte sie 
in Wirklichkeit die Absicht gehabt, ganz genau hinzuhoren und 
sich davon zu uberzeugen, ob er auch laut genug in das 
Beifallsgeschrei einstimmte. 

Sein erster Gedanke kam ihm wieder: vermutlich war sie nicht 
wirklich ein Mitglied der Gedankenpolizei, andererseits stellten 
eben gerade die Amateurspitzel die grofite Gefahr von alien dar. 
Er wufite nicht, wie lange sie ihn schon angesehen hatte, 
vielleicht immerhin ftinf Minuten, und es war moglich, dafi er 
sein Gesicht nicht vollig in der Gewalt gehabt hatte. Es war 
schrecklich gefahrlich, seine Gedanken schweifen zu lassen, 
wenn man bei einer offentlichen Veranstaltung oder in 
Reichweite eines Televisors war. 

Die geringste Kleinigkeit konnte einen verraten. Ein nervoses 
Zusammenzucken, ein unbewufiter Angstblick, die Gewohnheit, 
vor sich hinzumurmeln - alles, was den Verdacht des 
Ungewohnlichen erwecken konnte, oder dafi man etwas zu 
verbergen habe. Einen unpassenden Ausdruck im Gesicht zu 
zeigen (zum Beispiel unglaubig dreinzuschauen, wenn ein Sieg 
verkundet wurde), war jedenfalls schon an sich ein strafbares 
Vergehen. Es gab sogar ein Neusprechwort dafur: 
Gesichtsverbrechen. 

Das Madchen hatte ihm wieder den Rucken zugewandt. 
Vielleicht verfolgte sie ihn nicht wirklich, oder es war nur ein 



73 



Zufall, dafi sie zwei Tage hintereinander so nahe von ihm 
gesessen hatte. Seine Zigarette war ausgegangen, und er legte sie 
vorsichtig auf den Tischrand. Er wurde sie nach der Arbeit fertig 
rauchen, wenn inzwischen nicht der Tabak herausgefallen war. 
Sehr wahrscheinlich war die Person am Nebentisch ein Spitzel 
der Gedankenpolizei, und sehr wahrscheinlich war er in drei 
Tagen in den Krallen des Liebesministeriums - aber einen 
Zigarettenstummel durfte man nicht vergeuden! Syme hatte sein 
Blatt Papier zusammengefaltet und in die Tasche gesteckt. 
Parsons hatte wieder zu schwatzen angefangen. 
»Habe ich Ihnen eigentlich erzahlt, alter Junge«, sagte er 
kichernd, das Pfeifenmundstuck zwischen den Zahnen, »wie 
meine beiden Sprofilinge den Rock der alten Marktfrau in Brand 
gesteckt haben, weil sie gesehen hatten, wie sie Wurste in ein 
Plakat mit dem Bild vom G. B. einwickelte? 

Schlichen sich von hinten an sie heran und legten mit 
Zundholzern Feuer an. Haben sie recht bos verbrannt, nehm ich 
an. Kleine Lauser, was? Aber scharf wie Schiefihunde! 
Heute bekommen sie bei den Spahern eine erstklassige 
Vorschulung - sogar noch besser als zu meiner Zeit. Was glauben 
Sie, womit sie neuerdings die Kinder ausgerustet haben? 
Horrohre, um damit durch Schlussellocher zu lauschen! Meine 
Kleine brachte gestern Abend eins mit nach Hause. Sie probierte 
es an unserer Wohnzimmertur aus und stellte test, dafi sie 
doppelt so gut damit horen konnte, als wenn sie einfach das Ohr 
ans Schlusselloch legte. Naturlich ist es nur ein Spielzeug, 
verstehen Sie mich recht. Aber jedenfalls lenkt es ihre Gedanken 
auf die richtige Fahrte, nicht wahr?« 

In diesem Augenblick kam aus dem Televisor ein schrilles 
Pfeifen. Es war das Zeichen, wieder an die Arbeit zu gehen. Alle 
drei Manner sprangen auf, um sich in das Gewuhl vor den 
Fahrstuhlen zu sturzen, und aus Winstons Zigarette fiel der 
restliche Tabak heraus. 



74 



Sechstes Kapitel 



Winston lehnte sich zuruck und starrte gegen die Decke. Dann 
ergriff er den Federhalter und schrieb in sein Tagebuch: „Es war 
vor drei Jahren. An einem dunklen Abend, in einer engen 
Seitenstrafie in der Nahe eines der grofien Bahnhofe. Sie stand 
unweit von einem Torweg unter einer Strafienlaterne, die nur 
sparliches Licht gab. Sie hatte ein junges, sehr stark geschminktes 
Gesicht. Eigentlich war es die Gesichtsbemalung mit ihrer 
maskenhaften Weifie, was mich anzog, und die brennend roten 
Lippen. Die Frauen von der Partei schminken sich nie. Es war 
niemand sonst auf der Strafie, und kein Televisor. Sie sagte zwei 
Dollar. Ich..." 

Es war im Augenblick zu schwierig weiter zuschreiben. Er prefite 
die Finger auf die geschlossenen Augen und versuchte, das Bild 
wieder heraufzubeschworen, das ihm in seiner Erinnerung 
vorschwebte. Er verspurte ein fast unuberwindliches Verlangen, 
mit vollem Stimmaufwand einen Schwall unflatiger Worte 
hinauszuschreien. Oder mit dem Kopf gegen die Wand zu 
rennen, den Tisch umzuwerfen und das Tintenfafi aus dem 
Fenster zu schleudern - irgendetwas Gewaltsames, Lautes oder 
Schmerzhaftes zu tun, um die qualende Erinnerung 
auszuloschen. 

Der schlimmste Feind, mit dem man es zu tun hatte, uberlegte er, 
waren die eigenen Nerven. Jeden Augenblick konnte die innere 
Spannung sich in einem aufieren Symptom verraten. Ihm fiel ein 
Mann ein, an dem er vor ein paar Wochen auf der Strafie 
vorbeigegangen war: ein ganz alltaglich aussehender Mann, ein 
Parteimitglied von funfunddreifiig oder vierzig Jahren, ziemlich 
grofi und mager, eine Aktentasche unterm Arm. Sie waren ein 
paar Meter voneinander entfernt gewesen, als die linke 
Gesichtshalfte des Mannes plotzlich in krampfhafte Zuckungen 
geriet. Das gleiche hatte sich noch einmal gerade in dem 



75 



Augenblick wiederholt, als sie aneinander vorbeigekommen 
waren: es war nur ein kurzes Zittern, ein Zucken, so schnell wie 
das Klicken eines Fotoapparats, aber offenbar chronisch. Er 
erinnerte sich, dafi er damals gedacht hatte: Der arme Teufel ist 
geliefert! Und das Erschreckende daran war, dafi es sich 
hochstwahrscheinlich urn einen unbewufiten Vorgang handelte. 
Die allergrofite Gefahr war, im Schlaf zu sprechen. Soviel er 
wufite, gab es keine Moglichkeit, sich dagegen irgendwie zu 
schutzen. 

Er schopfte Atem und fuhr fort zu schreiben: „Ich ging mit ihr 
durch den Torweg und tiber einen Hinterhof in eine im 
Erdgeschofi gelegene Kuche. An der Wand stand ein Bett und auf 
dem Tisch eine sehr tief herabgeschraubte Lampe. Sie..." 
Er war nervos. Er hatte am liebsten ausspucken mogen. Zugleich 
mit der Frau in der Kuche dachte er an Katherine, seine Frau. 
Winston war verheiratet - oder jedenfalls verheiratet gewesen; 
vermutlich war er es noch, denn soviel ihm bekannt war, war 
seine Frau nicht gestorben. Ihm kam es vor, als atme er wieder 
den warmen, stickigen Geruch in der ebenerdigen Kuche, einen 
Geruch aus Ungeziefer, schmutziger Wasche und miserablem 
billigen Parfum, aber dennoch verlockend, denn keine Frau von 
der Partei benutzte jemals Parfum, auch hatte man sich das 
uberhaupt nicht vorstellen konnen. Nur die Proles benutzten 
Parfum. In seiner Vorstellung war dieser Geruch untrennbar mit 
Unzucht verbunden. 

Als er mit dieser Frau gegangen war, hatte das seinen ersten 
Fehltritt seit ungefahr zwei Jahren bedeutet. Der Umgang mit 
Prostituierten war naturlich verboten, aber es war eine der 
Vorschriften, die man gelegentlich zu ubertreten wagen konnte. 
Es war gefahrlich, aber es war keine Angelegenheit auf Leben 
und Tod. Mit einer Prostituierten erwischt zu werden, konnte bis 
zu ftinf Jahren Zwangsarbeitslager bedeuten; aber nicht mehr, 
wenn man keinen weiteren Verstofi begangen hatte. Und das war 
recht einfach, wenn man nur vermeiden konnte, in flagranti 
ertappt zu werden. In den armeren Vierteln wimmelte es von 



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Frauen, die bereit waren, sich zu verkaufen. Manche waren sogar 
fur eine Flasche Gin zu haben, der nicht fur die Proles bestimmt 
war. Stillschweigend neigte die Partei sogar dazu, die 
Prostitution zu fordern, als ein Ventil fur Instinkte, die sich nicht 
vollig unterdrucken liefien. 

Die blofie Ausschweifung wurde nicht wichtig genommen, 
solange sie fliichtig und freudlos blieb und nur die Frauen der 
unterdruckten und verachteten Klasse daran teilnahmen. Ein 
unverzeihliches Verbrechen dagegen war die Unzucht zwischen 
Parteimitgliedern. Doch obwohl dies auch zu den Verbrechen 
gehorte, deren sich die Angeklagten in den grofien 
Sauberungsprozessen unabanderlich schuldig bekannten, so 
konnte man sich doch nur schwer vorstellen, dafi dergleichen 
wirklich vorkam. 

Das Ziel der Partei war nicht nur, das Zustandekommen enger 
Beziehungen zwischen Mannern und Frauen zu verhindern, die 
sie vielleicht nicht mehr ubersehen konnte. Ihre wirkliche, 
unausgesprochene Absicht ging dahin, den sexuellen Akt aller 
Freude zu entkleiden. 

Nicht so sehr die Liebe als vielmehr die Erotik wurde als Feind 
betrachtet, sowohl in wie aufierhalb der Ehe. Alle 
Eheschliefiungen zwischen Parteimitgliedern mussten von einer 
zu diesem Zweck aufgestellten Kommission genehmigt werden, 
und diese Genehmigung wurde - obwohl dieser Grundsatz nie 
deutlich festgelegt worden war - immer verweigert, wenn das 
fragliche Paar den Eindruck machte, korperlich zueinander 
hingezogen zu sein. Der einzig anerkannte Zweck einer Heirat 
war, Kinder zum Dienst fur die Partei zur Welt zu bringen. 
Zudem wurde uberhaupt das Vorhandensein verschiedener 
Geschlechter im Grunde aggressiv ignoriert und verleugnet. 
Der Fortpflanzungsakt selbst hatte als eine unbedeutende und 
leicht anruchige Sache zu gelten, wie ein Klistier. Auch das 
wurde nie deutlich ausgedruckt, doch auf indirekte Weise jedem 
Parteimitglied von Jugend an eingeimpft. Es gab sogar 
Organisationen wie die Jugendliga gegen Sexualitat, die fur das 



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vollkommene Zolibat beider Geschlechter eintraten. Alle Kinder 
sollten durch kunstliche Befruchtung („Kunstsam" hiefi das im 
Neusprech) gezeugt und in staatlichen Anstalten grofigezogen 
werden. Winston wufite sehr wohl, dafi dies nicht ganz ernst 
gemeint war, aber es pafite zu der allgemeinen Ideologic der 
Partei. 

Die Partei versuchte das Sexualgefuhl abzutoten oder doch zu 
verbiegen und in den Schmutz zu Ziehen. Er wufite nicht, warum 
das so war, aber es schien naturlich, dafi es so sein sollte. Und 
soweit es die Frauen betraf, waren die Bemuhungen der Partei 
weitgehend erfolgreich. Er dachte wieder an Katherine. Es mufite 
wohl neun, zehn - fast elf Jahre her sein, seit sie sich getrennt 
hatten. Es war merkwurdig, wie selten er an sie dachte. Er konnte 
tagelang vergessen, dafi er uberhaupt verheiratet gewesen war. 
Sie hatten nur ungefahr funfzehn Monate zusammengelebt. Die 
Partei duldete keine Scheidung, befurwortete aber in Fallen 
kinderloser Ehen die Trennung. 

Katherine war ein grofies blondes Madchen, von sehr gerader 
Haltung und mit herrlichen Bewegungen. Sie hatte ein kuhnes, 
adlerhaftes Gesicht, ein Gesicht, das man versucht war, ideal zu 
nennen, bis man herausfand, dafi so gut wie nichts dahinter 
steckte. Schon sehr bald wahrend seiner Ehe war er zu der 
Ansicht gelangt - vielleicht auch nur, weil er sie genauer kannte 
als die meisten anderen Menschen -, dafi sie geistig das 
dummste, gewohnlichste und leerste Wesen war, dem er je 
begegnet war. Sie hatte keinen Gedanken im Kopf, der nicht ein 
Schlagwort gewesen ware, und es gab keinen Blodsinn, aber auch 
keinen einzigen, den sie nicht gefressen hatte, wenn die Partei ihn 
ihr auftischte. Er gab ihr im Stillen den Spitznamen »Die alte 
Platte«. Und doch hatte er mit ihr zusammenleben konnen, wenn 
nicht - die Erotik gewesen ware. 

Sobald er sie beruhrte, schien sie zuruckzuzucken und zu 
erstarren. Wenn man sie umarmte, war es genauso, als umarmte 
man eine Holzpuppe. Und seltsamerweise hatte er sogar, wenn 
sie ihn an sich prefite, das Gefiihl, als stofie sie ihn gleichzeitig 



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mit aller Kraft von sich weg. Sie lag mit geschlossenen Augen da, 
weder widerstrebend noch miterlebend, sondern nur sich 
fugend. Es war aufierst hinderlich und nach einer Weile geradezu 
schrecklich. Aber selbst dann hatte er es fertiggebracht, mit ihr 
zusammenzuleben, wenn sie sich dahin geeinigt hatten, dafi jeder 
fur sich blieb. Aber merkwurdigerweise lehnte gerade Katherine 
das ab. 

Sie mufiten, nach ihrer Ansicht, wenn irgend moglich, ein Kind 
zur Welt bringen. So vollzog sich der Vorgang weiterhin ganz 
regelmafiig einmal in der Woche, wenn es nicht gerade 
unmoglich war. Sie pflegte ihn sogar am Morgen daran zu 
erinnern als an etwas, das an dem betreffenden Abend getan und 
nicht vergessen werden durfte. Sie hatte zwei Bezeichnungen 
dafur, die eine hiefi »an unser Baby denken«, und die andere 
»unsere Pflicht gegenuber der Partei erfullen« (ja, diesen 
Ausdruck hatte sie tatsachlich gebraucht). 

Bald schon entwickelte sich bei Winston ein Gefuhl ehrlicher 
Angst, wenn der betreffende Tag nahte. Aber glucklicherweise 
kam kein Kind, und zu guter Letzt war sie einverstanden, den 
Versuch aufzugeben. Und bald darauf gingen sie auseinander. 
Winston seufzte horbar. Wieder ergriff er seinen Federhalter, und 
dann schrieb er weiter in das Tagebuch: „Sie warf sich aufs Bett, 
und sofort, ohne jede Vorbereitung, raffte sie in der gemeinsten, 
abscheulichsten Weise, die man sich vorstellen kann, ihren Rock 
hoch. Ich..." 

Er sah sich wieder in dem truben Lampenlicht stehen und spurte 
in seiner Nase den Geruch nach Wanzen und billigem Parfum. In 
seinem Herzen stieg ein Gefuhl der Niedergeschlagenheit und 
Reue auf, das in diesem Augenblick sogar mit dem Gedanken an 
den weifien Leib Katherines verschwamm, den die hypnotische 
Macht der Partei fur immer hatte zu Eis erstarren lassen. Warum 
mufite es immer so sein? Warum konnte er nicht eine Frau fur 
sich haben, statt dieser schmutzigen Schlampen, in Abstanden 
von Jahren? 



79 



Aber ein wirkliches Liebeserlebnis war ein nahezu 
unvorstellbares Ereignis. Die Frauen aus der Partei waren sich 
alle gleich. Die Enthaltsamkeit war ihnen ebenso tief eingeimpft 
wie die Treue zur Partei. Durch sorgfaltige fruhzeitige Lenkung, 
durch Sport und Kaltwasser, durch den ganzen Unsinn, der 
ihnen in der Schule, bei den Spahern und in der Jugendliga 
eingetrichtert wurde, durch Vortrage, Paraden, Lieder, 
Parteischlagworte und Militarmusik war ihnen jedes naturliche 
Gefuhl ausgetrieben worden. 

Wenn sein Verstand ihm auch sagte, dafi es Ausnahmen geben 
musse, glaubte sein Herz doch nicht daran. Diese Frauen waren 
alle, genau wie die Partei es haben wollte, nicht zu erschuttern. Er 
aber wunschte sich, sogar noch sehnlicher, als geliebt zu werden, 
diese Tugendmauer niederzureifien, und ware es auch nur ein 
einziges Mai in seinem Leben. Der Akt der geschlechtlichen 
Verschmelzung, wenn er gluckhaft vollzogen wurde, war ein Akt 
der Auflehnung. Die Begierde war ein Gedankenverbrechen. 
Sogar Katherine geweckt zu haben - wenn ihm das je gelungen 
ware -, hatte als Verfuhrung gegolten, obwohl sie seine Frau war. 
Aber der Schlufi der Geschichte mufite zu Papier gebracht 
werden. Er schrieb: „Ich schraubte die Lampe hoch. Als ich sie bei 
Lichtsah..." 

Nach der Dunkelheit war ihm das schwache Licht der 
Paraffinlampe sehr hell erschienen. Zum erstenmal konnte er die 
Frau richtig sehen. Er hatte einen Schritt auf sie zu gemacht und 
war dann, erfullt von Begierde und Angst, stehen geblieben. Er 
war sich qualvoll der Gefahr bewufit, die er damit auf sich 
genommen hatte, dafi er hier hereingekommen war. Es war sehr 
wohl moglich, dafi ihn eine Streife beim Herauskommen abfing: 
vielleicht warteten sie in diesem Augenblick schon draufien vor 
der Tur. Wenn er nun fortging, ohne zu tun, weswegen er 
gekommen war. Es war sehr wohl moglich, dafi ihn eine Streife 
beim Herauskommen abfing: vielleicht warteten sie in diesem 
Augenblick schon draufien vor der Tur. Wenn er nun fortging, 
ohne es zu tun... 



80 



Es mufite niedergeschrieben, mufite gebeichtet werden. In der 
vollen Flut des Lampenlichts hatte er plotzlich erkannt: die Frau 
war uralt. Die Schminke in ihrem Gesicht war so dick 
aufgetragen, dafi es aussah, als konnte sie Sprunge bekommen, 
wie eine Maske aus Pappe. In ihrem Haar waren weifie Strahnen. 
Aber die grausigste Einzelheit war, dafi ihr halbgeoffneter Mund 
nichts enthullte als eine schwarze Hohle. Sie hatte uberhaupt 
keine Zahne. 

Hastig schrieb er mit kritzeligen Zugen: „Bei Licht gesehen, war 
sie eine ganz alte Frau, wenigstens funfzig Jahre alt. Aber ich liefi 
mich nicht abschrecken und tat es trotzdem. . ." 
Wieder presste er die Finger gegen seine Augenlider. Endlich 
hatte er es hingeschrieben. Aber es half nichts, die Therapie hatte 
nicht gewirkt. Sein Verlangen, mit lauter Stimme unflatige Worte 
hinauszuschreien, war genauso heftig wie je zuvor. 



Siebentes Kapitel 



„Wenn es noch eine Hoffnung gibt", schrieb Winston, „so liegt 
sie bei den Proles!" 

Wenn es eine Hoffnung gab, so mufite sie einfach bei den Proles 
liegen, denn nur dort, in diesen unbeachtet 
durcheinanderwimmelnden Massen, die 85 Prozent der 
Bevolkerung Ozeaniens ausmachten, konnte jemals die Kraft 
entstehen, das System zu zerschlagen. Von innen her konnte die 
Partei nicht gesturzt werden. Ihren Feinden, wenn sie uberhaupt 
Feinde hatte, bot sich keinerlei Moglichkeit, 
zusammenzukommen oder auch nur einander zu erkennen. 
Sogar wenn die legendare »Bruderschaft« wirklich existierte, was 
immerhin moglich war, blieb es doch unvorstellbar, dafi ihre 



81 



Mitglieder sich jemals in grofierer Anzahl als zu zweien oder 
dreien versammeln konnten. 

Ein Blick in die Augen, eine Modulation der Stimme bedeutete 
schon Rebellion; das Aufierste war ein geflustertes Wort. Aber 
die Proles, wenn sie sich nur ihrer Macht bewusst werden 
konnten, hatten es gar nicht notig, eine Verschworung 
anzuzetteln. Sie brauchten nur aufzustehen und sich zu schutteln, 
wie ein Pferd, das die Fliegen abschuttelt. Wenn sie wollten, 
konnten sie die Partei morgen in Stucke schlagen. Sicherlich 
mufite ihnen fruher oder spater der Gedanke dazu kommen! Und 
doch... 

Er erinnerte sich, wie er einmal eine volkreiche Strafie 
hinuntergegangen war, als sich ein machtiges Geschrei von 
Hunderten von Stimmen - Frauenstimmen - in einer dicht vor 
ihm gelegenen Seitenstrafie erhob. Es war ein grofier, furchtbarer 
Aufschrei des Zorns und der Verzweiflung, ein tiefes, lautes 
»Oooh!«, das wie eine Glocke weiterdrohnte. 
Sein Herz hatte ausgesetzt. Es ist soweit! hatte er gedacht. Eine 
Volkserhebung! Die Proles wachen endlich auf! Als er die Stelle 
erreicht hatte, sah er einen Pobelhaufen von zwei- oder 
dreihundert Weibern sich mit tragischen Mienen, als seien sie die 
dem Untergang geweihten Passagiere eines sinkenden Schiffes, 
um die Verkaufsstande eines Strafienmarktes drangen. Aber im 
gleichen Augenblick loste sich die allgemeine Verzweiflung in 
eine Menge einzelner Zankereien auf. 

Es stellte sich heraus, dafi an einem der Stande Blechpfannen 
verkauft worden waren. Armselige, schabige Dinger - aber 
Kochgeschirr jeglicher Art war immer schwierig zu bekommen. 
Nun war der Vorrat unerwarteterweise schon erschopft. Die 
Frauen, denen es gegluckt war, ein Stuck zu ergattern, versuchten 
sich mit ihren Blechpfannen, von den ubrigen gestofien und 
gedrangt, davonzumachen, wahrend Dutzende von anderen vor 
dem Verkaufsstand larmten, die Verkauferin der Bevorzugung 
beschuldigten und behaupteten, sie habe irgendwo noch mehr 
Blechpfannen in der Reserve. Ein erneutes Geschrei brach aus. 



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Zwei aufgedunsene Frauenspersonen, von denen der einen die 
Frisur aufging, hielten dieselbe Blechpfanne fest und versuchten, 
sie einander aus der Hand zu reifien. Einen Augenblick zerrten 
beide daran, dann brach der Stiel ab. Winston beobachtete sie 
angeekelt. Und doch, welche fast erschreckende Macht hatte fur 
einen kurzen Augenblick aus diesem Schrei aus ein paar hundert 
Kehlen geklungen! Warum konnten sie niemals tiber etwas 
Wichtiges so aufschreien? 

Er schrieb: „Sie werden sich niemals auflehnen, solange sie sich 
nicht ihrer Macht bewufit sind, und erst nachdem sie sich 
aufgelehnt haben, konnen sie sich ihrer Macht bewufit werden. 
Aufierdem sind sie in der Masse ohne Geist und es fehlt ihnen ein 
Anfuhrer..." 

Das hatte beinahe einem der Parteilehrbucher entnommen sein 
konnen, uberlegte er. Die Partei erhob naturlich Anspruch 
darauf, die Proles aus der Knechtschaft befreit zu haben. Vor der 
Revolution waren sie von den Kapitalisten schmahlich 
unterdruckt worden, man hatte sie hungern lassen und 
ausgepeitscht, Frauen mufiten in den Kohlenbergwerken arbeiten 
(Frauen arbeiteten ubrigens in Wirklichkeit noch immer in den 
Kohlenbergwerken), Kinder waren im Alter von sechs Jahren an 
die Fabriken verkauft worden. 

Aber gleichzeitig lehrte die Partei, getreu den Grundsatzen des 
Doppeldenk, die Proles seien von Natur aus minderwertige 
Geschopfe, die durch die Anwendung von einigen wenigen 
einfachen Verordnungen wie die Tiere im Zaum gehalten werden 
mufiten. In Wahrheit wufite man sehr wenig tiber die Proles. Man 
brauchte nicht viel zu wissen. Solange sie nur arbeiteten und sich 
fortpflanzten, waren ihre tibrigen Lebensaufierungen unwichtig. 
Sich selbst tiberlassen wie das Vieh, das man auf die Weiden 
Argentiniens hinaustreibt, waren sie zu einem ihnen offenbar 
nattirlichen Lebensstil, einer Art alter Uberlieferung, 
zurtickgekehrt. Sie wurden geboren, wuchsen in der Gosse auf, 
gingen mit zwolf Jahren an die Arbeit, durchlebten eine kurze 
Bltitezeit korperlicher Schonheit und sinnlicher Begierde, 



83 



heirateten mit zwanzig, alterten mit dreifiig und starben zum 
grofiten Teil mit sechzig Jahren. Schwere korperliche Arbeit, die 
Sorge um Heim und Kinder, kleinliche Streitigkeiten mit 
Nachbarn, Kino, Fufiball, Bier und vor allem Glucksspiele fullten 
den Rahmen ihres Denkens aus. 

Es war nicht schwer, sie unter Kontrolle zu halten. Nur ein paar 
Agenten der Gedankenpolizei bewegten sich standig unter ihnen, 
um falsche Geruchte zu verbreiten und diejenigen zu notieren 
und verschwinden zu lassen, die vielleicht gefahrlich werden 
konnten. 

Aber es wurde kein Versuch unternommen, die Proles mit der 
Partei-Ideologie vertraut zu machen. Es war nicht 
wunschenswert, dafi sie ein starkes politisches Bewufitsein 
hatten. Von ihnen wurde nur ein primitiver Gehorsam verlangt, 
an den man gegebenenfalls appellieren konnte, wenn sie sich mit 
einer Verlangerung ihrer Arbeitsstunden oder einer Kurzung der 
Rationen abfinden mufiten. 

Und sogar, wenn sie einmal unzufrieden wurden, fuhrte ihre 
Unzufriedenheit zu nichts, denn da sie ganz ohne einen leitenden 
Gedanken waren, richtete sich diese Unzufriedenheit nur auf 
belanglose jeweilige Ubelstande. Die grofieren Ubelstande 
entgingen unweigerlich ihrer Aufmerksamkeit. Die grofie 
Mehrheit der Proles hatte nicht einmal einen Televisor in ihrer 
Wohnung. Selbst die gewohnliche Polizei mischte sich nur sehr 
wenig in ihre Angelegenheiten. Es gab in London ein weit 
verbreitetes Verbrechertum, eine ganz in sich geschlossene Welt 
von Dieben, Strafienraubern, Prostituierten, bekannten 
Rauschgift- und Schwarzhandlern. Aber da sich das alles nur 
unter den Proles abspielte, war es ohne Bedeutung. 
In alien ethischen Fragen liefi man sie ihrer alten Tradition folgen. 
Der sexuelle Puritanismus der Partei wurde ihnen nicht 
aufgezwungen. Aufierehelicher Geschlechtsverkehr blieb 
unbestraft, Scheidungen waren erlaubt. Selbst die Ausubung 
einer Religion ware gestattet worden, wenn die Proles irgendwie 
das Bedurfnis oder den Wunsch danach zum Ausdruck gebracht 



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hatten. Sie waren tiber jeden Verdacht erhaben. Wie ein 
Schlagwort der Partei es ausdruckt: »Proles und Tiere sind frei.« 
Winston beugte sich vor und kratzte vorsichtig seine 
Krampfaderknoten, die wieder zu jucken angefangen hatten. Der 
Punkt, auf den man unausweichlich immer wieder zuruckgefuhrt 
wurde, war die Unmoglichkeit, sich ein Bild von dem Leben vor 
der Revolution zu machen. 

Er zog aus der Schublade ein Geschichtsbuch fur Schulkinder 
hervor, das er von Frau Parsons entliehen hatte, und begann ein 
Stuck daraus in sein Tagebuch abzuschreiben: „In den alten 
Zeiten vor der glorreichen Revolution war London nicht die 
herrliche Stadt, als die wir es heute kennen. Es war ein dusterer, 
schmutziger, armseliger Ort, wo kaum jemand genug zu essen 
und Tausende von armen Menschen keine Schuhe an ihren 
Fufien und nicht einmal ein Dach uberm Kopf hatten, unter dem 
sie schlafen konnten. 

Kinder in Euerm Alter mufiten zwolf Stunden am Tag fur 
grausame Arbeitgeber schuften, die sie mit Peitschen schlugen, 
wenn sie zu langsam arbeiteten, und ihnen nur trockenes Brot 
und Wasser zu essen gaben. Aber inmitten dieser schrecklichen 
Armut gab es ein paar grofie, schone Hauser, die von den 
Reichen bewohnt wurden, die bis zu dreifiig Dienstboten zu ihrer 
Bedienung hatten. Diese Reichen nannte man Kapitalisten. Sie 
waren dicke, hafiliche Menschen mit bosen Gesichtern, wie der 
auf der nachsten Seite Abgebildete. Er tragt, wie Ihr seht, einen 
langen schwarzen Rock, der Gehrock genannt wurde, und einen 
komischen, glanzenden Hut von der Form eines Ofenrohrs, der 
Zylinder hiefi. 

Das war die Kleidung der Kapitalisten, und niemand sonst durfte 
sie tragen. Den Kapitalisten gehorte alles, was es auf der Welt 
gab, und alle anderen Menschen waren ihre Sklaven. Sie besafien 
das ganze Land, alle Hauser, alle Fabriken und alles Geld. Wenn 
jemand ihnen nicht gehorchte, liefien sie ihn ins Gefangnis 
werfen oder nahmen ihm die Arbeit weg, damit er verhungerte. 
Wenn ein gewohnlicher Mensch mit einem Kapitalisten sprach, 



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mufite er sich ducken und vor ihm katzbuckeln, seine Mutze 
abnehmen und ihn mit »Gnadiger Herr« anreden. Der Hauptling 
der Kapitalisten wurde Konig genannt und..." 
Aber er kannte diese alte Leier schon. Es wurde sich die 
Beschreibung der Bischofe mit ihren Batistarmeln anschliefien, 
der Richter in ihren Hermelinroben, des Prangers, des Blocks, der 
Tretmiihle, der neunschwanzigen Katze, des Banketts des 
Londoner Oberburgermeisters und des Brauchs, dem Papst den 
Schuh zu kussen. Auch hatte es so etwas wie das sogenannte „jus 
primae noctis" gegeben, was vermutlich nicht in einem 
Kinderlehrbuch stehen wurde. Das war ein Gesetz, nach dem 
jeder Kapitalist das Recht hatte, mit jedem in seinen Fabriken 
beschaftigten Madchen zu schlafen. Er konnte nicht sagen, wie 
viel von all dem Luge war. 

Es mochte wahr sein, dafi es dem Durchschnittsmenschen heute 
besser ging als vor der Revolution. Der einzige Gegenbeweis war 
der stumme Protest im eigenen Innern, das instinktive Gefuhl, 
dafi die Bedingungen, unter denen man lebte, unertraglich waren 
und fruher anders gewesen sein mufiten. Es fiel ihm auf, dafi das 
wirklich Charakteristische des heutigen Lebens nicht seine 
Grausamkeit und Unsicherheit, sondern einfach seine Nacktheit, 
seine Schabigkeit, seine Ruhelosigkeit war. 

Das Leben hatte, wenn man um sich blickte, nicht nur keinerlei 
Ahnlichkeit mit den Liigen, die aus dem Televisor stromten, 
sondern entsprach nicht einmal den Idealen, wie sie die Partei 
aufstellte. Ein grofier Teil des Lebens spielte sich, selbst fur ein 
Parteimitglied, auf einer neutralen und unpolitischen Ebene ab 
und bestand darin, sich mit langweiliger Arbeit abzuplagen, sich 
einen Platz in der Untergrundbahn zu erobern, eine zerrissene 
Socke zu stopfen, eine Sacharintablette zu erbetteln, einen 
Zigarettenstummel aufzubewahren. 

Das von der Partei propagierte Ideal war etwas Grofies, 
Schreckliches, Gleifiendes - eine Welt aus Stahl und Beton, eine 
Welt riesiger Maschinen und furchtbarer Waffen - mit einer 
Bevolkerung aus Kriegern und Fanatikern, die vollig geschlossen 



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voranmarschierte, immer mit den gleichen Gedanken und den 
gleichen Schlachtrufen. Eine Welt, in der alle pausenlos 
arbeiteten, kampften, siegten, verfolgten - dreihundert Millionen 
Menschen, alle mit den gleichen Gesichtern. 

Die Wirklichkeit aber waren zerfallende, heruntergekommene 
Stadte, durch deren Strafien unterernahrte Menschen in 
durchlocherten Schuhen schlichen und in deren notdurftig 
ausgebesserten Hausern aus dem neunzehnten Jahrhundert 
wohnten, wo es immer nach Kohl und schadhaften Aborten roch. 
Alles verrottete und verkam, wahrend aus einem ehemals grofien 
Volk eine kulturlose, verdummte Sklavenmasse geworden war. 
Ihm war, als sahe er eine Vision von London als einer riesigen 
Trummerstadt, einer Stadt von Millionen Kehrichthaufen, und 
dahinter ein Bild von Frau Parsons, einer Frau mit durchfurchtem 
Gesicht und verwuschelten Haaren, die hilflos an einem 
verstopften Ausgufi herumhantierte. 

Er buckte sich und kratzte wieder an seinem Knochel. Tag und 
Nacht knatterte einem der Televisor die Ohren voll mit 
Statistiken, aus denen hervorging, dafi die Menschen heutzutage 
mehr zu essen, mehr anzuziehen, bessere Wohnungen und eine 
bessere Freizeitgestaltung hatten - dafi sie langer lebten und ihre 
Arbeitszeit kurzer war, dafi sie grofier, gesunder, kraftiger, 
glucklicher, klilger, gebildeter waren als die Menschen vor 
funfzig Jahren. 

Kein Wort davon konnte je belegt oder widerlegt werden. Die 
Partei behauptete zum Beispiel, gegenwartig konnten 40 Prozent 
der erwachsenen Proles lesen und schreiben: vor der Revolution, 
hiefi es, habe die Zahl nur 15 Prozent betragen. Die Partei 
behauptete, die Kindersterblichkeit belaufe sich jetzt nur noch auf 
einhundertundsechzig pro Tausend, wahlend sie vor der 
Revolution dreihundert betragen habe - und so ging es weiter. 
Es war ein ewiges Jonglieren mit zwei Unbekannten. Es konnte 
sehr gut moglich sein, dafi buchstablich jedes Wort in den 
Geschichtsbuchern, sogar das, was man unbedenklich hinnahm, 
frei erfunden war. Es brauchte ein Gesetz wie das „jus primae 



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noctis" oder ein Wesen wie den Kapitalisten oder eine 
Kopfbedeckung wie den Zylinderhut nie gegeben zu haben. 
Alles loste sich in Nebel auf. Die Vergangenheit war ausradiert, 
und dann war sogar die Tatsache des Radierens vergessen, die 
Luge war zur Wahrheit geworden. Nur einmal in seinem Leben 
hatte er - post factum, darauf kam es an - den greifbaren, 
unverkennbaren Beweis einer Falschung gehabt. Er hatte ihn 
ganze dreifiig Sekunden in seinen Handen gehalten. Es mufite im 
Jahre 1973 gewesen sein - jedenfalls war es urn die Zeit herum, 
als er und Katherine sich getrennt hatten. Aber das Datum, 
worauf es dabei ankam, lag noch sieben oder acht Jahre weiter 
zuruck. 

Die Geschichte begann eigentlich um die Mitte der sechziger 
Jahre, der Zeit der grofien Sauberungsaktionen, in der die 
ursprunglichen Filhrer der Revolution ein fur allemal beseitigt 
worden waren. 

Um das Jahr 1970 war keiner von ihnen mehr ubrig, aufier dem 
Grofien Bruder selbst. Alle anderen waren inzwischen als 
Verrater und Konterrevolutionare uberfuhrt worden. Goldstein 
war geflohen und hielt sich irgendwo verborgen, und von den 
anderen waren ein paar einfach verschwunden, wahrend die 
Mehrzahl nach aufsehenerregenden Schauprozessen hingerichtet 
worden war, bei denen sie Gestandnisse ihrer Verbrechen 
ablegten. Unter den letzten Uberlebenden waren drei Manner 
namens Jones, Aaronson und Rutherford. Um das Jahr 1965 
herum mufiten auch diese drei verhaftet worden sein. Wie es 
haufig vorkam, blieben sie ein Jahr oder langer verschwunden, so 
dafi man nicht wufite, ob sie uberhaupt noch lebten, und waren 
dann plotzlich wieder aus der Versenkung hervorgeholt worden, 
um sich in der ublichen Weise selbst anzuschuldigen. 
Sie hatten sich des Einverstandnisses mit dem Feind schuldig 
bekannt (auch damals war Eurasien der Feind), der 
Unterschlagung offentlicher Gelder, des Mordes an 
verschiedenen alten Parteimitgliedern, einer Verschworung 
gegen die Fuhrerschaft des Grofien Bruders, die lange vor 



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Ausbruch der Revolution begonnen hatte, und endlich an 
Sabotagehandlungen, die den Tod von Hunderttausenden von 
Menschen herbeigefuhrt hatten. Nachdem sie sich dieser Dinge 
angeklagt hatten, waren sie begnadigt, wieder in die Partei 
aufgenommen und mit bedeutsam klingenden Posten betraut 
worden, die in Wahrheit nur Sinekuren waren. Alle drei hatten 
umfangreiche kriecherische Erklarungen in der Times 
veroffentlicht, in denen sie die Grunde fur ihren Treuebruch im 
Einzelnen auseinander setzten und sich zu bessern versprachen. 
Einige Zeit nach ihrer Freilassung hatte Winston alle drei sogar 
im Cafe »Kastanienbaum« gesehen. Er entsann sich des 
gebannten Entsetzens, mit dem er sie aus den Augenwinkeln 
beobachtet hatte. Sie waren weit alter als er, Uberbleibsel aus 
einer vergangenen Welt, beinahe die letzten grofien Gestalten aus 
der heroischen Anfangszeit der Partei. 

Der Zauber der Untergrundbewegung und des Burgerkrieges 
umwob sie noch ein wenig. Er hatte das Gefuhl - wenn damals 
auch schon Tatsachen und Daten zu verschwimmen begannen -, 
dafi er ihre Namen Jahre vor dem des Grofien Bruders gekannt 
hatte. Aber zugleich waren sie Geachtete, Feinde, Parias, die mit 
absoluter Sicherheit in ein oder zwei Jahren der Vernichtung 
anheim fielen. Kein Mensch, der einmal in die Hande der 
Gedankenpolizei gefallen war, kam schliefilich heil davon. Sie 
waren Leichen auf Urlaub. 

Kein Mensch safi an einem der Tische in ihrer unmittelbaren 
Nahe. Es war nicht ratsam, auch nur in der Nachbarschaft solcher 
Leute gesehen zu werden. Sie safien schweigend vor ihren 
Glasern mit Gin, dem hier, als Spezialitat des Cafes, ein Aroma 
von Gewurznelken beigesetzt war. 

Das Aussehen Rutherfords hatte von den dreien den tiefsten 
Eindruck auf Winston gemacht. Rutherford war fruher ein 
beruhmter Karikaturist gewesen, dessen schonungslose 
Zeichnungen vor und nach der Revolution dazu beigetragen 
hatten, die Massen aufzupeitschen. Selbst jetzt noch erschienen in 
grofien Abstanden seine Witzzeichnungen in der Times. Sie 



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waren lediglich eine Imitation seiner fruheren Technik und 
merkwurdig leblos und unuberzeugend. Es war ein ewiges 
Wiederkauen der alten Themen: Elendswohnungen, 
verhungernde Kinder, Strafienschlachten, Kapitalisten mit 
Zylinderhuten - sogar auf den Barrikaden schienen die 
Kapitalisten noch an ihren Zylinderhuten festzuhalten, ein 
endloses, hoffnungsloses Bemuhen, die Vergangenheit wieder 
aufleben zu lassen. 

Er war ein unformig grofier Mann mit einer fettigen grauen 
Mahne, einem pickeligen, gedunsenen Gesicht und dicken 
Negerlippen. Er mufite einmal riesig stark gewesen sein; jetzt war 
sein schwerer Korper gebeugt, zerbrochen, aufgeschwemmt und 
loste sich in seine Bestandteile auf. Er schien vor den Augen des 
Betrachters auseinander zufallen, wie ein ins Rutschen geratener 
Sandberg. 

Es war die stille Stunde um funfzehn Uhr. Winston konnte sich 
nicht mehr erinnern, wieso er gerade zu dieser Zeit in das Cafe 
gekommen war. Das Lokal war fast leer. Aus dem Televisor 
rieselte Blechmusik. Die drei Manner safien fast regungslos in 
ihrer Ecke, ohne auch nur ein Wort zu sprechen. Unaufgefordert 
brachte der Kellner neue Glaser mit Gin. Neben ihnen auf dem 
Tisch stand ein Schachbrett mit aufgestellten Figuren, aber die 
drei spielten nicht. Und dann ereignete sich, vielleicht im Ganzen 
eine halbe Minute lang, etwas Merkwurdiges mit den 
Televisoren. Das eben gespielte Musikstuck anderte sich, nicht 
allein in der Melodie, auch in der Klangfarbe. Es kam etwas 
hinein - aber es war schwer zu beschreiben, was es war. Ein 
seltsam gebrochener, schmetternder, hohnischer Klang: Winston 
nannte es bei sich einen gelben Klang. 

Und dann sang eine Stimme aus dem Televisor das alte Liedchen: 
Under the spreading chestnut tree, I sold you and you sold me, 
There lie they, and here lie we, Under the spreading chestnut 
tree... 

Die drei Manner machten keine Bewegung. Aber als Winston 
einen heimlichen Blick auf Rutherfords verfallenes Gesicht warf, 



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sah er, dafi dessen Augen voller Tranen standen. Und jetzt 
bemerkte er zum erstenmal mit einem innerlichen Schaudern, 
dafi sowohl Aaronson als Rutherford gebrochene Nasenbeine 
hatten. 

Kurze Zeit darauf wurden alle drei aufs Neue verhaftet. Es stellte 
sich heraus, dafi sie vom Augenblick ihrer Entlassung an sich in 
neue Verschworungen eingelassen hatten. Bei ihrer zweiten 
Verhandlung bekannten sie sich noch einmal zu ihren alten 
Verbrechen, nebst einer ganzen Reihe neuer. Sie wurden 
hingerichtet und ihr Schicksal als Warnung fur spatere 
Generationen in den Partei-Annalen aufgezeichnet. 
Etwa funf Jahre danach, im Jahre 1973, als Winston ein Bundel 
Dokumente aufrollte, die gerade aus der Rohrpostleitung auf 
seinen Schreibtisch geplumpst waren, stiefi er auf einen 
Zeitungsausschnitt, der offenbar zwischen die anderen Papiere 
geraten und dann vergessen worden war. Als er ihn glatt strich, 
erkannte er sofort seine Bedeutung. Es war eine herausgerissene 
halbe Seite aus einer etwa zehn Jahre alten 

Times - die obere Halfte des Blattes, so dafi noch das Datum 
darauf war - und enthielt ein Bild der Delegierten bei irgendeiner 
Parteiveranstaltung in New York. Deutlich im Mittelpunkt der 
Gruppe hervorgehoben standen Jones, Aaronson und 
Rutherford. 

Sie waren leicht zu erkennen; aufierdem standen ihre Namen 
darunter auf dem Begleittext. Der springende Punkt war nun, 
dafi bei beiden Verhandlungen alle drei Manner gestanden 
hatten, sich zu diesem Zeitpunkt auf eurasischem Gebiet 
befunden zu haben. Sie seien von einem geheimen Flughafen in 
Kanada zu einem Zusammentreffen irgendwo in Sibirien 
geflogen, hatten mit Mitgliedern des eurasischen Generalstabs 
Beratungen gepflogen und ihnen wichtige militarische 
Geheimnisse verraten. Das Datum hatte sich Winstons 
Gedachtnis eingepragt, weil es zufallig mit dem Sommeranfang 
zusammenfiel. Aber die ganze Sache mufite noch an zahllosen 



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anderen Stellen aufgezeichnet sein. Es gab nur eine mogliche 
Schlussfolgerung: die Gestandnisse waren Lugen. 
Naturlich war das an sich keine neue Entdeckung. Sogar damals 
hatte Winston keinen Augenblick geglaubt, dafi die bei den 
Sauberungsaktionen Hingerichteten wirklich der Verbrechen 
schuldig seien, deren man sie bezichtigte. Hier aber handelte es 
sich um einen greifbaren Beweis; hier hielt er ein Fragment der 
ausgetilgten Vergangenheit in Handen, wie einen fossilen 
Knochen, der in der verkehrten Gesteinsschicht aufgetaucht war 
und eine geologische Theorie zunichte machte. Wenn das 
Dokument auf irgendeine Weise der Welt bekannt gemacht und 
seine Bedeutung erklart werden konnte, genugte es, um die 
Partei in Atome zu zersprengen. 

Er hatte ruhig weitergearbeitet. Sobald er gesehen hatte, was das 
Bild darstellte und was es bedeutete, hatte er es mit einem 
anderen Blatt Papier zugedeckt. Glucklicherweise war der 
Zeitungsausschnitt beim Aufrollen mit der Ruckseite dem 
Blickfeld des Televisors zugekehrt gewesen. 

Er legte seine Schreibunterlage auf die Knie und schob seinen 
Stuhl zuriick, um moglichst weit von dem Televisor abzuriicken. 
Ein ausdrucksloses Gesicht zu bewahren, war nicht schwer, und 
mit einer entsprechenden Willensanstrengung konnte man sogar 
seine Atemzuge beherrschen; nicht aber das Pochen des Herzens, 
und der Televisor war durchaus empfindlich genug, um es 
aufzufangen. Er liefi seiner Berechnung nach zehn Minuten 
verstreichen, die ganze Zeit gequalt von der Angst, ein Zufall - 
ein plotzlich tiber seinen Schreibtisch wehender Zugwind zum 
Beispiel - konnte ihn verraten. Dann warf er das Bild, ohne es 
noch einmal aufzudecken, zugleich mit einigen anderen 
Papierabfallen, in das Gedachtnis-Loch. Eine Minute spater war 
es wahrscheinlich schon zu Asche zerfallen. 

Das lag zehn, elf Jahre zuriick. Heute hatte er das Bild vielleicht 
aufbewahrt. Es war seltsam, dafi die Tatsache, es in Handen 
gehalten zu haben, fur ihn sogar heute noch von Bedeutung war, 
obwohl doch das Bild selbst ebenso wie das darauf festgehaltene 



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Ereignis so weit zurucklag. War die Macht der Partei tiber die 
Vergangenheit weniger grofi, fragte er sich, weil ein Beweisstuck, 
das nicht mehr existierte, wenigstens einmal existiert hatte? 
Heute jedoch ware das Bild, selbst wenn man es wieder aus 
seinen Aschenresten rekonstruieren konnte, wohl kein Beweis 
mehr. Bereits damals, als er es entdeckte, befand sich Ozeanien 
nicht mehr im Kriegszustand mit Eurasien, und die drei toten 
Manner hatten folglich Ozeanien an Agenten von Ostasien 
verraten haben mussen. Seitdem waren andere Konstellationen 
eingetreten, zwei oder drei, er konnte sich nicht erinnern, wie 
viele. Sehr wahrscheinlich waren die Gestandnisse wieder und 
wieder umgeschrieben worden, bis die ursprunglichen Tatsachen 
und Daten nicht mehr die geringste Bedeutung hatten. Nicht 
genug, dafi die Vergangenheit sich veranderte, ihre Veranderung 
war fortlaufend und unaufhorlich. Mit dem Gefuhl eines 
Alptraums bedruckte ihn am meisten, dafi er nie ganz begriffen 
hatte, warum der ganze riesige Schwindel uberhaupt vollzogen 
wurde. Die unmittelbaren Vorteile einer Falschung der 
Vergangenheit waren offensichtlich, aber das letzte, ureigentliche 
Motiv war schleierhaft. Er griff wieder zu seinem Federhalter 
und schrieb: Das Wie verstehe ich, aber nicht das Warum. 
Er fragte sich wie schon oft, ob er wahnsinnig geworden war. 
Vielleicht war ein Wahnsinniger nichts weiter als eine 
Minderheit, die nur aus einem Menschen bestand. Es hatte eine 
Zeit gegeben, in der es als Zeichen von Wahnsinn gait, zu 
glauben, die Erde drehe sich um die Sonne; heute war es 
Wahnsinn, zu glauben, die Vergangenheit stunde ein fur allemal 
fest. Er stand vielleicht ganz allein da mit diesem Glauben, wenn 
er aber allein war, dann war er ein Wahnsinniger. Aber der 
Gedanke, wahnsinnig zu sein, beunruhigte ihn weniger als die 
furchtbare Vorstellung, dafi auch er Unrecht haben konnte. 
Er nahm das Geschichtsbuch fur Kinder zur Hand und 
betrachtete das Bildnis des Grofien Bruders auf dem Titelblatt. 
Die hypnotischen Augen starrten in die seinen. Es war, als drucke 
einen eine zwingende Kraft nieder - etwas, das einem in den 



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Schadel eindrang, das Gehirn bombardierte, einem die eigenen 
Uberzeugungen austrieb, einen fast dazu brachte, nicht langer 
dem Zeugnis der eigenen Sinne zu trauen. Zu guter Letzt wurde 
die Partei verkilnden, dafi zwei und zwei gleich ftinf sei, und 
man wurde es glauben mussen. Unausweichlich mufite sie fruher 
oder spater diese Behauptung aufstellen: ihre Lage forderte 
logisch diese letzte Folgerung. Nicht nur der Wert der Erfahrung, 
sondern uberhaupt das Vorhandensein einer gegebenen 
Wirklichkeit wurde von der Philosophic der Partei 
stillschweigend geleugnet. 

Die grofite aller Ketzereien war der gesunde Menschenverstand. 
Und das Furchtbare war nicht, dafi sie einen umbrachten, wenn 
man anders dachte, sondern dafi sie vielleicht Recht hatten. Denn 
wie konnen wir schon wissen, ob zwei und zwei wirklich vier ist? 
Oder ob das Gesetz der Schwerkraft stimmt? Oder ob die 
Vergangenheit unveranderlich ist? Wenn beides, Vergangenheit 
und Aufienwelt, nur in der Vorstellung existieren und man die 
Vorstellung einfach beherrschen kann - was dann? 
Aber nein! Seine Zuversicht schien sich plotzlich von selbst zu 
festigen. Ihm war das Gesicht O'Briens in den Sinn gekommen, 
ohne durch eine offensichtliche Gedankenassoziation 
heraufbeschworen zu sein. Er wufite mit grofierer Gewissheit als 
zuvor, dafi O'Brien auf seiner Seite stand. Er schrieb das 
Tagebuch fur O'Brien - er schrieb es an O'Brien gewissermafien: 
es war wie ein endloser Brief, den niemand je lesen wurde, der 
aber an einen bestimmten Menschen gerichtet und von dem 
Gedanken an ihn belebt war. 

Die Partei lehrte einen, der Erkenntnis seiner Augen und Ohren 
nicht zu trauen. Das war ihr entscheidendes, wichtigstes Gebot. 
Ihm sank der Mut, als er an die riesige Macht dachte, die gegen 
ihn gerustet stand, die Leichtigkeit, mit der ihm jeder 
Parteiintelligenzler bei einer Debatte eine Abfuhr erteilen konnte, 
an die ausgeklugelten Argumente, die er nicht zu verstehen, 
geschweige denn zu widerlegen vermochte. Und dennoch war er 
im Recht! Sie hatten Unrecht und er hatte Recht. Das 



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Handgreifliche, das Einfache und das Wahre mufiten verteidigt 
werden. Binsenwahrheiten sind wahr, daran wollte er festhalten! 
Die stoffliche Welt ist vorhanden, ihre Gesetze andern sich nicht. 
Steine sind hart, Wasser ist nafi, jeder Gegenstand, den man 
loslafit, fallt dem Erdmittelpunkt zu. Mit dem Gefuhl, zu O'Brien 
zu sprechen und einen wichtigen Grundsatz aufzustellen, schrieb 
er: Freiheit ist die Freiheit zu sagen, dafi zwei und zwei gleich 
vier ist. Sobald das gewahrleistet ist, ergibt sich alles andere von 
selbst. 



Achtes Kapitel 



Irgendwo vom Ende eines Hausflurs drang der Duft gerosteten 
Kaffees - echten Kaffees, nicht Victory- Kaffees - auf die Strafie. 
Winston blieb unwillkurlich stehen. Vielleicht zwei Sekunden 
lang fuhlte er sich in die halbvergessene Welt seiner Kindheit 
zuriickversetzt. Dann schlug eine Tur ins Schlofi und schien den 
Duft so unmittelbar und abrupt wie einen Ton abzuschneiden. 
Er war mehrere Kilometer weit auf hartem Pflaster gelaufen und 
seine Krampfadern rebellierten. Zum zweitenmal innerhalb von 
drei Wochen hatte er einen Abend im Gemeinschaftshaus 
versaumt: eine gewagte Unbesonnenheit, denn man konnte 
sicher sein, dafi im Gemeinschaftshaus sorgfaltig Buch gefuhrt 
wurde, wie oft man dort erschien. 

Im Prinzip hatte ein Parteimitglied keine Freizeit und war, aufier 
im Bett, niemals allein. Es wurde von ihm erwartet, dafi es, wenn 
es nicht arbeitete, afi oder schlief, an einer Parteiunterhaltung 
teilnahm; irgend etwas zu tun, das einen Hang zum Alleinsein 
verriet, auch nur fur sich einen Spaziergang zu machen, war 
immer ein wenig gefahrlich. Es gab ein Neusprechwort dafur, 
das „Selbstleben" hiefi und Individualismus und 



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Schrullenhaftigkeit bezeichnete. An diesem Abend aber hatte ihn 
beim Verlassen des Ministeriums die milde Aprilluft verlockt. 
Der Himmel war von einem warmeren Blau, als er es in diesem 
Jahr bisher gesehen hatte, und plotzlich waren ihm der lange, 
larmende Abend im Gemeinschaftshaus, die langweiligen, 
anstrengenden Spiele, die Vortrage, die knarrende, mit Gin geolte 
Kameradschaft unertraglich vorgekommen. In einer plotzlichen 
Regung hatte er an der Omnibushaltestelle kehrtgemacht und 
war in das Labyrinth Londons hineingewandert, erst nach Suden, 
dann nach Osten, dann wieder nach Norden, sich in unbekannten 
Strafien verlaufend und gleichgultig, welche Richtung er 
einschlug. 

»Wenn es eine Hoffnung gibt«, hatte er in sein Tagebuch 
geschrieben, »so liegt sie bei den Proles. « 

Diese Worte wollten ihm nicht aus dem Sinn, sie waren wie die 
Feststellung einer geheimnisvollen Wahrheit und zugleich einer 
offensichtlichen Absurditat. Er befand sich irgendwo in dem 
unubersichtlichen, schmutzfarbenen Elendsviertel nordostlich 
der fruheren St.-Pancras-Station und schritt eine 
kopfsteingepflasterte Strafie mit kleinen zweistockigen Hausern 
entlang, deren windschiefe Turen auf gleicher Hohe mit dem 
Strafienpflaster lagen und irgendwie sehr uberzeugend an 
Rattenlocher erinnerten. 

Da und dort zwischen den Pflastersteinen standen dreckige 
Wasserpfutzen. Aus den dunklen Hauseingangen und den nach 
beiden Seiten abzweigenden Gafichen flutete ein erstaunliches 
Gewimmel von Menschen her und wieder zuruck - uppig 
aufgebluhte Madchen mit dick bemalten Lippen, junge Burschen, 
die ihnen nachstellten, und aufgedunsene, schwerfallige Weiber, 
die einem vor Augen fuhrten, wie eben diese Madchen in zehn 
Jahren aussehen wurden; aufierdem alte zusammengekrummte 
Geschopfe, die mit auswarts gerichteten Fufien dahinschlurften, 
und verwahrloste barfufiige Kinder, die in den Pfutzen spielten 
und bald darauf, auf die wutenden Schreie ihrer Mutter hin, 



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auseinander stoben. Etwa ein Viertel der Fenster in der Strafie 
war zerbrochen und mit Brettern verschlagen. 
Die meisten Menschen schenkten Winston keine 
Aufmerksamkeit; ein paar musterten ihn mit vorsichtiger 
Neugier. Von zwei kolofiartigen Weibern, die ihre ziegelroten 
Unterarme uber der Schurze verschrankt hielten und vor einer 
Toreinfahrt miteinander tratschten, fing Winston im 
Naherkommen Gesprachsfetzen auf. 

»Ja, sag' ich zu ihr, ist recht schon und gut, sag' ich. Aber waren 
Sie an meiner Stelle gewesen, hatten Sie dasselbe getan, was ich 
getan hab'. Meckern ist leicht, sag' ich, aber meine Sorgen sind 
nicht Ihre Sorgen.« 

»Ach, naturlich«, meinte die andere, »so ist es. Genau so ist es.« 
Die schrillen Stimmen verstummten plotzlich. Die Frauen 
musterten ihn in feindseligem Schweigen, als er voruberging. 
Doch war es nicht eigentlich Feindseligkeit, sondern nur so etwas 
wie Vorsicht, ein schnelles Wittern beim Wechsel eines 
unbekannten Tieres. Der blaue Trainingsanzug der 
Parteimitglieder konnte in einer solchen Strafie kein gewohnter 
Anblick sein. Im Grunde war es unklug, sich an solchen Orten 
blicken zu lassen, wenn man nicht nachweislich etwas 
Dienstliches dort zu tun hatte. Die Streifen konnten einen 
anhalten, wenn man ihnen zufallig in die Arme lief. »Kann ich 
Ihren Ausweis sehen, Genosse? Was machen Sie hier? Wann 
haben Sie Ihren Arbeitsplatz verlassen? Ist das Ihr ublicher 
Nachhauseweg?« Und so weiter und so weiter. 
Nicht, dafi es eine Verfugung dagegen gegeben hatte, anders als 
auf dem gewohnlichen Weg heimzugehen: aber es war, wenn die 
Gedankenpolizei es erfuhr, schon genug, um die 
Aufmerksamkeit auf einen zu lenken. 

Plotzlich war die ganze Strafie in heller Aufregung. Von alien 
Seiten ertonten Warnungsschreie. Menschen huschten wie 
Kaninchen in die Hauseingange. Unmittelbar vor Winston sturzte 
eine junge Frau aus einem Hauseingang heraus, rifi ein winziges, 
in einer Wasserlache spielendes Kind an sich, wickelte ihre 



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Schurze darum und sprang wieder zuruck, alles in einer einzigen 
Bewegung. Im gleichen Augenblick lief aus einer Seitengasse ein 
Mann in einem schwarzen Anzug auf Winston zu und zeigte 
aufgeregt hinauf zum Himmel. 

»Ein Dampfer!« schrie er. »Pafi auf, Kumpel! Gleich bumst es. 
Hau dich hin!« 

»Dampfer« war der Spitzname, mit dem die Proles aus 
irgendeinem Grunde die Raketenbomben bezeichneten. Winston 
warf sich rasch mit dem Gesicht nach unten auf die Erde. Die 
Proles hatten fast immer recht mit solchen Warnungen. Sie 
schienen eine Art Instinkt zu besitzen, der sie ein paar Sekunden 
im Voraus warnte, dafi eine Rakete herannahte, obwohl die 
Raketengeschosse angeblich schneller waren als der Schall. 
Winston legte die Arme tiber den Kopf. Ein Krach ertonte, so dafi 
die Strafiendecke zu bersten schien, und ein Hagelschauer von 
leichten Gegenstanden prasselte auf Winstons Rucken herab. Als 
er aufstand, entdeckte er, dafi er mit Glassplittern ubersat war, 
die von dem nachstgelegenen Fenster stammten. 
Er ging weiter. Die Bombe hatte, zweihundert Meter weiter die 
Strafie hinunter, eine Hausergruppe zerstort. Eine schwarze 
Rauchfahne hing am Himmel, darunter eine Wolke von 
Mortelstaub, in der sich bereits, rings um die Trummer, eine 
Menschenmenge sammelte. Vor ihm auf dem Pflaster lag ein 
kleiner Mortelhaufen, in dessen Mitte er ein hellrotes Rinnsal 
unterscheiden konnte. Als er naher kam, erkannte er, dafi es eine 
am Handgelenk abgetrennte Menschenhand war. Abgesehen von 
dem blutigen Stumpf war die Hand so vollig ausgeblutet, dafi sie 
einem weifien Gipsabgufi glich. 

Er schleuderte das Ding mit dem Fufi in den Rinnstein und bog 
dann nach rechts in eine Seitenstrafie ab, um aus der Menge 
herauszukommen. In drei oder vier Minuten hatte er die Gegend 
mit dem Bombenschaden hinter sich gelassen, und das 
triibseligschmutzige Gewirr belebter Strafien zog sich weiter, als 
habe sich nichts Besonderes ereignet. Es war fast zwanzig Uhr, 
und die von den Proles besuchten Kneipen waren gedrangt voll. 



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Aus ihren abgegriffenen, unablassig auf- und zuschlagenden 

Klappttiren drang ein Geruch nach Urin, Sagemehl und 

sauerlichem Bier. In einem Winkel hinter einer vorspringenden 

Hausfront standen drei Manner dicht beieinander; der mittlere 

hielt eine aufgeschlagene Zeitung in der Hand, die beiden 

anderen blickten ihm tiber die Schultern. Noch bevor er nahe 

genug herangekommen war, um den Ausdruck ihrer Gesichter 

zu unterscheiden, erkannte Winston schon an der Korperhaltung 

ihre Spannung. 

Offenbar lasen sie eine ungemein wichtige Nachricht. Er war 

noch ein paar Schritte von ihnen entfernt, als die Gruppe 

plotzlich auseinander fiel, wahrend zwei der Manner in heftigen 

Wortwechsel gerieten. Einen Augenblick lang wollte es so 

aussehen, als sollte es zu einer Schlagerei kommen. 

»Kannst du denn deine Ohren nicht aufmachen, wenn ich dir was 

sage? Ich sag' dir doch, keine Zahl auf sieben hat jemals 

gewonnen, seit tiber vierzehn Monaten.« 

»Aber sicher hat sie gewonnen! « 

»Nein, keine Spur. Zu Hause hab' ich den ganzen Kram seit tiber 

zwei Jahren mitgeschrieben. Ich trag' die Ergebnisse immer 

haargenau ein. Und ich sag' dir, keine Zahl mit sieben am 

Schlufi . . . « 

»Und doch hat eine mit sieben gewonnen! Ich kann dir ziemlich 

genau die Nummer sagen, die letzten Stellen waren vier, null, 

sieben. Das war im Februar - zweite Februarwoche.« 

»Lafi dich einpokeln mit deinem Februar! Ich hab' es alles 

schwarz auf weifi. Und ich sag' dir, keine Zahl..." 

»Ach, halt's Maul!« sagte der dritte. 

Sie sprachen tiber die Lotterie. Als er dreifiig Meter 

weitergegangen war, schaute Winston noch einmal zurtick. Sie 

stritten mit roten, aufgeregten Gesichtern noch immer. Die 

Lotterie mit ihren wochentlichen Auszahlungen riesiger Gewinne 

war das einzige offentliche Ereignis, dem die Proles ernstliche 

Aufmerksamkeit schenkten. 



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Man durfte annehmen, dafi im Leben von etlichen Millionen 
Proles die Lotterie den hauptsachlichen, wenn nicht den einzigen 
Inhalt bildete. Sie war ihre Lust, ihr Steckenpferd, ihr Trost, ihr 
geistiger Ansporn. Sobald es sich um die Lotterie handelte, 
schienen sogar Leute, die kaum lesen und schreiben konnten, zu 
verzwickten Berechnungen und erstaunlichen 

Gedachtnisleistungen fahig. 

Eine ganze Kategorie von Menschen verdiente ihren 
Lebensunterhalt lediglich durch den Verkauf von Systemen, 
Vorhersagen und Glucksfetischen. Winston hatte selbst nichts mit 
der Abwicklung der Lotterie zu tun, die dem Ministerium fur 
Uberflufi unterstand, aber er wufite sehr wohl (in der Partei 
wufite es jedermann), dafi die Gewinne grofitenteils nur auf dem 
Papier standen. Nur kleine Betrage wurden wirklich ausbezahlt, 
wahrend die Gewinner der Haupttreffer frei erfundene Personen 
waren. 

Da es zwischen den einzelnen Teilen Ozeaniens keine 
funktionierenden Verbindungsmoglichkeiten gab, war das 
unschwer einzurichten. Und doch, wenn es eine Hoffnung gab, 
so lag sie bei den Proles. Daran mufite man festhalten. In Worten 
ausgedruckt klang es vernunftig; sah man aber die Menschen an, 
denen man auf der Strafie begegnete, dann wurde es zu einer 
Frage des Glaubens. 

Die Strafie, in die er eingebogen war, fuhrte den Hugel hinunter. 
Es kam ihm vor, als sei er schon einmal in dieser Gegend 
gewesen und als musse nicht weit entfernt eine 
Hauptverkehrsader vorbeigehen. Aus dem Ungewissen vor ihm 
drang der Larm lauter Stimmen. Die Strafie machte eine Biegung 
und lief dann in einigen Stufen aus, die zu einer engen Gasse 
hinunterfuhrten, in der auf ein paar Verkaufsstanden welkes 
Gemuse feilgeboten wurde. In diesem Augenblick erinnerte sich 
Winston, wo er war. Die Gasse mundete in eine Hauptstrafie, 
und nach der nachsten Biegung, keine ftinf Minuten entfernt, 
kam der Altwarenladen, in dem er das Buch mit den 
unbeschriebenen Seiten gekauft hatte, das nun sein Tagebuch 



100 



war. Und in einem kleinen Papierwarengeschaft nicht weit von 
hier hatte er seinen Federhalter und die Flasche Tinte erstanden. 
Er blieb einen Augenblick am oberen Ende der Stufen stehen. Auf 
der anderen Seite der Gasse war eine schabige kleine Kneipe, 
deren Fenster wie vereist aussahen, wahrend sie in Wirklichkeit 
nur dick mit Staub uberkrustet waren. Ein uralter Mann, 
vornuber gebeugt, aber noch rustig, mit einem weifien 
Schnurrbart, der sich wie die Ruckenflosse eines Stichlings 
straubte, stiefi die Schwingtur auf und ging hinein. 
Wahrend Winston beobachtend dastand, ging ihm durch den 
Sinn, dafi der alte Mann, der wenigstens achtzig Jahre alt sein 
mufite, bei Ausbruch der Revolution schon in den besten 
Mannesjahren gestanden hatte. Er und ein paar Leute seiner 
Generation waren die letzten noch lebenden Bindeglieder zu der 
verschwundenen Welt des Kapitalismus. 

In der Partei waren nicht mehr viele Menschen ubrig, deren 
Weltanschauung vor der Revolution geformt worden war. Die 
altere Generation war meistenteils bei den grofien 
Sauberungsaktionen der 1950er und 60er Jahre beseitigt worden, 
und die paar Uberlebenden waren langst zu volliger geistiger 
Unterwerfung terrorisiert worden. 

Wenn es noch einen lebendigen Menschen gab, der imstande 
war, einem einen wahrheitsgetreuen Bericht von den 
Verhaltnissen in der ersten Halfte des Jahrhunderts zu geben, so 
konnte das nur ein Prole sein. Plotzlich fiel Winston wieder die 
Stelle ein, die er aus dem Geschichtsbuch in sein Tagebuch 
ubertragen hatte, und ein toller Impuls ergriff von ihm Besitz. Er 
wiirde in die Kneipe gehen, mit dem alten Mann Bekanntschaft 
schliefien und ihn ausfragen. Er wiirde zu ihm sagen: »Erzahlen 
Sie mir von Ihrem Leben, aus Ihrer Kindheit. Wie sah es damals 
aus? War alles besser als heute? Oder war es vielleicht 
schlechter?« 

Rasch, um erst gar keine Angst aufkommen zu lassen, stieg er die 
Stufen hinunter und uberquerte die schmale Gasse. Es war 
naturlich einfach Wahnsinn. Wie gewohnlich, gab es kein 



101 



ausdrilckliches Verbot, mit den Proles zu sprechen und ihre 

Kneipen aufzusuchen, aber es war ein viel zu ungewohnliches 

Verhalten, um unbemerkt zu bleiben. Wenn eine Streife erschien, 

konnte er vielleicht einen Anfall von Unwohlsein vorschutzen, 

aber es war nicht wahrscheinlich, dafi man ihm glauben wurde. 

Er stiefi die Tur auf, und ein furchterlicher, kasiger Geruch nach 

saurem Bier schlug ihm entgegen. Bei seinem Eintritt sank das 

Stimmengewirr auf etwa eine halbe Lautstarke herab. 

Hinter seinem Rucken konnte er fuhlen, wie jedermann seinen 

blauen Trainingsanzug anstarrte. Eine Partie Pfeilwerfen, die am 

anderen Ende des Lokals im Gange war, kam gute dreifiig 

Sekunden zum Stillstand. Der alte Mann, dem er nachgegangen 

war, stand an der Theke und war in einen Wortwechsel mit dem 

Wirt verwickelt, einem stammigen, hakennasigen jungen Mann 

mit ungeheuren Unterarmen. Eine Gruppe von Leuten, die mit 

ihren Glasern in der Hand dastanden, beobachtete die Szene. 

»Ich hab' Sie hoflich genug gebeten, oder vielleicht nicht?« sagte 

der alte Mann, wobei er kampflustig seine Schultern reckte. »Und 

Sie wollen mir weismachen, Sie hatten keine Pinte in der ganzen 

elenden Bude?« 

»Wieviel, zum Teufel, ist uberhaupt eine Pinte?« sagte der Wirt, 

indem er sich, auf die Fingerspitzen gestutzt, weit tiber die Theke 

beugte. 

»H6rt euch das an! So was schimpft sich Wirt und weifi nicht 

einmal, was eine Pinte ist! Eine Pinte ist die Halfte von einem 

Viertel, und vier Viertel sind eine Gallone. Nachstens mufi ich 

Ihnen noch das Abe beibringen.« 

»Noch nie davon gehort«, sagte der Wirt kurz angebunden. 

»Liter und Halbliter, das ist alles, was wir ausschenken. Dort, vor 

Ihnen auf dem Bord, stehen die Glaser.« 

»Ich mochte eine Pinte«, sagte der alte Mann beharrlich. »Sie 

konnten mir genauso gut eine Pinte einschenken. Wir kannten 

diese bloden Liter nicht, als ich ein junger Mann war.« 

»Als Sie ein junger Mann waren, lebten wir alle noch auf den 

Baumen«, sagte der Wirt mit einem Seitenblick auf die Gaste. 



102 



Eine Lachsalve brach los, und die durch Winstons Eintritt 

verursachte Verlegenheit schien uberwunden. Das mit weifien 

Bartstoppeln ubersate Gesicht des alten Mannes war leicht 

gerotet. Vor sich hinbrabbelnd wandte er sich von der Theke weg 

und prallte gegen Winston. Dieser fing ihn sanft am Arm auf. 

»Darf ich Sie zu einem Glas einladen?« fragte er. 

»Sie sind ein Gentleman«, sagte der andere und reckte wieder 

seine Schultern. Er schien Winstons blauen Trainingsanzug nicht 

bemerkt zu haben. 

»Eine Pinte!« fugte er angriffslustig an den Schenkkellner hinzu. 

»Eine Pinte Dunkles.« 

Der Wirt liefi zwei Halbliter dunkelbraunes Bier in dicke Glaser 

zischen, die er in einem Eimer unter der Theke ausgespult hatte. 

Bier war das einzige Getrank, das man in den Proles-Kneipen 

bekommen konnte. Die Proles sollten keinen Gin trinken, wenn 

sie ihn sich auch praktisch recht leicht beschaffen konnten. Das 

Pfeilwerfen war jetzt wieder voll im Gange, und die 

Menschengruppe an der Theke hatte tiber Lotterielose zu 

sprechen begonnen. 

Winstons Anwesenheit war fur eine Weile vergessen. Unter dem 

Fenster stand ein kleiner Abstelltisch, wo er und der alte Mann, 

ohne Furcht, belauscht zu werden, plaudern konnten. Es war 

schrecklich gefahrlich, aber auf alle Falle war kein Televisor in 

dem Lokal, eine Tatsache, deren sich Winston gleich beim 

Hereinkommen vergewissert hatte. 

»Er hatte mir ruhig eine Pinte einschenken konnen«, brummte 

der alte Mann, wahrend er hinter seinem Glase Platz nahm. »So 

ist es mir zuwenig. Und ein ganzer Liter ist wieder zuviel. Er 

schlagt mir auf die Blase. Ganz abgesehen vom Preis.« 

»Seit Sie ein junger Mann waren, mussen Sie grofie 

Veranderungen erlebt haben«, sagte Winston, um erst einmal 

vorzufuhlen. 

Die blassblauen Augen des alten Mannes wanderten von der 

Scheibe der Pfeilwerfer zur Theke und von der Theke zu der Tur 



103 



mit der Aufschrift »Manner«, als ware von den Veranderungen 

die Rede, die sich in der Wirtsstube vollzogen hatten. 

»Das Bier war besser«, sagte er schliefilich. »Und billiger! Als ich 

ein junger Mann war, kostete das Bier - Braunbier pflegten wir es 

zu nennen - vier Pence die Pinte. Das war freilich vor dem 

Krieg.« 

»Welcher Krieg war das?« fragte Winston. 

»Ein Krieg ist wie der andere«, sagte der alte Mann 

verschwommen. Er hob sein Glas, und seine Schultern reckten 

sich wieder. »Auf Ihr Wohl!« 

Der scharf vorspringende Adamsapfel an seinem mageren Hals 

machte eine erstaunlich schnelle Bewegung auf und ab, und das 

Bier war verschwunden. Winston ging an die Theke und kam mit 

zwei weiteren Halbliterglasern zuruck. Der alte Mann schien 

seine Bedenken gegen den ganzen Liter vergessen zu haben. 

»Sie sind sehr viel alter als ich«, sagte Winston. »Sie mussen 

schon ein erwachsener Mann gewesen sein, ehe ich geboren 

wurde. Sie konnen sich sicher erinnern, wie es vor der Revolution 

ausgesehen hat. Menschen in meinem Alter wissen wirklich gar 

nichts von dieser Zeit. Wir konnen nur in Buchern davon lesen, 

und was in den Buchern steht, stimmt vielleicht nicht. 

Ich wufite gerne Ihre Meinung daruber. In den 

Geschichtsbuchern wird behauptet, dafi das Leben vor der 

Revolution vollstandig anders gewesen sei als heute. Die 

schreckliche Unterdruckung, Ungerechtigkeit, Elend - schlimmer 

als alles, was wir uns vorstellen konnen. Hier in London hatte die 

grofie Masse des Volkes von der Wiege bis zum Grabe nie genug 

zu essen. 

Die Halfte der Menschen besafi nicht einmal Schuhe an den 

Fufien. Sie arbeiteten zwolf Stunden am Tag, gingen mit neun 

Jahren von der Schule ab, schliefen zu zehnt in einem Zimmer. 

Und gleichzeitig gab es einige wenige, nur ein paar Tausend - 

Kapitalisten wurden sie genannt -, die reich und machtig waren. 

Ihnen gehorte alles, was man nur besitzen konnte. Sie wohnten in 

grofien prachtigen Hausern mit dreifiig Dienstboten, fuhren in 



104 



Automobilen und vierspannigen Wagen umher, tranken 
Champagner, trugen Zylinderhute...« 

Der alte Mann wurde auf einmal lebendig. »Zylinder!« rief er 
aus. »Komisch, dafi Sie das erwahnen. Dasselbe fiel mir erst 
gestern ein, ich weifi nicht, warum. Ich dachte nur eben, dafi ich 
seit Jahren keinen Zylinder mehr gesehen hab'. Einfach von der 
Bildflache verschwunden sind sie. Das letzte Mai, dafi ich einen 
auf hatte, war beim Begrabnis meiner Schwagerin. Und das war - 
nun, ich konnte Ihnen das Datum nicht nennen, aber es mufi 
funfzig Jahre her sein. Naturlich war er nur fur die Gelegenheit 
ausgeliehen, Sie verstehen.« 

»Das mit den Zylindern ist nicht sehr wichtig«, sagte Winston 
geduldig. »Der springende Punkt ist, dafi diese Kapitalisten - 
zusammen mit ein paar Juristen, Pfarrern und so weiter, die von 
ihnen lebten - die Herren dieser Erde waren. Alles war fur sie da. 
Die anderen - das einfache Volk der Arbeiter - waren ihre 
Sklaven. Sie konnten mit ihnen machen, was sie wollten. Sie 
konnten sie nach Kanada verschiffen wie das liebe Vieh. Sie 
konnten mit ihren Tochtern schlafen, wenn es ihnen pafite. Sie 
konnten die Leute mit einem Ding, das die neunschwanzige 
Katze hiefi, auspeitschen lassen. Man mufite vor ihnen die Mutze 
Ziehen. Jeder Kapitalist ging mit einem Trupp Lakaien umher, 
die . . . « 

Der alte Mann wurde wiederum lebhafter. »Lakaien!« sagte er. 
»Das ist auch ein Wort, das ich ewig nicht mehr gehort habe. 
Lakaien! Das versetzt mich richtig nach damals zuruck, doch, 
bestimmt. Ich erinnere mich - ach, es ist furchtbar lange her -, da 
ging ich manchmal am Sonntagnachmittag in den Hydepark, um 
die Briider ihre Reden schwingen zu horen. 

Heilsarmee, Katholiken, Juden, Inder - alles war vertreten. Und 
da war ein Apostel - nee, ich konnte nicht mehr sagen, wie er 
hiefi, aber ein wirklich mitreifiender Redner, ja, mitreifiend, das 
war er. Er besorgte es den Burschen nicht schlecht. 
>Lakaien<, sagte er, >Lakaien der Bourgeoisie! Speichellecker der 
herrschenden Klasse!< Parasiten! Das war ein anderes 



105 



Lieblingswort von ihm. Und Hyanen - er hat sie ohne weiteres 

Hyanen genannt. Er sprach naturlich von der Labour-Partei, 

verstehen Sie.« 

Winston hatte das Gefuhl, dafi sie aneinander vorbeiredeten. 

»Was ich wirklich wissen wollte«, sagte er, »war, ob Sie das 

Gefuhl haben, dafi jetzt mehr Freiheit herrscht als in jenen Zeiten? 

Werden Sie mehr wie ein Mensch behandelt? In den alten Zeiten 

waren die Reichen, die Leute an der Spitze...« 

»Das Oberhaus!«, warf der alte Mann aus seiner Erinnerung in 

die Debatte. 

»Das Oberhaus, wenn Sie so wollen. Was ich nun gerne wissen 

mochte: Waren diese Leute imstande, einen deshalb als 

Tieferstehenden zu behandeln, einfach, weil sie reich waren und 

man selber arm? 1st es zum Beispiel Tatsache, dafi man sie mit 

>Gnadiger Herr< anreden und die Mutze abnehmen mufite, wenn 

man an ihnen voruberkam?« 

Der alte Mann schien angestrengt nachzudenken. Er trank erst 

ungefahr ein Viertel seines Bieres aus, ehe er antwortete. 

»Ja«, sagte er dann, »sie sahen es gerne, wenn man vor ihnen an 

die Mutze griff. Das verriet so was wie Respekt. Mir behagte das 

personlich auch nicht, aber ich hab's nur zu oft getan. Man mufite 

eben, wie man wohl sagen wurde.« 

»Und war es ublich - ich fuhre nur das an, was ich in 

Geschichtsbuchern gelesen habe -, war es bei diesen Leuten und 

ihren Bedienten ublich, einen vom Burgersteig einfach herunter 

in den Rinnstein zu stofien?« 

»Einer von ihnen hat mich einmal gestofien«, sagte der alte 

Mann. »Ich erinnere mich noch daran, als ware es gestern 

gewesen. Es war am Abend nach einer Ruderregatta - die Leute 

waren immer ganz aufier Rand und Band, am Abend nach einer 

Ruderregatta -, und ich renne auf der Shaftesbury Avenue in 

einen jungen Burschen hinein. Der war ein richtig feiner Herr - 

steifes Hemd, Zylinder, schwarzer Mantel. Er schwankte im 

Zickzack ubern Gehsteig, und ich bumse aus Versehen gegen ihn. 

Sagt er: >Konnen Sie nicht aufpassen, wo Sie gehen?< sagt er. Sag' 



106 



ich: >Glauben Sie, Sie haben das verdammte Trottoir allein 

gepachtet?< Sagt er: >Ich dreh' dir den Kragen urn, wenn du frech 

wirst.< 

Sag' ich: >Sie sind besoffen. Gleich melde ich Sie der Polizei.< Und 

wollen Sie mir's glauben oder nicht, er legt mir die Hand auf die 

Brust und gibt mir einen Stofi, dafi ich um ein Haar unter einen 

Bus geflogen ware. Na, ich war damals noch jung und wollte ihm 

gerade eine langen, da . . .« 

Ein Gefuhl der Hilflosigkeit uberkam Winston. Die Erinnerung 

des alten Mannes war weiter nichts als ein Kehrichthaufen von 

Einzelheiten. Man hatte ihn den ganzen Tag ausfragen konnen, 

ohne eine einzige vernunftige Auskunft zu bekommen. Die 

Geschichtsdarstellungen der Partei konnten zur Halfte wahr sein; 

ja, sie konnten sogar vollkommen wahr sein. Er machte einen 

letzten Versuch. 

»Vielleicht habe ich mich nicht deutlich ausgedruckt«, meinte er. 

»Was ich sagen wollte, ist folgendes: Sie sind schon lange auf 

dieser Welt. Sie haben die Halfte Ihres Lebens vor der Revolution 

gelebt. Im Jahre 1925 zum Beispiel waren Sie schon erwachsen. 

Wurden Sie nach dem, woran Sie sich noch erinnern konnen, 

sagen, dafi das Leben 1925 besser oder schlechter war als heute? 

Wenn Sie wahlen konnten, wurden Sie lieber damals als heute 

leben wollen? « 

Der alte Mann blickte nachdenklich auf die Zielscheibe des 

Wurfspiels. Bedachtiger als zuvor trank er sein Bier aus. Dann 

sprach er mit einem duldsamen, philosophischen Ausdruck im 

Gesicht, als habe ihn das Bier milde gestimmt. 

»Ich weifi, was Sie von mir erwarten. Sie wollen horen, dafi ich 

lieber wieder jung ware. Die meisten Menschen wurden 

antworten, wenn man sie fragt, sie waren lieber wieder jung. 

Man ist bei Kraften und Gesundheit, wenn man jung ist. 

Wenn man in mein Alter kommt, ist man nie mehr so ganz in 

Form. Ich habe manchmal bos an meinen kranken Fufien zu 

leiden, und meine Blase macht mir furchtbar zu schaffen. Sechs- 

oder siebenmal in der Nacht mufi ich raus. Andererseits sind da 



107 



wieder grofie Vorteile, wenn man ein alter Mann ist. Man hat 
nicht mehr dieselben Sorgen. Kein Arger mit den Weibern, das ist 
schon sehr viel wert. Ich war fast dreifiig Jahre mit keiner Frau 
mehr zusammen, ob Sie's glauben oder nicht. Hatte kein 
Verlangen danach, das ist das Beste daran.« 

Winston lehnte sich gegen den Fenstersims zuruck. Es hatte 
keinen Zweck, weiterzumachen. Er wollte gerade noch einmal 
Bier bestellen, als der alte Mann plotzlich aufstand und hastig in 
das stinkende Pissoir in der Ecke des Lokals schlurfte. Der 
zusatzliche halbe Liter machte sich bemerkbar. 
Winston safi noch ein paar Minuten da und starrte in sein leeres 
Glas. Kaum wurde er sich bewufit, dafi ihn seine Fufie wieder 
hinaus auf die Strafie trugen. In hochstens zwanzig Jahren, 
uberlegte er, wurde die grofie und einfache Frage: »War das 
Leben vor der Revolution besser als heute?« ein fur allemal 
unbeantwortet bleiben mussen. 

Im Grunde war sie bereits heute nicht mehr zu beantworten, da 
die paar verstreuten Uberlebenden der alten Welt nicht imstande 
waren, das eine Zeitalter mit dem anderen zu vergleichen. Sie 
erinnerten sich wohl einer Unzahl bedeutungsloser Dinge, an den 
Streit mit einem Arbeitskollegen, die Suche nach einer verlorenen 
Fahrradpumpe, den Ausdruck auf dem Gesicht einer langst 
verstorbenen Schwester, die Staubwirbel an einem windigen 
Morgen vor siebzig Jahren: aber alle wirklich aufschlufireichen 
Tatsachen waren ihrem Gesichtskreis entschwunden. 
Sie waren wie die Ameisen, die wohl kleine, aber keine grofien 
Gegenstande erkennen konnen. Und wenn es keine Erinnerung 
mehr gab und alle schriftlichen Berichte gefalscht waren - wenn 
es soweit war, dann mufite die Behauptung der Partei, die 
Lebensbedingungen der Menschen verbessert zu haben, als wahr 
hingenommen werden, weil es keinen Mafistab mehr gab, den 
man hatte anlegen konnen, und nie mehr einen geben wurde. 
In diesem Augenblick kam sein Gedankengang plotzlich zum 
Stillstand. Er blieb stehen und blickte hoch. Er befand sich in 
einer engen Gasse mit ein paar unbeleuchteten Laden, die 



108 



zwischen Wohnhausern verstreut lagen. Unmittelbar tiber 
seinem Kopf hingen drei verfarbte Metallkugeln, die aussahen, 
als waren sie einmal vergoldet gewesen. Es kam ihm so vor, als 
kenne er die Stelle. Naturlich! Er stand vor dem Altwarenladen, 
in dem er das Tagebuch gekauft hatte. 

Ein jahes Erschrecken durchzuckte ihn. Es war schon hinreichend 
gewagt gewesen, das Buch uberhaupt zu kaufen, und er hatte 
sich geschworen, nie wieder in die Nahe des Ladens zu gehen. 
Und doch hatten ihn in dem Augenblick, als er seinen Gedanken 
zu schweifen erlaubt hatte, seine Fufie ganz von selbst wieder 
hierher getragen. Gerade gegen solche selbstmorderischen 
Impulse hoffte er sich zu wappnen, indem er das Tagebuch 
begann. 

Gleichzeitig bemerkte er, dafi der Laden, obwohl es fast 
einundzwanzig Uhr war, noch immer offengehalten wurde. In 
dem Gefuhl, drinnen weniger aufzufallen, als wenn er auf dem 
Gehsteig blieb, trat er durch die Tur ein. Falls gefragt wurde, 
konnte er glaubhaft versichern, dafi er sich nach Rasierklingen 
erkundigt habe. 

Der Ladenbesitzer hatte gerade eine Petroleumlampe 
angezundet, die einen unsauberen, aber anheimelnden Geruch 
verbreitete. Er war ein etwa sechzigjahriger Mann, gebrechlich 
und vornuber gebeugt, mit einer langen, gutmutigen Nase und 
milden Augen, die von den dicken Brillenglasern ganz verzerrt 
wurden. Sein Haar war fast weifi, aber seine Augenbrauen waren 
buschig und noch dunkel. Seine Brille, seine zarten, 
umstandlichen Bewegungen und seine altmodische schwarze 
Samtjacke verliehen seiner Erscheinung einen intellektuellen 
Anstrich, als sei er ein Literat oder vielleicht ein Musiker. 
»Ich erkannte Sie schon auf der Strafie«, sagte er sofort. »Sie sind 
der Herr, der das Poesiealbum gekauft hat, nicht wahr? Das war 
ein herrliches Papier, wirklich herrlich. Sogenanntes 
Cremepapier, so sagte man fruher. So ein Papier wird nicht mehr 
hergestellt seit - oh, ich mochte sagen, seit funfzig Jahren.« 



109 



Er sah Winston tiber seine Brillenglaser hinweg an. »Kann ich 
Ihnen mit etwas Bestimmtem dienen? Oder wollten Sie sich nur 
eben mal umsehen?« 

»Ich kam gerade vorbei«, sagte Winston zogernd. »Wollte nur 
eben mal hereinschauen. Ich suche nichts Bestimmtes.« 
»Um so besser«, sagte der andere, »denn ich glaube, ich hatte Sie 
nicht zufrieden stellen konnen.« 

Er machte eine entschuldigende Bewegung mit seiner weichen 
Hand. »Sie sehen ja selbst: der Laden ist leer, mochte man sagen. 
Unter uns gesagt, der Antiquitatenhandel ist so gut wie erledigt. 
Keine Nachfrage mehr, und auch kein Angebot. Mobel, 
Porzellan, Glas - alles geht langsam in die Bruche. Und die 
Metallgegenstande sind naturlich grofitenteils eingeschmolzen 
worden. Ich habe seit Jahren keinen Messingleuchter mehr 
gesehen.« 

Das enge Ladeninnere war in Wirklichkeit ungemutlich 
vollgekramt, aber es gab fast keinen Gegenstand von dem 
geringsten Wert darin. Der freie Raum auf dem Fufiboden war 
sehr beschrankt, da rings an den Wanden entlang zahllose 
verstaubte Bilderrahmen aufgeschichtet waren. Im Schaufenster 
standen Tragbrettchen voll Schrauben und Nageln, abgenutzten 
Meifieln, Federmessern mit abgebrochenen Klingen, verrosteten 
Uhren, die wohl niemals wieder gehen wurden, und dem 
verschiedenartigsten Schund. Nur auf einem Tischchen in einer 
Ecke lag allerlei netter Krimskrams - lackierte 
Schnupftabakdosen, Achatbroschen und dergleichen -, Dinge, 
die so aussahen, als konnte sich etwas Interessantes darunter 
befinden. Als Winston zu dem Tischchen hinuberschlenderte, fiel 
sein Blick auf einen runden, glatten Gegenstand, der sanft im 
Lampenlicht schimmerte, und er nahm ihn in die Hand. 
Es war ein schweres Stuck Glas, auf der einen Seite abgerundet, 
auf der anderen flach, also fast eine Halbkugel. Ein besonders 
weicher Ton, als ware es aus Regenwasser, haftete sowohl der 
Farbe wie der Beschaffenheit des Glases an. In seinem Innern 
war, durch die runde Oberflache vergrofiert, ein seltsames, 



110 



rosafarbenes Gebilde zu sehen, das an eine Rose oder 
Seeanemone erinnerte. 
»Was ist das?« fragte Winston entzuckt. 

»Eine Koralle«, sagte der alte Mann. »Sie mufi aus dem Indischen 
Ozean stammen. Man pflegte sie gleichsam ins Glas einzubetten. 
Das wurde vor tiber hundert Jahren so gemacht. Vielleicht sogar 
schon vor langerer Zeit, nach ihrem Aussehen zu schliefien.« 
»Es ist ein sehr schoner Gegenstand«, meinte Winston. »Etwas 
sehr Schones«, sagte der andere anerkennend. »Heutzutage gibt 
es nicht viele Dinge, von denen man das sagen konnte.« 
Er hustete. »Nun, sollten Sie es zufallig kaufen wollen, so 
uberlasse ich es Ihnen fur vier Dollar. Ich kann mich einer Zeit 
erinnern, wo ein solches Stuck acht Pfund gebracht hatte, und 
damals waren acht Pfund - nun ich kann es nicht umrechnen, 
jedenfalls eine Menge Geld. Aber wer hat heutzutage noch etwas 
ubrig fur echte Antiquitaten - fur die wenigen, die es noch gibt?« 
Winston bezahlte sofort die vier Dollar und steckte den begehrten 
Gegenstand in seine Tasche. Was ihn daran fesselte, war nicht so 
sehr seine Schonheit, sondern ein gewisses Etwas, das ihm 
anhaftete und darauf hinzudeuten schien, dafi er einem anderen, 
grundverschiedenen Zeitalter angehorte. 

Das weiche, regenwasserartige Glas war nicht wie ein 
gewohnliches Glas, und er hatte so etwas noch nie gesehen. Der 
Gegenstand war durch seine offenbare Nutzlosigkeit doppelt 
anziehend, obwohl er erraten konnte, dafi er vermutlich einmal 
als Briefbeschwerer gedacht war. Er wog sehr schwer in seiner 
Tasche, aber zum Gliick bauschte er sie nicht sehr auf. Es war 
auffallend, sogar kompromittierend fur ein Parteimitglied, 
dergleichen in seinem Besitz zu haben. Alles Alte - und damit 
alles Schone - war immer ein wenig verdachtig. Der alte Mann 
war merklich liebenswiirdiger geworden, nachdem er die vier 
Dollar bekommen hatte. Winston wurde klar, dafi er sich auch 
mit drei oder sogar zwei zufriedengegeben hatte. 
»Oben ist noch ein anderes Zimmer, das Sie vielleicht gerne 
besichtigen mochten«, sagte er. »Es steht nicht viel drin. Nur ein 



111 



paar Mobelstucke. Wenn wir hinaufgehen, wird eine Lampe als 
Beleuchtung genii gen! « 

Er zundete eine andere Lampe an und ging mit gebeugtem 
Riicken voran die steile, ausgetretene Treppe hinauf, und weiter 
durch einen winzigen Flur in ein Zimmer, das keinen Ausblick 
auf die Strafie, sondern auf einen gepflasterten Hof und einen 
Wald von Schornsteinen hatte. Winston bemerkte, dafi die Mobel 
noch so aufgestellt waren, als ware das Zimmer bewohnt. Ein 
Teppichstreifen lag auf dem Fufiboden, ein paar Bilder hingen an 
den Wanden, und ein tiefer, durchgesessener Lehnstuhl war an 
den offenen Kamin geruckt. Eine altmodische Standuhr unter 
einem Glassturz und mit einem Zwolferzifferblatt tickte auf dem 
Kaminsims. Unter dem Fenster stand, fast ein Viertel des 
Zimmers einnehmend, ein riesiges Bett, auf dem noch die 
Matratzen lagen. 

»Wir wohnten hier, bis meine Frau starb«, sagte der alte Mann, 
halb um Entschuldigung bittend. »Jetzt verkaufe ich die Mobel 
eins nach dem anderen. Das hier ist ein prachtvolles 
Mahagonibett, oder es ware jedenfalls prachtig, wenn man die 
Wanzen herausbekommen konnte. Aber Sie werden vermutlich 
finden, dafi es zuviel Platz einnimmt.« 

Er hielt die Lampe hoch, um den ganzen Raum zu beleuchten, 
und in dem warmen, gedampften Licht sah das Zimmer 
merkwurdig einladend aus. Durch Winstons Kopf huschte der 
Gedanke, dafi es vermutlich ganz leicht sein wurde, das Zimmer 
fur ein paar Dollar in der Woche zu mieten, wenn man nur die 
Gefahr auf sich zu nehmen wagte. 

Es war ein toller, unmoglicher Einfall, den er gleich darauf 
wieder fallen liefi; aber das Zimmer hatte in ihm so etwas wie 
Heimweh, eine Art alter Erinnerung, geweckt. Es kam ihm vor, 
als wiifite er genau, wie man sich fuhlte, wenn man in einem 
solchen Zimmer im Lehnstuhl neben einem offenen Feuer safi, 
mit den Fufien gegen das Kamingitter und einem Teekessel auf 
dem Kaminbord: ganz allein, ganz sicher, ohne jemand, der einen 
beobachten, ohne eine Stimme, die einen verfolgen konnte kein 



112 



anderer Laut als das Summen des Kessels und das freundliche 

Ticken der Uhr. 

»Und keinen Televisor... «, murmelte er unwillkurlich. 

»Oh«, sagte der alte Mann, »ich habe nie eins von diesen Dingen 

besessen. Zu teuer. Ich habe offenbar auch nie ein Bedurfnis 

danach verspurt. Dort druben in der Ecke sehen Sie ein hubsches 

Klapptischchen. Sie mufiten allerdings neue Scharniere anbringen 

lassen, wenn Sie es aufgeklappt benutzen wollen.« 

In der anderen Ecke stand ein kleines Bucherregal, auf das 

Winston bereits losgesteuert war. Es enthielt nichts als Schund. 

Das Auskammen und Vernichten der Bucher war in den Proles- 

Vierteln mit der gleichen Griindlichkeit wie in alien anderen 

besorgt worden. 

Es war hochst unwahrscheinlich, dafi es irgendwo in Ozeanien 

noch ein Exemplar eines vor 1960 gedruckten Buches gab. Noch 

immer die Lampe in den Handen, stand der alte Mann vor einem 

Bild in einem Rosenholzrahmen, das auf der anderen Seite des 

Kamins hing, dem Bett gegenuber. 

»Falls Sie zufallig Interesse an alten Stichen haben sollten«, fing 

er vorsichtig an. Winston trat naher, um das Bild genauer zu 

betrachten. Es war der Stahlstich eines ovalen Gebaudes mit 

rechtwinkeligen Fenstern und einem kleinen Turm in der Mitte. 

Ein Eisengitter lief um das ganze Gebaude, und im Hintergrund 

war offenbar eine Art Standbild. Winston betrachtete es einige 

Augenblicke. Es kam ihm irgendwie bekannt vor, wenn er sich 

auch an das Standbild nicht erinnern konnte. 

»Der Rahmen ist an der Wand befestigt«, sagte der alte Mann, 

»aber ich kann ihn losschrauben.« 

»Ich kenne das Gebaude«, sagte Winston schliefilich. 

»Es ist heute eine Ruine. Es steht mitten auf der Strafie vor dem 

Justizpalast.« 

»Stimmt. Beim Grofien Gerichtshof. Es wurde zerbombt im Jahre 

- ach, vor vielen Jahren. Es ist einmal eine Kirche gewesen. St. 

Clement's Dane hiefi sie.« Er lachelte, wie um Verzeihung 

heischend, als sei er sich bewufit, etwas leicht Lacherliches zu 



113 



sagen, und fugte hinzu: »Oranges and lemons, say the bells of St. 
Clement's!« 

»Was soil das bedeuten?« fragte Winston. »Ei nun - >Oranges and 
lemons, say the bells of St. Clement's<. Das war ein Abzahlreim, 
den wir sangen, als ich noch ein kleiner Junge war. Wie er 
weitergeht, erinnere ich mich nicht. Ich weifi nur, dafi es am 
Schlufi heifit: "Here comes a candle to light you to bed, here 
comes a chopper to chop off your head." 

Es war so eine Art Ringelreihen. Die Kinder hielten die Arme 
hoch, damit man drunter durchgehen konnte, und wenn man zu 
>Here comes a chopper to chop off your head< kam, liefien sie die 
Arme sinken, und man war gefangen. Es waren lauter Namen 
von Kirchen. Alle Londoner Kirchen kamen drin vor - die 
bekanntesten, meine ich.« 

Winston fragte sich, aus welchem Jahrhundert die Kirche 
stammte. Es war immer schwierig, das Zeitalter eines Londoner 
Gebaudes zu bestimmen. Alles Grofie und Eindrucksvolle wurde, 
wenn es einigermafien neu aussah, automatisch als ein Neubau 
der Revolution in Anspruch genommen, wahrend alles, was 
offenkundig fruheren Datums war, einer dunklen und 
unbestimmten Epoche zugeschrieben wurde, die man als 
Mittelalter bezeichnete. 

Von den Jahrhunderten des Kapitalismus wurde so getan, als 
hatten sie nichts von irgendwelchem Wert hervorgebracht. Von 
der Architektur konnte man ebenso wenig Geschichte ablesen 
wie aus den Buchern. Statuen, Inschriften, Denkmaler, 
Strafiennamen - alles, was Licht auf die Vergangenheit werfen 
konnte, war systematisch abgeandert worden. So hatte man 
diesem Land seine Vergangenheit und damit zugleich seine 
Identitat geraubt. 

»Ich wufite gar nicht, dafi es eine Kirche war«, sagte Winston. 
»Es stehen in Wirklichkeit noch eine ganze Menge Kirchen«, 
sagte der alte Mann, »wenn sie auch anderen Zwecken zugefuhrt 
wurden. Wie ging doch jetzt gleich dieser Reim weiter? Ach, ich 



114 



hab's! >Oranges and lemons, Say the bells of St. Clement's, You 

owe me three farthings, Say the bells of St. Martins..." 

Sehen Sie, soweit bringe ich's zusammen. Ein Farthing war eine 

kleine Kupfermunze, ungefahr wie ein Cent.« 

»Wo stand St. Martin's?« fragte Winston. 

»St. Martin's? Es steht noch. Am Victory-Square, neben der 

Bildergalerie. Ein Gebaude mit einer Art dreieckiger Vorhalle, 

einem Saulenvorbau und grofien, breiten Stufen, die 

hinauffuhren.« 

Winston kannte das Gebaude gut. Es war ein Museum fur die 

Ausstellung von verschiedenartigem Propagandamaterial: von 

verkleinerten Modellen von Raketengeschossen, Schwimmenden 

Festungen, Wachsnachbildungen feindlicher Greueltaten und 

dergleichen. 

»St. Martin's in the Fields wurde die Kirche damals immer 

genannt«, erganzte der alte Mann, »obwohl ich mich an keine 

Felder in dieser Gegend erinnern kann.« 

Winston kaufte das Bild nicht. Es ware als Besitztum sogar noch 

belastender gewesen als der glaserne Briefbeschwerer und 

unmoglich nach Hause zu tragen, wenn man es nicht aus dem 

Rahmen herausloste. Aber er blieb noch ein paar Minuten und 

unterhielt sich mit dem alten Mann, der ubrigens, wie er 

herausfand, nicht Weeks hiefi, wie man nach der Aufschrift auf 

dem Ladenschild hatte annehmen konnen, sondern Charrington. 

Herr Charrington, stellte sich heraus, war ein Witwer von 

dreiundsechzig und hatte dreifiig Jahre lang in diesem Laden 

gewohnt. 

Diese ganze Zeit tiber hatte er die Absicht gehabt, den Namen 

uber dem Schaufenster zu andern, war aber doch nie dazu 

gekommen. Wahrend ihrer ganzen Unterhaltung wollte Winston 

der nur halb erinnerte Kinderreim nicht aus dem Kopf gehen. 

Oranges and lemons, say the bells of St. Clement's. You owe me 

three farthings, say the bells of St. Martin's! Es war seltsam: wenn 

man es vor sich hinsagte, hatte man die Illusion, tatsachlich 

Glocken lauten zu horen, die Glocken eines verschollenen 



115 



Londons, das doch noch da oder dort, ganz entstellt und 
vergessen, vorhanden war. Von einem geisterhaften Kirchturm 
nach dem andern glaubte er das Gelaut zu horen. Dabei hatte er, 
soviel er sich erinnern konnte, in Wirklichkeit noch nie im Leben 
Kirchenglocken lauten horen. 

Er verabschiedete sich von Herrn Charrington und stieg allein 
die Treppe hinunter, um den alten Mann nicht merken zu lassen, 
dafi er erst einen forschenden Blick auf die Strafie warf, ehe er aus 
der Tur trat. Er hatte innerlich bereits beschlossen, nach einer 
entsprechenden Wartezeit - vielleicht nach einem Monat - das 
Risiko auf sich zu nehmen und den Laden nochmals zu 
besuchen. Es war vielleicht nicht gefahrlicher, als einen 
Gemeinschaftsabend zu schwanzen. 

Die eigentliche Tollkuhnheit war gewesen, uberhaupt noch 
einmal hierher zu kommen, nachdem er das Diarium gekauft 
hatte und nicht wissen konnte, ob man dem Ladeneigentumer 
trauen durfte. Aber sei's drum. . . ! 

Ja, er dachte noch einmal, er wurde wiederkommen. Er wurde 
andere Reste von schonem Tand kaufen. Er wurde den Stich von 
St. Clement's Dane erstehen, ihn aus dem Rahmen nehmen und 
unter der Bluse eines Trainingsanzugs versteckt nach Hause 
tragen. Er wurde auch noch die ubrigen Strophen dieses 
Kinderreims aus Herrn Charringtons Gedachtnis herauslocken. 
Sogar der wahnwitzige Plan, das Zimmer im Obergeschofi zu 
mieten, durchzuckte fur einen Augenblick seinen Kopf. Ftinf 
Sekunden lang vielleicht machte ihn seine Hochstimmung 
unvorsichtig, und er trat, ohne auch nur vorher zur Sicherung 
einen Blick durchs Fenster zu werfen, hinaus auf die Strafie. Er 
hatte sogar zu einer improvisierten Melodie zu summen 
angefangen: »Oranges and lemons, Say the bells of St. Clement's, 
You owe me three farthings, Say the. . .« 

Plotzlich erstarrte sein Herz zu Eis, und seine Knie wurden 
wachsweich. Eine Gestalt im blauen Trainingsanzug kam ihm, 
keine zehn Meter entfernt, auf der Strafie entgegen. Es war das 
Madchen der Literaturabteilung, das Madchen mit dem dunklen 



116 



Haar. Die Beleuchtung war schlecht, aber er konnte sie ohne 
weiteres erkennen. Sie blickte ihm gerade ins Gesicht und ging 
dann rasch weiter, als habe sie ihn nicht bemerkt. 
Ein paar Sekunden war Winston wie gelahmt und konnte keinen 
Fufi vor den anderen setzen. Dann bog er nach rechts ab und 
schritt rasch aus, ohne im ersten Augenblick zu merken, dafi er in 
der verkehrten Richtung ging. Eines stand jedenfalls fest. Es gab 
keinen Zweifel mehr, dafi das Madchen ihm nachspionierte. Sie 
mufite ihn verfolgt haben, denn es war nicht glaubhaft, dafi sie 
aus reinem Zufall am selben Abend durch dieselbe obskure 
Hintergasse kam, kilometerweit von alien Vierteln entfernt, in 
denen Parteimitglieder wohnten. Es ware ein zu grofier Zufall 
gewesen. Ob sie wirklich eine Agentin der Gedankenpolizei oder 
lediglich ein von ubertriebenem Diensteifer inspirierter Amateur- 
Spitzel war, blieb sich so ziemlich gleich. Es genugte, dafi sie ihn 
beobachtete. Vermutlich hatte sie ihn auch in die Kneipe 
hineingehen sehen. 

Ihm wurde das Gehen schwer. Der glaserne Gegenstand in seiner 
Tasche schlug bei jedem Schritt an seine Hufte, und er dachte 
halb und halb daran, ihn herauszuziehen und wegzuwerfen. Das 
Schlimmste waren seine Leibschmerzen. Ein paar Augenblicke 
lang hatte er das Gefuhl, er wurde sterben, wenn er nicht bald 
eine Toilette erreichte. Doch in einem solchen Viertel gab es wohl 
keine offentlichen Bedurfnisanstalten. Dann losten sich die 
Krampfe und liefien nur einen dumpfen Schmerz zuriick. 
Die Strafie war eine Sackgasse. Winston blieb stehen und 
uberlegte ein paar Sekunden unschlussig, was er tun sollte. Dann 
kehrte er um und ging den Weg zuriick. Im Kehrtmachen fiel ihm 
ein, dafi das Madchen erst vor drei Minuten an ihm 
vorbeigekommen war und er sie laufend vermutlich einholen 
konnte. Er konnte sich an ihre Fersen heften, bis sie eine 
verlassene Gegend erreicht hatten, und ihr dann mit einem 
Pflasterstein den Schadel einschlagen. Der Glasgegenstand in 
seiner Tasche war schwer genug dazu. Aber er liefi diese Idee 
sofort wieder fallen, denn schon der Gedanke an irgendeine 



117 



korperliche Anstrengung war ihm unertraglich. Er brachte es 
einfach nicht fertig, zu laufen und zu einem Schlag auszuholen. 
Aufierdem war sie jung und kraftig und wurde sich verteidigen. 
Er dachte auch daran, noch zum Gemeinschaftshaus zu eilen und 
dort bis zur Sperrstunde zu bleiben, um sich wenigstens ein 
teilweises Alibi fur den Abend zu verschaffen. Aber auch das war 
unmoglich. Eine todliche Ermattung hatte sich seiner bemachtigt. 
Er wollte nichts weiter als nach Hause gehen, sich hinsetzen und 
ausruhen. 

Es war nach zweiundzwanzig Uhr, als er seine Wohnung 
erreichte. Um dreiundzwanzig Uhr dreifiig wurde der Lichtstrom 
von der Hauptleitung her abgeschaltet werden. Er ging in die 
Kuche und gofi fast eine ganze Teetasse voll Victory-Gin 
hinunter. Dann ging er zu dem Tisch in der Nische, setzte sich 
und zog das Tagebuch aus der Schublade. Aber er schlug es nicht 
sofort auf. Aus dem Televisor kreischte eine blecherne 
Frauenstimme ein kollektivistisches Arbeitslied. Er safi da und 
starrte, in dem Versuch, die Stimme aus seinem Bewufitsein 
auszuschalten, den marmorierten Buchdeckel an. 
Nachts holten sie einen, immer in der Nacht. Das Richtige war, 
sich umzubringen, ehe sie einen abholten. Zweifellos gab es 
Menschen, die das taten. Viele Falle von Verschwinden waren in 
Wirklichkeit Selbstmorde. Aber man brauchte den Mut der 
Verzweiflung, um sich in einer Welt, in der Feuerwaffen oder ein 
rasch wirkendes Gift vollkommen unmoglich zu beschaffen 
waren, selbst zu toten. 

Er dachte mit Staunen an die biologische Sinnlosigkeit von 
Schmerz und Angst, an den erbarmlichen Verrat des 
menschlichen Korpers, der immer genau in dem Augenblick in 
Schwache verfallt, in dem man von ihm eine besondere 
Anstrengung benotigt. Er hatte das dunkelhaarige Madchen zum 
Schweigen bringen konnen, wenn er nur rasch genug gehandelt 
hatte, aber gerade infolge der Grofie der ihm drohenden Gefahr 
hatte er die Fahigkeit zum Handeln verloren. Es kam ihm zu 
Bewufitsein, dafi man in Momenten hochster Gefahr nie gegen 



118 



einen von aufien kommenden Feind ankampft, sondern immer 
nur gegen den eigenen Korper. Sogar jetzt, trotz des Gins, machte 
der dumpfbohrende Schmerz in seinem Bauch ein 
zusammenhangendes Denken unmoglich. 

Und in alien scheinbar heldischen oder tragischen Lagen, 
erkannte er, ist es das gleiche. Auf dem Schlachtfeld, in der 
Folterkammer, auf einem untergehenden Schiff werden die 
entscheidenden Dinge, um derentwillen man kampft, immer 
vergessen, weil der Korper sich vordrangt, bis er die ganze Welt 
ausfullt. Und selbst wenn man nicht vor Angst gelahmt ist oder 
nicht vor Schmerz aufschreit, ist das Leben immer ein Kampf, 
von einem Augenblick zum andern, gegen Hunger oder Kalte 
oder Schlaflosigkeit, gegen einen verdorbenen Magen oder einen 
schmerzenden Zahn. 

Er schlug sein Tagebuch auf. Es war wichtig, jetzt etwas 
niederzuschreiben. Die Frau im Televisor hatte ein neues Lied 
angestimmt. Ihre Stimme schien sein Gehirn wie zackige 
Glassplitter zu durchbohren. Er versuchte an O'Brien zu denken, 
fur den, an den er sein Tagebuch geschrieben hatte, aber 
stattdessen begann er daruber nachzudenken, was mit ihm 
geschehen wiirde, nachdem ihn die Gedankenpolizei abgefuhrt 
hatte. Es ware ja nicht so schlimm, wenn sie einen gleich 
umbrachten. 

Man war darauf gefafit, getotet zu werden. Aber vor dem Tod 
(niemand sprach von diesen Dingen, und doch wufite sie jeder) 
kam erst das unvermeidliche Erpressen von Gestandnissen: das 
Herumkriechen auf dem Boden und das Um-Gnade-Flehen, das 
Krachen zermalmter Knochen - die eingeschlagenen Zahne und 
die blutigen Haarbuschel. 

Warum mufite man das durchmachen, da doch das Ende immer 
das gleiche war? Warum war es nicht moglich, ein paar Tage 
oder Wochen aus seinem Leben einfach zu streichen? Niemand 
entging jemals der Entdeckung, und niemand hatte je verfehlt, 
ein Bekenntnis abzulegen. Hatte man erst einmal ein 
Gedankenverbrechen begangen, so war es sicher, dafi man nach 



119 



einer bestimmten Zeit tot war. Warum mufite einen dann dieses 
Entsetzliche, das doch nichts anderte, im Schofie der Zukunft 
erwarten? 

Er versuchte, mit ein wenig mehr Erfolg als zuvor, sich das Bild 
O'Briens vorzustellen. »Wir werden uns wiedersehen, wo keine 
Dunkelheit herrscht«, hatte O'Brien zu ihm gesagt. Er wufite, was 
das bedeutete, oder glaubte es zu wissen. Der Ort, an dem keine 
Dunkelheit herrscht, war die ertraumte Zukunft, die man nie 
erleben wurde, deren man aber durch Vorausschau in 
geheimnisvoller Weise teilhaftig werden konnte. 
Aber wahrend die Stimme aus dem Televisor ihm die Ohren voll 
drohnte, konnte er den Gedankengang nicht weiter verfolgen. Er 
steckte sich eine Zigarette an. Prompt fiel die Halfte des Tabaks 
heraus auf seine Zunge, ein bitter schmeckender Staub, der sich 
nur schwer wieder ausspucken liefi. In Gedanken schwebte ihm 
das Gesicht des Grofien Bruders vor und verdrangte das 
O'Briens. Genau wie er es vor ein paar Tagen getan hatte, zog er 
eine Munze aus der Tasche und betrachtete sie. Das Gesicht 
starrte zu ihm empor, ernst, ruhig, beschutzend, doch welches 
Lacheln mochte sich hinter dem dunklen Schnurrbart verbergen? 

KRIEG BEDEUTET FRIEDEN 
FREIHEIT 1ST SKLAVEREI 
UNWISSENHEIT 1ST STARKE 

Wie Grabgelaute fielen ihm wieder diese Worte ein. . . 



120 



Zweiter Teil 



Erstes Kapitel 



Es war mitten am Vormittag; Winston hatte seine Arbeitsnische 
verlassen, um auf die Toilette zu gehen. Da kam eine einzelne 
Gestalt vom anderen Ende des langen, hellerleuchteten Ganges 
auf ihn zu. Es war das dunkelhaarige Madchen. 
Vier Tage waren seit dem Abend verstrichen, als sie ihm vor dem 
Altwarenladen begegnet war. Wahrend sie naher kam, bemerkte 
er, dafi sie den rechten Arm in einer Schlinge trug, die man aus 
der Entfernung nicht erkennen konnte, weil sie von der gleichen 
Farbe wie ihr Trainingsanzug war. Vermutlich hatte sie sich die 
Hand gequetscht bei der Bedienung eines der grofien 
Kaleidoskope, in denen die Grobeinstellung der ersten Fassung 
von Romanen hergestellt wurde. Das war in der 
Literaturabteilung ein wohl ziemlich haufiger Arbeitsunfall. 
Sie waren vielleicht noch vier Meter voneinander entfernt, als das 
Madchen stolperte und fast ihrer ganzen Lange nach hinfiel. Ein 
schriller Schmerzensschrei entrang sich ihrer Brust. Sie mufite 
gerade auf den verletzten Arm gefallen sein. Winston blieb 
stehen. Das Madchen hatte sich auf den Knien aufgerichtet. Ihr 
Gesicht war milchweifi geworden, und der Mund hob sich in 
lebhafterem Rot als vorher von ihrer Blasse ab. Mit einem 
flehentlichen Ausdruck, der mehr nach Angst als nach Schmerz 
aussah, blickten ihre Augen in die seinen. 

Ein seltsames Gefuhl regte sich in Winstons Herzen. Zu seinen 
Fufien lag ein Feind, der ihm nach dem Leben trachtete; zugleich 
aber auch ein Mensch, der von Schmerzen gequalt wurde und 
sich vielleicht einen Knochen gebrochen hatte. Instinktiv war er 



121 



herbeigeeilt, um ihr zu helfen. In dem Augenblick, als er sie auf 

den verbundenen Arm fallen sah, war ihm gewesen, als fuhlte er 

den Schmerz am eigenen Leibe. 

»Haben Sie sich verletzt?« fragte er. 

»Es ist nichts. Nur mein Arm. Es wird gleich wieder gut sein.« Sie 

sprach, als stocke ihr das Herz. Jedenfalls war sie sehr bleich 

geworden. 

»Sie haben sich hoffentlich nichts gebrochen?« 

»Nein, mir fehlt nichts. Es tat einen Augenblick weh, das ist 

alles.« Sie streckte ihm ihre freie Hand entgegen, und er half ihr 

auf. Sie hatte wieder etwas Farbe bekommen und schien sich 

bedeutend besser zu fuhlen. 

»Es ist nichts«, wiederholte sie kurz. »Ich verspurte nur einen 

Stich im Handgelenk. Danke, Genosse!« Und damit ging sie so 

unbeschwert in der gleichen Richtung weiter, als sei tatsachlich 

nichts geschehen. 

Der ganze Zwischenfall konnte keine halbe Minute gedauert 

haben. Seine Gefuhle durch nichts zu verraten, war fur 

jedermann zu einer Instinkthandlung geworden, und uberdies 

hatten sie gerade vor einem Televisor gestanden, als die Sache 

passierte. Trotzdem war es Winston nicht leichtgefallen, einen 

fluchtigen Ausdruck der Uberraschung zu unterdrucken, denn in 

den zwei oder drei Sekunden, in denen er ihr aufhalf, hatte das 

Madchen ihm etwas in die Hand gedruckt. Es stand aufier Frage, 

dafi sie das absichtlich getan hatte. Es war ein kleiner und flacher 

Gegenstand. Als er die Toilette betrat, schob er ihn in seine 

Tasche und befuhlte ihn mit den Fingerspitzen. Es war ein 

viereckig zusammengefaltetes Stuckchen Papier. 

Wahrend er vor dem Becken stand, gelang es ihm nach einigem 

Fingern, den Zettel auseinander zufalten. Offenbar stand eine 

Nachricht darauf. Einen Augenblick fuhlte er sich versucht, ihn 

in eine der Kabinen mitzunehmen und auf der Stelle zu lesen. 

Doch das ware eine unverzeihliche Torheit gewesen, wie er wohl 

wufite. Es gab kaum einen anderen Ort, an dem man so sicher 

sein konnte, dauernd durch den Televisor uberwacht zu werden. 



122 



Er ging an seinen Arbeitsplatz in seine Nische zuruck, warf das 
Zettelchen nachlassig unter die anderen auf dem Schreibtisch 
liegenden Papiere, setzte sich die Brille auf und zog den 
Sprechschreiber zu sich heran. »Funf Minuten«, sagte er zu sich 
selbst; »mindestens ftinf Minuten.« Sein Herz klopfte 
erschreckend heftig in seiner Brust. Zum Gliick war die Arbeit, 
mit der er gerade beschaftigt war, eine reine Routinesache, die 
Richtigstellung einer langen Zahlenliste, und erforderte keine 
angestrengte Aufmerksamkeit. 

Was immer auf dem Papier geschrieben stand, mufite eine Art 
politische Bedeutung haben. Soweit er es beurteilen konnte, gab 
es zwei Moglichkeiten. Die eine, weit wahrscheinlichere, bestand 
darin, dafi das Madchen, ganz wie er gefurchtet hatte, eine 
Agentin der Gedankenpolizei war. Er wufite zwar nicht, warum 
die Gedankenpolizei gerade diesen Weg wahlen sollte, einem 
ihre Weisungen zugehen zu lassen, aber vielleicht hatte sie ihre 
Grunde dafur. Auf dem Zettelchen konnte eine Drohung stehen, 
eine Vorladung, die Aufforderung, Selbstmord zu begehen, es 
konnte auch irgendeine Falle sein. Aber es gab eine andere, noch 
tollere Moglichkeit, und sie liefi sich nicht verscheuchen, wenn er 
auch vergebens versuchte, sie aus seinen Gedanken zu 
verbannen. Dafi namlich die Nachricht uberhaupt nicht von der 
Gedankenpolizei kam, sondern von einer Art 
Untergrundbewegung. 

Vielleicht gab es »Die Bruderschaft« doch! Vielleicht gehorte das 
Madchen ihr an! Kein Zweifel, der Gedanke war absurd, aber er 
war ihm sofort durch den Kopf geschossen, als er das Stuckchen 
Papier in seiner Hand spurte. Erst ein paar Minuten spater war 
ihm die andere, wahrscheinlichere Moglichkeit in den Sinn 
gekommen. Und sogar jetzt noch - wenn ihm auch sein Verstand 
sagte, dafi die Botschaft vermutlich den Tod bedeutete -, sogar 
jetzt konnte er noch immer nicht daran glauben, und er 
klammerte sich an eine unvernunftige Hoffnung. Sein Herz 
klopfte, und nur muhsam konnte er ein Zittern seiner Stimme 



123 



vermeiden, wahrend er seine Zahlen in den Sprechschreiber 
hineinmur melte . 

Er rollte den erledigten Stofi Papiere zusammen und steckte ihn 
in die Rohrposttrommel. Acht Minuten waren verstrichen. Er 
schob die Brille auf der Nase zurecht, seufzte und zog das 
nachste Bundel Akten zu sich heran, auf dem das Zettelchen lag. 
Er strich es glatt. In einer grofien, unbeholfenen Handschrift 
stand darauf: Ich Hebe Sie. 

Mehrere Sekunden lang war er zu verblufft, um das belastende 
Papier in das Gedachtnis-Loch zu werfen. Als er es endlich tat, 
konnte er - obwohl er sehr gut die Gefahr eines zu lebhaft 
bekundeten Interesses kannte - nicht der Versuchung 
widerstehen, es noch einmal zu lesen, nur um sich zu 
uberzeugen, ob diese Worte wahrhaftig dastunden. 
Den ubrigen Vormittag fiel ihm das Arbeiten sehr schwer. 
Schwieriger noch, als seine Aufmerksamkeit auf eine Reihe 
langwieriger Arbeiten zu konzentrieren, war die Notwendigkeit, 
seine Aufregung vor dem Televisor verbergen zu mussen. 
Ihm war, als brenne ein Feuer in ihm. Das Mittagessen in der 
heifien, oft uberfullten, larmenden Kantine war eine Tortur. Er 
hatte gehofft, wahrend der Mittagspause ein wenig allein zu sein, 
aber wie es das Ungluck wollte, liefi sich der blonde Parsons 
neben ihm auf einen Stuhl plumpsen, wobei seine scharfe 
Schweifiausdiinstung beinahe den metallenen Eintopfgeruch 
verdrangte. Er schwatzte unaufhorlich von den Vorbereitungen 
fur die Hass-Woche. Er war besonders begeistert tiber einen zwei 
Meter breiten Kopf des Grofien Bruders aus Papiermache, der zu 
der Veranstaltung von dem Spaher-Fahnlein seiner Tochter 
angefertigt wurde. 

Das Lastige war, dafi Winston bei dem Stimmengewirr kaum 
horen konnte, was Parsons sagte, und ihn dauernd bitten mufite, 
die eine oder andere seiner belanglosen Bemerkungen zu 
wiederholen. Nur einmal konnte er einen fliichtigen Blick auf das 
Madchen werfen, das am anderen Ende des Raumes an einem 
Tisch mit zwei Kolleginnen safi. Sie schien ihn nicht gesehen zu 



124 



haben, und er vermied es, nochmals in die gleiche Richtung zu 
blicken. 

Der Nachmittag war ertraglicher. Sofort nach dem Essen traf ein 
hochst kniffliges Stuck Arbeit ein, das mehrere Stunden in 
Anspruch nahm und es notwendig machte, alles andere beiseite 
zu legen. Es bestand darin, eine Reihe von zwei Jahre 
zuruckliegenden Pro duktionszif fern so zu verfalschen, dafi ein 
prominentes Mitglied der Inneren Partei, das gerade in Ungnade 
gefallen war, dadurch in Mifikredit gebracht wurde. Es war eine 
Arbeit, in der Winston sich besonderes Geschick erworben hatte, 
und fur iiber zwei Stunden vermochte er das Madchen 
vollstandig aus seinem Denken auszuschalten. 
Dann kehrte die Erinnerung an ihr Gesicht zuruck, und mit ihr 
ein rasendes, schier unertragliches Verlangen, allein zu sein. Ehe 
er nicht allein sein konnte, war es unmoglich, iiber diese neue 
Wendung der Dinge nachzudenken. Heute war fur ihn 
Pflichtabend im Gemeinschaftshaus. 

Er schlang in der Kantine eine nach nichts schmeckende Mahlzeit 
hinunter, eilte dann fort zum Gemeinschaftshaus, nahm an dem 
feierlichen Unfug einer sogenannten »Diskussionsgruppe« teil, 
spielte zwei Partien Tischtennis, sturzte mehrere Glas Gin 
hinunter und liefi eine halbe Stunde einen Vortrag iiber das 
Thema »Engsoz und seine Beziehungen zum Schachspiel« iiber 
sich ergehen. Innerlich wand er sich vor Langeweile, aber zum 
ersten Male seit einiger Zeit hatte er nicht das Bedtirfnis versptirt, 
den Gemeinschaftsabend zu versaumen. Beim Anblick der drei 
Worte »Ich Hebe Sie« war der Wunsch, am Leben zu bleiben, neu 
in ihm erwacht, und plotzlich schien es toricht, in Kleinigkeiten 
sich einer Gefahr auszusetzen. Erst um dreiundzwanzig Uhr, als 
er daheim war und im Bett lag - in der Dunkelheit, in der man 
sogar vor dem Televisor sicher war, solange man sich still 
verhielt -, konnte er ungestort nachdenken. 

Es gait ein technisches Problem zu losen: wie konnte er wohl mit 
dem Madchen in Verbindung treten und ein Stelldichein mit ihr 
verabreden? 



125 



Die Moglichkeit, dafi sie ihm nur eine Falle stellen wollte, zog er 
nicht mehr in Betracht. Er wufite auf Grund ihrer 
unverkennbaren Aufregung, als sie ihm den Zettel ausgehandigt 
hatte, dafi dem nicht so war. Offensichtlich war sie vor Angst 
vollig durcheinander gewesen, was durchaus erklarlich war. 
Auch kam ihm nicht einen Augenblick lang in den Sinn, ihre 
Annaherungsversuche zuruckzuweisen. Erst vor ftinf Nachten 
wollte er ihr in Gedanken mit einem Pflasterstein den Schadel 
einschlagen; aber das hatte nichts zu bedeuten. 
Er dachte an ihren nackten, jugendlichen Korper, wie er ihn in 
seinem Traum gesehen hatte. Er hatte geglaubt, sie sei wie alle 
die anderen, den Kopf vollgestopft mit Ltigen und Hass, der Leib 
ein einziger Eisklumpen. Eine Art Fieber befiel ihn bei dem 
Gedanken, er konnte sie verlieren, der junge weifie Leib konnte 
sich ihm entziehen. Mehr als alles andere furchtete er, sie konnte 
es sich noch einmal anders uberlegen, wenn er nicht rasch mit ihr 
in Beziehung trat. Aber die technische Schwierigkeit, sie zu 
treffen, war enorm. Es war, als wollte man beim Schachspiel 
einen Zug machen, nachdem man bereits matt gesetzt worden 
war. Wohin man auch den Blick wandte, wurde man vom 
Televisor beobachtet. 

Tatsachlich waren ihm schon in den ersten ftinf Minuten, 
nachdem er den Zettel gelesen hatte, alle Moglichkeiten, sich mit 
ihr in Verbindung zu setzen, durch den Kopf geschossen. Jetzt 
aber, da er zum Nachdenken Mufie hatte, prtifte er sie noch 
einmal eine nach der anderen, als lege er sich eine Reihe von 
Instrumenten zurecht. 

Offensichtlich konnte eine Verstandigung, wie sie heute Morgen 
stattgefunden hatte, nicht wiederholt werden. Hatte sie in der 
Registraturabteilung gearbeitet, so ware es verhaltnismafiig leicht 
gewesen; aber er hatte nur eine sehr ungenaue Vorstellung, in 
welchem Teil des riesigen Gebaudes die Literaturabteilung lag, 
und erst recht keinen Vorwand, dorthin zu gehen. Hatte er 
gewusst, wo sie wohnte und um welche Zeit sie ihren 
Arbeitsplatz verliefi, dann hatte er es einrichten konnen, ihr 



126 



irgendwo auf dem Heimweg zu begegnen. Aber der Versuch, ihr 
vom Btiro bis zum Haus nachzugehen, war nicht ratsam, denn er 
hatte ein Herumstehen vor dem Ministerium mit sich gebracht, 
und das ware vermutlich aufgefallen. Einen Brief durch die Post 
zu schicken, kam auch nicht in Frage. Es war ein offenes 
Geheimnis, dafi ublicherweise alle Briefe vor der Zustellung 
geoffnet wurden. Es schrieben praktisch auch nur wenig Leute 
Briefe. Fur die Mitteilungen, die man sich gelegentlich zu machen 
hatte, gab es vorgedruckte Postkarten mit einer Anzahl von 
Satzen, von denen man die nichtzutreffenden durchstrich. 
Uberdies wufite er ja nicht einmal den Namen des Madchens, 
geschweige denn ihre Adresse. Schliefilich kam er zu dem 
Schlufi, dafi der sicherste Ort die Kantine blieb. Wenn er sie allein 
an einem Tisch irgendwo in der Mitte des Raumes, nicht zu nahe 
von einem Televisor und inmitten des alles ubertonenden 
Stimmengewirrs erwischen konnte - und seien diese 
Vorbedingungen auch nur dreifiig Sekunden lang gegeben -, so 
konnte es moglich sein, ein paar Worte mit ihr zu wechseln. 
Wahrend der folgenden Woche war das Leben wie ein qualender 
Traum. Gleich am Tage darauf erschien sie erst in der Kantine, als 
er aufbrechen mufite, weil die Sirene bereits ertonte. Vermutlich 
war sie einer spateren Schicht zugeteilt worden. Sie gingen ohne 
einen Seitenblick aneinander vorbei. Am nachsten Tage safi sie zu 
der iiblichen Zeit in der Kantine, aber zusammen mit drei 
anderen Madchen und unmittelbar unter einem Televisor. Dann 
erschien sie drei schreckliche Tage lang uberhaupt nicht mehr. 
Winston schien an Korper und Geist von einer unertraglichen 
Ubersensibilitat heimgesucht zu werden, er war wie aus Glas, so 
dafi jede Bewegung, jeder Laut, jede Beruhrung, jedes Wort, das 
er aussprechen oder anhoren mufite, zur Qual wurde. 
Sogar im Schlaf konnte er sich nicht vollig von ihrem Bild 
freimachen. Wahrend dieser Tage ruhrte er sein Tagebuch nicht 
an. Am ehesten fand er noch eine Erleichterung in seiner Arbeit, 
bei der er seinen Kummer manchmal fur voile zehn Minuten 
vergessen konnte. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, was aus 



127 



dem Madchen geworden war. Er konnte keine Erkundigungen 
nach ihr anstellen. Sie konnte vaporisiert worden sein, konnte 
Selbstmord verubt haben oder ans andere Ende von Ozeanien 
versetzt worden sein: Am schlimmsten und wahrscheinlichsten 
von allem war die Moglichkeit, dafi sie es sich vielleicht anders 
uberlegt und beschlossen haben konnte, ihm kunftig aus dem 
Weg zu gehen. 

Am folgenden Tag tauchte sie wieder auf. Ihr Arm steckte nicht 
mehr in der Schlinge, stattdessen hatte sie einen Pflasterverband 
um ihr Handgelenk. Seine Erleichterung bei ihrem Anblick war 
so grofi, dafi er nicht umhin konnte, sie ein paar Sekunden lang 
unverwandt anzublicken. Am Tag darauf ware es ihm um ein 
Haar gelungen, mit ihr zu sprechen. Als er in die Kantine kam, 
safi sie ganz allein an einem ziemlich weit von der Wand 
entfernten Tisch. Es war noch friih und der Raum nicht sehr voll. 
Die Schlange der Essenfassenden ruckte langsam voran, bis 
Winston fast am Ausgabetisch stand, dann aber geriet sie fur 
zwei Minuten ins Stocken, weil vorne jemand sich daruber 
beschwerte, seine Sacharintablette nicht erhalten zu haben. Noch 
aber safi das Madchen allein, als Winston sein Tablett ergriff und 
auf ihren Tisch zusteuerte. Er ging wie zufallig auf sie zu, 
wahrend seine Augen nach einem Platz am Tisch hinter ihr 
Ausschau hielten. Sie war vielleicht drei Meter von ihm entfernt. 
Noch zwei Sekunden, und es wurde soweit sein. 
Da rief hinter ihm eine Stimme: »Smith!« Er tat, als hore er nicht. 
»Smith!« wiederholte die Stimme lauter. Es half nichts. Er mufite 
sich umdrehen. 

Ein dumm aussehender junger Mann namens Wilsher, den er 
kannte, forderte ihn mit einem Lacheln auf, sich auf einen freien 
Platz an seinem Tisch zu setzen. Es war nicht ratsam, die 
Einladung abzulehnen. Nachdem er einen Bekannten getroffen 
hatte, konnte er nicht einfach hergehen und sich an einen Tisch 
mit einem Madchen ohne Begleitung setzen, das war zu 
auffallend. Er nahm mit einem freundlichen Lacheln Platz. Das 
dumme Blondgesicht strahlte ihn an, wahrend Winston sich in 



128 



Gedanken ausmalte, wie er mit einer Spitzhacke darauf 
losschlug. Ein paar Minuten spater war der Tisch des Madchens 
besetzt. 

Aber sie mufite bemerkt haben, wie er auf sie zukam, und 
vielleicht verstand sie den Wink. Am nachsten Tag trug er Sorge, 
fruhzeitig zu kommen. Tatsachlich safi sie an einem Tisch an 
ungefahr der gleichen Stelle, und wieder allein. Unmittelbar vor 
ihm in der Schlange stand ein kleiner, zappeliger, kaferartiger 
Mann mit einem flachen Gesicht und winzigen argwohnischen 
Augen. Als Winston mit seinem Tablett von der Theke wegging, 
sah er, dafi der kleine Mann geradewegs auf den Tisch des 
Madchens zusteuerte. Wieder sanken seine Hoffnungen. An 
einem etwas weiter entfernten Tisch war zwar auch noch ein 
Platz frei, aber der kleine Mann sah nicht so aus, als ob er sich die 
Bequemlichkeit des nachsten und am wenigsten besetzten 
Tisches entgehen lassen wurde. 

Mit erstarrtem Herzen ging Winston hinter ihm drein. Es hatte 
nur Zweck, wenn er das Madchen allein sprechen konnte. In 
diesem Augenblick gab es einen scherbenklirrenden Krach. Der 
kleine Mann lag auf alien vieren, sein Tablett war ihm aus der 
Hand geglitten, zwei Bache von Suppe und Kaffee ergossen sich 
uber den Fufiboden. Er rappelte sich mit einem bosen Blick auf 
Winston auf, den er offenbar im Verdacht hatte, ihm ein Bein 
gestellt zu haben. Aber nichts weiter passierte. Ftinf Sekunden 
spater safi Winston mit pochendem Herzen am Tisch des 
Madchens. 

Er sah sie nicht an. Er stellte sein Tablett ab und begann sofort zu 
essen. Zwar kam alles darauf an, schnell zu sprechen, ehe jemand 
anders an den Tisch kam, aber eine schreckliche Beklemmung 
hatte von ihm Besitz ergriffen. Eine Woche war vergangen, seit 
sie sich ihm zum erstenmal genahert hatte. Vielleicht hatte sie 
ihren Sinn geandert. Ja, sie mufite ihn geandert haben! Es war 
unmoglich, dafi diese Geschichte gut ausging; so etwas gab es 
nicht im wirklichen Leben. Vielleicht hatte er uberhaupt kein 
Wort uber die Lippen gebracht, wenn er nicht in diesem 



129 



Augenblick Ampleforth, den Dichter mit den behaarten Ohren, 

mit einem Tablett in Handen unbeholfen in dem Lokal 

herumgehen und nach einem Sitzplatz hatte suchen sehen. In 

seiner etwas unbestimmten Art war Ampleforth Winston zugetan 

und wurde sicherlich an seinem Tisch Platz nehmen, wenn er ihn 

erblickte. Es blieb ihm vielleicht nur eine Minute zum Handeln. 

Beide, Winston und das Madchen, alien eifrig weiter. Was sie 

hinunterschlangen, war ein dunnes Eintopfgericht, eine 

Bohnensuppe. Mit einem leisen Murmeln begann Winston zu 

sprechen. Keiner von beiden blickte auf; ohne Unterbrechung 

loffelten sie das wassrige Zeug und wechselten zwischendurch 

mit leiser, gleichformiger Stimme die notigsten Worte. 

»Wann gehen Sie von der Arbeit weg?« 

»Achtzehn Uhr dreifiig.« 

»Wo konnen wir uns treffen?« 

»Victory-Square, beim Denkmal.« »Dort wimmelt es von 

Televisoren.« 

»Das macht nichts, bei dem Gedrange.« 

»Brauchen wir ein Zeichen?« 

»Nein. Kommen Sie erst zu mir heruber, wenn Sie mich mitten in 

der Menschenmenge sehen. Und sprechen Sie nicht mit mir. 

Bleiben Sie nur in meiner Nahe.« 

»Wann?« 

»Neunzehn Uhr.« 

»Gut.« 

Ampleforth hatte Winston nicht erspaht und setzte sich an einen 

anderen Tisch. Doch die beiden sprachen nicht mehr miteinander 

und vermieden es, soweit das fur zwei am selben Tisch sich 

Gegenubersitzende moglich war, einander nochmals 

anzublicken. Sie beendete rasch ihre Mahlzeit und stand auf, 

wahrend Winston sitzen blieb, um eine Zigarette zu rauchen. 

Winston fand sich vor der verabredeten Zeit am Victory-Square 

ein. Er ging um den Sockel der riesigen kannelierten Saule 

herum, auf deren Spitze das Standbild des Grofien Bruders gen 

Suden blickte, wo er die eurasischen Flugzeuge (vor ein paar 



130 



Jahren waren es die ostasiatischen gewesen) in der Schlacht um 
den Luftflottenstutzpunkt Nr. 1 besiegt hatte. In der Strafie 
gegenuber stand ein Reiterdenkmal, das Oliver Cromwell 
darstellen sollte. 

Ftinf Minuten nach der vereinbarten Zeit war das Madchen 
immer noch nicht erschienen. Wieder befiel Winston die gleiche 
furchterliche Angst. Sie wurde nicht kommen, sie hatte es sich 
anders uberlegt! Langsam ging er die Nordseite des Platzes 
hinauf und empfand eine Art wehmutiger Freude beim Anblick 
der St.-Martins-Kirche, deren Glocken einst, als sie noch Glocken 
hatte, »You owe me three farthings« gelautet hatten. 
Plotzlich sah er das Madchen an dem Denkmal stehen, scheinbar 
in die Lektiire eines Plakates vertieft, das spiralformig um die 
Saule herum lief. Ehe sie nicht von mehr Menschen umgeben 
war, konnte er sich ihr nicht gefahrlos nahern; rund um das 
Denkmal waren Televisoren angebracht. Aber in diesem 
Augenblick ertonte von links her lautes Stimmengewirr und das 
Rattern schwerer Wagen. Plotzlich schien alles tiber die Strafie zu 
laufen. Das Madchen bog rasch um die steinernen Lowen am Fufi 
des Denkmals und lief der Menge nach. Winston folgte ihr. Im 
Laufen entnahm er einigen Ausrufen, dafi ein Transport 
eurasischer Gefangener auf der anderen Seite des Platzes unter 
schwerer Bewachung vorubergefahren wurde. 
Schon verkeilte eine dichte Menschenmenge die Sudseite des 
Platzes. Winston, der sich normalerweise aus jedem Gedrange 
herauszuhalten versuchte, stiefi und drangte sich seinen Weg 
durch die Menge. Bald stand er auf Armeslange von dem 
Madchen entfernt, doch war der Weg von einem riesigen Proles 
und einem fast ebenso riesigen Weibsstuck, vermutlich seiner 
Frau, versperrt, die zusammen einen schier undurchdringlichen 
Fleischwall zu bilden schienen. Winston schob sich weiter 
seitwarts, und mit einem heftigen Vorstofi gelang es ihm, seine 
Schulter zwischen die beiden zu zwangen. Einen Augenblick war 
es, als ob seine Weichteile zwischen zwei muskulosen Huften 
zermalmt werden sollten, dann hatte er sich leicht schwitzend 



131 



durchgearbeitet. Er stand jetzt Schulter an Schulter neben dem 

Madchen; beide blickten starr geradeaus. 

Eine lange Kolonne Lastwagen, auf denen verteilt 

Wachmannschaften mit wie aus Holz geschnitzten Gesichtern 

standen, die Maschinenpistolen griffbereit, rollte langsam die 

Strafie entlang. Drinnen drangten sich eng zusammengepfercht 

kleine gelbgesichtige Manner in fadenscheinigen graugrunen 

Uniformen. Ihre traurigen Mongolengesichter blickten vollig 

teilnahmslos tiber die Seitenwande der Lastwagen. Gelegentlich 

horte man bei einem Ruck des Wagens ein metallisches Klirren: 

samtliche Gefangenen waren an den Ftifien gefesselt. Eine 

Wagenladung trauriger Gesichter nach der anderen rollte 

vortiber. Winston war sich ihrer bewufit, obwohl er sie nur 

zeitweilig zu sehen bekam. Die Schulter und der rechte Arm des 

Madchens waren an ihn geprefit. Ihre Wange war ihm fast so 

nahe, dafi er ihre Warme sptiren konnte. Genau wie damals in 

der Kantine hatte sie sofort die Situation in die Hand genommen. 

Sie begann zu sprechen, fast ohne die Lippen zu bewegen, mit 

einem blofien Murmeln, das in dem Stimmengewirr und dem 

Geratter der Lastwagen unterging. 

»Konnen Sie mich verstehen?« 

»Ja.« 

»Konnen Sie sich am Sonntag Nachmittag freimachen?« 

»Ja.« 

»Dann horen Sie gut zu. Sie mtissen es genau behalten. Sie fahren 

zum Paddington-Bahnhof . . . « 

Mit einer verbluffenden, geradezu militarischen Genauigkeit 

erklarte sie ihm den Weg, den er einzuschlagen hatte. Eine halbe 

Stunde Bahnfahrt; wenn er aus dem Bahnhof herauskam, mufite 

er sich links halten, zwei Kilometer die Strafie entlang; dann kam 

ein Gattertor ohne Oberteil; ein Weg tiber ein Feld; ein vergraster 

Pfad; ein Fufiweg zwischen Btischen hindurch; ein abgestorbener, 

moosbewachsener Baum. Es war, als habe sie die ganze 

Landkarte im Kopf. 

»Konnen Sie das alles behalten?« murmelte sie schliefilich. 



132 



»Ja.« 

»Sie gehen nach links, dann rechts, dann wieder links. Und das 
Tor hat oben keine Balken.« 
»Ja. Urn welche Zeit?« 

»Gegen funfzehn Uhr. Vielleicht mussen Sie warten. Ich komme 
auf einem anderen Weg hin. Sind Sie sicher, dafi Sie sich an alles 
erinnern?« 
»Ja.« 

»Dann gehen Sie so rasch wie moglich von mir weg.« 
Das hatte sie ihm nicht zu sagen brauchen. Aber gerade jetzt 
konnten sie sich nicht aus der Menge herauswinden. Noch immer 
fuhren die Lastwagen vorbei, wahrend die Menschen noch 
immer begierig zuschauten. Am Anfang hatte man ein paar Pfui- 
und Nieder-Rufe gehort, doch nur von den Parteimitgliedern 
unter der Menge, und sie hatten bald aufgehort. Inzwischen war 
die Bevolkerung Ozeaniens zwar auf dem besten Wege ein Brei 
verschiedenster, entwurzelter Volker zu werden, aber dennoch 
gafften die Leute die unglucklichen Gestalten auf den Lastwagen 
an, als hatten sie noch nie ein schlitzaugiges Gesicht gesehen. 
Dennoch wusste man nicht, was aus den Gefangenen werden 
wurde, abgesehen von den wenigen, die als Kriegsverbrecher 
gehangt wurden. Die ubrigen verschwanden ganz einfach, 
vermutlich in Zwangsarbeitslagern. Die runden 

Mongolengesichter wurden jetzt von schmutzigen, bartigen, 
erschopften Gesichtern mehr europaischen Geprages abgelost. 
Uber stoppelige Backenknochen hinweg blickten Winston Augen 
an, manchmal mit seltsamer Eindringlichkeit, dann waren sie 
wieder verschwunden. Die unter Bedeckung fahrende Kolonne 
ging ihrem Ende zu. Im letzten Lastwagen konnte er einen 
alteren Mann sehen, dessen Gesicht ein einziges Gestrupp grauer 
Haare war; er stand aufrecht da, die Hande vor sich verschrankt, 
als sei er gewohnt, sie in Fesseln zu tragen. Es war hochste Zeit 
fur Winston und das Madchen, sich zu trennen. Im letzten 
Augenblick aber, wahrend die Menge sie noch fest eingekeilt 



133 



hielt, tastete ihre Hand nach der seinigen und gab ihr einen 
fluchtigen Druck. 

Obwohl es nicht langer als zehn Sekunden gedauert haben 
konnte, schien es eine lange Zeit, dafi ihre Hande sich umspannt 
hielten. Er fand Zeit, jede Einzelheit ihrer Hand in sich 
aufzunehmen. Er erforschte ihre langen Finger, die schon 
geformten Nagel, die arbeitsharte Innenflache mit ihrer Reihe 
von Schwielen, das weiche Fleisch unter dem Handgelenk. Allein 
durch Befuhlen ihrer Hand hatte er sie wiedererkannt. 
Gleichzeitig aber fiel ihm ein, dafi er nicht wufite, weiche Farbe 
ihre Augen hatten. Vermutlich waren sie braun, aber brunette 
Menschen hatten manchmal blaue Augen. Den Kopf zu drehen 
und sie anzusehen, ware eine unvorstellbare Torheit gewesen. 
Ihre Hande hielten sich umklammert, ungesehen in dem dichten 
Gedrange, wahrend sie unentwegt geradeaus starrten, und statt 
der Augen des Madchens blickten Winston die Augen des alten 
Gefangenen traurig aus einem Gewirr grauer Haare an. 



Zweites Kapitel 



Winston suchte sich seinen Weg langs des von Licht und Schatten 
uberspielten Fufipfades; jedes Mai, wenn die Busche sich teilten, 
trat er in ganze Lachen goldenen Lichts. Zur Linken, unter den 
Baumen, war der Boden ubersat von blauen Glockenblumen. Die 
Luft beruhrte die Haut wie ein Kufi. Es war der zweite Tag des 
Monats Mai. Von irgendwo tiefer im Herzen des Waldes schlug 
das Gurren der Ringeltauben weich und verschwommen an sein 
Ohr. 

Es war noch ein wenig friih. Die Fahrt war ohne Schwierigkeiten 
vonstatten gegangen; das Madchen war so augenscheinlich 
wohlbeschlagen, dafi er weniger Angst empfand, als er 



134 



normalerweise hatte haben mussen. Vermutlich konnte man sich 
darauf verlassen, dafi sie einen sicheren Ort kannte. Im 
Allgemeinen durfte man nicht annehmen, auf dem Lande sehr 
viel sicherer als in London selbst zu sein. Freilich gab es in der 
Natur keine Televisoren, aber es bestand immer die Gefahr 
verborgener Mikrophone, die eine Stimme auffangen und so zur 
Feststellung des Sprechers fuhren konnten; aufierdem war es 
nicht leicht, eine Vergnugungsreise zu machen, ohne 
Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Fur Entfernungen von 
weniger als hundert Kilometern brauchte man zwar keine 
besondere Eintragung in seinen Pafi, aber manchmal trieben sich 
auf den Bahnhofen Streifen herum, die die Papiere jedes 
aufgegabelten Parteimitglieds pruften und peinliche Fragen 
stellten. 

Diesmal aber waren keine Streifen aufgetaucht, und auf dem 
Weg zum Bahnhof hatte er sich durch vorsichtiges Umblicken 
uberzeugt, dafi niemand ihn verfolgte. Der Zug war voller Proles 
gewesen, dank des sommerlichen Wetters in bester 
Ferienstimmung. Das Abteil der Holzklasse, in dem er gesessen 
hatte, war bis zum Bersten von einer einzigen riesigen Familie 
besetzt, die von einer zahnlosen Urgrofimutter bis zu einem 
kaum geborenen Wickelkind hinausfuhr, um einen Nachmittag 
bei Verwandten auf dem Land zu verbringen und, wie sie 
Winston offenherzig erklarten, etwas Schwarzmarkt-Butter zu 
hamstern. 

Das Gestrupp lichtete sich, und eine Minute spater kam er an den 
schmalen Weg, von dem sie gesprochen hatte; es war im Grunde 
nur eine Fahrte, die das Vieh zwischen den Strauchern 
ausgetreten hatte. Er besafi keine Uhr, aber es konnte noch nicht 
funfzehn Uhr sein. Die Glockenblumen standen so dicht, dafi 
man nicht vermeiden konnte, darauf zu treten. Er kniete nieder 
und begann ein paar zu pflucken, teils um sich die Zeit zu 
vertreiben, teils aus der undeutlichen Vorstellung heraus, dafi es 
ganz nett ware, dem Madchen zur Begrufiung ein paar Blumen 
anbieten zu konnen. 



135 



Er hatte schon einen grofien Straufi zusammengebracht und sog 
den zarten sufilichen Duft ein, als ihn ein Gerausch in seinem 
Rucken erstarren liefi: das unverkennbare Knacken von Zweigen 
unter dem Gewicht einer Schuhsohle. Er pfluckte weiter seine 
Glockenblumen. Es war das Klugste, was er tun konnte. 
Vielleicht war es das Madchen, vielleicht aber war er doch 
verfolgt worden. Sich umzublicken war ein Beweis schlechten 
Gewissens. Er pfluckte Blume auf Blume. Dann legte sich eine 
Hand auf seine linke Schulter. 

Er blickte auf. Es war das Madchen. Sie schuttelte den Kopf, 
offenbar zum Zeichen, dafi er sich still verhalten solle, dann teilte 
sie die Busche und schlug rasch den schmalen Pfad ein, der in 
den Wald hineinfuhrte. Offensichtlich hatte sie diesen Weg schon 
fruher einmal begangen, denn sie wich mit Kennerschaft den 
morastigen Stellen aus. Winston ging hintendrein, noch immer 
seinen Blumenstraufi in der Faust. Sein erstes Geftihl war das der 
Erleichterung, aber als er den kraftigen, schlanken Leib vor sich 
hergehen sah, mit der scharlachroten Scharpe geschmuckt, die 
gerade eng genug anlag, um die Rundung ihrer Huften zu 
betonen, bedruckte ihn ein Minderwertigkeitsgefuhl sehr heftig. 
Selbst jetzt schien es noch recht wahrscheinlich, dafi sie, wenn sie 
sich umdrehte und ihn ansah, ihren Entschlufi andern wurde. Die 
wurzige Luft und das saftige Grtin der Blatter schuchterten ihn 
ein. Schon auf dem Weg vom Bahnhof hatte er sich im 
Maiensonnenschein schmutzig und bleich wie eine Kellerpflanze 
gefuhlt, wie ein rechter Stubenhocker, die Poren von dem 
Londoner Staub und Rufi verstopft. Es kam ihm zum 
Bewufitsein, dafi sie ihn bis jetzt noch nie bei hellem Tageslicht 
unter freiem Himmel gesehen hatte. 

Sie kamen jetzt zu dem umgesturzten Baum, der von ihr erwahnt 
worden war. Das Madchen sprang darilber hinweg und teilte mit 
einigem Krafteaufwand das scheinbar luckenlose Gebusch. Als 
Winston ihr nachkam, entdeckte er, dafi sie auf einer naturlichen 
Lichtung standen, einem kleinen, von Tannenbaumchen 



136 



vollkommen eingeschlossenen Stuck Rasen. Das Madchen blieb 
stehen und wandte sich urn, 

»Wir sind da«, sagte sie. Er blickte sie an, mehrere Schritte von 
ihr entfernt stehen bleibend. Noch wagte er nicht, naher zu 
kommen. 

»Ich wollte in dem Unterholz nicht sprechen«, fuhr sie fort, »fiir 
den Fall, dafi dort ein Mikrophon versteckt ist. Ich glaube es zwar 
nicht, aber es konnte doch sein. Es besteht immer die 
Moglichkeit, dafi einer von diesen Schweinen unsere Stimme 
erkennt. Hier sind wir geborgen.« 

Er hatte noch immer nicht den Mut, naher an sie heranzutreten. 
»Ja, sind wir hier geborgen?« wiederholte er toricht. »Doch, 
schauen Sie die Baume an.« 

Es waren junge Eschen, die vor einiger Zeit abgeholzt waren und 
jetzt wieder zu einem Wald dunner Stamme ausgeschlagen 
hatten, von denen keiner starker war als ein Handgelenk. »Hier 
ist kein Stamm, der dick genug ware, um ein Mikrophon darin zu 
verstecken. Aufierdem war ich schon einmal hier.« 
Sie machten nur Konversation. Er war ihr jetzt naher gekommen. 
Sie stand sehr gerade aufgerichtet vor ihm, mit einem leise 
ironischen Lacheln um die Mundwinkel, als uberlege sie, warum 
er eigentlich so lange brauche, zur Tat zu schreiten. Die 
Glockenblumen waren wie von selbst zu Boden gefallen. Er 
ergriff ihre Hand. 

»Wurden Sie fur moglich halten«, sagte er, »dafi ich bis zu diesem 
Augenblick nicht gewufit habe, welche Farbe Ihre Augen haben?« 
Sie waren braun, stellte er fest, von einem ziemlich hellen Braun, 
mit schwarzen Wimpern. »Und konnen Sie, nachdem Sie gesehen 
haben, wie ich wirklich ausschaue, meinen Anblick noch 
ertragen?« 
»Ja, ohne weiteres.« 

»Ich bin neununddreifiig Jahre alt. Ich habe eine Frau, die sich 
nicht scheiden lafit. Aufierdem habe ich Krampfadern. Und ftinf 
falsche Zahne.« 
»Das ist mir vollstandig egal«, sagte das Madchen. 



137 



Im nachsten Augenblick - und es ware schwierig gewesen zu 

sagen, wie es zugegangen war - lag sie in seinen Armen. Anf angs 

empfand er nichts als reine Unglaubigkeit. Der jugendliche 

Korper schmiegte sich an seinen, der dichte Schopf ihres dunklen 

Haares lag vor seinem Gesicht; und nun hatte sie ihm das Gesicht 

zugewandt, und er kusste ihren uppigen roten Mund. Sie hatte 

die Arme um seinen Nacken geschlungen, nannte ihn Schatz, 

Liebling, Geliebter. Er hatte sie zu sich herab auf die Erde 

gezogen, sie war ganz Hingabe, er konnte mit ihr machen, was er 

wollte. Aber in Wahrheit hatte er keine korperliche Empfindung, 

aufier der engen Verbundenheit. 

Alles, was er fuhlte, war Staunen und Stolz. Er freute sich tiber 

das, was geschah, aber empfand kein korperliches Verlangen. 

War es, weil es so plotzlich kam, weil ihre Jugend und Anmut ihn 

erschreckten, weil er zu sehr daran gewohnt war, ohne Frauen zu 

leben - er hatte den Grund nicht nennen konnen. Das Madchen 

raffte sich auf und zupfte eine Glockenblume aus ihrem Haar. Sie 

setzte sich, eng an ihn geschmiegt, den Arm um seine Hufte 

gelegt. 

»Mach' dir nichts draus, Liebster. Es hat keine Eile. Wir haben 

den ganzen Nachmittag vor uns. 1st das nicht ein prachtiges 

Versteck? Ich fand es, als ich mich einmal auf einem 

Gemeinschaftsausflug verlaufen hatte. Wenn jemand kommen 

sollte, kann man ihn auf hundert Meter Entfernung horen.« 

»Wie heifit du?« fragte Winston. 

»Julia. Ich weifi, wie du heifit. Winston - Winston Smith.« 

»Wie hast du das herausgefunden?« 

»Ich glaube, ich bin in solchen Sachen tuchtiger als du, mein 

Schatz. Sag mir, was hast du an dem Tag von mir gedacht, als ich 

dir den Zettel zusteckte?« 

Er fuhlte sich nicht versucht, ihr etwas vorzulugen. Es war sogar 

eine Art Liebesbeweis, gleich das Schlimmste zuzugeben. 

»Mir war dein Anblick hochst zuwider«, gestand er. »Ich wollte 

dich am liebsten vergewaltigen und danach ermorden. Noch vor 

zwei Wochen dachte ich ernstlich daran, dir mit einem 



138 



Pflasterstein den Schadel einzuschlagen. Wenn ich dir die voile 
Wahrheit sagen soil: Ich dachte, du seist bei der 
Gedankenpolizei.« 

Das Madchen lachte belustigt und nahm das offenbar als 
Kompliment fur ihre vorziigliche Tarnung hin. »Bei der 
Gedankenpolizei! Das kannst du doch nicht wirklich geglaubt 
haben?« 

»Na, vielleicht nicht gerade das. Aber deiner ganzen Erscheinung 
nach - blofi weil du jung und frisch und gesund bist, du verstehst 
doch - dachte ich, dafi du vermutlich...« 

»Du hast mich also fur ein gutes Parteimitglied gehalten. Ohne 
Fehl, in Wort und Tat. Fahnen, Umzuge, Schlagworte, Sport, 
Gemeinschaftswanderungen - das ganze Zeug. Und du hast 
geglaubt, dafi ich dich, wenn ich nur die geringste Moglichkeit 
dazu gehabt hatte, als Gedankenverbrecher denunzieren und 
umbringen lassen wurde?« 

»Ja, so etwas Ahnliches. Viele junge Madchen sind so, weifit du.« 
»Dieses elende Ding ist daran schuld«, sagte sie und riss die rote 
Scharpe der Jugendliga gegen Sexualitat herunter und 
schleuderte sie tiber einen Zweig. 

Dann, als habe sie das Beruhren ihrer Huften an etwas erinnert, 
suchte sie in den Taschen ihres Trainingsanzugs und brachte ein 
Tafelchen Schokolade zum Vorschein. Sie brach es in zwei 
Halften und gab Winston ein Stuck davon. Schon bevor er es 
genommen hatte, erkannte er am Geruch, dafi es eine sehr 
ungewohnliche Schokolade war. Dunkel und glanzend, und in 
Silberpapier eingewickelt. Schokolade war gewohnlich ein 
stumpfbraunes broseliges Zeug, dessen Geschmack, sofern man 
ihn uberhaupt beschreiben konnte, dem Rauch eines Mullfeuers 
glich. Fruher einmal hatte er allerdings Schokolade gekostet, von 
der gleichen Art wie das Stuck, das sie ihm gab. Der erste Hauch 
ihres Duftes hatte eine Erinnerung in ihm geweckt, die er nicht 
festnageln konnte, die aber machtig und beunruhigend war. 
»Wo hast du das her?« fragte er. 



139 



»Vom schwarzen Markt«, sagte sie leichthin. »Eigentlich gehore 
ich zu der Sorte Madchen, bei denen der Schein triigt. Ich bin 
tuchtig im Sport. Ich war Truppenfuhrerin bei den Spahern. Ich 
bin dreimal in der Woche ehrenhalber fur die Jugendliga tatig. 
Ich habe Stunden um Stunden damit verbracht, ihre blodsinnigen 
Anschlage in ganz London anzukleben. Bei Umzugen trage ich 
ein Ende der Transparente. Ich sehe immer vergnugt aus und 
drucke mich vor nichts. Immer mit den Wolfen heulen, ist meine 
Parole. Es ist die einzige Moglichkeit, ungeschoren zu bleiben.« 
Das erste Stuckchen Schokolade war auf Winstons Zunge 
zergangen. Es schmeckte vorzuglich. Aber immer noch rumorte 
an der Oberflache seines Bewufitseins diese Erinnerung an etwas 
deutlich Empfundenes und doch nicht genau Umreifibares, wie 
ein Gegenstand, den man nur mit einem Augenwinkel erfafit. Er 
schob diese Erinnerung von sich und war sich nur bewufit, dafi 
sie einem Ereignis gait, das er gerne, doch vergeblich 
ungeschehen gemacht hatte. 

»Du bist sehr jung«, sagte er. »Du bist zehn oder funfzehn Jahre 
junger als ich. Was hat dich nur an einem Mann wie mich 
anziehen konnen?« 

»Es war etwas in deinem Gesicht. Ich dachte, ich sollte es wagen. 
Ich habe einen guten Blick dafur, wer nicht dazugehort. Sobald 
ich dich sah, wufite ich, dafi du gegen sie bist.« 
Sie, stellte sich heraus, bedeutete in ihrem Munde die Partei und 
vor allem die Innere Partei, tiber die sie mit einem unumwunden 
hohnischen Hass sprach, der Winston ganz unsicher machte, 
obwohl er wufite, dass sie hier noch am ehesten in Sicherheit 
waren. 

Was ihn bei ihr verbluffte, war die Derbheit ihrer Sprache. Von 
Parteimitgliedern wurde erwartet, dafi sie keine Fluche 
gebrauchten, und Winston selbst fluchte sehr selten, wenigstens 
nicht laut. Julia jedoch schien die Partei, und besonders die 
Innere Partei, nicht erwahnen zu konnen, ohne Worte von der 
Sorte zu gebrauchen, die man an modrigen Gassenmauern mit 
Kreide angeschrieben findet. Das war ihm nicht unangenehm. 



140 



Es war lediglich ein Symptom ihrer Auflehnung gegen die Partei 
und entsprach ihrer ganzen Art; irgendwie schien es naturlich 
und gesund, wie das Schnauben eines Pferdes, das den Geruch 
von schlechtem Heu in die Nustern bekommt. Sie hatten die 
Lichtung verlassen und wanderten wieder durch den von der 
Sonne gefleckten Schatten, die Arme umeinander gelegt, sooft 
der Weg breit genug war, um Seite an Seite zu gehen. Er merkte, 
wie viel weicher ihre Hufte sich anzufuhlen schien, seitdem die 
Scharpe fort war. Sie unterhielten sich nicht lauter als im 
Flusterton. Aufierhalb der Lichtung, sagte Julia, ware es besser, 
beim Gehen zu schweigen. Nun waren sie an den Rand des 
Geholzes gekommen. Sie blieb stehen. 

»Geh nicht aus der Deckung hinaus. Jemand konnte uns 
beobachten. Wir sind gut aufgehoben, solange wir hinter den 
Buschen bleiben.« 

Sie standen im Schatten von Haselnufistrauchern. Das durch die 
Blatter filternde Sonnenlicht war noch warm auf ihren 
Gesichtern. Winston blickte auf das druben liegende Feld, und 
ein seltsames, leises Erschrecken des Wiedererkennens 
durchzuckte ihn. Er kannte es vom Sehen. Ein altes, abgemahtes 
Weideland mit einem Fufipfad, der quer hindurchfuhrte, und da 
und dort ein Maulwurfshugel. In der unregelmafiigen Hecke an 
der anderen Seite wiegten sich die Zweige der Ulmen gerade 
noch wahrnehmbar in der leichten Brise, und ihre Blatter flirrten 
leise in dichten Buscheln wie Frauenhaar. Sicherlich mufite 
irgendwo in der Nahe, aber aufier Sichtweite, ein Bach mit 
grunen Gumpen sein, in dem sich Weififische tummelten. 
»Gibt es hier nicht einen Bach in der Nahe?« fliisterte er. »Stimmt, 
ein Bach ist da. Er fliefit am Rande des nachsten Feldes. Es sind 
Fische darin, grofie, fette Kerle. Man kann sie in den Gumpen 
unter den Weiden schwimmen sehen, wie sie mit ihren Flossen 
rudern.« 

»Es ist beinahe wie das Goldene Land«, murmelte er. 
»Welches Goldene Land?« 



141 



»Kein bestimmtes. Eine Landschaft, die ich manchmal im Traum 
gesehen habe.« 
»Schau!« flusterte Julia. 

Eine Drossel hatte sich keine ftinf Meter entfernt von ihnen auf 
einem Ast fast in ihrer Augenhohe niedergelassen. Vielleicht 
hatte sie die beiden nicht bemerkt. Sie war in der Sonne, wahrend 
die beiden im Schatten standen. Sie spreizte die Flugel, legte sie 
sorgfaltig wieder zurecht, duckte einen Augenblick den Kopf, als 
machte sie der Sonne eine Verbeugung, und begann dann ihren 
Jubelgesang hinauszuschmettern. 

In der Nachmittagsstille war die Kraft der Stimme geradezu 
verbluffend. Winston und Julia standen bezaubert Arm in Arm. 
Der Gesang ging weiter, Minute auf Minute, mit erstaunlichen 
Variationen, ohne sich ein einziges Mai zu wiederholen, fast als 
wollte der Vogel ihnen seine Virtuositat beweisen. Manchmal 
verstummte er fur ein paar Sekunden, spreizte von neuem sein 
Gefieder und faltete es wieder zusammen; dann blahte er seine 
gesprenkelte Brust und stimmte von neuem sein Lied an. 
Winston beobachtete ihn mit heimlicher Bewunderung. Wem 
zuliebe, fur welchen Zweck, sang dieser Vogel? Kein Weibchen, 
kein Nebenbuhler beobachtete ihn. Was veranlafite ihn, sich am 
Rande des einsamen Waldchens niederzulassen und seine Musik 
ins Nichts zu schmettern? 

Er fragte sich, ob vielleicht doch irgendwo in der Nahe ein 
Mikrophon verborgen war. Er und Julia hatten nur im Fliisterton 
gesprochen, ihre Worte wurde es nicht auffangen, sondern nur 
den Gesang der Drossel. Vielleicht lauschte am anderen Ende des 
Apparates ein kleiner, kaferartiger Mann aufmerksam - lauschte 
gerade auf das hier. 

Aber langsam vertrieb die Flut der Musik alle Grubeleien aus 
seinem Denken. Es war, als ergosse sie sich wie eine fliissige 
Masse tiber ihn und verschmolze mit dem durch das Blattwerk 
sickernden Sonnenlicht. Er horte zu denken auf und uberliefi sich 
ganz seinen Empfindungen. Der Madchenleib in seinem Arm 
fuhlte sich weich und warm an. Er zog sie an sich, so dafi sie 



142 



Brust an Brust lagen; ihr Korper schien mit dem seinen zu 
verschmelzen. Wo immer seine Hand hintastete, war alles weich 
und nachgiebig wie Wasser. Ihre Lippen fanden sich; es war ganz 
anders als die harten, festen Kusse, die sie vorher getauscht 
hatten. Als ihre Gesichter wieder voneinander abliefien, seufzten 
beide tief. Der Vogel erschrak und flog mit einem 
Fliigelschwirren davon. 

Winston legte die Lippen an ihr Ohr. »Komm!« flusterte er. 
»Nicht hier«, flusterte sie zuruck. 

»Gehen wir wieder in die Lichtung zuruck. Dort ist es sicherer.« 
Rasch bahnten sie sich, wahrend die Zweige hin und wieder 
knackten, ihren Weg zu der Lichtung zuruck. Sobald sie in dem 
von Tannenbaumchen umgebenen Rund angelangt waren, drehte 
sie sich um und sah ihn an. Beide atmeten heftig, aber das 
Lacheln um ihre Mundwinkel war wieder erschienen. Sie stand 
da und sah ihn einen Augenblick an, dann tastete sie nach dem 
Reifiverschlufi des Trainingsanzuges. Und wahrhaftig - es war 
fast wie ein Traum! Fast ebenso schnell wie in seiner Phantasie 
hatte sie sich die Kleider vom Leibe gerissen und schleuderte sie 
beiseite, mit der gleichen herrlichen Bewegung, als ob damit eine 
ganze Zivilisation weggewischt zu werden schien. Ihr Korper 
schimmerte weifi in der Sonne. Doch einen Augenblick lang 
blickte er nicht auf ihren Korper; seine Augen waren von dem 
sommersprossigen Gesicht mit seinem leisen, kecken Lacheln 
gefangen. Er kniete vor ihr nieder und nahm ihre Hande in seine. 
»Hast du das schon fruher getan?« 

»Naturlich. Schon hundertmal - oder jedenfalls sehr oft.« 
»Mit Parteiangehorigen?« 
»Ja, immer mit Parteiangehorigen.« 
»Mit Leuten aus der Inneren Partei?« 

»Nein, nicht mit diesen Schweinen. Trotzdem gibt es naturlich 
viele, die das mochten, wenn sich ihnen nur halbwegs eine 
Moglichkeit bieten wurde. Sie sind nicht so heilig, wie sie tun.« 
Sein Herz jubelte. Sie hatte es schon so oft getan; er wunschte 
sich, es ware hundert- oder tausendmal gewesen. Alles, was auf 



143 



Verderbtheit hinwies, erfullte ihn immer wieder mit einer wilden 

Hoffnung. Wer weifi, vielleicht war die Partei unter ihrer 

Oberflache faul und angekrankelt, vielleicht war ihr Kult von 

Tuchtigkeit und Selbstkasteiung einfach ein Schwindel, hinter 

dem sich das Laster verbarg. Was hatte er darum gegeben, die 

ganze Bande mit Lepra oder Syphilis anzustecken! Alles, was zur 

Verrottung beitrug, was schwachte, unterminierte! Er zog sie zu 

sich herunter, so dafi sie von Angesicht zu Angesicht knieten. 

»H6r zu. Je mehr von ihnen du gehabt hast, desto mehr liebe ich 

dich. Begreifst du das?« 

»Vollkommen.« 

»Ich hasse die Unschuld, ich hasse das Bravsein! Ich will nicht, 

dafi es noch irgendwo eine Tugend gibt. Ich will, dafi alle Leute 

bis ins Mark verderbt sind.« 

»Nun, dann durfte ich die Richtige fur dich sein, Liebling. Ich bin 

bis ins Mark verderbt.« 

»Tust du es gerne? Ich meine, nicht nur mit mir: sondern einfach 

die Sache an sich?« 

»Ich finde es herrlich.« 

Das wollte er vor allem horen. Nicht nur die Liebe zu einem 

Menschen, sondern der animalische Trieb, die einfache, blinde 

Begierde: Das war die Kraft, die die Partei in Stucke sprengen 

wurde. Er zog sie ins Gras, zwischen die herabgefallenen 

Glockenblumen. Diesmal stand keine Hemmung im Wege. Dann 

verlangsamte sich das Auf und Ab ihrer Brust zu normalem 

Rhythmus, und in seliger Hilflosigkeit sanken sie auseinander. 

Die Sonne schien heifier geworden. Sie waren beide schlafrig. Er 

streckte die Hand nach dem abgeworfenen Trainingsanzug aus 

und deckte sie, so gut es ging, damit zu. Fast gleich darauf 

schlummerten sie ein und lagen etwa eine halbe Stunde lang im 

Schlaf. 

Winston erwachte zuerst. Er setzte sich auf und betrachtete das 

sommersprossige Gesicht, das noch friedlich schlafend auf ihren 

Handteller gebettet dalag. Von ihrem Mund abgesehen, konnte 

man Julia eigentlich nicht schon nennen. Um die Augen herum 



144 



waren ein oder zwei Krahenfufie, wenn man genau hinsah. Das 
kurze dunkle Haar war ungewohnlich dicht und weich. Es fiel 
ihm ein, dafi er noch immer nicht ihren Nachnamen und ihre 
Adresse wufite. 

Der junge, kraftige Korper, der jetzt im Schlaf so hilflos dalag, 
weckte in ihm ein mitleidiges Beschutzergefuhl. Aber die 
unbewufite Zartlichkeit, die er unter dem Haselnufistrauch, beim 
Lied der Drossel empfunden hatte, wollte sich nicht wieder 
genauso einstellen. Er schob den Trainingsanzug beiseite und 
betrachtete nachdenklich ihren weifien, weichen Leib. Friiher, 
mufite er denken, sah ein Mann den Leib eines Madchens an und 
fand ihn begehrenswert, und damit Schlufi! Aber heutzutage gab 
es so etwas wie eine reine Liebe oder reine Lust uberhaupt nicht 
mehr. Keine Gefuhlsregung war ungebrochen, denn alles war mit 
Angst und Hass durchsetzt. Ihre Umarmung war ein Kampf 
gewesen, der Hohepunkt ein Sieg. Es war ein gegen die Partei 
gefuhrter Schlag. Ein politischer Akt. 



Drittes Kapitel 



»Wir konnen noch einmal hierher kommen«, meinte Julia. »Im 

Allgemeinen darf man es riskieren, ein Versteck zweimal zu 

benutzen. Aber naturlich nicht in den nachsten ein oder zwei 

Monaten.« 

Sobald sie aufgewacht war, hatte sich ihr Benehmen geandert. Sie 

wurde flink und sachlich, zog ihre Kleider an, schlang sich die 

scharlachrote Scharpe um die Huften und begann die 

Einzelheiten fur die Riickfahrt zu besprechen. Ihr das zu 

uberlassen, erschien einem ganz naturlich. 

Sie besafi offenbar eine praktische Geschicklichkeit, die Winston 

fehlte, und anscheinend auch eine umfassende Kenntnis der 



145 



landlichen Umgebung Londons, die sie auf zahllosen 
Gemeinschaftswanderungen gesammelt hatte. Der Weg, den sie 
ihm fur die Ruckkehr empfahl, war ein ganz anderer als der, auf 
dem er hergekommen war, und liefi ihn an einer anderen 
Bahnstation herauskommen. 

»Fahre nie auf dem gleichen Weg nach Hause, auf dem du 
hergekommen bist«, riet sie ihm, als verkunde sie einen 
wichtigen, allgemein gultigen Lehrsatz. Sie wurde als erste 
aufbrechen, und Winston sollte eine halbe Stunde warten, ehe er 
ihr nachkam. 

Sie hatte ihm einen Ort genannt, an dem sie sich vier Tage spater 
abends nach der Arbeit treffen konnten. Es war eine Strafie in 
einem der armeren Viertel, in der es einen sogenannten Freien 
Markt gab, auf dem gewohnlich Larm und Gedrange herrschte. 
Sie wurde sich dort zwischen den Verkaufsstanden herumtreiben 
und so tun, als suche sie nach Schnursenkeln oder Nahgarn. 
Wenn sie die Luft fur rein hielt, wurde sie sich bei seinem 
Kommen die Nase schnauzen; andernfalls sollte er, als kenne er 
sie nicht, an ihr vorubergehen. Doch mit ein wenig Gliick wurde 
es im Gedrange gefahrlos sein, eine Viertelstunde miteinander zu 
sprechen und eine neue Verabredung zu treffen. 
»Und jetzt mufi ich gehen«, sagte sie, sobald er die ihm 
gegebenen Weisungen memoriert hatte. »Ich mufi um 19.30 Uhr 
zuruck sein. Ich mufi zwei Stunden fur die Jugendliga gegen 
Sexualitat opfern - Handzettel verteilen oder so was Ahnliches. 
1st es nicht eine Schande? Burste mich mal ab, ja, sei so gut! Hab' 
ich auch keine Zweige im Haar? Bist du auch sicher? Dann leb 
wohl, Liebling, auf Wiedersehen!« 

Sie warf sich in seine Arme, kusste ihn leidenschaftlich und 
bahnte sich einen Augenblick spater ihren Weg durch das 
Tannengestrupp, worauf sie ganz lautlos im Wald verschwand. 
Noch immer hatte er weder ihren Namen noch ihre Adresse in 
Erfahrung gebracht. Aber das machte nichts, denn es war 
sowieso undenkbar, dafi sie sich jemals unter einem Dach 



146 



begegnen oder eine schriftliche Mitteilung miteinander 
austauschen wurden. 

Es ergab sich jedoch, dafi sie nie zu der Waldlichtung 
zuruckkehrten. Im Laufe des Mais fanden sie nur noch ein 
einziges Mai Gelegenheit zu einem intimen Beisammensein. Das 
war in einem anderen Versteck, das Julia kannte, dem 
Glockenturm einer Kirchenruine, die in einer fast vollig 
verlassenen Gegend lag, wo vor dreifiig Jahren eine Atombombe 
niedergegangen war. 

Aber der Weg dorthin war sehr gefahrlich. Die ubrige Zeit 
konnten sie sich nur auf der Strafie treffen, jeden Abend an einer 
anderen Stelle und nie fur langer als fur eine halbe Stunde. Auf 
der Strafie war es gewohnlich moglich, miteinander zu sprechen, 
wenn man ein bestimmtes Verfahren einhielt. Wahrend sie durch 
das Gedrange gingen, niemals dicht nebeneinander und ohne 
jemals einander anzusehen, fuhrten sie eine merkwurdige, 
bruchstuckweise Unterhaltung, die wie die Strahlen eines 
Leuchtturms aufzuckte und erlosch, beim Auftauchen einer 
Parteiuniform oder eines Televisors jah ins Stocken geriet, dann 
Minuten spater mitten in einem Satz wiederaufgenommen und 
ebenso plotzlich unterbrochen wurde, wenn sie an der 
vereinbarten Stelle auseinander gingen, um am nachsten Tag fast 
ohne Uberleitung weitergefuhrt zu werden. Julia schien ganz an 
diese Art Unterhaltung gewohnt zu sein, die sie das 
»Abzahlungssystem« nannte. 

Sie war auch erstaunlich geschickt darin, ganz ohne 
Lippenbewegung zu sprechen. Nur ein einziges Mai wahrend 
eines Monats abendlicher Zusammenkunfte sollte es ihnen 
gelingen, einen Kufi zu tauschen. Sie gingen gerade wortlos 
durch eine Nebenstrafie (Julia sprach niemals in Nebenstrafien), 
als ein betaubender Krach ertonte, die Erde barst und der 
Himmel sich verfinsterte; Winston fand sich zerschunden und 
erschrocken auf dem Boden liegen. Eine Raketenbombe mufite in 
nachster Nahe niedergegangen sein. Plotzlich sah er nur wenige 
Zentimeter entfernt das Gesicht Julias, totenblass, weifi wie Kalk. 



147 



Sogar ihre Lippen waren vollkommen weifi. Sie war tot! Erst als 
er sie an sich prefite, entdeckte er, dafi er ein lebenswarmes 
Gesicht ktifite und nur eine puderartige, broselige Staubschicht 
seinen Lippen im Weg war. Ihre Gesichter waren dicht mit 
Mortel tiberzogen. 

An manchen Abenden kamen sie an ihren Treffpunkt und 
mufiten ohne ein Zeichen hintereinander hergehen, weil gerade 
eine Streife um die Ecke gebogen kam oder ein Helikopter tiber 
ihnen schwebte. Aber auch wenn es weniger gefahrlich gewesen 
ware, bestanden noch genug Schwierigkeiten, die Zeit fur ein 
Rendezvous zu ertibrigen. Winstons Arbeitswoche hatte sechzig 
Stunden, und Julias war sogar noch langer; ihre freien Tage 
schwankten je nach der Dringlichkeit der Arbeit und deckten sich 
selten. Julia jedenfalls hatte kaum einen Abend ganz fur sich. Sie 
verwandte erstaunlich viel Zeit auf den Besuch von Vortragen 
und die Teilnahme von Demonstrationen, teilte Flugschriften fur 
die Jugendliga gegen Sexualitat aus, nahte Fahnen fur die Hass- 
Woche, sammelte fur den Sparfeldzug und dergleichen mehr. So 
etwas machte sich bezahlt, meinte sie; es war die beste Tarnung. 
Wenn man die kleinen Gesetze einhielt, konnte man gegen die 
grofien verstofien. Sie veranlasste Winston sogar, noch einen 
seiner freien Abende zu opfern, indem er sich als Heifer bei der 
Munitionsstuckarbeit verpflichtete, die von den eifrigen 
Parteimitgliedern freiwillig verrichtet wurde. So verbrachte 
Winston an einem Abend jeder Woche vier furchterlich 
langweilige Stunden mit dem Zusammenschrauben von 
Metallstuckchen, die vermutlich Bestandteile von 
Bombenzundern waren - in einer zugigen, schlecht beleuchteten 
Werkstatt, wo das Hammern sich trostlos mit der Musik aus den 
Televisoren vermischte. 

Als sie sich in dem Glockenstuhl des Kirchturms trafen, 
erganzten sie die Lticken ihrer bruchstuckweisen 
Unterhaltungen. Es war ein gluhendheifier Nachmittag. Die Luft 
in dem kleinen, viereckigen Raum tiber den Glocken war 
drtickend und erstickend und roch durchdringend nach 



148 



Taubenmist. Sie safien stundenlang auf dem staubigen, mit 
schmutzigem Reisig bedeckten Fufiboden und plauderten; von 
Zeit zu Zeit stand einer von ihnen auf und warf einen Blick durch 
die Schiefischarten, um sich zu uberzeugen, dafi niemand kam. 
Julia war sechsundzwanzig Jahre alt. Sie wohnte in einem Heim 
mit dreifiig anderen jungen Madchen zusammen. (»Immer in 
dem Weibergestank! Wie ich die Frauen hasse!«) Und sie war, 
wie er vermutet hatte, an den Romanschreibemaschinen in der 
Literaturabteilung beschaftigt. Sie liebte ihre Arbeit, die in der 
Hauptsache in der Handhabung und Bedienung eines starken, 
aber sehr komplizierten Elektromotors bestand. Sie war nicht 
besonders intelligent, aber manuell geschickt und gut mit dem 
Maschinellen vertraut. Sie konnte den ganzen Arbeitsgang der 
Zusammenstellung eines Romans beschreiben, angefangen von 
den durch das Planungskomitee herausgegebenen Richtlinien bis 
zu den letzten, von der Umschreibe-Gruppe aufgesetzten 
Glanzlichtern. Aber sie hatte kein Interesse an dem Endprodukt. 
»Ich mache mir nicht viel aus Buchern«, sagte sie. Sie waren ein 
Artikel, der hergestellt werden mufite, wie Marmelade oder 
Schuhbander. 

Sie hatte keinerlei Erinnerung an die Zeit vor den sechziger 
Jahren; der einzige Mensch in ihrem Umkreis, der haufig von der 
Zeit vor der Revolution gesprochen hatte, war ein Grofivater, der 
verschwunden war, als sie acht Jahre alt wurde. In der Schule 
war sie Anfuhrerin der Hockey-Mannschaft gewesen und hatte 
zwei Jahre hintereinander den Leichtathletikpreis gewonnen. Sie 
war Truppfuhrerin bei den Spahern und Hilfssekretarin bei der 
Kinderliga gewesen, bevor sie in die Jugendliga gegen Sexualitat 
eintrat. 

Ihr Fuhrungszeugnis war immer vorzuglich gewesen. Sie war 
sogar dazu ausersehen worden - und das war ein untrugliches 
Zeugnis fur eine gute Fuhrung -, in der Unterabteilung der 
Literatur-Abteilung zu arbeiten, die billige pornographische 
Erzeugnisse zum Verkauf bei den Proles herstellte. Dort war sie 
ein Jahr geblieben und hatte in Zellophan gewickelte Broschuren 



149 



mit Titeln wie »Liebe und Hiebe« oder »Eine Nacht in einem 

Madchenpensionat« produzieren helfen, die heimlich von 

Jugendlichen aus dem Proletariat gekauft wurden, armen 

Ahnungslosen, die damit etwas gesetzlich streng Verbotenes und 

im geheimen Hergestelltes zu erstehen glaubten. 

»Was sind das fur Bucher?« fragte Winston neugierig. 

»Ach, wiister Schund. Sie sind eigentlich sehr langweilig. Es gibt 

nur sechs mogliche Verwicklungen in der Handlung, die immer 

nur ein bisschen abgeandert werden. Ich war naturlich nur an 

den Kaleidoskopen beschaftigt. Nie bei der Umschreibe-Gruppe. 

Ich bin nicht literarisch genug, mein Lieber - nicht einmal dazu 

wurde es reichen.« 

Mit Erstaunen erfuhr er, dafi in der Pornoabteilung aufier dem 

Leiter der Abteilung nur Madchen beschaftigt wurden. Man ging 

davon aus, dafi die Manner, die sich erotisch nicht so leicht 

beherrschen konnten wie Frauen, grofiere Gefahr liefen, durch 

den Schmutz, mit dem sie sich abgeben mussten, verdorben zu 

werden. 

»Sie nehmen dort nicht einmal gern verheiratete Frauen an«, 

fugte Julia hinzu. »Bei Madchen wird immer vorausgesetzt, dafi 

sie rein sind. Na, ich bin es jedenfalls nicht.« 

Sie hatte als Sechzehnjahrige ihre erste Liebesaffare mit einem 

sechzig Jahre alten Parteimitglied gehabt, einem Mann, der spater 

Selbstmord beging, um der Verhaftung zu entgehen. 

»Und das war ein Gluck«, fugte Julia hinzu, »sonst hatten sie 

meinen Namen von ihm herausbekommen, wenn er gestanden 

hatte. « 

Ihm waren zahlreiche andere gefolgt. In ihren Augen stellte sich 

das Leben sehr einfach dar. Man wollte es sich selbst so 

angenehm wie moglich machen; »sie«, das heifit die Partei, wollte 

einen daran hindern; also ubertrat man die Gesetze, wo man nur 

konnte. 

Julia schien es ebenso naturlich zu finden, dafi »sie« einem alles 

Vergnugen rauben wollte, wie dafi man selbst versuchte, sich 

nicht erwischen zu lassen. Sie hasste die Partei und sprach das in 



150 



den derbsten Worten aus, aber sie tibte generell keine Kritik an 
ihr. Von den Punkten abgesehen, wo ihr eigenes Leben damit in 
Konflikt kam, hatte sie keinerlei Interesse an den Doktrinen der 
Partei. Winston bemerkte, dafi sie niemals Neusprechworte 
benutzte, aufier den wenigen, die in die Umgangssprache 
eingegangen waren. 

Sie hatte nie etwas von der »Bruderschaft« gehort und lehnte es 
auch ab, an ihr Vorhandensein zu glauben. Jede Art organisierter 
Auflehnung gegen die Partei, die ja notwendigerweise 
fehlschlagen mufite, hielt sie fur dumm. Gegen die Gesetze zu 
verstofien und dabei selbst am Leben zu bleiben - darauf kam es 
an. Er fragte sich mit einem unbestimmten Gefuhl, wie viele 
Menschen ihres Typus es wohl unter der jungeren Generation 
geben mochte - Menschen, die in die Welt der Revolution 
hineingewachsen waren und nichts anderes kannten, die die 
Partei als etwas so Unabanderliches wie den Himmel zu ihren 
Hauptern hinnahmen, ohne sich gegen ihre Autoritat 
aufzulehnen, sondern ihr einfach auswichen, wie ein Hase 
hakenschlagend einem Hunde zu entkommen sucht. 
Sie sprachen nicht uber die Moglichkeit einer Heirat. Sie lag zu 
fern, um sich uberhaupt damit zu beschaftigen. Man konnte sich 
keinen Prufungsausschufi vorstellen, der eine solche Verbindung 
jemals genehmigen wurde, selbst wenn Winston seine Frau 
Katherine irgendwie hatte loswerden konnen. Es war zwecklos, 
sich das auch nur auszumalen. 

»Wie war eigentlich deine Frau?« fragte Julia. »Sie war - kennst 
du das Neusprechwort gutdenkvoll? Es bedeutet: von Natur aus 
orthodox, unfahig, einen Unvorschriftsmafiigen Gedanken auch 
nur zu fassen.« 

»Nein, ich kannte das Wort nicht. Aber diese Sorte Menschen 
kenne ich nur zu gut.« 

Er begann ihr die Geschichte seiner Ehe zu erzahlen, aber 
seltsamerweise schien sie das Wesentliche davon bereits zu 
kennen. Sie beschrieb ihm, als habe sie es selber miterlebt oder 
gefuhlt, wie Katherines Korper erstarrte, sobald er sie nur 



151 



bertihrte, und wie sie ihn selbst dann noch mit ihrer ganzen Kraft 

von sich wegzustofien schien, wenn ihre Arme eng um ihn 

geschlungen waren. Es bereitete ihm keine Schwierigkeit, mit 

Julia tiber solche Dinge zu sprechen: Katherine war jedenfalls 

langst keine schmerzliche Erinnerung mehr, sondern nur noch 

eine unangenehme. 

»Ich hatte es noch aushallen konnen, wenn nicht eine Sache 

gewesen ware«, sagte er. 

Und er erzahlte ihr von der frigiden kleinen Zeremonie, die ihn 

Katherine gezwungen hatte, allwochentlich in der gleichen Nacht 

auszuftihren. 

»Es war ihr greulich, aber nichts in der Welt hatte sie dazu 

bringen konnen, es bleiben zu lassen. Sie nannte es immer - aber 

das erratst du nie.« 

»Unsere Pflicht gegenuber der Partei«, sagte Julia prompt. 

»Woher weifit du das?« 

»Ich war schliefilich auch in der Schule, mein Lieber. 

Aufklarungsunterricht fur junge Madchen tiber sechzehn, einmal 

im Monat. In der Jugendbewegung desgleichen. Sie trichtern 

einem das Jahre hindurch ein. Und ich kann wohl behaupten, dafi 

sie in vielen Fallen Erfolg damit haben. Aber man weifi es 

nattirlich nie; die Menschen sind so scheinheilig.« 

Und sie begann sich weiter tiber das Thema auszulassen. Bei Julia 

drehte sich alles um ihre eigene Sinnlichkeit. Sobald diese 

irgendwie im Spiel war, konnte sie aufierordentlich scharfsinnig 

sein. Im Gegensatz zu Winston war ihr ein Licht tiber den 

eigentlichen Zweck der strengen Parteidoktrin in sexuellen 

Dingen aufgegangen. Sie wurde aufrechterhalten, nicht nur weil 

die Sexualitat sich eine Welt ftir sich zu schaffen verstand, die 

aufierhalb der Kontrolle der Partei lag, so dafi sie nach 

Moglichkeit unterdrtickt werden mufite, sondern vor alien 

Dingen, weil die sexuelle Enthaltsamkeit zur Hysterie ftihrte und 

damit ein erstrebenswertes Ziel erreicht wurde, denn diese 

Hysterie konnte in Kriegsbegeisterung und Ftihrerverehrung 

umgewandelt werden. Julia drtickte das folgendermafien aus: 



152 



»Beim Liebesspiel verbraucht man Energie, und hinterher ftih.lt 
man sich glticklich und pfeift auf alles andere. Das konnen sie 
nicht ertragen. Sie wollen, dafi man standig zum Platzen mit 
Energie geladen ist. Dies ganze Auf- und Abmarschieren, Hurra- 
Brtillen und Fahnenschwenken ist weiter nichts als sauer 
gewordene Sinnlichkeit. Wenn man innerlich glticklich ist, kann 
man weder tiber den Grofien Bruder noch den Drei-Jahres-Plan, 
die Zwei-Minuten-Hass-Sendung und den ganzen tibrigen 
Schwindel in Begeisterung geraten!« 

Das war sehr richtig, dachte Winston. Es bestand ein 
unmittelbarer, enger Zusammenhang zwischen Enthaltsamkeit 
und politischer Strengglaubigkeit. 

Hatte man sonst Furcht, Hass und fanatischen Glauben, wie sie 
die Partei bei ihren Mitgliedern voraussetzte, in der richtigen 
Weifiglut erhalten konnen, wenn man nicht einen machtigen 
Urtrieb auf Flaschen zog, um ihn als Treibstoff zu benutzen? Der 
Sexualtrieb war ftir die Partei gefahrlich, und sie hatte gelernt, 
ihn in ihren Dienst zu spannen. Ahnlich war man mit dem 
Familiensinn verfahren. Die Familie konnte zwar nicht vollig 
abgeschafft werden, ja, man ermutigte die Leute sogar, in einer 
fast altmodischen Weise an ihren Kindern zu hangen. Die Kinder 
dagegen wurden systematisch gegen ihre Eltern aufgehetzt; man 
brachte ihnen bei, sie zu bespitzeln und jeden ihrer Verstofie 
gegen die Disziplin zu melden. Das Familienleben war in 
Wirklichkeit zu einer Erweiterung der Gedankenpolizei 
geworden, zu einem Mittel, um jedermann Tag und Nacht von 
intim vertrauten Angebern bespitzeln zu lassen. 
Er mufite wieder an Katherine denken. Sie hatte ihn fraglos bei 
der Gedankenpolizei denunziert, wenn sie nicht zu dumm 
gewesen ware, um an seinen Ansichten etwas Unorthodoxes zu 
bemerken. Was sie ihm in diesem Augenblick ins Gedachtnis 
zurtickrief, war die erstickende Schwtile des Nachmittags, die 
ihm den Schweifi auf die Stirn getrieben hatte. Er begann Julia zu 
erzahlen, was sich vor elf Jahren an einem ahnlichen drtickend 
heifien Sommertag ereignet hatte. 



153 



Es hatte sich drei oder vier Monate nach ihrer Heirat zugetragen. 
Katherine und er hatten sich auf einer Gemeinschaftswanderung 
im Herzen von Kent verlaufen. Sie waren nur ein paar Minuten 
hinter den anderen zuruckgeblieben, hatten dann aber eine 
falsche Richtung eingeschlagen und fanden sich plotzlich am 
Rand einer aufgelassenen Kalkgrube stehen. Der Boden sturzte 
jah zu einer Tiefe von zehn oder zwanzig Meter ab; unten lagen 
grofie Felsentrummer. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, 
den sie nach dem Weg hatten fragen konnen. 
Sobald Katherine merkte, dafi sie den Weg verloren hatten, 
wurde sie sehr unruhig. Auch nur fur einen Augenblick vom 
larmenden Haufen der anderen Ausflugler getrennt zu sein, gab 
ihr das Gefuhl, ein Unrecht zu begehen. Sie wollte auf dem Weg, 
den sie gekommen waren, zurucklaufen und in der anderen 
Richtung ihr Gluck versuchen. Aber in diesem Augenblick 
entdeckte Winston ein paar Stauden Pfennigkraut, die in den 
Vorsprungen des Gesteins unter ihnen Wurzel geschlagen hatten. 
Eine von den Stauden war zweifarbig, sie trug offenbar violette 
und ziegelrote Bliiten am selben Stamm. Er hatte noch nie vorher 
etwas Derartiges gesehen und rief Katherine herbei, um sich das 
anzusehen. 

»Schau, Katherine. Schau mal diese Blumen. Diese Staude da, fast 
unten auf dem Grund. Sie hat zwei verschiedene Farben, siehst 
du es?« 

Sie hatte sich bereits zum Gehen gewandt, kam aber ziemlich 
verdriefilich fur einen Augenblick zuruck. Sie beugte sich sogar 
tiber den Rand der Grube, um zu sehen, worauf er deutete. Er 
stand ein wenig hinter ihr und hielt sie, um ihr Halt zu geben, am 
Gurtel fest. In diesem Augenblick kam ihm plotzlich zum 
Bewusstsein, wie vollkommen allein sie waren. Nirgends eine 
Menschenseele, kein Blatt regte sich, nicht einmal ein Vogel war 
zu sehen. An einem solchen Ort war die Gefahr eines irgendwo 
verborgenen Mikrophons sehr gering, und selbst wenn es 
installiert ware, wurde es nur ein Gerausch verzeichnen. Es war 
um die heifieste, schlafrigste Nachmittagsstunde. Die Sonne 



154 



brannte auf sie herunter, der Schweifi kitzelte sein Gesicht. Da 

war ihm der Gedanke gekommen. . . 

»Warum hast du ihr nicht einen tuchtigen Stofi versetzt?« sagte 

Julia. »Ich hatte es getan.« 

»Ja, Liebling, du schon. Ich hatte es auch getan, wenn ich derselbe 

Mensch gewesen ware wie heute. Das heifit, vielleicht hatte ich es 

getan - ich bin mir nicht sicher.« 

»Tut es dir leid, dafi du es nicht getan hast?« 

»Ja. Im Grunde bedaure ich es.« 

Sie safien Seite an Seite auf dem staubigen Fufiboden. Er zog sie 

an sich. Ihr Kopf lag auf seiner Schulter, der angenehme Duft 

ihres Haares uberstaubte den Geruch nach Taubenmist. Sie war 

sehr jung, dachte er, sie erwartete noch etwas vom Leben, sie 

begriff nicht, dafi es nichts hilft, einen unbequemen Menschen in 

einen Abgrund zu stofien. 

»In Wirklichkeit hatte es nichts geandert«, sagte er. »Warum 

bedauerst du dann, es nicht getan zu haben?« 

»Nur weil mir das Handeln lieber geworden ist als das 

Herumsitzen mit Handen im Schofi. Doch bei dem Spiel, das wir 

spielen, konnen wir nicht gewinnen. Die eine Art von 

Fehlschlagen ist besser als die andere, das ist alles.« 

Er fuhlte ein Zucken des Widerspruchs in ihren Schultern. Sie 

widersprach ihm immer, wenn er etwas Derartiges sagte. Sie 

wollte es nicht als ein Naturgesetz hinnehmen, dafi der einzelne 

immer unterliegt. Einesteils war ihr bewusst, dafi sie zum 

Untergang verurteilt war, dafi fruher oder spater die 

Gedankenpolizei sie verhaften und toten wurde, doch mit einem 

anderen Teil ihres Denkens hielt sie es irgendwie fur moglich, 

eine geheime Welt aufzubauen, in der man leben konnte, wie es 

einem gefiel. Dazu brauchte man nur Gluck, Schlauheit und 

Dreistigkeit. Sie begriff nicht, dafi es so etwas wie Gluck nicht 

gab, dafi der einzige Sieg in der fernen Zukunft lag, lange 

nachdem man gestorben war, dafi man von dem Augenblick an, 

in dem man der Partei den Kampf ansagte, besser daran tat, sich 

als Leiche zu betrachten. 



155 



»Wir sind die Toten«, sagte er. 

»Wir sind doch noch nicht tot«, meinte Julia nuchtern. 
»Noch nicht korperlich. Aber in sechs Monaten, einem Jahr - 
moglicherweise ftinf Jahren. Ich habe Angst vor dem Tod. Du bist 
noch jung, also furchtest du ihn vermutlich noch mehr als ich. 
Begreiflicherweise werden wir ihn so lange wie moglich 
hinausschieben. Aber es ist nur ein sehr geringer Unterschied. 
Solange wir Menschen Menschen sind, bleiben sich Tod und 
Leben gleich.« 

»Ach, Unsinn! Mit wem mochtest du lieber ins Bett gehen, mit 
mir oder einem Skelett? Bist du nicht froh, dafi du lebst? Fuhlst 
du nicht gerne: Das bin ich, das ist meine Hand, das ist mein 
Bein, ich bin wirklich, bin greifbar, ich lebe! Liebst du das nicht?« 
Sie warf sich herum und presste ihren Busen gegen ihn. Er 
konnte ihre reifen, festen Bruste durch ihren Trainingsanzug 
hindurch spuren. Ihr Korper schien etwas von seiner 
Jugendfrische und Lebenskraft an ihn abzugeben. 
»Doch, das liebe ich«, sagte er. 

»Dann hor auf, vom Sterben zu reden. Und jetzt pafi auf, Liebster, 
wir mussen unser nachstes Wiedersehen vereinbaren. Wir 
konnen ebenso gut wieder zu der Stelle im Wald gehen. Wir 
haben lange genug pausiert. Aber diesmal mufit du auf einem 
anderen Weg hingehen. Ich habe mir alles ausgedacht. Du fahrst 
mit dem Zug - aber schau her, ich werde es dir aufzeichnen.« 
Und in ihrer praktischen Art scharrte sie den Staub zu einem 
kleinen Quadrat zusammen und begann mit einem Zweig aus 
einem der Taubennester eine Landkarte auf den Boden zu 
zeichnen. 



156 



Viertes Kapitel 



Winston blickte sich in dem schabigen kleinen Zimmer tiber Mr. 
Charringtons Laden urn. Neben dem Fenster war das riesige Bett 
mit zerrissenen Wolldecken und einem unbezogenen Kopfkissen 
aufgemacht. Die altmodische Uhr mit dem Zwolferzifferblatt 
tickte auf dem Kaminsims. In der Ecke, auf dem Klapptischchen, 
schimmerte der Glasbriefbeschwerer, den er bei seinem letzten 
Besuch gekauft hatte, sanft aus dem Halbdunkel hervor. 
Auf dem Kaminvorsatz standen ein zerbeulter 
Blechpetroleumkocher, ein Kessel und zwei Tassen, die Mr. 
Charrington zur Verfugung gestellt hatte. Winston zundete den 
Kocher an und setzte Wasser auf. Er hatte einen Briefumschlag 
voll Victory-Kaffee und ein paar Sacharintabletten mitgebracht. 
Die Zeiger zeigten auf zwanzig nach sieben: demnach war es also 
in Wirklichkeit 19.20 Uhr. Um 19.30 Uhr wollte sie kommen. 
Verruckt, verriickt, hammerte sein Herz unaufhorlich: Es war 
eine bewufite, unverantwortliche, selbstmorderische 
Verrucktheit. Von alien Verbrechen, die ein Parteimitglied 
begehen konnte, war keines so unmoglich geheimzuhalten wie 
dieses. Genaugenommen war ihm der Gedanke zum erstenmal 
wie eine Vision durch den Sinn gegangen, als er den 
Briefbeschwerer sich in der Platte des Klapptisches spiegeln sah. 
Wie vorausgesehen, hatte Mr. Charrington keine Schwierigkeiten 
beim Vermieten des Zimmers gemacht. 

Er war offensichtlich erfreut tiber die paar Dollar, die ihm das 
einbringen wtirde. Auch nahm er keinen Anstofi daran, noch 
wurde er unangenehm vertraulich, als sich herausstellte, dafi 
Winston das Zimmer ftir ein Liebesabenteuer benotigte. 
Stattdessen blickte er unbestimmt vor sich hin und sprach in 
allgemeinen Wendungen mit einer so zurtickhaltenden Miene, 
dafi man das Geftihl hatte, er sei tiberhaupt so gut wie unsichtbar 
geworden. 



157 



Unter sich zu sein, meinte er, sei etwas sehr Schatzenswertes. 
Jeder Mensch sollte ein Platzchen haben, wo er gelegentlich zu 
zweit allein sein konne. Und wenn der Betreffende ein solches 
Platzchen gefunden habe, so sei es nur eine ganz gewohnliche 
Anstandspflicht jedes anderen, sein Wissen daruber fur sich zu 
behalten. Er fugte sogar hinzu - und dabei schien er sich vollends 
in nichts aufzulosen - , dafi das Haus zwei Eingange habe, von 
denen einer durch den Hinterhof hinaus auf ein Seitengafichen 
fuhre. Draufien vor dem Fenster sang jemand. Winston lugte 
unter dem Schutz des Musselinvorhangs hinaus. Die Junisonne 
stand noch hoch am Himmel, und drunten auf dem besonnten 
Hof stapfte ein Monstrum von Frau, wuchtig wie eine 
romanische Saule, mit stammigen roten Unterarmen und einer 
um ihre Taille gebundenen Sackleinwandschurze, zwischen 
einem Waschfass und einer Wascheleine hin und her, auf der sie 
eine Reihe viereckiger weifier Dinger aufhangte, die Winston als 
Kinderwindeln erkannte. So oft ihr Mund nicht durch 
Wascheklammern verschlossen war, sang sie mit machtiger, 
tiefer Altstimme: »Es war nur ein tiefer Traum, Ging wie ein 
Apriltag vorbei-ei, Aber sein Blick war leerer Schaum, Brach mir 
das Herz entzwei-ei!« 

Das Lied wurde wahrend der letzten Wochen von ganz London 
getrallert. Es war einer von zahlreichen ahnlichen Schlagern, die 
fur die Proles von einer Unterabteilung der Fachgruppe Musik 
herausgegeben wurden. Der Wortlaut dieser Lieder wurde ohne 
jedes menschliche Zutun von einem sogenannten »Versificator« 
zusammengestellt. Aber die Frau sang so melodios, dafi aus dem 
furchterlichen Blodsinn beinahe ein hubsches Liedchen wurde. Er 
konnte den Gesang der Frau und das Scharren ihrer Schuhe auf 
den Steinplatten horen, die Rufe der Kinder auf der Strafie und 
irgendwo in weiter Feme das leise Drohnen des Verkehrs; und 
doch schien ihm das Zimmer merkwurdig still, weil es keinen 
Televisor enthielt. 

Verruckt, verruckt, dachte er von neuem. Es war unvorstellbar, 
dafi sie diesen Treffpunkt langer als ein paar Wochen benutzen 



158 



konnten, ohne ertappt zu werden. Aber die Versuchung, einen 

Unterschlupf zu haben, der wirklich ihnen gehorte, unter einem 

festen Dach und leicht erreichbar, war fur sie beide zu grofi 

gewesen. Nach ihrem letzten Treffen im Glockenturm liefi sich 

eine Zeitlang kein Stelldichein ermoglichen. Die Zahl der 

Arbeitsstunden war im Hinblick auf die kommende Hass-Woche 

radikal heraufgesetzt worden. Sie fand erst in mehr als einem 

Monat statt, aber die damit verbundenen umfangreichen und 

vielfaltigen Vorbereitungen burdeten jedermann Sonderarbeit 

auf. Endlich gelang es den beiden, sich am selben Tag einen 

freien Nachmittag zu verschaffen. 

Sie waren ubereingekommen, wieder zu der Waldlichtung zu 

gehen. Am Abend vorher trafen sie sich kurz auf der Strafie. Wie 

gewohnlich sah Winston Julia kaum an, als sie in der Menge 

aufeinander zusteuerten, aber nach dem kurzen Blick, den er ihr 

zuwarf, kam es ihm so vor, als sei sie bleicher als gewohnlich. 

»Es ist nichts damit«, murmelte sie, sobald sie es fur ungefahrlich 

hielt, zu sprechen. »Mit morgen, meine ich.« 

»Wieso?« 

»Morgen Nachmittag. Ich kann nicht kommen.« 

»Warum nicht?« 

»Das ubliche. Es ist diesmal zu frtih losgegangen.« 

Einen Augenblick lang packte ihn heftiger Arger. Wahrend der 

Monate ihrer Bekanntschaft hatte sich seine Einstellung zu ihr 

geandert. Anfangs hatte nur wenig echte Sinnlichkeit mitgespielt. 

Ihr erstes intimes Beisammensein war fur ihn lediglich eine 

Willensanstrengung gewesen. Aber nach dem zweiten Mai war 

es anders geworden. 

Der Duft ihres Haares, der Geschmack ihres Mundes, die 

Beruhrung ihrer Haut schienen ihn ganz und gar, ja selbst die ihn 

umgebende Atmosphare durchdrungen zu haben. Sie war fur ihn 

ein korperliches Bedurfnis geworden, etwas, das er nicht nur 

brauchte, sondern worauf er ein Recht zu haben meinte. Als sie 

nun sagte, sie konne nicht kommen, hatte er das Gefuhl, von ihr 

betrogen zu werden. Aber gerade in diesem Augenblick wurden 



159 



sie im Gedrange aneinander geprefit, und ihre Hande fanden sich 
wie zufallig. Sie versetzte seinen Fingerspitzen einen raschen 
Druck, der nicht um Begehren, sondern um Liebe bat. 
Ihm wurde bewufit, dafi eine solche Enttauschung beim 
Zusammenleben mit einer Frau eine normale, immer 
wiederkehrende Erscheinung sein mufite. Und plotzlich empfand 
er eine tiefe Zartlichkeit, wie er sie vorher nicht fur sie gefuhlt 
hatte. Er wunschte, sie waren ein altes, seit zehn Jahren 
verheiratetes Ehepaar. Er wunschte, er ginge mit ihr wie eben 
jetzt durch die Strafien, aber often und ohne Angst, um sich dabei 
uber alltagliche Dinge zu unterhalten und alles Mogliche fur den 
Haushalt einzukaufen. Vor allem aber wunschte er. sie hatten ein 
Fleckchen Erde, wo sie allein miteinander sein konnten, ohne die 
Verpflichtung zu fuhlen, bei jedem Zusammensein gleich ins Bett 
gehen zu mussen. 

Nicht gerade in diesem Augenblick, aber irgendwann im Laute 
des folgenden Tages war ihm der Gedanke gekommen. Mr. 
Charringtons Zimmer zu mieten. Als er Julia diesen Vorschlag 
machte, hatte sie mit unerwarteter Bereitwilligkeit zugestimmt. 
Sie wufiten beide, dafi es ein Wahnsinn war. Es war, als taten sie 
beide absichtlich einen Schritt naher an ihr Grab heran. Wahrend 
er wartend auf dem Bettrand safi, dachte er von neuem an die 
Kellergewolbe des Liebesministeriums. Es war merkwurdig, wie 
einem dies unausweichliche Schicksal immer wieder zum 
Bewufitsein kam. Da lag es nun auf der Lauer als sichere 
Vorbestimmung, ein Vorspiel des Todes, auf das man mit 
neunundneunzig Prozent Wahrscheinlichkeit rechnen konnte. 
Man konnte ihm nicht entrinnen, aber man konnte es vielleicht 
hinausschieben: und doch legte man es stattdessen immer wieder 
darauf an, durch eine bewusst gewollte Handlung den Aufschub 
zu verkurzen. 

In diesem Augenblick vernahm man einen raschen Schritt auf der 
Treppe. Julia kam ins Zimmer gesturzt. Sie trug eine 
Werkzeugtasche aus derbem braunen Segeltuch, mit der er sie 
manchmal im Ministerium hatte hin und her laufen sehen. Er 



160 



sprang auf, um sie in seine Arme zu schliefien, aber sie befreite 
sich ziemlich hastig, zum Teil wohl, weil sie noch immer die 
Werkzeugtasche hielt. 

»Nur eine Sekunde«, sagte sie. »Lafi dir nur eben zeigen, was ich 
mitgebracht habe. Hast du was von diesem schauerlichen 
Victory-Kaffee mitgebracht? Das dachte ich mir. Du kannst ihn 
wegschmeifien, denn wir brauchen ihn nicht. Da, schau her.« 
Sie liefi sich auf die Knie nieder, klappte die Tasche auf und warf 
ein paar Schraubenschlussel heraus, die obenauf lagen. Darunter 
kam eine Anzahl sauberlich in Papier gewickelter Packchen zum 
Vorschein. Das erste Packchen, das sie Winston reichte, fuhlte 
sich merkwurdig und doch irgendwie bekannt an. Es war mit 
einer schweren, feinkornigen Masse angefullt, die bei der 
Beruhrung jedem Druck nachgab. 

»Doch nicht etwa Zucker?« fragte er. »Echter Zucker. Kein 
Sacharin, sondern Zucker. Und hier ist ein Laib Brot - richtiges 
Weifibrot, nicht unser elender Dreck - und ein Topfchen 
Marmelade. Und da ist eine Dose Milch - aber jetzt pass auf! 
Darauf bin ich wirklich stolz. Ich mufite es in ein Stuck 
Sackleinwand einwickeln, weil...« 

Aber sie brauchte ihm nicht zu sagen, warum sie es eingewickelt 
hatte. Der Duft erfullte bereits das Zimmer, ein reicher, wurziger 
Duft, der wie ein Hauch aus seiner Kindheit war, dem man aber 
auch heute noch begegnete, wenn er manchmal durch eine Gasse 
zog, ehe irgendeine Tur ins Schlofi fiel, oder in einer 
verkehrsreichen Strafie in der Luft hing, einem einen Augenblick 
in die Nase stieg und sich dann wieder verfluchtigte. 
»Kaffee«, murmelte er, »echter Kaffee.« »Es ist Kaffee fur die 
Innere Partei. Ich habe ein ganzes Kilo davon mit«, sagte sie. 
»Wie bist du zu all diesen Dingen gekommen?« 
»Es sind alles Sachen fur die Innere Partei. Es gibt nichts, was 
diese Schweine nicht haben; einfach nichts. Aber naturlich klauen 
die Kellner, die Dienstboten und die Angestellten, und . . . schau 
her, ich habe auch ein Packchen Tee.« 



161 



Winston hatte sich eben niedergehockt. Er rifi eine Ecke des 
Packchens auf. »Echter Tee! Keine Brombeerblatter!« 
»Es gab in letzter Zeit haufenweise Tee. Sie haben Indien erobert 
oder so etwas Ahnliches«, sagte sie beilaufig. »Aber hor zu, 
Liebster. Tu mir den Gefallen und dreh dich drei Minuten um. 
Geh und setz dich auf die andere Seite vom Bett. Tritt nicht zu 
nah ans Fenster. Und dreh dich nicht um, ehe ich dir's nicht 
sage.« 

Winston starrte versunken durch den Musselinvorhang 
hindurch. Unten im Hof ging die Frau mit den geroteten Armen 
noch immer zwischen dem Waschzuber und der Wascheleine hin 
und her. Sie nahm gerade wieder zwei Klammern aus dem Mund 
und sang mit gefuhlvoller Stimme: »Man sagt, die Zeit heile alles, 
Es heifit, man kann alles vergessen, Aber vom Schmerz meines 
Falles, Von dem bleib' ich ewig besessen!« 

Sie schien das ganze torichte Lied auswendig zu konnen. Ihre 
Stimme schwebte sehr melodisch mit dem lauen Sommerluftchen 
daher, von einer Art glucklicher Melancholie erfullt. Man hatte 
das Gefuhl, es hatte der Frau nichts ausgemacht, wenn der 
Juniabend nie ein Ende gehabt und der Waschevorrat 
unerschopflich gewesen ware, und wenn sie tausend Jahre so 
weitermachen konnte: Kinderwindeln aufhangen und kitschige 
Lieder dabei singen. Dabei fiel ihm ein, dafi er 
merkwurdigerweise nie ein Parteimitglied allein und spontan 
hatte singen horen. Es hatte sogar ein wenig unorthodox, wie 
eine gefahrliche Schrullenhaftigkeit gewirkt, so als ob man 
Selbstgesprache fuhrte. Vielleicht mufiten die Menschen erst nahe 
am Verhungern sein, um fur sich allein singen zu konnen. 
»Jetzt darfst du dich umdrehen«, sagte Julia. 
Er drehte sich um und hatte sie eine Sekunde lang fast nicht 
erkannt. Eigentlich hatte er erwartet, sie nackt vor sich zu sehen. 
Aber sie war nicht nackt. Ihre Verwandlung war viel 
erstaunlicher. Sie hatte sich geschminkt. 

Sie mufite in einen Laden in den Prolesvierteln geschlupft sein 
und eine ganze Ausrustung von Toilettenartikeln gekauft haben. 



162 



Ihre Lippen waren tiefrot, ihre Wangen bedeckte ein Hauch von 
Rouge, ihre Nase war gepudert; sogar unter die Augen war 
irgendetwas getupft, das sie glanzender erscheinen liefi. Es war 
nicht sehr geschickt gemacht, aber Winstons Anspruche in diesen 
Dingen waren keineswegs hochgeschraubt. Er hatte nie zuvor ein 
weibliches Parteimitglied geschminkt gesehen oder es sich auch 
nur geschminkt vorstellen konnen. Julias Erscheinung hatte sich 
in verbluffender Weise verschont. Mit nur wenigen Farbstrichen 
an den richtigen Stellen war sie nicht nur sehr viel hubscher, 
sondern vor allem viel weiblicher geworden. Ihr kurzes Haar und 
der knabenhafte Trainingsanzug erhohten nur die Wirkung. 
Als er sie in seine Arme schlofi, stieg ihm eine Welle 
synthetischen Veilchendufts in die Nase. Er erinnerte sich an das 
Halbdunkel einer Wohnkuche im Erdgeschofi und an die 
schwarze Mundhohle einer Frau. Genau das gleiche Parfum hatte 
sie benutzt; aber im Augenblick schien das nichts auszumachen. 
»Parfum auch!« rief er aus. 

»Ja, Liebster, auch Parfum. Und weifit du, was ich als nachstes 
mache? Ich versuche, irgendwo einen richtigen Frauenrock 
aufzutreiben, und ziehe ihn mir anstatt dieser scheufilichen 
Hosen an. Ich werde seidene Strumpfe tragen und Schuhe mit 
hohen Absatzen! In diesem Zimmer will ich eine Frau sein, keine 
Genossin.« 

Sie streiften ihre Kleider ab und stiegen in das riesige 
Mahagonibett. Er zog sich zum erstenmal in ihrer Gegenwart 
ganz aus. Bisher hatte er sich zu sehr seines bleichen, mageren 
Korpers mit den an den Waden hervortretenden Krampfadern 
und dem entfarbten Fleck uber seinem Fufiknochel geschamt. 
Das Bett hatte kein Laken, aber die Wolldecke, auf der sie lagen, 
war dtinn und weich, und die Grofie und Federung des Bettes 
erstaunte sie beide. 

»Es wimmelt sicher von Wanzen, aber wen kummert das schon?« 
sagte Julia. 

Man sah heutzutage nirgendwo Doppelbetten, aufier in den 
Wohnungen der Proles. Winston hatte in seiner Knabenzeit 



163 



gelegentlich in einem geschlafen; Julia hatte noch nie zuvor in 
einem gelegen, soweit sie sich erinnern konnte. 
Sie sanken gleich fur eine Weile in Schlummer. Als Winston 
aufwachte, waren die Zeiger der Uhr bis fast auf neun 
vorgeruckt. Er ruhrte sich nicht, denn Julia schlief noch, ihren 
Kopf in die Biegung seines Armes gebettet. Der grofite Teil der 
Schminke hatte sich auf sein Gesicht und das Kissen ubertragen, 
aber ein zarter roter Fleck betonte noch immer die Schonheit ihrer 
Wange. Ein goldgelber Strahl der untergehenden Sonne glitt tiber 
das Bettende und fiel auf den Kocher, auf dem das Wasser 
lebhaft sprudelte. Drunten im Hof hatte die Frau zu singen 
aufgehort, aber gedampfte Kinderrufe drangen von der Strafie 
herein. 

Er fragte sich verschwommen, ob es wohl in der verponten 
Vergangenheit ein normales Erlebnis gewesen war, als Mann und 
Frau so in der Kuhle des Sommerabends unbekleidet im Bett zu 
liegen, der Liebe zu fronen, wenn man Lust dazu verspurte, zu 
sprechen, was einem gerade einfiel, nicht zum Aufstehen 
gezwungen zu sein, sondern einfach dazuliegen und den 
friedvollen Gerauschen von draufien zu lauschen. Konnte es 
einmal eine Zeit gegeben haben, wo das selbstverstandlich 
schien? Julia erwachte, rieb sich die Augen und richtete sich auf 
den Ellenbogen auf, um nach dem Petroleumkocher zu sehen. 
»Das halbe Wasser ist verkocht«, sagte sie. »Ich stehe gleich auf 
und mache Kaffee. Wir haben noch eine Stunde Zeit. Wann wird 
in eurem Block das Licht ausgeschaltet?« 
»Um dreiundzwanzig Uhr dreifiig.« 

»Im Heim um dreiundzwanzig Uhr. Aber man mufi schon f ruher 
zu Hause sein, weil...Huch! Mach, dafi du wegkommst, du 
Biest!« 

Sie machte plotzlich eine Drehung im Bett, hob einen Schuh vom 
Boden auf und warf ihn wuchtig mit einer jungenhaften 
Armbewegung in die Ecke, mit der gleichen Bewegung, mit der 
er sie an jenem Vormittag wahrend der Zwei-Minuten-Hass- 
Sendung das Worterbuch nach Goldstein hatte schleudern sehen. 



164 



»Was ist los?« fragte er erstaunt. 

»Eine Ratte. Ich sah, wie sie ihre ekelhafte Schnauze hinter der 

Holzleiste hervorstreckte. Dort druben ist ein Loch. Jedenfalls 

habe ich ihr einen tuchtigen Schrecken eingejagt.« 

»Ratten!« murmelte Winston. »In diesem Zimmer!« 

»Sie treiben sich uberall herum«, sagte Julia gleichgultig, 

wahrend sie sich wieder hinlegte. »Im Heim haben wir sogar 

welche in der Kuche. In manchen Teilen Londons wimmelt es 

von ihnen. Wusstest du, dafi sie an kleine Kinder herangehen? 

Doch, bestimmt, das tun sie. In manchen von diesen Strafien 

wagen die Frauen ihre Kinder nicht zwei Minuten allein zu 

lassen. Die grofien braunen machen das. Und das Scheufilichste 

ist, dafi die Biester...« 

»H6r auf!« sagte Winston, die Augen fest geschlossen. 

»Liebster! Du bist ja ganz blafi geworden. Was fehlt dir? Wird dir 

von ihnen schlecht?« 

»Von alien Scheufilichkeiten der Welt sind Ratten... « 

Sie prefite sich eng an ihn und umschlang ihn mit ihren Gliedern, 

wie um ihn mit der Warme ihres Korpers zu beruhigen. Er 

offnete die Augen nicht gleich wieder. Ein paar Augenblicke lang 

hatte er das Gefuhl gehabt, von neuem in den Angsttraum 

versetzt zu werden, der ihn sein ganzes Leben hindurch von Zeit 

zu Zeit verfolgt hatte. Es war immer so ziemlich dasselbe. Er 

stand vor einer Mauer aus Dunkelheit, jenseits der etwas 

Unertragliches lauerte, etwas, das zu schrecklich war, um seinen 

Anblick noch ertraglich sein zu lassen. Im Traum war dabei sein 

tiefstes Gefuhl immer, dafi er sich etwas vormachte, dafi er in 

Wirklichkeit genau wufite, was hinter der dunklen Mauer war. 

Mit einer unerhorten Anstrengung, als reifie er sich ein Stuck aus 

dem eigenen Gehirn, hatte er das Verborgene sogar ans Licht 

zerren konnen. Er wachte immer auf, ohne zu erfahren, was es 

eigentlich war: aber irgendwie hing es damit zusammen, wovon 

Julia gesprochen hatte, als er sie unterbrach. 

»Verzeih«, sagte er, »es ist nichts. Ich kann nun einmal Ratten 

nicht ausstehen, das ist alles.« 



165 



»Mach dir keine Sorgen, Liebster, wir werden die elenden Biester 
hier nicht hereinlassen. Ich werde das Loch mit etwas Sackleinen 
zustopfen, bevor wir gehen. Und wenn wir das nachste Mai 
herkommen, bring ich Gips mit und schmiere es ordentlich zu.« 
Schon war der dunkle Augenblick der Panik halb vergessen. 
Etwas beschamt tiber sich selbst setzte er sich auf, gegen das 
Kopfteil des Bettes gestutzt. Julia stand auf, zog ihren 
Trainingsanzug an und machte den Kaffee. Der aus dem Topf 
aufsteigende Duft war so stark und betaubend, dafi sie die 
Fenster schlossen, damit niemand draufien es merken und 
vielleicht neugierig werden konnte. 

Doch fast noch besser als der Geschmack des Kaffees war die 
seidige Weiche, die ihm der Zucker verlieh, etwas, das Winston 
nach Jahren des Sacharins nahezu vergessen hatte. Eine Hand in 
der Tasche, in der anderen ein Marmeladebrot, ging Julia im 
Zimmer umher, betrachtete gleichgultig das Buchergestell, zeigte 
ihm, wie man den Klapptisch am besten reparieren konnte, liefi 
sich in den abgenutzten Lehnstuhl fallen, um zu sehen, ob er 
bequem war, und untersuchte mit einem nachsichtigen Lacheln 
die komische zwolfziffrige Uhr. Sie brachte den glasernen 
Briefbeschwerer heruber ans Bett, um ihn bei besserem Licht 
betrachten zu konnen. Er nahm ihn ihr aus der Hand, wie immer 
fasziniert von der gedampften, regenwasserartigen 
Beschaffenheit des Glases. 

»Wozu ist das deiner Ansicht nach?« fragte Julia. 
»Ich glaube, es hat kein >Wozu< - ich meine, ich glaube nicht, dafi 
es jemals einem Zweck gedient hat. Das mag ich so gerne daran. 
Es ist ein Stuckchen Geschichte, das sie zu verfalschen vergessen 
haben. Es ist, wenn man sie zu lesen versteht, eine Botschaft aus 
der Zeit vor hundert Jahren. « 

»Und dieses Bild dort druben« - sie deutete mit dem Kopf nach 
dem Stich an der gegenuberliegenden Wand -, »ist das auch 
hundert Jahre alt?« 



166 



»Noch mehr. Zweihundert wurde ich sagen. Man weifi es nicht. 

Man kann heutzutage unmoglich das Alter irgendeiner Sache 

festhalten.« 

Sie ging hinuber, um es naher zu betrachten. »Da hat das Biest 

seine Nase herausgestreckt«, sagte sie dabei und versetzte gerade 

unter dem Bild der Holzleiste einen Tritt. »Was ist das fur ein 

Gebaude? Ich habe es schon irgendwo gesehen.« 

»Eine Kirche - jedenfalls war es fruher eine. St. Clement's Dane 

hiefi sie.« Die Verszeile, die Mr. Charrington ihn gelehrt hatte, fiel 

ihm wieder ein, und er fugte halb sehnsuchtig hinzu: »Oranges 

and lemons, say the bells of St. Clement's!« 

Zu seinem Erstaunen erganzte sie den Reim: »You owe me three 

farthings, Say the bells of St. Martin's, When will you pay me? 

Say the bells of Old Bailey... 

Ich weifi nicht, wie es danach weitergeht. Aber jedenfalls erinnere 

ich mich, wie es schliefit: >Here comes a candle to light you to 

bed, here comes a chopper to chop off your head!<« 

Es war wie die zwei Stichworte eines Erkennungszeichens. Aber 

es mufite nach »the bells of Old Bailey« noch ein anderer Vers 

kommen. Vielleicht konnte man ihn aus Mr. Charringtons 

Erinnerung ausgraben, wenn er gerade in der richtigen 

Stimmung war. 

»Wer hat dir das beigebracht?« fragte er. 

»Mein Grofivater. Er sagte es mir immer vor, als ich ein kleines 

Madchen war. Er wurde vaporisiert, als ich acht Jahre alt war - 

jedenfalls verschwand er spurlos. Ich wurde gern wissen, was 

eine Zitrone ist«, fugte sie sprunghaft hinzu. »Orangen habe ich 

gesehen. Es sind so runde gelbe Fruchte mit einer dicken Schale.« 

»Ich kann mich auch noch auf Zitronen besinnen«, sagte 

Winston. »Sie waren in den funfziger Jahren etwas ganz 

Gewohnliches. Sie waren so sauer, dafi schon allein beim Riechen 

der Mund zusammengezogen wurde. « 

»Ich wette, hinter diesem Bild sind Wanzen«, sagte Julia. »Ich 

werde es gelegentlich herunternehmen und tuchtig 

saubermachen. Ich glaube, es ist langsam Zeit zum Aufbrechen. 



167 



Ich mufi anfangen, mir diese Schminke abzuwaschen. Wie 
schade! Hinterher werde ich dir den Lippenstift vom Gesicht 
abwischen.« 

Winston blieb noch ein paar Minuten langer liegen. Im Zimmer 
wurde es immer dunkler. Er drehte sich dem Lichte zu und 
starrte auf den glasernen Briefbeschwerer. Das unerschopflich 
Interessante daran war nicht so sehr das Stuck Koralle als das 
Innere des Glases selbst. Es hatte eine solche Tiefe, dabei war es 
fast so durchsichtig wie Luft. Es war, als ware die Oberflache des 
Glases die Himmelskuppel, die eine winzige Welt mit ihrer 
ganzen Atmosphare einschloss. Er hatte das Gefuhl, als konnte er 
in sie hineintreten, ja, als lebe er in Wirklichkeit darin, zusammen 
mit dem Mahagonibett und dem Klapptisch, der Uhr, dem 
Stahlstich und dem Briefbeschwerer selbst. So glich der 
Briefbeschwerer dem Zimmer, in dem er sich befand, und die 
Koralle seinem Leben und dem Julias, das im Herzen des 
Kristalls gleichsam wie fur die Ewigkeit im Panzer lag. 



Fxinftes Kapitel 



Syme war plotzlich verschwunden. Eines Morgens fehlte er bei 
der Arbeit: ein paar gedankenlose Leute sprachen tiber sein 
Fortbleiben doch am nachsten Tag erwahnte ihn niemand mehr. 
Drei Tage spater ging Winston in die Vorhalle seiner Abteilung, 
um auf dem Anschlagbrett etwas nachzusehen. 
Einer der Anschlage bestand aus einer gedruckten Liste des 
Schachkomitees, dem Syme angehort hatte. Sie sah fast genauso 
aus wie vorher - keine Zeile war durchgestrichen -, aber sie war 
um einen Namen kiirzer geworden. Das genugte. Syme hatte 
aufgehort zu existieren oder richtiger: Er hatte nie existiert. 



168 



Das Wetter war von einer Backofenhitze. Im Labyrinth des 
Ministeriums zwar behielten die fensterlosen Raume ihre 
automatisch geregelte Normaltemperatur bei, draufien aber 
versengte einem das Pflaster beinahe die Schuhsohlen, und 
wahrend der Hauptverkehrsstunden war in der Untergrundbahn 
die Stickluft grauenhaft. Die Vorbereitungen fur die Hass-Woche 
waren in vollem Gange, und die Belegschaften aller Ministerien 
machten Uberstunden. 

Umztige, Versammlungen, Paraden, Vortrage, Ausstellungen, 
Filmvorftihrungen, Fernsehprogramme - alles das mufite 
vorbereitet, Tribunen mufiten erbaut, Bilder zur offentlichen 
Verbrennung hergestellt, Parolen gepragt, Lieder verfasst, 
Geruchte in Umlauf gesetzt und Fotografien gefalscht werden. 
Julias Gruppe in der Literaturabteilung war von der 
Romanproduktion abgezogen worden und arbeitete mit 
Hochdruck an der Fertigstellung einer Serie von Flugschriften. 
Winston verwandte neben seiner sonstigen Arbeit taglich viele 
Stunden darauf, im Archiv aufbewahrte fruhere Nummern der 
Times nachzuprufen und Angaben darin abzuandern und 
zurechtzufrisieren, die in Reden zitiert werden sollten. Spat in 
der Nacht, wahrend Scharen larmender Proles die Strafien 
bevolkerten, hing eine merkwurdige fieberhafte Stimmung tiber 
der Stadt. Raketenbomben krachten offer als je zuvor, und 
manchmal erfolgten in weiter Feme riesige Explosionen, die sich 
niemand erklaren konnte und tiber die wilde Gertichte im 
Umlauf waren. 

Das neue Lied, das zum Hauptschlager der Hass-Woche 
bestimmt war (es hiefi schlechthin »Der Hassgesang«), war 
bereits fertig und wurde unablassig aus den Televisoren 
geschmettert. Es hatte einen wilden, klaffenden Rhythmus, der 
nicht eigentlich als Musik bezeichnet werden konnte, sondern 
nur wie Trommelschlage klang. Von Hunderten von Stimmen 
zum Gleichschritt marschierender Ftifie gebrtillt, klang es 
wahrhaft erschreckend. 



169 



Doch die Proles hatten Gefallen daran gefunden, und auf den 
mitternachtlichen Strafien machte es dem noch immer popularen 
»Man sagt, die Zeit heile alles« starke Konkurrenz. Die 
Parsonskinder bliesen es zu alien Tag- und Nachtzeiten bis zum 
Auswachsen auf einem Kamm und einem Blatt Toilettenpapier. 
Winstons Abende waren ausgefullter denn je. Von Parsons 
zusammengetrommelte Freiwilligentrupps schmuckten die 
Strafie fur die Hass-Woche, nahten Fahnen, malten Plakate, 
richteten Fahnenstangen auf den Dachern auf und spannten 
unter Lebensgefahr Seile fur Spruchbander und Wimpel tiber die 
Strafie. Parsons brustete sich, allein am Victory-Block wurden 
vierhundert Meter Fahnentuch flattern. 

Er war ganz in seinem Element und gliicklich wie ein Fisch im 
Wasser. Die Hitze und die korperliche Arbeit hatten ihm einen 
Vorwand geliefert, des Abends wieder zur Tracht der kurzen 
Hose und des offenen Hemdes zuruckzukehren. Er war uberall 
gleichzeitig, zog, schob, sagte, hammerte, legte mit Hand an und 
ermunterte jedermann mit kleinen Witzchen und 
kameradschaftlichen Ermahnungen, wahrend aus jeder Falte 
seines Korpers der scharfe Geruch eines scheinbar 
unerschopflichen Schweifivorrats stromte. 

Ein neues Plakat war plotzlich in London aufgetaucht. Es hatte 
keinen Begleittext, sondern stellte nur die drei oder vier Meter 
hohe, erschreckende Gestalt eines eurasischen Soldaten dar, der 
mit ausdruckslosem Mongolengesicht und riesigen Stiefeln, eine 
Maschinenpistole im Anschlag, auf den Beschauer zumarschierte. 
Die Mundung des perspektivisch verkurzten Laufes schien, aus 
welchem Gesichtswinkel man das Plakat auch betrachtete, immer 
geradewegs auf den Beschauer gerichtet. 

Das Plakat war an jeder freien Mauer angeklebt, so dafi es sogar 
die Bilder des Grofien Bruders an Zahl ubertraf. Die Proles, die 
gewohnlich der Politik gleichgultig gegenuberstanden, wurden 
dadurch in einen ihrer periodischen Ausbruche von 
Kriegseuphorie versetzt. Die Raketenbomben hatten, als wollten 
sie hinter der allgemeinen Stimmungsmache nicht zuruckstehen, 



170 



mehr Menschen als sonst getotet. Eine fiel auf ein vollbesetztes 
Kino im Stadtteil Stephney, wobei mehrere hundert Opfer unter 
den Trummern verbrannten. Die gesamte Bevolkerung der 
Umgegend nahm an der umstandlichen, grundlich organisierten 
Beisetzung teil, die Stunden dauerte und eine wahre 
Protestkundgebung war. Eine andere Bombe fiel auf ein 
unbebautes Terrain, das als Spielplatz diente, und rifi mehrere 
Dutzend Kinder in Stucke. 

Erneute Protestkundgebungen fanden statt, ein Bildnis 
Goldsteins wurde symbolisch verbrannt, viele hundert Plakate 
mit dem eurasischen Soldaten wurden spontan abgerissen und in 
die Flammen geworfen, und eine Anzahl Laden wurde in dem 
Tumult geplundert. Dann verbreitete sich ein Gerucht, dafi 
Spione die Salven der Raketenbomben mit Hilfe von Radiowellen 
lenkten, worauf das Haus eines alten Ehepaars, dem man 
politische Nonkonformitat nachsagte, in Brand gesteckt wurde 
und die beiden in den Flammen umkamen. 

Jetzt, seit Winston einen sicheren Unterschlupf, fast ein Zuhause 
hatte, schien es kaum noch eine so grofie Unbequemlichkeit, dafi 
sie sich nur selten und immer nur fur ein paar Stunden treffen 
konnten. Wichtig war allein, dafi es das Zimmer tiber dem 
Altwarenladen uberhaupt gab. Zu wissen, dafi es unversehrt auf 
sie wartete, war fast so gut, wie sich darin aufzuhalten. Das 
Zimmer war eine Welt fur sich, ein Schlupfwinkel der 
Vergangenheit, in dem sich langst ausgestorbene Tiere tummeln 
konnten. Mr. Charrington, dachte Winston, war auch so ein 
ausgestorbenes Tier. Bevor er ins obere Stockwerk hinaufging, 
blieb Winston gewohnlich stehen, um ein paar Minuten mit Mr. 
Charrington zu plaudern. 

Der alte Mann schien selten oder nie aus dem Haus zu gehen und 
andererseits so gut wie keine Kunden zu haben. Er fuhrte ein 
gespenstisches Leben zwischen dem winzigen, dunklen Laden 
und einer noch winzigeren, nach dem Hof hinaus gelegenen 
Kuche, wo er seine Mahlzeiten zubereitete und wo es unter 
anderem ein unglaublich altes Grammophon mit einem riesigen 



171 



Schalltrichter gab. Er schien sich tiber die Gelegenheit zu einer 
Unterhaltung zu freuen. Wenn er zwischen seinen wertlosen 
Trodlerwaren mit seiner langen Nase, der dicken Brille und den 
gebeugten Schultern in seiner Samtjacke umherging, sah er eher 
wie ein Sammler als wie ein Handler aus. Mit einer etwas matten 
Leidenschaft fingerte er an diesem oder jenem Stuck seines alten 
Krimskrams herum - einem Flaschenstopsel aus Porzellan, dem 
bemalten Deckel einer zerbrochenen Schnupftabaksdose, einem 
unechten Medallion mit der Haarlocke eines langst verstorbenen 
Kindes -, ohne Winston jemals zum Kauf, sondern nur zur 
Bewunderung aufzufordern. Wenn man mit ihm sprach, war es, 
als lausche man dem Zirpen einer ausgeleierten Spieldose. Er 
hatte aus den Winkeln seines Gedachtnisses noch ein paar Zeilen 
aus vergessenen Reimen hervorgeholt. 

»Mir kam nur eben der Gedanke, es konnte Sie vielleicht 
interessieren«, pflegte er mit einem um Verzeihung heischenden, 
kurzen Lachen zu sagen, wenn er eine neue Verszeile aufsagte. 
Aber er konnte sich nie an mehr als an ein Zeilenpaar mit einem 
Reim erinnern. 

Winston und Julia wufiten - und in gewisser Weise verliefi sie 
dieses Bewufitsein nie -, dafi ihr Treiben hier nicht lange dauern 
konnte. Es gab Zeiten, in denen die tiber ihnen hangende 
Todesdrohung so greifbar schien wie das Bett, auf dem sie lagen, 
dann klammerten sie sich mit einer verzweifelten Sinnlichkeit 
aneinander, wie eine verdammte Seele nach dem letzten 
Strohhalm der Lust greift, wenn in ftinf Minuten ihr letztes 
Sttindlein schlagt. 

Aber es gab auch Zeiten, in denen sie sich nicht nur in Sicherheit 
wiegten, sondern sich auch ganz der Illusion hingaben, dafi ihr 
Zustand von Dauer sei. Solange sie sich in diesem Zimmer 
aufhielten, konnte ihnen - so ftihlten beide - nichts Schlimmes 
widerfahren. Der Anmarschweg war zwar schwierig und 
gefahrlich, aber das Zimmer selbst war eine Freistatt. Es war ftir 
Winston, als ob er in das Innere seines Briefbeschwerers geblickt 
hatte, mit dem Geftihl, es sei moglich, in diese glaserne Welt 



172 



einzudringen und dann, wenn man erst einmal darin war, der 
Zeit Einhalt zu gebieten. Oft uberliefien sie sich Wunschtraumen 
von einer Flucht. Ihr Gluck wurde ewig wahren, und sie wurden 
ganz einfach fur den Rest des ihnen zugemessenen Lebens 
einander weiter lieben wie bisher. Oder Katherine wurde sterben 
und ihnen wurde durch vorsichtiges Manovrieren gelingen, sich 
zu heiraten. Oder sie wurden gemeinsam Selbstmord begehen; 
oder von der Bildflache verschwinden, ihr Aufieres bis zur 
Unkenntlichkeit verandern, im Dialekt der Proles sprechen 
lernen, in einer Fabrik arbeiten und ihr Leben unentdeckt in 
irgendeiner Hintergasse zu Ende leben. All das war, wie sie sehr 
wohl wufiten, barer Unsinn. In Wirklichkeit gab es kein 
Entrinnen. Sogar den einzig durchfuhrbaren Plan, namlich 
Selbstmord zu veruben, beabsichtigten sie nicht wirklich 
auszufuhren. 

Von Tag zu Tag und von Woche zu Woche weiterzumachen, eine 
Gegenwart zu geniefien, die keine Zukunft hatte, schien ein 
unuberwindlicher Instinkt zu fordern, genauso wie die Lungen 
eines Menschen immer weiter atmen, solange noch Luft da ist. 
Manchmal sprachen sie davon, sich offen gegen die Partei 
aufzulehnen, ohne jedoch eine Ahnung zu haben, wie der erste 
Schritt dabei aussehen sollte. Sogar wenn es die legendare 
»Briiderschaft« in Wirklichkeit gab, blieb doch die Schwierigkeit, 
den Weg zu ihr zu finden. 

Er erzahlte ihr von dem seltsamen Einverstandnis, das zwischen 
ihm und O'Brien herrschte oder vielmehr zu herrschen schien, 
und von dem Verlangen, das er manchmal verspurte, ganz 
einfach vor O'Brien hinzutreten, ihm zu gestehen, dafi er ein 
Feind der Partei sei, und ihn um seine Hilfe zu bitten. 
Merkwurdigerweise kam das Julia nicht als ein vorschneller 
Schritt vor. Sie pflegte die Menschen nach ihrem Gesicht zu 
beurteilen, und es schien ihr naturlich, dafi Winston auf Grund 
eines einzigen Blickwechsels O'Brien fur vertrauenswurdig hielt. 
Aufierdem nahm sie als sicher an, dafi jeder - oder doch fast jeder 



173 



- die Partei insgeheim hasste und gegen die Gesetze verstiefi, 
sobald er glaubte, das ungestraft tun zu konnen. 
Aber sie bezweifelte entschieden, dafi es eine weitverzweigte, 
organisierte Gegenbewegung gab oder geben konnte. Die 
Geschichten von Goldstein und seiner Untergrundbewegung, 
meinte sie, waren volliger Unsinn, den die Partei zu ihren 
Zwecken erfunden hatte und von dem man nur so tun mufite, als 
glaubte man ihn. 

Unzahlige Male hatte sie bei Parteiversammlungen und 
spontanen Kundgebungen mit vollem Stimmenaufwand die 
Hinrichtung von Menschen gefordert, deren Namen sie nie zu 
vor gehort hatte und an deren angebliche Verbrechen sie nicht im 
Entferntesten glaubte. Wenn Schauprozesse stattfanden, hatte sie 
ihren Platz unter der Abordnung der Jugendliga eingenommen, 
die von morgens bis abends vor dem Gerichtsgebaude Stellung 
bezog und in Abstanden in den Ruf ausbrach: »Tod den 
Verratern!« 

Wahrend der Zwei-Minuten-Hass-Sendung tat sie sich immer vor 
alien anderen darin hervor, Verwunschungen gegen Goldstein 
auszustofien. Trotzdem hatte sie nur ganz unklare Vorstellungen 
davon, wer Goldstein uberhaupt war und welche Doktrin er 
angeblich vertrat. Sie war nach der Revolution aufgewachsen 
und zu jung, um sich noch an die ideologischen Kampfe der 
funfziger und sechziger Jahre zu erinnern. So etwas wie eine 
unabhangige politische Bewegung ging tiber ihr 
Vorstellungsvermogen hinaus: Die Partei blieb ein fur allemal 
unbesiegbar. Sie wurde immer da sein, und alles wilrde immer so 
bleiben, wie es war. Man konnte sich nur durch geheimen 
Ungehorsam dagegen auflehnen oder hochstens durch einzelne 
Terrorakte - indem man jemand umbrachte oder etwas in die 
Luft sprengte. 

In mancher Beziehung sah sie viel klarer als Winston und war 
weit weniger fur Parteipropaganda empfanglich. Als er einmal 
zufallig in irgendeinem Zusammenhang die Rede auf den Krieg 
gegen Eurasien brachte, verbluffte sie ihn, indem sie ganz 



174 



beilaufig sagte, ihrer Meinung nach gebe es diesen Krieg 
uberhaupt nicht. Die taglich in London einschlagenden 
Raketenbomben wurden vermutlich von der Regierung 
Ozeaniens selbst abgefeuert, »nur um die Leute in Furcht und 
Schrecken zu halten«. 

Das war ein Gedanke, der ihm buchstablich noch nie in den Sinn 
gekommen war. Sie weckte auch so etwas wie Neid in ihm durch 
ihre Bemerkung, sie habe alle Muhe, wahrend der Zwei-Minuten- 
Hass-Sendung nicht lachend herauszuplatzen. Sie stellte aber die 
Parteidoktrin nur in Frage, wenn sie irgendwie ihr eigenes Leben 
beruhrte. Oft nahm sie die amtliche Phantasiedarstellung einfach 
deshalb bereitwillig hin, weil ihr der Unterschied zwischen 
Wahrheit und Luge ganz unwichtig schien. Sie glaubte zum 
Beispiel, wie man es ihr in der Schule beigebracht hatte, dafi die 
Partei das Flugzeug erfunden habe. (Wahrend seiner eigenen 
Schulzeit Ende der funfziger Jahre, erinnerte sich Winston, hatte 
die Partei nur Anspruch auf die Erfindung des Helikopters 
erhoben; eine Generation spater wurde sie auch noch die 
Dampfmaschine als ihre Erfindung beanspruchen.) Und als er ihr 
erzahlte, es habe schon vor seiner Geburt und lange vor der 
Revolution Flugzeuge gegeben, war ihr diese Tatsache vollig 
uninteressant. Was lag im Grunde schon daran, wer das 
Flugzeug erfunden hatte? 

Fast noch grofier war die Enttauschung fur ihn, als er auf Grund 
einer zufalligen Bemerkung feststellte, dafi sie sich nicht 
erinnerte, dafi Ozeanien vor vier Jahren Krieg mit Ostasien und 
Frieden mit Eurasien gehabt hatte. 

Sie betrachtete zwar den ganzen Krieg als fingiert, hatte aber 
offenbar uberhaupt nicht bemerkt, dafi der Name des Feindes 
sich geandert hatte. 

»Ich dachte, wir hatten immer mit Eurasien Krieg gehabt«, sagte 
sie leichthin. 

Es erschreckte ihn ein wenig. Die Erfindung des Flugzeugs 
datierte lange vor ihrer Geburt, aber die Verlagerung des Krieges 
hatte erst vor vier Jahren stattgefunden, geraume Zeit nachdem 



175 



sie erwachsen war. Er rechnete ihr das etwa eine Viertelstunde 

lang vor. Zum Schlufi gelang es ihm, ihr Erinnerungsvermogen 

soweit zu wecken, bis sie sich undeutlich entsann, dafi einmal 

Ostasien und nicht Eurasien der Feind gewesen war. Aber diese 

Feststellung kam ihr noch immer unwichtig vor. 

»Was liegt schon daran?« sagte sie ungeduldig. »Immer ist es ein 

bloder Krieg nach dem anderen, und man weifi, dafi die Berichte 

sowieso alle erlogen sind.« 

Manchmal sprach er mit ihr tiber die Registraturabteilung und 

die schamlosen Falschungen, die er dort beging. Solche Dinge 

schienen sie nicht zu entsetzen. Sie ftihlte bei der Vorstellung, wie 

Lugen zu Wahrheit wurden, nicht den Abgrund, der sich damit 

vor ihren Fufien auftat. Er erzahlte ihr die Geschichte von Jones, 

Aaronson und Rutherford und dem bedeutungsvollen 

Zeitungsausschnitt, den er in Handen gehalten hatte. Sie machte 

keinen grofien Eindruck auf sie. Zuerst entging ihr sogar der 

springende Punkt der ganzen Geschichte. 

»Waren es Freunde von dir?« fragte sie. 

»Nein, ich habe sie nie gekannt. Sie waren Mitglieder der Inneren 

Partei. Ubrigens viel altere Manner als ich. Sie gehorten noch der 

alten Zeit an, der Zeit vor der Revolution. Ich kannte sie kaum 

vom Sehen.« 

»Warum machst du dir dann Gedanken daruber? Die ganze Zeit 

werden doch Menschen umgebracht, oder nicht?« 

Er versuchte, es ihr begreiflich zu machen. »Hier handelt es sich 

um einen besonderen Fall. Es handelt sich nicht nur darum, dafi 

irgendeiner umgebracht wurde. 

Bist du dir bewufit, dafi die Vergangenheit, vom gestrigen Tage 

angefangen, tatsachlich ausgeloscht ist? Wenn sie noch irgendwo 

fortbesteht, so nur in ein paar leblosen Gegenstanden, die den 

Mund nicht auftun konnen, wie dieses Stuck Glas dort. 

Buchstablich wissen wir bereits so gut wie nichts von der 

Revolution und den Jahren vor der Revolution. Jede 

Aufzeichnung wurde vernichtet oder verfalscht, jedes Buch 

uberholt, jedes Bild ubermalt, jedes Denkmal, jede Strafie und 



176 



jedes Gebaude umbenannt, jedes Datum geandert. Und dieses 
Verfahren geht von Tag zu Tag und von Minute zu Minute 
weiter. Die geschichtliche Entwicklung hat aufgehort. Es gibt nur 
noch eine unabsehbare Gegenwart, in der die Partei immer Recht 
behalt. Freilich weifi ich, dafi die Vergangenheit gefalscht ist, aber 
ich konnte es niemals beweisen, sogar in den Fallen, wo ich die 
Falschung selbst vorgenommen habe. 

Nachdem die Sache einmal getan ist, bleibt nie ein Beweisstuck 
zuruck. Der einzige Beweis lebt in meinem Geist, und ich habe 
nicht die geringste Gewifiheit, dafi auch nur ein einziger Mensch 
auf der Welt die gleiche Erinnerung hat. Nur in diesem einen Fall 
habe ich einen wirklichen handgreiflichen Beweis nach dem 
Geschehnis besessen, und zwar zwei Jahre danach.« 
»Und wozu war das gut?« 

»Zu nichts, denn ich warf ihn ein paar Minuten spater fort. 
Passierte es mir heut, wurde ich ihn aufbewahren.« 
»Ich nicht«, meinte Julia. »Ich bin zwar durchaus bereit, ein 
Risiko einzugehen, aber nur wenn es sich lohnt, nicht fur einen 
Ausschnitt aus einer alten Zeitung. Was hattest du schon damit 
anfangen konnen, selbst wenn du es behalten hattest?« 
»Vielleicht nicht viel. Aber es war ein Beweisstuck. Es hatte 
vielleicht da und dort einige Zweifel geweckt, falls ich gewagt 
hatte, es jemandem zu zeigen. Wenn ich mir auch nicht vorstellen 
kann, dafi wir zu unseren Lebzeiten etwas andern konnen, so 
kann man sich doch denken, dafi da und dort kleine 
Widerstandsgruppen entstehen - kleine Gruppen von ein paar 
Menschen, die sich zusammenschliefien und die dann langsam 
grofier werden und sogar ein paar Aufzeichnungen hinterlassen, 
so dafi die nachste Generation da weitermachen kann, wo wir 
aufgehort haben.« 

»Die nachste Generation geht mich nichts an, mein Lieber. Mich 
interessieren nur wir.« 

»Du bist eine Revolutionarin von der Taille abwarts«, sagte 
Winston. 



177 



Sie fand das ungemein witzig und warf ihm entzuckt die Arme 
um den Nacken. Die Spitzfindigkeiten der Parteidoktrin 
interessierten sie nicht im Geringsten. Wenn er von den 
Grundgesetzen des Engsoz, dem Doppeldenk, der Wandelbarkeit 
der Vergangenheit, der Leugnung einer objektiven Wirklichkeit 
sprach und Neusprechworte zu verwenden begann, wurde sie 
gelangweilt und verwirrt und sagte, sie kummere sich nie um 
solche Dinge. Man wisse doch, dafi das alles Unsinn sei, warum 
sich also den Kopf damit beschweren? Sie wufite, warm man 
»Hurra« und wann man »Nieder« schreien mufite, und das sei 
alles, was man brauche. 

Wenn er darauf bestand, weiter uber diese Themen zu sprechen, 
hatte sie die aufreizende Gewohnheit, jedesmal einzuschlafen. Sie 
gehorte zu den Menschen, die zu jeder Tages- und Nachtzeit und 
in jeder Lage schlafen konnen. Wahrend er so mit ihr sprach, 
wurde er sich bewufit, wie leicht es war, sich den Anschein der 
Strengglaubigkeit zu geben und dabei nicht die leiseste Ahnung 
zu haben, was Strengglaubigkeit uberhaupt bedeutete. In 
gewisser Weise liefien sich diejenigen am leichtesten von der 
Parteidoktrin uberzeugen, die ganz aufierstande waren, sie zu 
verstehen. 

Diese Menschen konnte man leicht dazu bringen, die 
offenkundigsten Vergewaltigungen der Wirklichkeit 
hinzunehmen, da sie nie ganz die Ungeheuerlichkeit des von 
ihnen Geforderten begriffen und uberhaupt nicht genugend an 
politischen Fragen interessiert waren, um zu merken, was 
gespielt wurde. Dank ihrer Unfahigkeit, zu begreifen, blieben sie 
ganz unbeschadet. Sie schluckten einfach alles, und das 
Geschluckte schadete ihnen nichts weiter und liefi nichts zuruck, 
genau wie ein Getreidekorn unverdaut durch den Magen eines 
Vogels hindurchgeht. 



178 



Sechstes Kapitel 



Endlich war es soweit. Die erwartete Botschaft war gekommen. 
Sein ganzes Leben lang, schien es ihm, hatte er darauf gewartet. 
Er ging den langen Gang im Ministerium hinunter und war 
beinahe gerade an der Stelle angekommen, an der Julia ihm den 
Zettel in die Hand gedruckt hatte, als er merkte, dafi jemand von 
grofierer Statur unmittelbar hinter ihm herging. Der Betreffende, 
wer immer es sein mochte, liefi ein leises Hiisteln horen, offenbar 
als Einleitung zu einem Gesprach. Winston blieb unvermittelt 
stehen. Es war O'Brien. 

Endlich standen sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenuber, 
und sein erster Impuls war davonzulaufen. Sein Herz klopfte 
heftig. Er hatte kein Wort hervorbringen konnen. O'Brien jedoch 
war ruhig weitergegangen, er legte einen Augenblick freundlich 
die Hand auf Winstons Arm, so dafi sie jetzt nebeneinander 
hergingen. Er begann mit der eigentumlich ernsten 
Liebenswurdigkeit zu sprechen, die ihn von der Mehrzahl der 
Inneren Parteimitglieder unterschied. 

»Ich hatte schon immer auf eine Moglichkeit gehofft, mit Ihnen 
zu sprechen«, sagte er. »Ich las kiirzlich einen Ihrer 
Neusprechartikel in der Times. Sie haben ein lebhaftes 
wissenschaftliches Interesse fur Neusprech, wie ich wohl 
annehmen darf?« 

Winston hatte sich wieder einigermafien in der Gewalt. »Nicht so 
sehr ein wissenschaftliches«, sagte er. »Ich bin nur ein Amateur. 
Es ist nicht mein Fach. Ich hatte nie etwas mit der eigentlichen 
Gestaltung der Sprache zu tun.« 

»Aber Sie schreiben sehr gewahlt«, sagte O'Brien. »Das ist nicht 
nur meine Meinung. Ich sprach unlangst mit einem Ihrer Freunde 
daruber, der zweifellos ein Fachmann ist. Sein Name ist mir im 
Augenblick entf alien. « 



179 



Wieder gab es Winston einen schmerzlichen Stich im Herzen. 

Unmoglich konnte es sich hier um etwas anderes handeln als um 

eine Anspielung auf Syme. Aber Syme war nicht nur tot, er war 

vollkommen beseitigt worden, eine Unperson. Jede deutliche 

Anspielung auf ihn ware lebensgefahrlich gewesen. O'Briens 

Bemerkung mufite offensichtlich als Zeichen, als ein Stichwort 

gemeint gewesen sein. Indem sie so gemeinsam ein kleines 

Gedankenverbrechen begingen, hatte er sie beide zu Komplizen 

gemacht. Sie waren langsam weiter den Gang 

hinuntergeschlendert, jetzt aber blieb O'Brien stehen. 

Mit der merkwurdigen, entwaffnenden Freundlichkeit ruckte er 

seine Brille zurecht. Dann fuhr er fort: »Was ich eigentlich sagen 

wollte, war, dafi ich in Ihrem Artikel auf zwei Worte gestofien 

bin, die aufier Kurs gesetzt worden sind, doch erst seit ganz 

kurzer Zeit. Haben Sie die zehnte Ausgabe des Neusprech- 

Worterbuches gesehen?« 

»Nein«, antwortete Winston. »Ich dachte, sie ist noch nicht 

erschienen. Wir in der Registratur benutzen noch immer die 

neunte.« 

»Die zehnte Ausgabe soil meines Wissens auch erst in einigen 

Monaten erscheinen. Aber ein paar Exemplare wurden bereits 

verteilt. Ich besitze selbst eines. Es interessiert Sie vielleicht, es 

einmal anzusehen?« 

»Sehr sogar«, sagte Winston und erkannte sofort, worauf das 

hinauswollte. 

»Manche Neuerungen sind hochst genial. Zum Beispiel die 

Verminderung der Zeitworter - das wird Ihnen, glaube ich, 

besonders gefallen. Passen Sie auf, soil ich einen Boten mit dem 

Worterbuch zu Ihnen schicken? Aber ich furchte, ich vergesse das 

wieder. Vielleicht konnten Sie es zu einer Ihnen passenden Zeit in 

meiner Wohnung abholen? Warten Sie, ich gebe Ihnen meine 

Adresse.« 

Sie standen vor einem Televisor. Etwas zerstreut tastete O'Brien 

zwei seiner Taschen ab und zog dann ein kleines 

ledergebundenes Notizbuch und einen goldenen Tintenstift 



180 



hervor. Unmittelbar unter dem Televisor, so dafi jeder Beobachter 
am anderen Ende des Apparates sehen konnte, was er schrieb, 
kritzelte er eine Adresse, rifi das Blatt heraus und uberreichte es 
Winston. 

»Ich bin an den Abenden gewohnlich zu Hause«, sagte er. »Wenn 
nicht, gibt Ihnen mein Diener das Worterbuch.« 
Er war gegangen, wahrend Winston stehen blieb, das Blatt Papier 
in den Handen, das diesmal nicht versteckt zu werden brauchte. 
Trotzdem pragte er sich sorgfaltig das darauf Geschriebene ein 
und warf es ein paar Stunden spater mit lauter anderen Papieren 
in das Gedachtnis-Loch. 

Sie hatten sich allerhochstens zwei Minuten miteinander 
unterhalten. Es gab nur eine Interpretation fur diese Begegnung. 
Sie war in die Wege geleitet worden, um Winston die Adresse 
O'Briens wissen zu lassen. Das war notwendig, denn nur durch 
direktes Befragen konnte man herausfinden, wo jemand wohnte. 
Es gab keine Adressbucher irgendwelcher Art. 
»Sollten Sie mich einmal sprechen wollen, so bin ich dort zu 
finden«, hatte O'Brien zu ihm gesagt. Vielleicht war sogar 
irgendwo in dem Worterbuch eine Mitteilung versteckt. Aber 
eines war jedenfalls gewifi. Es gab die Verschworung, von der er 
getraumt hatte, und er war mit ihren Auslaufern in Beruhrung 
gekommen. 

Er wufite, dafi er fruher oder spater O'Briens Aufforderung 
nachkommen wurde. Jedenfalls hatte eine vor Jahren begonnene 
Entwicklung nunmehr Gestalt angenommen. Der erste Schritt 
war ein geheimer, ungewollter Gedanke gewesen, der zweite der 
Beginn des Tagebuchs. Er war von Gedanken zu Worten 
geschritten, und jetzt von Worten zu Taten. Die letzte Episode 
wurde sich im Liebesministerium abspielen. Er hatte sich damit 
abgefunden. Das Ende lag schon im Anfang beschlossen. Aber es 
war etwas Erschreckendes, oder, genauer gesagt, es war wie ein 
Vorgeschmack des Todes - so als ware man schon etwas weniger 
lebendig. Sogar wahrend er mit O'Brien sprach, hatte seinen 
Korper ein eisiger Schauer iiberrieselt, als ihm die Bedeutung der 



181 



Worte zum Bewusstsein gekommen war. Er hatte das Gefuhl, in 
ein dumpfes Grab hinabzusteigen; und es wurde ihm dadurch 
nicht viel leichter gemacht, dafi er schon immer gewufit hatte, das 
Grab sei da und warte auf ihn. 



Siebentes Kapitel 



Winston war mit tranennassen Augen aufgewacht. Julia 

schmiegte sich schlaftrunken an ihn und murmelte etwas wie: 

»Was ist los?« 

»Ich habe getraumt...«, begann er und stockte. Es war zu 

verworren, um es in Worte zu kleiden. 

Da war einerseits der eigentliche Traum, damit aber war eine 

Erinnerung verknupft, die ihm in den paar Sekunden nach dem 

Erwachen nicht aus dem Kopf gehen wollte. 

Er legte sich mit geschlossenen Augen zuruck, noch immer in der 

Atmosphare des Traumes befangen. Es war ein weitlaufiger, 

leuchtender Traum, in dem sein ganzes Leben vor ihm 

ausgebreitet zu sein schien, wie eine Landschaft an einem 

Sommerabend nach dem Regen. Alles hatte sich im Innern des 

glasernen Briefbeschwerers abgespielt, aber die Oberflache des 

Glases war die Himmelskuppel, und innerhalb der Kuppel war 

alles von klarem sanften Licht durchflutet, in dem man in endlose 

Fernen blicken konnte. 

Im Traum war auch die Armbewegung vorgekommen - ja, sie 

spielte in gewissem Sinne die Hauptrolle darin - , die seine 

Mutter und dreifiig Jahre spater die Frau in der Wochenschau 

gemacht hatte, die Armbewegung, mit der sie den kleinen Jungen 

vor den Kugeln zu schutzen versuchte, ehe die Helikopter sie 

beide in Fetzen schossen. 



182 



»Weifit du«, sagte er, »dafi ich bis zu diesem Augenblick geglaubt 
habe, meine Mutter ermordet zu haben?« 

»Warum hast du sie ermordet?« sagte Julia, noch aus dem Schlaf 
heraus. »Ich habe sie nicht ermordet. Nicht wirklich.« In dem 
Traum hatte er sich an das fluchtige Bild seiner Mutter erinnert, 
wie er sie zuletzt gesehen hatte, 

und wahrend der paar Augenblicke des Erwachens waren ihm 
alle die kleinen damit zusammenhangenden 
Begleitumstande wieder eingefallen. Es war eine Erinnerung, die 
er viele Jahre sorgfaltig aus seinem Bewufitsein verbannt haben 
mufite. Er konnte das Datum nicht genau bestimmen, aber er 
mufite damals schon zehn, zwolf Jahre alt gewesen sein. 
Sein Vater war zu einem fruheren Zeitpunkt verschwunden; wie 
viel fruher, konnte er sich nicht mehr erinnern. Deutlicher 
entsann er sich der ungeordneten, unsicheren Lebensumstande 
der damaligen Zeit: der immer wiederkehrenden Paniken bei 
Luftangriffen und der Flucht in die Untergrundbahnhofe, der 
uberall herumliegenden Schutt- und Trummerhaufen, der an den 
Strafienecken angeschlagenen unverstandlichen Proklamationen, 
der Umziige von Jugendlichen, die alle mit gleichfarbigen 
Hemden bekleidet waren, der riesigen Menschenschlangen vor 
den Backerladen, des abgehackten Knatterns der 
Maschinengewehre in der Feme - vor allem aber der Tatsache, 
dafi es niemals genug zu essen gab. 

Er entsann sich der langen Nachmittage, die er mit anderen 
Jungen damit verbracht hatte, die Mulltonnen und Abfallhalden 
zu durchsuchen, um Kohlstrunke, Kartoffelschalen und 
manchmal sogar vertrocknete Brotkrusten herauszuklauben, von 
denen sie sorgfaltig die Kohlenasche abschabten. Und auch, wie 
sie auf das Vorbeikommen von Lastautos gewartet hatten, die 
gewisse Fernfahrten machten und von denen man wufite, dafi sie 
Viehfutter geladen hatten; manchmal fielen, wenn sie an 
schlechten Stellen tiber die Strafienlocher holperten, ein paar 
Olkuchenbrocken herunter. 



183 



Als sein Vater verschwand, war seiner Mutter weder Erstaunen 
noch Kummer anzumerken, es ging lediglich eine plotzliche 
Verwandlung mit ihr vor. Sie schien vollig erloschen. Sogar fur 
Winston war es offensichtlich, dafi sie auf ein Ereignis gefafit war, 
das nach ihrer Meinung unausweichlich kommen mufite. Sie tat 
alles Notwendige - kochte, wusch, nahte, machte die Betten, 
fegte den Fufiboden, staubte den Kaminsims ab - immer sehr 
langsam und unter Vermeidung jeder uberflussigen Bewegung, 
wie eine zum Leben erwachte Gliederpuppe. Ihr grofier 
wohlgestalteter Korper schien ganz naturlich in Ruhestellung zu 
fallen. Stundenlang safi sie beinahe regungslos auf dem Bett und 
streichelte seine kleine Schwester, ein winziges, krankliches, sehr 
stilles Kind von zwei oder drei Jahren, mit einem vor Magerkeit 
affenahnlichen Gesicht. Nur manchmal schlofi sie Winston in ihre 
Arme und prefite ihn lange Zeit wortlos an sich. Er merkte trotz 
seiner Jugend und seiner Selbstsucht, dafi dies etwas mit dem nie 
ausgesprochenen Ereignis zu tun hatte, das friiher oder spater 
eintreten mufite. 

Er erinnerte sich an das Zimmer, in dem sie wohnten, einen 
dunklen, dumpfigen Raum, der zur Halfte von einem Bett mit 
einer hellen Steppdecke ausgefullt schien. In der Wandnische 
waren ein Gaskocher und daruber ein Brett, auf dem 
Nahrungsmittel lagen, und draufien auf dem Flur gab es ein 
Ausgussbecken aus braunem Steingut, das mehrere Mieter 
gemeinsam benutzten. Er sah noch den statuenhaften Korper 
seiner Mutter vor sich, wie er sich tiber den Kocher beugte, um 
etwas in einem Kochtopf umzuruhren. Vor allem erinnerte er sich 
an seinen standigen Hunger und die erbitterten selbstsuchtigen 
Kampfe bei den Mahlzeiten. 

Er pflegte seine Mutter immer wieder vorwurfsvoll zu fragen, 
warum es denn nicht mehr zu essen gab, er schrie sie an (er 
erinnerte sich sogar noch an den Klang seiner Stimme, die 
vorzeitig zu mutieren begann und sich manchmal merkwurdig 
uberschlug) oder versuchte es mit einem weinerlichen Tonfall, 
um mehr als den ihm zustehenden Anteil zu erhalten. Seine 



184 



Mutter war gerne bereit, ihm mehr als seinen Anteil zu geben. Sie 
fand es selbstverstandlich, dafi »der Junge« die grofite Portion 
bekommen sollte; aber soviel sie ihm auch gab, er verlangte 
unabanderlich nach mehr. 

Bei jeder Mahlzeit flehte sie ihn an, nicht egoistisch zu sein und 
daran zu denken, dafi sein Schwesterchen krank sei und auch 
etwas zu essen brauche, aber es half nichts. Er schrie zornig, 
wenn sie ihm nichts mehr austeilte, er versuchte, ihr die Schussel 
und den Loffel aus der Hand zu reifien, er holte sich einzelne 
Bissen vom Teller seiner Schwester. Er wufite, dafi er die beiden 
anderen damit zum Verhungern verurteilte, aber es war nichts 
dagegen zu machen; er hatte sogar das Gefuhl, er habe ein Recht 
dazu. Der nagende Hunger in seiner Magengrube schien ihm 
eine hinreichende Rechtfertigung. Und wenn seine Mutter nicht 
aufpafite, stahl er zwischen den Mahlzeiten von den armseligen 
Lebensmittelvorraten auf dem Wandbrett. 

Eines Tages wurde eine Schokoladeration verteilt. Seit Wochen 
oder Monaten hatte es keine Zuteilung mehr gegeben. Sie 
erhielten zu dritt ein Tafelchen im Gewicht von zwei Unzen 
(damals rechnete man noch nach Unzen), das offensichtlich in 
drei gleiche Teile geteilt werden sollte. Plotzlich horte sich 
Winston, als vernehme er die Stimme eines fremden Menschen, 
mit schallender Stimme fordern, man solle ihm das ganze Stuck 
geben. Seine Mutter ermahnte ihn, nicht so habgierig zu sein. Ein 
langes, nicht enden wollendes Hin und Her mit Geschrei, 
Gejammer, Tranen, Vorwurfen und Feilschen war die Folge. 
Seine winzige Schwester, die sich genau wie ein kleines Affchen 
mit beiden Armchen an seine Mutter klammerte, safi dabei und 
sah ihn tiber deren Schulter hinweg mit grofien traurigen Augen 
an. 

Schliefilich brach seine Mutter drei Viertel von der Schokolade 
ab, gab sie Winston und das letzte Viertel seiner Schwester. Das 
Kind nahm es und sah es mit mudern Blick an; vielleicht wufite es 
gar nicht, was es war. Winston stand dabei und beobachtete es 
einen Augenblick. Dann rifi er mit einem plotzlichen raschen 



185 



Sprung seiner Schwester die Schokolade aus der Hand und 
suchte die Tur zu erreichen. 

»Winston! Winston!« rief ihm seine Mutter nach. »Komm her! 
Gib deiner Schwester die Schokolade zuruck!« 
Er blieb stehen, kam aber nicht zuruck. Die angstlichen Augen 
der Mutter waren auf sein Gesicht gerichtet. Sogar in diesem 
Moment noch dachte sie an das bewufite Ereignis, das bald 
eintreten mufite und das ihm ratselhaft war. Da seine Schwester 
gemerkt hatte, dafi man ihr etwas weggenommen hatte, war sie 
in ein schwaches Wehklagen ausgebrochen. Seine Mutter legte 
den Arm um das Kind und prefite sein Gesicht an ihre Brust. 
Etwas an dieser Gebarde sagte ihm, dafi seine Schwester bald 
sterben musse. Er machte kehrt und rannte die Treppe hinunter, 
in der Hand die sich auflosende Schokolade. 
Er sollte seine Mutter nie wiedersehen. Nachdem er die 
Schokolade verschlungen hatte, schamte er sich ein wenig vor 
sich selber und trieb sich mehrere Stunden auf der Strafie herum, 
bis ihn der Hunger heimtrieb. Als er nach Hause kam, war seine 
Mutter verschwunden. Das war zu jener Zeit bereits 
Normalzustand geworden. Aufier seiner Mutter und Schwester 
fehlte nichts im Zimmer. Sie hatten keine Kleider mitgenommen, 
nicht einmal den Mantel seiner Mutter. Bis zum heutigen Tag 
hatte er keine Gewifiheit, ob seine Mutter tot war. Es war 
durchaus moglich, dafi sie nur in ein Zwangsarbeitslager 
verschickt worden war. 

Was seine Schwester anbetraf, so konnte sie, wie Winston selbst, 
in ein Heim fur elternlose Kinder (Auff anglager zur Ertuchtigung 
wurden sie genannt) gesteckt worden sein, die als eine Folge des 
Burgerkriegs entstanden waren; vielleicht war sie auch 
zusammen mit der Mutter in ein Arbeitslager verschickt oder 
einfach irgendwo sich selbst und dem Tod uberlassen worden. 
Sein Traum stand noch ganz frisch in seinem Gedachtnis, vor 
allem die einhullende, schutzende Armbewegung, in der die 
tiefere Bedeutung enthalten zu sein schien. Es fiel ihm ein 
anderer Traum ein, den er vor zwei Monaten gehabt hatte. Darin 



186 



hatte seine Mutter genau wie hier mit dem fest an sie 

geklammerten Kind auf dem armseligen Bett mit der weifien 

Decke, tief unter ihm, und mit jedem Augenblick noch tiefer 

versinkend, in einem untergehenden Schiff gesessen und ihn 

unverwandt durch das immer dunkler werdende Wasser 

angeblickt. 

Er erzahlte Julia die Geschichte von dem Verschwinden seiner 

Mutter. Ohne die Augen aufzumachen, walzte sie sich in eine 

bequemere Lage. 

»Vermutlich warst du damals ein widerliches kleines Miststuck«, 

sagte sie ausdruckslos. »Alle Kinder sind Miststucke.« 

»Ja, aber der springende Punkt an der Geschichte... « An ihren 

Atemzugen war zu merken, dafi sie wieder im Begriff war 

einzuschlafen. 

Er hatte gerne weiter von seiner Mutter gesprochen. Nach allem, 

was er von ihr behalten konnte, nahm er nicht an, dafi sie eine 

ungewohnliche, geschweige denn eine besonders intelligente 

Frau gewesen war. Und doch war an ihr etwas Edles, eine Art 

von Lauterkeit, ganz einfach, weil sie sich selber treu geblieben 

war. Ihre Gefuhle kamen tief aus ihrem Inneren und konnten 

nicht von aufien her verandert werden. 

Es ware ihr nie in den Sinn gekommen, eine Handlung fur 

bedeutungslos zu halten, weil sie keinen praktischen Zweck 

hatte. Wenn man jemanden liebte, so liebte man ihn, und wenn 

man ihm schon nichts anderes zu geben hatte, so schenkte man 

ihm seine Liebe. Als das letzte Stuckchen Schokolade fort war, 

hatte seine Mutter das Kind in ihre Arme geschlossen. Das hatte 

keinen Zweck, anderte nichts, schaffte nicht mehr Schokolade 

herbei, konnte weder den Tod des Kindes noch ihren eigenen 

verhindern. Aber ihr schien es das Naturliche, so zu handeln. Die 

Fluchtlingsfrau in dem Boot hatte auch den kleinen Jungen mit 

ihren Armen gegen den Kugelregen abgeschirmt, was nicht mehr 

ausrichten konnte als ein Blatt Papier. 

Die Partei aber suchte einem mit teuflischer Gewalt einzureden, 

blofie Regungen des Gefuhls seien ohne Bedeutung, wahrend sie 



187 



einen gleichzeitig aller, materiellen Freuden des Lebens beraubte. 
War man erst einmal in ihren Klauen, so bestand buchstablich 
kein Unterschied mehr, ob man etwas fiihlte oder nicht fuhlte, 
was man tat oder was man unterliefi. Was auch geschehen war, 
eines Tages verschwand man von der Bildflache, und weder von 
dem einzelnen Menschen noch von dem, was er getan, war 
jemals wieder etwas zu horen. Man wurde einfach aus der 
Geschichte gestrichen. 

Zwei Generationen fruher ware das dem Menschen nicht so 
ungeheuer wichtig vorgekommen, denn damals versuchten sie 
nicht, die Geschichte zu andern. Sie liefien sich durch 
selbstauferlegte Sittengesetze lenken, die von ihnen nicht in Frage 
gestellt wurden. Wichtig waren nur menschliche Beziehungen: 
eine vollkommen zweckfreie Tat, eine Umarmung, eine Trane, 
ein zu einem Sterbenden gesprochenes Trostwort konnten an sich 
wertvoll sein. Die Proles, kam ihm plotzlich zum Bewufitsein, 
hatten sich diesen Zustand bewahrt. Sie waren nicht einer Partei 
oder einem Land oder einer Idee ergeben, sondern sich selber 
treu. Zum erstenmal in seinem Leben verachtete er die Proles 
nicht, dachte an sie nicht lediglich als an eine dumpfe Kraft, die 
eines Tages erwachen und die Welt erneuern wurde. Die Proles 
waren menschlich geblieben. Sie waren nicht innerlich verhartet. 
Sie hatten sich die primitiven Gefuhle erhalten, die er mit 
bewufitem Bemuhen wiedererlernen mufite. Und bei diesen 
Uberlegungen fiel ihm ohne erkennbaren Zusammenhang ein, 
wie er vor ein paar Wochen eine abgerissene Hand auf dem 
Pflaster liegen gesehen und sie mit einem Fufitritt in den 
Rinnstein geschleudert hatte, als ware sie ein Kohlstrunk 
gewesen. 

»Die Proles sind Menschen«, sagte er laut. »Wir sind keine 
Menschen.« 

»Warum nicht?« fragte Julia, die wieder aufgewacht war. 
Er dachte eine Weile nach. »Ist dir je bewufit geworden«, sagte er, 
»dafi es fur uns das Beste ware, einfach von hier wegzugehen, 
bevor es zu spat ist, und wir einander nie mehr wiederzusehen?« 



188 



»Ja, Lieber, ich habe manchmal daran gedacht. Aber trotzdem tue 

ich es nicht.« 

»Wir hatten bis jetzt Gliick, aber es kann nicht mehr lange so 

weitergehen. Du bist Jung. Du siehst vorschriftsmafiig und 

harmlos aus. Wenn du Menschen wie mir aus dem Wege gehst, 

bleibst du vielleicht noch funfzig Jahre am Leben.« 

»Nein. Ich habe mir alles uberlegt. Was du tust, das tue ich auch. 

Und sieh bitte nicht zu schwarz. Ich bin recht geschickt darin, am 

Leben zu bleiben.« 

»Wir konnen vielleicht noch weitere sechs Monate - vielleicht 

noch ein Jahr - beisammen bleiben, man kann es nicht wissen. 

Zum Schlufi werden wir mit Gewissheit getrennt. Bist du dir 

bewufit, wie schrecklich allein wir sein werden? Wenn sie uns 

erst einmal in den Klauen haben, gibt es nichts, buchstablich 

nichts, was wir fureinander tun konnten. 

Wenn ich ein Gestandnis ablege, erschiefien sie dich, und wenn 

ich mich zu gestehen weigere, erschiefien sie dich genauso. 

Nichts, was ich mir zu tun oder zu sagen oder zu verschweigen 

vornehmen kann, kann deinen Tod auch nur um ftinf Minuten 

hinausschieben. Wir werden nicht einmal voneinander wissen, 

ob wir noch leben oder schon tot sind. Wir werden vollkommen 

machtlos sein. Wenn auch selbst das nicht den geringsten 

Unterschied ausmacht, so kommt es doch einzig und allein 

darauf an, dafi wir einander nicht verraten.« 

»Wenn du damit das Gestandnis meinst«, sagte sie, »so werden 

wir es nur allzu bald ablegen. Alle gestehen sie. Man kann nichts 

dagegen machen. Sie foltern einen.« 

»Ich meine nicht: gestehen. Ein Gestandnis ist kein Verrat. Was 

man sagt oder tut, ist nicht wichtig: es kommt darauf an, was 

man fuhlt. Wenn sie mich soweit brachten, dich nicht mehr zu 

lieben - das ware wirklicher Verrat.« 

Sie uberlegte. »Das bringen sie nicht fertig«, sagte sie schliefilich. 

»Das ist das einzige, was sie nicht konnen. Sie konnen dich 

zwingen, alles zu sagen - alles -, aber sie konnen dich nicht 



189 



zwingen, es zu glauben. Sie haben keine Macht tiber dein 

Inneres.« 

»Nein«, gab er ein wenig hoffnungsvoller zu, »nein, das ist 

wirklich wahr. Sie haben keine Macht tiber dein Inneres. Wenn 

du ftihlen kannst, dafi es sich lohnt, ein Mensch zu bleiben, sogar 

wenn damit praktisch nichts erreicht wird, hast du ihnen doch 

ein Schnippchen geschlagen.« 

Er dachte an den Televisor mit seinem nimmer ruhenden Ohr. Sie 

konnten einen Tag und Nacht bespitzeln, aber wenn man auf 

seiner Hut war, konnte man sie tiberlisten. Bei all ihrer Schlauheit 

hatten sie doch nicht das Geheimnis gelost, die Gedanken eines 

anderen aufzusptiren. Vielleicht war es anders, wenn man ihnen 

tatsachlich in die Hande gefallen war. 

Man wufite nicht, was innerhalb des Liebesministeriums vor sich 

ging, aber man konnte es erraten: Folterungen, Drohungen, 

hochempfindliche Apparate, um die Reaktion der Nerven zu 

registrieren, langsames Mtirbemachen durch Schlafentzug, 

Einzelhaft und Dauerverhore. Tatsachen jedenfalls konnte man 

nicht geheim halten. Sie konnten durch Nachforschungen 

festgestellt, konnten durch Foltern aus einem herausgeprefit 

werden. 

Wenn es aber darum ging, nicht etwa am lieben, sondern ein 

Mensch zu bleiben, welchen Unterschied machte das dann 

letzten Endes aus? Sie konnten die Geftihle eines Menschen nicht 

andern; ja, man konnte sie nicht einmal selbst andern, sogar 

wenn man es wollte. 

Sie konnten bis zur letzten Einzelheit alles aufdecken, was man 

getan, gesagt oder gedacht hatte. Aber die innerste Kammer des 

Herzens, deren Regungen sogar ftir einen selbst ein Geheimnis 

waren, blieb unbezwinglich. 



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Achtes Kapitel 



Sie hatten es getan, sie hatten es endlich getan! Das Zimmer, in 
dem sie standen, war langlich und sanft beleuchtet. Der Televisor 
war zu einem leisen Gemurmel gedampft; die Uppigkeit des 
dunkelblauen Teppichs erweckte in einem den Eindruck, als trete 
man auf Samt. Am anderen Ende des Raumes safi O'Brien an 
einem Tisch unter einer grtin abgeschirmten Lampe, mit einer 
Menge Papiere zu beiden Seiten vor sich. Er hatte nicht einmal 
aufgeblickt, als der Diener Julia und Winston hereinfuhrte. 
Winstons Herz klopfte so heftig, dafi er zweifelte, ob er wurde 
sprechen konnen. Sie hatten es getan, sie hatten es endlich getan - 
war alles, was er denken konnte. Es war ein waghalsiges 
Unternehmen gewesen, auch nur herzukommen, und reiner 
Wahnsinn, gemeinsam zu kommen, wenn sie auch getrennte 
Wege eingeschlagen und sich erst vor O'Briens Haustur getr often 
hatten. Aber allein schon an einen solchen Ort zu gehen, 
erforderte den Mut der Verzweiflung. Nur bei hochst seltenen 
Gelegenheiten konnte man einen Blick in die Wohnungen der 
Inneren-Partei-Mitglieder werfen oder auch nur einen Fufi in das 
Stadtviertel setzen, in dem sie wohnten. 

Die ganze Atmosphare des riesigen Wohnblocks, die Pracht und 
die Ausmafie von allem, die ungewohnten Geruche nach gutem 
Essen und gutem Tabak, die gerauschlosen und unglaublich 
rasch auf und ab gleitenden Aufzuge - alles das war 
einschuchternd. Obwohl er einen triftigen Vorwand fur sein 
Kommen hatte, wurde er bei jedem Schritt von der Furcht 
verfolgt, ein uniformierter Wachposten konnte plotzlich um die 
Ecke biegen, seinen Ausweis verlangen und ihn hinausweisen. 
O'Briens Bedienter hatte jedoch die beiden ohne weitere 
Umstande hereingelassen. Er war ein kleiner, dunkelhaariger 
Mann in weifier Jacke, mit einem rautenformigen, vollkommen 
ausdruckslosen Gesicht, das einem Chinesen hatte gehoren 



191 



konnen. Der Korridor, durch den er sie fuhrte, war mit einem 
weichen Laufer belegt, die Wande waren cremefarben tapeziert 
und weifi getafelt, alles glanzte vor makelloser Sauberkeit. 
Auch das war einschuchternd. Winston konnte sich nicht 
erinnern, jemals einen Flur gesehen zu haben, dessen Wande 
nicht durch die Beruhrung menschlicher Korper verschmutzt 
waren. O'Brien hielt einen Zettel in Handen und schien ihn 
aufmerksam zu studieren. Sein massiges Gesicht, das 
heruntergebeugt war, so dafi man die Nasenlinie nicht sehen 
konnte, sah zugleich furchteinflofiend und klug aus. Vielleicht 
zwanzig Sekunden lang safi er unbeweglich da. Dann zog er den 
Sprechschreiber zu sich heran und machte in dem hybriden 
Jargon der Ministerien eine Durchsage: »Punkt eins Komma ftinf 
Komma sieben vollweise gebilligt Stop Vorschlag von Punkt 
sechs doppelplus lacherlich betreffs Denkverbrechen streicht 
Stop unsofort plusvoll Unterlagen abwartweise Maschinerie oben 
Stop Ende.« 

Er erhob sich bedachtig von seinem Stuhl und kam tiber den 
lautlosen Teppich auf sie zu. Ein wenig von der 
Beamtenatmosphare schien mit den Neusprechworten von ihm 
abgefallen zu sein, aber sein Gesichtsausdruck war finsterer als 
gewohnlich, so als ware es ihm nicht erwunscht, gestort zu 
werden. Zu der Furcht, die bereits von Winston Besitz ergriffen 
hatte, kam plotzlich noch so etwas wie ganz gewohnliche 
Verlegenheit hinzu. Es schien ihm durchaus moglich, dafi er ganz 
einfach einen dummen Irrtum begangen hatte. 
Denn weichen Beweis hatte er in Wirklichkeit, dafi O'Brien ein 
politischer Verschworer war? Nur einen getauschten Blick und 
eine einzige zweideutige Bemerkung: daruber hinaus lediglich 
seine eigenen, auf einen Traum gestutzten Hoffnungen. Er 
konnte nicht einmal zu dem Vorwand Zuflucht nehmen, 
gekommen zu sein, um das Worterbuch zu entlehnen, denn in 
diesem Fall war es unmoglich, Julias Anwesenheit zu erklaren. 
Als O'Brien am Televisor vorbeikam, schien ihm etwas 
einzufallen. Er blieb stehen, machte einen Schritt zur Seite und 



192 



drehte an einem an der Wand angebrachten Knopf. Man horte 

ein kurzes Knacken. Die Stimme war verstummt. 

Julia stiefi einen kurzen Laut, eine Art uberraschtes Quieken aus. 

Trotz aller seiner Angste war Winston zu verblufft, um den 

Mund halten zu konnen. 

»Sie konnen ihn ja abstellen!« sagte er. 

»Ja«, sagte O'Brien, »wir konnen ihn abstellen. Wir haben dieses 

Vorrecht.« 

Er stand jetzt vor ihnen. Seine machtige Erscheinung uberragte 

die beiden, und der Ausdruck seines Gesichts war noch immer 

undurchdringlich. Er wartete, ein wenig streng, dafi Winston 

sprechen sollte, aber was sollte dieser schon sagen? Sogar jetzt 

noch war es undenkbar, dafi der andere nur ein vielbeschaftigter 

Mann war, der sich argerlich fragte, warum man ihn gestort 

hatte. Niemand sprach. Nachdem der Televisor abgestellt war, 

schien in dem Zimmer eine todliche Stille zu herrschen. Mit 

erdruckender Langsamkeit verstrichen die Sekunden. 

Krampfhaft hielt Winston seinen Blick weiter in den O'Briens 

gerichtet. Dann verzog sich das grimmige Gesicht plotzlich zu 

dem, was man den Anflug eines Lachelns hatte nennen konnen. 

Mit seiner charakteristischen Bewegung ruckte O'Brien seine 

Brille auf der Nase zurecht. 

»Soll ich es sagen oder wollen Sie?« sagte er. 

»Ich will es aussprechen«, sagte Winston sofort. »Das Ding dort 

ist auch wirklich abgestellt?« 

»Ja, alles ist abgeschaltet. Wir sind allein.« 

»Wir sind hier hergekommen, weil...« Er hielt inne, da er sich 

zum erstenmal der Unklarheit seiner Beweggrunde bewufit 

wurde. Da er nicht wirklich wufite, in welcher Form er 

Unterstutzung von O'Brien erwartete, war es nicht leicht zu 

sagen, warum er hergekommen war. 

Er fuhr fort, wobei er sich bewufit war, dafi seine Worte sowohl 

schwach als auch bombastisch klingen mufiten: »Wir glauben, 

dafi es eine Verschworung, eine Art Geheimorganisation, die 

gegen die Partei tatig ist, gibt und dafi Sie damit zu tun haben. 



193 



Wir wollen ihr beitreten und fur sie arbeiten. Wir sind Feinde der 
Partei. Wir glauben nicht an die Doktrin von Engsoz. Wir sind 
Gedankenverbrecher. Wir sind auch Ehefrevler. Wir sagen Ihnen 
das, weil wir uns Ihnen ganz auf Gnade oder Ungnade ausliefern 
wollen. Wenn Sie wunschen, dafi wir uns noch auf irgendeine 
andere Art und Weise belasten, sind wir auch dazu bereit.« 
Er stockte und warf einen Blick tiber seine Schulter aus dem 
Gefuhl heraus, die Tur habe sich geoffnet. Richtig, der kleine, 
gelbgesichtige Diener war, ohne anzuklopfen, hereingekommen. 
Winston sah, dafi er ein Tablett mit einer Karaffe und Glasern 
trug. »Martin ist einer von den unsrigen«, sagte O'Brien gelassen. 
»Bringen Sie die Glaser hierher, Martin. Stellen Sie sie auf den 
runden Tisch. Haben wir genugend Stiihle? Dann konnen wir 
uns ebenso gut setzen und gemutlich reden. Holen Sie sich auch 
einen Stuhl fur sich selbst, Martin. Hier handelt es sich um 
Geschaftliches. Betrachten Sie sich die nachsten zehn Minuten 
nicht als Diener. « 

Der kleine Mann setzte sich und machte es sich einigermafien 
bequem, aber doch in einer bedientenhaften Art, der Art eines 
Kammerdieners, dem ein Vorrecht eingeraumt wird. Winston 
betrachtete ihn von der Seite. Es kam ihm zum Bewufitsein, dafi 
das ganze Leben dieses Mannes Schauspielerei war und er es als 
gefahrlich empfand, auch nur einen Augenblick aus der Rolle zu 
fallen. O'Brien ergriff die Karaffe am Halse und fullte die Glaser 
mit einer dunkelroten Fliissigkeit. 

Sie weckte in Winston dunkle Erinnerungen an etwas vor langer 
Zeit an einer Hauswand oder einer Reklameflache Gesehenes - 
eine riesige, aus elektrischen Gliihbirnen zusammengesetzte 
Flasche, die sich zu neigen und aufzurichten und ihren Inhalt in 
ein Glas zu leeren schien. Von oben gesehen, sah das Getrank fast 
schwarz aus, aber in der Karaffe schimmerte es rot wie ein Rubin. 
Es hatte einen sauersufien Geruch. Er sah, wie Julia ihr Glas 
ergriff und mit offen eingestandener Neugier daran schnupperte. 



194 



»Man nennt es Wein«, erklarte O'Brien mit einem leisen Lacheln. 
»Sie haben sicherlich schon davon in Buchern gelesen. Nicht viel 
davon sickert bis zur Aufieren Partei durch, furchte ich.« 
Sein Gesicht wurde wieder ernst, und er hob sein Glas: »Ich 
glaube, es ist wohl angebracht, dafi wir damit beginnen, 
miteinander anzustofien. Auf das Wohl unseres Retters: Hoch 
lebe Immanuel Goldstein!« 

Winston hob sein Glas mit einer gewissen Ungeduld. Wein war 
etwas, von dem er gelesen und getraumt hatte. Wie der glaserne 
Briefbeschwerer oder Mr. Charringtons halberinnerte Reime 
gehorte er der ausgetilgten romantischen Vergangenheit an, der 
guten alten Zeit, wie er sie in seinen geheimen Gedanken zu 
nennen pflegte. Aus irgendeinem Grunde hatte er immer 
geglaubt, Wein habe einen aufierst sullen Geschmack, ahnlich wie 
Brombeermarmelade, und eine unmittelbar berauschende 
Wirkung. In Wirklichkeit war das Getrank, als er es nun 
schluckte, ausgesprochen enttauschend. In Wahrheit hinterliefi 
es, nach Jahren des Gin-Trinkens, kaum einen Geschmack auf 
seiner Zunge. Er stellte das geleerte Glas hin. 
»Es gibt Goldstein also?« sagte er. 

»Ja, diesen Menschen gibt es, und er lebt. Wo, weifi ich nicht. « 
»Und die Verschworung - die Organisation? Besteht sie wirklich? 
Ist sie nicht nur eine Erfindung der Gedankenpolizei?« 
»Nein, sie besteht wirklich. Die >Bruderschaft< wird sie von uns 
genannt. Sie werden nie sehr viel mehr von der Bruderschaft 
erfahren, als dafi es sie gibt und dafi Sie ihr angehoren. Ich werde 
gleich darauf zuruckkommen.« Er sah auf seine Armbanduhr. 
»Es ist unklug, sogar fur Mitglieder der Inneren Partei, den 
Televisor langer als eine halbe Stunde abzustellen. Sie hatten 
nicht zusammen herkommen sollen, und Sie mussen getrennt 
fortgehen. Sie, Genossin« - und er nickte Julia mit dem Kopf zu -, 
»gehen zuerst. Wir haben noch etwa zwanzig Minuten zur 
Verfugung. Sie werden verstehen, dafi ich damit beginnen mufi, 
Ihnen gewisse Fragen zu stellen. Um es kurz zu machen: Was 
sind Sie bereit zu unternehmen?« » 



195 



Alles, wozu wir imstande sind«, sagte Winston. 

O'Brien hatte eine kleine Drehung auf seinem Stuhl gemacht, so 

dafi er jetzt Winston vor sich hatte. Er liefi Julia fast unbeachtet 

und schien es als selbstverstandlich anzunehmen, dafi Winston 

auch in ihrem Namen sprechen konnte. Einen Augenblick 

klappten die Lider tiber seine Augen. Er fing an, seine Fragen mit 

langsamer, ausdrucksloser Stimme zu stellen, so, als handle es 

sich um eine Schablone, eine Art Abhoren aus dem Katechismus, 

bei dem er die meisten Antworten schon im voraus kannte. 

»Sie sind bereit, Ihr Leben zu opfern?« 

»Ja.« 

»Sie sind bereit, einen Mord zu begehen?« 

»Ja.« 

»Sabotageakte zu begehen, die vielleicht den Tod von Hunderten 

von unschuldigen Menschen herbeifuhren?« 

»Ja.« 

»Ozeanien an die Feindmachte zu verraten?« 

»Ja.« 

»Sie sind bereit, zu betrugen, zu falschen, zu erpressen, die 

Gesinnung von Kindern zu verderben, suchtigmachende 

Rauschgifte unter die Leute zu bringen, die Prostitution zu 

ermutigen, Geschlechtskrankheiten zu verbreiten - alles zu tun, 

was dazu angetan ist, das Chaos zu fordern und die Macht der 

Partei zu untergraben?« 

»Ja.« 

»Wenn es zum Beispiel irgendwie unseren Interessen dienlich 

sein sollte, einem Kind Schwefelsaure ins Gesicht zu schutten - 

sind Sie dazu bereit?« 

»Ja.« 

»Sie sind dazu bereit, Ihre bisherige Personlichkeit aufzugeben 

und fur den Rest Ihres Lebens als Kellner oder Hafenarbeiter 

durchs Leben zu gehen?« 

»Ja.« 

»Sie sind bereit, Selbstmord zu veruben, wenn und wann wir 

Ihnen das befehlen?« 



196 



»Ja.« 

»Sie sind also beide bereit, sich zu trennen und einander nie 

wiederzusehen?« 

»Nein!« fiel Julia ein. 

Es kam Winston vor, als sei eine lange Zeit verstrichen, ehe er 

antwortete. Einen Augenblick schien er sogar der Sprache 

beraubt gewesen zu sein. Seine Zunge brachte keinen Laut 

hervor, wahrend sie immer wieder die Anfangssilben erst des 

einen, dann des anderen Wortes zu formen versuchte. Ehe er es 

nicht ausgesprochen hatte, wufite er nicht, welches Wort er sagen 

wurde. 

»Nein«, sagte er schliefilich. 

»Sie taten gut daran, mir das zu sagen«, sagte O'Brien. »Es ist 

notwendig fur uns, alles zu wissen.« 

Er wandte sich Julia zu und fugte mit einer ein wenig 

ausdrucksvolleren Stimme hinzu: »Begreifen Sie auch, dafi er, 

selbst wenn er am Leben bleibt, das moglicherweise als ein ganz 

anderer Mensch tut? Wir konnten gezwungen sein, einen vollig 

anderen Menschen aus ihm zu machen. Sein Gesicht, seine Art, 

sich zu bewegen, die Form seiner Hande, die Farbe seiner Haare 

- ja sogar seine Stimme waren anders. Und auch Sie selbst 

konnten ein anderer Mensch geworden sein. Unsere Chirurgen 

konnen einen Menschen bis zum Nichtwiedererkennen 

verandern! Manchmal ist das notig. Manchmal amputieren wir 

sogar ein Glied.« 

Winston konnte nicht umhin, noch einmal einen verstohlenen 

Blick auf Martins Mongolengesicht zu werfen. Er konnte keine 

Operationsnarben darauf entdecken. Julia war um eine 

Schattierung bleicher geworden, so dafi die Sommersprossen 

hervortraten, aber sie sah O'Brien tapfer an. Sie murmelte etwas, 

das wie Zustimmung klang. 

»Gut. Dann ware das in Ordnung.« 

Eine silberne Zigarettendose stand auf dem Tisch. Mit einer 

etwas zerstreuten Miene schob O'Brien sie den anderen hin, 

nahm selbst eine Zigarette, stand dann auf und begann langsam 



197 



hin und her zu gehen, so, als konnte er stehend besser denken. Es 
waren sehr gute Zigaretten, prall gefullt, mit einem ungewohnten 
feinen Papier. O'Brien blickte wieder auf seine Armbanduhr. 
»Sie gehen jetzt besser zu Ihrer Arbeit, Martin«, sagte er. »In einer 
Viertelstunde schalte ich ein. Sehen Sie sich die Gesichter dieser 
Genossen an, bevor Sie gehen. Sie werden sie wiedersehen. Ich 
vielleicht nicht.« 

Genau wie sie es vorher an der Eingangstur getan hatten, 
huschten die schwarzen Augen des kleinen Mannes uber ihre 
Gesichter. Keine Spur von Freundlichkeit sprach aus seiner Art. 
Er pragte sich ihre Erscheinung ein, aber er empfand kein 
Interesse fur sie, so wenig wie er sich anmerken liefi, dafi er 
keines empfand. Der Gedanke schofi Winston durch den Kopf, 
dafi ein kunstlich zusammengenahtes Gesicht vielleicht seinen 
Ausdruck verandern konnte. Ohne ein Wort oder einen Grufi 
ging Martin hinaus, indem er leise die Tur hinter sich schlofi. 
O'Brien schlenderte auf und ab, eine Hand in der Tasche seines 
schwarzen Trainingsanzugs, in der anderen die Zigarette. 
»Sie werden verstehen, dafi Sie im Dunkeln kampfen werden. Sie 
werden immer im Dunkeln sein. Sie erhalten Befehle und haben 
ihnen zu gehorchen, ohne das Warum zu wissen. Spater werde 
ich Ihnen ein Buch senden, aus dem Sie die wahre Natur der 
Gesellschaftsordnung, in der wir leben, und die strategischen 
Mafinahmen, durch die wir sie zerstoren wollen, kennenlernen. 
Wenn Sie das Buch gelesen haben, sind Sie in die Briiderschaft als 
Mitglieder aufgenommen. 

Aber abgesehen von den allgemeinen Zielen, fur die wir 
kampfen, und den jeweiligen augenblicklichen Aufgaben, 
werden Sie nie etwas wissen. Ich sage Ihnen, dafi die 
Briiderschaft existiert, aber ich kann Ihnen nicht sagen, ob ihre 
Mitgliederzahl hundert oder zehn Millionen betragt. Aus Ihrem 
personlichen Wissen heraus werden Sie nie imstande sein zu 
sagen, ob sie auch nur ein Dutzend Anhanger hat. 
Sie werden drei oder vier Mittelsmanner kennen, die von Zeit zu 
Zeit ersetzt werden, je nachdem sie verschwinden. Da ich der 



198 



erste bin, mit dem Sie in Beruhrung kamen, bleibt es dabei. Wenn 
Sie Befehle erhalten, kommen sie von mir. Wenn wir es fur notig 
befinden, uns mit Ihnen in Verbindung zu setzen, so geschieht 
das durch Martin. Wenn Sie zu guter Letzt erwischt werden, 
dann werden Sie gestehen. Dagegen lafit sich nichts machen. 
Aber Sie werden sehr wenig anderes zu gestehen haben als das, 
was Sie selbst getan haben. Sie werden nicht imstande sein, mehr 
als ein halbes Dutzend unwichtiger Menschen zu verraten. 
Vermutlich werden Sie nicht einmal mich verraten. Wenn es 
soweit ist, bin ich vielleicht tot oder ein anderer Mensch mit 
einem anderen Gesicht geworden.« 

Er fuhr fort, uber den weichen Teppich hin und her zu gehen. 
Trotz der Schwere seines Korpers bewegte er sich mit einer 
auffallenden Grazie. Sie aufierte sich sogar in der Bewegung, mit 
der er seine Hand in die Tasche steckte oder seine Zigarette hielt. 
Mehr noch als den der Kraft erweckte er einen Eindruck der 
Vertrauenswurdigkeit und eines leise mit Ironie gefarbten 
Verstandnisses. Wie ernst er sich auch geben mochte, so haftete 
ihm doch nichts von der sturen Unentwegtheit des Fanatikers an. 
Wenn er von Mord, Selbstmord, Geschlechtskrankheit, 
amputierten Gliedmafien und veranderten Gesichtern sprach, so 
geschah es mit einem leisen Unterton von Spott. 
»Das lafit sich nicht vermeiden«, schien seine Stimme zu sagen, 
»das mussen wir unerbittlich tun. Aber wir tun es nicht mehr, 
wenn erst das Leben wieder lebenswert sein wird.« 
Eine Welle der Bewunderung, fast der Verehrung, wallte in 
Winston fur O'Brien auf. Fur einen Augenblick hatte er die 
Schattengestalt Goldsteins vergessen. Wenn man O'Briens 
machtige Schultern und sein derbgeschnittenes, unschones und 
doch so gewinnendes Gesicht ansah, konnte man sich unmoglich 
vorstellen, er konnte jemals eine Niederlage erleiden. Es gab 
keine Kriegslist, der er nicht gewachsen war, keine Gefahr, die er 
nicht vorhersah. Sogar Julia schien beeindruckt. Sie hatte ihre 
Zigarette ausgehen lassen und lauschte gespannt. O'Brien fuhr 
fort: »Sie werden Geruchte vom Vorhandensein der Bruderschaft 



199 



gehort haben. Zweifellos haben Sie sich Ihr eigenes Bild von ihr 
gemacht. Sie haben sich vermutlich eine weitverzweigte 
Untergrundbewegung von Verschworern vorgestellt, die sich 
heimlich in Kellern treffen, Mitteilungen an Hausermauern 
kritzeln und einander an Losungsworten oder einem besonderen 
Handedruck erkennen. 

Nichts dergleichen gibt es. Die Mitglieder der Bruderschaft haben 
keine Mittel, einander zu erkennen, und es besteht keine 
Moglichkeit, dafi ein Mitglied mehr als ein paar sehr wenige als 
ihm personlich bekannt nennen konnte. Goldstein selbst konnte 
der Gedankenpolizei, wenn er ihr in die Hande fiele, keine 
vollstandige Mitgliederliste oder sonst einen Hinweis geben, auf 
Grund dessen sie sich eine vollstandige Liste beschaffen konnte. 
Eine solche Liste existiert nicht. 

Die Bruderschaft kann nicht ausgerottet werden, weil sie keine 
Organisation im ublichen Sinne ist. Nichts als eine unaustilgbare 
Idee halt sie zusammen. 

Sie werden nie etwas anderes zu Ihrer Stutze haben als die Idee. 
Ihnen werden keine Kameradschaft und keine Ermutigung zuteil. 
Wenn Sie schliefilich erwischt werden, erfahren Sie keine Hilfe. 
Wir helfen unseren Mitgliedern nie. Hochstens, wenn es 
unumganglich ist, dafi einer zum Schweigen gebracht wird, 
konnen wir gelegentlich eine Rasierklinge in eine Gefangniszelle 
einschmuggeln. Sie werden sich daran gewohnen mussen, ohne 
sichtbare Ergebnisse und ohne Hoffnung zu leben. Sie werden 
eine Weile tatig sein, dann werden Sie verhaftet werden, gestehen 
und sterben. Das sind die einzigen fur Sie greifbaren Ergebnisse. 
Es besteht keine Moglichkeit, dafi zu unseren Lebzeiten eine 
sichtbare Veranderung eintritt. 

Wir sind die Toten. Unser einziges wirkliches Leben liegt in der 
Zukunft. Wir werden daran teilhaben als ein Hauflein Staub und 
verwester Gebeine. Aber in wie weiter Feme diese Zukunft liegt, 
weifi niemand. Es kann in tausend Jahren sein. In der Gegenwart 
ist nichts anderes moglich, als den Bereich der Gesundung Schritt 
urn Schritt zu vergrofiern. Wir konnen nicht als Gesamtheit 



200 



vorgehen. Wir konnen nur unsere Erkenntnisse von Mensch zu 

Mensch, von Generation zu Generation weitergeben. In 

Anbetracht der Gedankenpolizei gibt es keinen anderen Weg.« 

Er hielt inne und blickte zum drittenmal auf seine Armbanduhr. 

»Es ist nachgerade an der Zeit fur Sie zu gehen, Genossin«, sagte 

er zu Julia. »Warten Sie. Die Karaffe ist noch halbvoll.« Er fullte 

die Glaser und hob sein eigenes Glas am Stiel. 

»Auf was soil es diesmal sein?« sagte er, noch immer mit dem 

gleichen leisen Anflug von Ironie. 

»Auf den Untergang der Gedankenpolizei? Auf den Tod des 

Grofien Bruders? Auf die Freiheit unseres Heimatlandes? Auf die 

Zukunft?« 

»Auf die Vergangenheit!«, sagte Winston. 

»Die Vergangenheit ist wichtiger«, pflichtete O'Brien ernst bei. 

Sie leer ten ihre Glaser, und einen Augenblick spater stand Julia 

auf, um zu gehen. O'Brien nahm eine kleine Schachtel von einem 

Schrankchen herunter und reichte ihr eine flache weifie Tablette, 

die er sie auf die Zunge zu legen aufforderte. Es war wichtig, 

meinte er, nicht nach Wein zu riechen, wenn man hinausging: die 

Fahrstuhlfuhrer waren sehr aufmerksame Beobachter. Sobald 

sich die Tur hinter ihr geschlossen hatte, schien er ihr 

Vorhandensein vergessen zu haben. Er ging noch ein- oder 

zweimal im Zimmer hin und her, dann blieb er stehen. 

»Es gibt noch Einzelheiten zu besprechen«, sagte er. »Ich nehme 

an, Sie haben irgendein Versteck?« 

Winston berichtete von dem Zimmer tiber Mr. Charringtons 

Laden. »Das wird fur den Augenblick genugen. Spater werden 

wir etwas anderes fur Sie finden. Es ist wichtig, sein Versteck 

haufig zu wechseln. Inzwischen sende ich Ihnen ein Exemplar 

von „dem Buch" - sogar O'Brien, bemerkte Winston, schien die 

Worte so auszusprechen, als waren sie in Kursivschrift 

geschrieben -, »von Goldsteins Buch, Sie verstehen, so bald wie 

moglich. Es kann ein paar Tage dauern, ehe ich eines in die 

Hande bekommen kann. Es gibt nicht viele Exemplare, wie Sie 

sich wohl denken konnen. Die Gedankenpolizei macht Jagd 



201 



darauf und vernichtet sie fast ebenso rasch, wie wir sie drucken 

konnen. Das hilft ihr aber nur sehr wenig. Das Buch ist 

unvernichtbar. Ware auch das letzte Exemplar verlorengegangen, 

so konnten wir den Inhalt doch Wort fur Wort wiedergeben. 

Haben Sie eine Mappe bei sich, wenn Sie an Ihre Arbeit gehen?« 

fugte er hinzu. 

»In der Regel, ja.« 

»Wie sieht sie aus?« 

»Schwarz, sehr schabig. Mit zwei Tragriemen.« 

»Schwarz, zwei Tragriemen, sehr schabig - gut. An einem der 

nachsten Tage - ich kann kein genaues Datum angeben - wird 

eine der Mitteilungen unter Ihren Vormittagsarbeiten ein 

verdrucktes Wort enthalten, und Sie mussen um eine 

Richtigstellung bitten. Am nachsten Tag gehen Sie dann ohne 

Ihre Mappe an die Arbeit. Im Laufe des Tages wird Sie auf der 

Strafie ein Mann am Arm beruhren und sagen: >Ich glaube, Sie 

haben Ihre Mappe fallen lassen.< Die Mappe, die er Ihnen dann 

gibt, wird ein Exemplar von Goldsteins Buch enthalten. Sie geben 

es binnen vierzehn Tagen zuruck.« 

Sie schwiegen einen Augenblick. »Es bleiben nur noch zwei 

Minuten, ehe Sie gehen mussen«, sagte O'Brien. »Wir werden uns 

wiedersehen - falls wir uns wiedersehen...« 

Winston blickte zu ihm auf. »An dem Ort, wo keine Dunkelheit 

herrscht?« sagte er zogernd. 

O'Brien nickte, ohne Verwunderung zu verraten. »An dem Ort, 

wo keine Dunkelheit herrscht«, sagte er, so als habe er die 

Anspielung verstanden. »Und inzwischen, gibt es noch etwas, 

was Sie sagen mochten, bevor Sie gehen? Eine Botschaft? Eine 

Frage?« 

Winston uberlegte. Es schien keine Frage mehr zu geben, die er 

hatte stellen wollen: noch weniger verspurte er Lust, 

hochtrabende Phrasen zu stammeln. Statt etwas, das unmittelbar 

mit O'Brien oder der Bruderschaft zu tun hatte, ging ihm ein 

verschwommenes Bild von dem dusteren Schlafzimmer, in dem 

seine Mutter ihre letzten Tage verbracht hatte, und dem kleinen 



202 



Zimmer tiber Mr. Charringtons Laden mit dem glasernen 
Briefbeschwerer und dem Stahlstich in seinem Rosenholzrahmen 
durch den Sinn. Auf gut Gluck sagte er: »Haben Sie zufallig 
jemals einen alten Reim gehort, der >Oranges and lemons, say the 
bells of St. Clement's< anfing?« 

Wieder nickte O'Brien. Mit einer Art ernster Hoflichkeit erganzte 
er die Strophe: »Oranges and lemons, say the bells of St. 
Ctement's, You owe me three farthings, say the bells of St. 
Martin's, When will you pay me? say the bells of Old Bailey, 
When 1 grow rich, say the bells of Shoreditch.« 
»Sie kennen den letzten Vers!« rief Winston aus. 
»Ja, ich kenne den letzten Vers. Und jetzt, furchte ich, ist es Zeit 
fur Sie zu gehen. Aber warten Sie. Lassen Sie mich Ihnen lieber 
eine von diesen Tabletten geben.« 

Als Winston aufstand, reichte ihm O'Brien die Hand. Sein 
kraftiger Griff druckte Winstons Handteller bis auf den Knochen. 
Bei der Tur blickte Winston zuruck, aber O'Brien schien bereits 
im Begriff, ihn aus seinem Gedachtnis zu streichen. Er wartete 
mit der Hand an dem Knopf, mit dem man den Televisor 
einschaltete. Hinter ihm konnte Winston den Schreibtisch mit 
seiner grungeschirmten Lampe, den Sprechschreiber und das mit 
Papieren vollgehaufte Drahtablegekorbchen sehen. Die Sache 
war erledigt. In dreifiig Sekunden, kam ihm zum Bewufitsein, 
wurde O'Brien wieder bei seiner unterbrochenen, wichtigen 
Arbeit fur die Partei sein. 



Neuntes Kapitel 



Winston war von einer gallertartigen Mudigkeit. Gallertartig war 
das richtige Wort. Es war ihm von selbst in den Sinn gekommen. 
Sein Korper schien nicht nur eine gelatine artige Weichheit, 



203 



sondern auch eine ebensolche Durchsichtigkeit angenommen zu 
haben. Er hatte das Gefuhl, wurde er die Hand hochhalten, dann 
konnte er das Licht hindurchscheinen sehen. Samtliche roten und 
weifien Blutkorperchen waren ihm durch eine riesige 
Arbeitsuberlastung abgezapft worden, so dafi nur die 
zerbrechliche Struktur von Nerven, Knochen und Haut ubriglieb. 
Alle Empfindungen waren ubersteigert. Sein Trainingsanzug rieb 
seine Schultern wund, das Strafienpflaster schmerzte seine 
Fufisohlen, sogar das Offnen und Schliefien einer Hand bedeutete 
schon eine Anstrengung, die seine Gelenke knacken liefi. 
In den letzten ftinf Tagen hatte er mehr als neunzig Stunden 
gearbeitet. Das gleiche gait von jedem anderen im Ministerium 
Beschaftigten. Jetzt war alles erledigt, und er hatte bis morgen 
frtih buchstablich nichts mehr, auch nicht die geringste Arbeit fur 
die Partei zu tun. Er konnte sechs Stunden in seinem 
Schlupfwinkel und weitere neun daheim in seinem Bett 
verbringen. Langsam ging er in dem milden 
Nachmittagssonnenschein eine schmutzige Strafie in Richtung 
auf Herrn Charringtons Laden hinunter, mit einem wachsamen 
Auge fur mogliche Streifen, aber, ohne es begrunden zu konnen, 
in der festen Uberzeugung, dafi an diesem Nachmittag fur ihn 
keine Gefahr bestand, von jemand angehalten zu werden. Die 
schwere Mappe, die er trug, stiefi bei jedem Schritt gegen sein 
Knie und jagte ihm einen kribbelnden Schauer die Haut seines 
Beins hinauf und hinunter. In ihr war „das Buch", das jetzt seit 
sechs Tagen in seinem Besitz war und das er noch nicht 
aufgemacht, ja noch nicht einmal angesehen hatte. 
Am sechsten Tag der Hass-Woche, nach den Umzugen, den 
Ansprachen, dem Beifallsgeschrei, dem Liederabsingen, den 
Standarten, den Maueranschlagen, den Filmvorfuhrungen, den 
plastischen Darstellungen, dem Trommelschlagen und 
Trompetengeschmetter, dem Gleichschritt marschierender Fufie, 
dem Knirschen der Raupenketten von Panzern, dem 
Motorengedrohn von Flugzeugstaffeln, den Salutschussen der 
Geschutze - nach sechs solchen Tagen, als die Erregung der 



204 



Gemtiter ihren Hohepunkt erreicht hatte und der allgemeine 
Hass auf Eurasien zu solcher Siedehitze geschtirt worden war, 
dafi die Menge, wenn sie Hand an die zweitausend eurasischen 
Kriegsverbrecher hatte legen konnen, die am letzten Tag der 
Veranstaltung offentlich gehangt werden sollten, sie 
unweigerlich in Stticke gerissen hatte - genau in diesem 
Augenblick wurde bekannt gegeben, Ozeanien befinde sich 
keineswegs im Kriegszustand mit Eurasien. Ozeanien befinde 
sich im Kriegszustand mit Ostasien. Eurasien war ein 
Verbtindeter. 

Selbstverstandlich wurde nicht zugegeben, dafi eine 
Veranderung eingetreten war. Es wurde lediglich ganz plotzlich 
und uberall gleichzeitig bekannt gemacht, dafi Ostasien und nicht 
Eurasien der Feind sei. Winston nahm gerade an einer 
Kundgebung teil, die auf einem der im Mittelpunkt von London 
gelegenen Platze stattfand, als diese Bekanntgabe erfolgte. Es war 
Nacht, und die weifien Gesichter und roten Banner waren 
gespenstisch vom Scheinwerferlicht angestrahlt. 
Auf dem Platz drangten sich mehrere tausend Menschen, 
darunter ein Zug von etwa tausend Schulkindern in 
Spaheruniform. Auf einer mit scharlachrotem Stoff drapierten 
Rednerbuhne hielt ein Sprecher der Inneren Partei, ein kleiner, 
hagerer Mann mit unverhaltnismafiig langen Armen und einem 
grofien, kahlen Schadel, tiber den ein paar dtinne Haarstrahnen 
gelegt waren, eine feierliche Rede an die Menge. Eine kleine 
Rumpelstilzchengestalt, verkrummt von Hass, hielt er mit einer 
Hand das Mikrophon, wahrend die andere, riesig am Ende eines 
knochigen Armes, sich drohend in die Luft tiber seinem Kopf 
krallte. Seine durch den Lautverstarker metallisch gefarbte 
Stimme brtillte eine endlose Aufzahlung von Greueltaten, 
Massenabschlachtungen, Verschleppungen, Pltinderungen, 
Vergewaltigungen, Gefangenenfolterungen, Bombardierung von 
Zivilisten, Ltigenpropaganda, unprovozierten Angriffen, 
gebrochenen Vertragen heraus. 



205 



Es war fast nicht moglich, ihm zuzuhoren, ohne zuerst uberzeugt 
und dann emport zu werden. Alle paar Augenblicke kochte die 
Wut der Menge tiber, und die Stimme des Redners ging in einem 
wilden tierischen Gebrull unter, das hemmungslos aus tausend 
Kehlen hervorbrach. 

Die wustesten Wutschreie kamen von den Schulkindern. Die 
Ansprache war seit etwa zwanzig Minuten im Gange, als ein Bote 
auf die Rednertribune eilte und dem Sprecher ein Zettel in die 
Hand gedruckt wurde. Er entfaltete und las ihn, ohne seine Rede 
zu unterbrechen. Nichts in seiner Stimme oder in seinem 
Gehaben anderte sich, auch nichts im Inhalt seiner Rede, doch 
plotzlich lauteten die Namen anders. Ohne dafi Worte gefallen 
waren, durchlief die Menge eine Welle des Verstehens. 
Ozeanien befand sich im Krieg mit Ostasien! Im nachsten 
Augenblick begann eine ungeheure Geschaftigkeit. Die roten 
Fahnen und Plakate, mit denen der Platz dekoriert war, stimmten 
samtlich nicht mehr. Gut die Halfte davon stellte die falschen 
Gesichter dar. Es war Sabotage! Die Agenten Goldsteins waren 
am Werk gewesen! 

Ein larmendes Zwischenspiel setzte ein, bei dem Anschlage von 
den Mauern gerissen, Fahnen zerfetzt und zertrampelt wurden. 
Die Spaher vollfuhrten Wunder an Tatkraft darin, auf Dacher zu 
klettern und von den Kaminen flatternde Spruchbander 
abzuschneiden. Aber in ein paar Minuten war alles zu Ende. Der 
Sprecher, noch immer mit einer Hand das Mikrophon 
umklammernd, die Schultern vorgebeugt, die freie Hand in die 
Luft gekrallt, war unbeirrt in seiner Rede fortgefahren. Noch eine 
Minute, und die wilden Wutschreie brachen erneut aus der 
Volksmenge hervor. Die Hassdemonstration nahm genau wie 
vorher ihren Fortgang, nur dafi die Zielscheibe sich geandert 
hatte. 

Winston war nachtraglich besonders davon beeindruckt, dafi der 
Sprecher tatsachlich mitten im Satz nicht nur ohne zu stocken 
von einer Richtung in die andere umgeschaltet, sondern nicht 
einmal den Satzbau abgewandelt hatte. Aber augenblicklich 



206 



beschaftigten ihn andere Dinge. Im Augenblick der Verwirrung, 
als die Plakate abgerissen wurden, hatte ihn ein Mann, dessen 
Gesicht er nicht sehen konnte, auf die Schulter geklopft und 
gesagt: »Verzeihung, ich glaube, Sie haben Ihre Mappe fallen 
lassen.« 

Zerstreut und wortlos griff er nach der Mappe. Er wufite, dafi 
Tage vergehen wurden, ehe sich ihm die Moglichkeit bot, einen 
Blick hineinzuwerfen. Sofort nach Beendigung der 
Demonstration ging er zum Wahrheitsministerium, obwohl es 
mittlerweile fast dreiundzwanzig Uhr war. Die gesamte 
Belegschaft des Ministeriums hatte dasselbe getan. Die bereits 
aus den Televisoren tonenden Befehle, die sie auf ihre Posten 
zuruckriefen, waren kaum notig gewesen. 

Ozeanien lag im Krieg mit Ostasien: Ozeanien war immer mit 
Ostasien im Krieg gelegen. Ein Grofiteil der politischen Literatur 
der letzten ftinf Jahre war jetzt vollkommen unbrauchbar 
geworden. Berichte und Aufzeichnungen aller Art, Zeitungen, 
Bucher, Flugschriften, Filme, Sprechplatten, Fotografien - alles 
mufite mit Blitzesschnelle richtiggestellt werden. Wenn auch 
keinerlei Direktiven erlassen wurden, so wufite man doch, dafi 
die Abteilungsleiter wunschten, binnen einer Woche sollte 
nirgendwo mehr eine Anspielung auf den Krieg mit Eurasien 
oder das Bilndnis mit Ostasien ubriggeblieben sein. Es war eine 
Riesenarbeit, die noch dadurch erschwert wurde, dafi die 
erforderlichen Prozeduren nicht bei ihrem wahren Namen 
genannt werden durften Jedermann in der Registraturabteilung 
arbeitete achtzehn von den vierundzwanzig Stunden des Tages, 
mit zwei hastigen dreistundigen Schlafpausen. Strohsacke 
wurden aus den Kellern heraufgebracht und uberall auf den 
Gangen ausgebreitet. 

Die Mahlzeiten bestanden aus Victory-Kaffee und belegten 
Broten, die von dem Personal der Kantine auf Wagelchen 
herumgefahren wurden. Jedesmal, wenn Winston fur eine seiner 
Schlafpausen die Arbeit unterbrach, versuchte er seinen 
Schreibtisch von alien Arbeiten aufgeraumt zu hinterlassen, um 



207 



jedesmal, wenn er mit verquollenen Augen und geradert am 
ganzen Leib zuruckgeschlichen kam, einen neuen Schauer von 
Papierrollchen vorzufinden, der die Schreibtischplatte wie eine 
Schneewehe bedeckt hatte, den Sprechschreiber zur Halfte 
begrub und auf den Fufiboden uberflofi, so dafi seine erste 
Tatigkeit immer darin bestand, sie zu einem sauberen Haufen zu 
ordnen, um Platz zum Arbeiten zu haben. 

Am schlimmsten von allem war, dafi es sich durchaus nicht nur 
um mechanische Arbeiten handelte. Oft genii gte es, lediglich 
einen Namen durch einen anderen zu ersetzen, aber jeder in 
Einzelheiten gehende Tatsachenbericht erforderte Sorgfalt und 
Phantasie. Sogar die geographischen Kenntnisse, tiber die man 
verfugen mufite, um den Krieg von einem Weltteil in den 
anderen zu verlegen, waren betrachtlich. 

Am dritten Tag schmerzten ihn die Augen unertraglich, und 
seine Brillenglaser mufiten alle paar Minuten geputzt werden. Es 
war wie ein Kampf mit einer zermurbenden korperlichen 
Aufgabe, etwas, das man zwar zu tun sich weigern konnte und 
das man sich doch mit einer nervenuberreizten Beflissenheit zu 
bewaltigen bemuhte. Soweit er uberhaupt Zeit hatte, sich daran 
zu erinnern, storte es ihn nicht, dafi jedes von ihm in den 
Sprechschreiber gemurmelte Wort, jeder Strich seines 
Tintenbleistifts eine bewufite Luge war. Er war ebenso wie jeder 
andere in der Abteilung darauf bedacht, die Falschung 
vollkommen zu machen. Am Morgen des sechsten Tages nahm 
der Papierrollchenregen ab. Eine ganze halbe Stunde lang kam 
nichts aus der Rohrpostleitung heraus; dann noch einmal eine 
Rolle, dann nichts. 

Uberall um etwa die gleiche Zeit nahm die Arbeit ab. Ein tiefer 
und - so wie die Dinge lagen - geheimer Seufzer durchlief die 
Abteilung. Eine Riesenleistung, die nie erwahnt werden durfte, 
war vollbracht. Jetzt war es fur niemand mehr moglich, durch 
dokumentarische Beweise zu belegen, dafi der Krieg mit Eurasien 
jemals stattgefunden hatte. Schlag zwolf Uhr wurde unerwartet 
bekannt gegeben, alle im Ministerium Beschaftigten hatten bis 



208 



morgen friih frei. Winston, noch immer die Mappe mit dem Buch 
bei sich tragend, die er wahrend der Arbeit zwischen seine Fufie 
gestellt und beim Schlafen unter seinen Korper geschoben hatte, 
ging nach Hause, rasierte sich und schlief fast in seinem Bad ein, 
obwohl das Wasser kaum mehr als lauwarm war. 
Mit einer Art wollustigen Knackens seiner Gelenke stieg er die 
Treppe tiber Herrn Charringtons Laden hinauf. Er war rnude, 
aber nicht mehr schlafrig. Er offnete das Fenster, zundete den 
verdreckten kleinen Petroleumkocher an und stellte einen Topf 
Wasser fur den Kaffee auf. Julia wurde gleich kommen; 
derweilen konnte er sich dem Buch widmen. Er setzte sich in den 
zerschlissenen Lehnstuhl und schnallte die Riemen der Mappe 
auf. 

Ein schwerer schwarzer Band, unfachmannisch gebunden, ohne 
Namen oder Titel auf dem Einband. Auch der Druck sah ein 
wenig unregelmafiig aus. Die Seiten waren an den Ecken 
abgegriffen und fielen leicht auseinander, so als sei das Buch 
durch viele Hande gegangen. Die Uberschrift der ersten Seite 
lautete: 

THEORIE UND PRAXIS DES OLIGARCHISCHEN 
KOLLEKTIVISMUS 

Von Immanuel Goldstein 

1. Kapitel Unwissenheit ist Starke 

„Seit Beginn der geschichtlichen Uberlieferung, und vermutlich 
seit dem Ende des Steinzeitalters, gab es auf der Welt drei soziale 
Klassen: die Ober-, die Mittel- und die Unterschicht - gemafi der 
allgemeinen Geschichtsbetrachtung des Kollektivismus. Sie 
waren mehrfach unterteilt, fuhrten zahllose verschiedene 
Namensbezeichnungen, und sowohl ihr Zahlenverhaltnis wie 
ihre Einstellung zueinander wandelten sich von einem 
Jahrhundert zum anderen: Die Grundstruktur der menschlichen 
Gesellschaft jedoch hat sich nie gewandelt. Sogar nach 



209 



gewaltigen Umwalzungen und scheinbar unwiderruflichen 
Veranderungen hat sich immer wieder die gleiche Ordnung 
durchgesetzt, ganz so wie ein Kreisel immer wieder das 
Gleichgewicht herzustellen bestrebt ist, wie sehr man ihn auch 
nach der einen oder anderen Seite neigt. Die Ziele dieser drei 
Gruppen sind miteinander vollkommen unvereinbar..." 

Winston hielt mit dem Lesen inne, hauptsachlich um sich 
geniefierisch die Tatsache vor Augen zu halten, dafi er in 
Geborgenheit und Sicherheit las. Er war allein: kein Televisor, 
kein Ohr am Schlusselloch, kein nervoser Zwang, tiber die 
Schulter hinter sich zu blicken oder die Buchseite mit der Hand 
zu bedecken. Die milde Sommerluft streichelte seine Wange. Von 
irgendwo weit her drangen gedampfte Kinderlaute; im Zimmer 
selbst kein Gerausch aufier dem insektenhaften Ticken der Uhr. 
Er setzte sich tiefer in seinen Lehnstuhl zuruck und legte die 
Fufie auf das Kamingitter. Es war Seligkeit, war Zeitlosigkeit. 
Plotzlich, wie man es manchmal mit einem Buch macht, von dem 
man weifi, dafi man am Schlufi jedes Wort lesen und noch einmal 
lesen wird, schlug er es an einer anderen Stelle auf und stiefi auf 
das dritte Kapitel. Er fuhr zu lesen fort: 

3. Kapitel Krieg bedeutet Frieden 

Die Aufteilung der Welt in drei grofie Superstaaten war ein 
Ereignis, das bereits vor der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts 
vorauszusehen war und auch tatsachlich vorausgesehen wurde. 
Die treibenden, geheimen Krafte hinter den Kulissen der 
Weltpolitik hatten zwar ursprunglich einen die gesamte Erde 
umfassenden Superstaat unter ihrer Kontrolle einrichten wollen, 
doch diese Entwicklung wurde durch die Dreiteilung zunachst 
zurilckgeworfen, da sich innerhalb dieser Krafte Spannungen 
und Meinungsverschiedenheiten bezuglich der Vorgehensweise 
zur Erreichung dieses Endziels ergeben hatten. 



210 



Mit der Einverleibung Europas durch die bolschewistische 
Sowjetunion und des Britischen Empires durch die Vereinigten 
Staaten waren bereits zwei von den drei heute bestehenden 
Machten in Erscheinung getreten. Die dritte Macht, Ostasien, 
zeichnete sich erst nach einem weiteren Jahrzehnt verworrener 
Kampfe und Unabhangigkeitsbestrebungen als deutliche Einheit 
ab. Die Grenzen zwischen den drei Superstaaten sind an 
manchen Stellen willkurlich, an anderen schwanken sie je nach 
Kriegsgluck, aber im Allgemeinen folgen sie geographischen 
Gegebenheiten. 

Eurasien umfafit den gesamten nordlichen Teil der europaischen 
und asiatischen Landmasse von Portugal bis zur Bering-Strafie. 
Ozeanien umfafit Slid- und Nordamerika, die Inseln im 
Atlantischen Ozean einschliefilich der Britischen Inseln, 
Australien und den sudlichen Teil von Afrika. 
Ostasien, kleiner als die beiden anderen und mit einer weniger 
festumrissenen Westgrenze, umfafit China und die sudlich davon 
gelegenen Lander, die Japanischen Inseln und einen grofien, aber 
fluktuierenden Teil der Mandschurei, der Mongolei und Tibets. 
In der einen oder anderen Gruppierung liegen diese drei 
Superstaaten standig miteinander im Krieg, wie sie sich auch 
wahrend der letzten funfundzwanzig Jahre dauernd bekampften. 
Krieg ist jedoch nicht mehr der verzweifelte Vernichtungskampf 
wie in den Anfangsjahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts. Er 
ist ein Waffengang mit beschrankten Zielen zwischen 
Kampfenden, die nicht die Macht besitzen, einander zu 
vernichten, keinen materiellen Kriegsgrund haben und durch 
keinen echten ideologischen Unterschied getrennt sind. Das will 
nicht besagen, dafi die Kriegfuhrung oder die vorherrschende 
Einstellung dazu weniger blutrunstig oder ritterlich geworden 
ware. 

Im Gegenteil, die Kriegshysterie wutet standig und allgemein in 
alien Landern, und Untaten wie Notzucht, Pliinderung, 
Kindermord, Verschleppung ganzer Bevolkerungsteile in die 
Sklaverei, dazu Repressalien gegen Gefangene, die sogar soweit 



211 



gehen, sie bei lebendigem Leib zu sieden und zu verbrennen, 
werden als normal und, wenn sie von der eigenen Seite und nicht 
vom Feind begangen werden, als verdienstlich angesehen. Aber 
mit ihrem Leben ist nur eine sehr geringe Anzahl von Menschen, 
grofitenteils hochgeschulte Spezialisten, unmittelbar in die 
Kriegshandlungen verwickelt, und die durch sie verursachten 
Verluste an Gefallenen sind verhaltnismafiig gering. 
Der Kampf, wenn uberhaupt einer stattfindet, spielt sich an den 
undeutlich umrissenen Grenzen ab, deren Lage der einfache 
Mann nur mutmafien kann, oder im Bereich der Schwimmenden 
Festungen, die strategische Punkte der Seewege einnehmen. In 
den Zivilisationszentren bedeutet der Krieg nur eine dauernde 
Kurzung der Gebrauchsguter und den gelegentlichen Einschlag 
einer Raketenbombe, der vielleicht ein paar Dutzend Menschen 
zum Opfer fallen. 

Der Krieg hat in der Tat sein Wesen vollig gewandelt. Genauer 
gesagt haben sich die Grunde, um derentwillen Krieg gefuhrt 
wird, in der Rangordnung ihrer Wichtigkeit geandert. 
Beweggrunde, die bereits in bescheidenen Ausmafien bei den 
grofien Kriegen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts 
mitsprachen, sind jetzt an die erste Stelle geruckt und werden 
bewufit anerkannt und in Rechnung gestellt. 
Um das Wesen des gegenwartigen Krieges zu verstehen - denn 
trotz der alle paar Jahre erfolgenden Umgruppierung handelt es 
sich immer um denselben Krieg -, mufi man sich vor allem 
vergegenwartigen, dafi er unmoglich entschieden werden kann. 
Keiner der drei Superstaaten konnte, sogar unter 
Zusammenschlufi der beiden anderen, endgultig unterworfen 
werden. Sie sind zu gleichmafiig stark und ihre naturlichen 
Verteidigungsmittel zu gewaltig. Eurasien ist durch seine 
riesigen Landflachen geschutzt, Ozeanien durch die Ausdehnung 
des Atlantischen und des Pazifischen Ozeans, Ostasien durch die 
Gebarfreudigkeit und den Fleifi seiner Bewohner. 
Zweitens gibt es in materieller Hinsicht nichts mehr, um das man 
kampfen konnte. Mit Einfuhrung der Autarkie, bei der 



212 



Produktion und Verbrauch aufeinander abgestellt sind, ist die 
Jagd nach Absatzmarkten, die eine Hauptursache fruherer Kriege 
war, beendet, wahrend der Wettstreit um Rohstoffe keine 
Existenzfrage mehr ist. 

Jedenfalls ist jeder der drei Superstaaten so grofi, dafi er fast alle 
von ihm benotigten Materialien innerhalb seiner eigenen 
Grenzen finden kann. Soweit der Krieg einen unmittelbaren 
wirtschaftlichen Zweck hat, ist es ein Krieg um Arbeitskrafte. 
Zwischen den Grenzen der Superstaaten und nicht in dauerndem 
Besitz eines derselben liegt ein annahernd viereckiges Gebiet, 
dessen Ecken von Tanger, Brazzaville, Darwin und Hongkong 
gebildet werden und das etwa ein Funftel der 
Gesamtbevolkerung der Erde enthalt. 

Um den Besitz dieser dichtbevolkerten Landstriche und den der 
nordlichen Eiszone geht der dauernde Kampf der drei Machte. In 
der Praxis beherrscht keine der Machte jemals das gesamte 
strittige Gebiet. Teile davon wechseln dauernd den Besitzer, und 
die durch einen plotzlichen verraterischen Einfall gegluckte 
Inbesitznahme dieses oder jenes Gebietsteiles bestimmt den 
endlosen Wandel der Machtegruppierung. 

Samtliche strittigen Gebiete enthalten wertvolle Mineralschatze, 
und manche von ihnen erzeugen wichtige pflanzliche Produkte 
wie Gummi, der in klimatisch kalteren Landstrichen durch 
verhaltnismafiig kostspielige Methoden synthetisch erzeugt 
werden mufi. Aber vor allem enthalten sie ein unerschopfliches 
Reservoir billiger Arbeitskrafte. 

Welche Macht Aquatorial-Afrika oder die Lander des mittleren 
Ostens oder Sudindien oder den Indonesischen Archipel 
beherrscht, hat damit Hunderte von Millionen schlecht bezahlter 
und schwer arbeitender Kulis zu ihrer Verfugung. Die mehr oder 
weniger offen auf die Stellung von Sklaven herabgedruckten 
Bewohner dieser Gebiete gehen dauernd von dem Besitz des 
einen Eroberers in den des anderen uber und werden ahnlich wie 
Kohlenbergwerke oder Olquellen ausgebeutet, in dem Wettlauf, 
mehr Waffen zu produzieren, das vorhandene Gebiet zu 



213 



vergrofiern, tiber mehr Arbeitskrafte zu verftigen, und endlos so 
weiter. Man mufi dabei im Auge behalten, dafi der Kampf nie 
wirklich tiber die Randgebiete der umstrittenen Territorien 
hinausgeht. 

Die Grenzen Eurasiens verlaufen schwankend zwischen dem 
Stromgebiet des Kongo und der Nordktiste des Mittelmeers. Die 
Inseln des Indischen Ozeans werden standig von Ozeanien oder 
von Ostasien erobert und zurtickerobert. In der Mongolei ist die 
Trennungslinie zwischen Eurasien und Ostasien nie fest 
umrissen. Rund um den Pol erheben alle drei Machte Anspruch 
auf riesige Gebiete, die faktisch weitgehend unbewohnt und 
unerforscht sind. Aber das politische Gleichgewicht der Krafte 
bleibt stets so ziemlich das gleiche, und das Gebiet, welches das 
Kernland jedes Superstaates bildet, bleibt immer unangetastet. 
Uberdies ist die Arbeitskraft der um den Aquator angesiedelten 
ausgebeuteten Volker ftir die Weltwirtschaft nicht wirklich notig. 
Sie tragen nichts zum Weltgedeihen bei, denn ihre gesamte 
Produktion dient Kriegszwecken, und das Ziel, warum ein Krieg 
vom Zaun gebrochen wird, besteht unabanderlich darin, besser 
ftir den nachsten Krieg gertistet zu sein. 

Durch ihre Arbeitsleistung ermoglichen die 

Sklavenbevolkerungen eine Intensivierung der dauernden 
Kriegsftihrung. Aber waren sie nicht vorhanden, so ware die 
Struktur der Weltgesellschaftsordnung und das Verfahren, durch 
das sie sich erhalt, nicht wesentlich anders. 

Das Hauptziel der modernen Kriegftihrung (in Ubereinstimmung 
mit den Prinzipien des Doppeldenks wird dieses Ziel von den 
leitenden Kopfen der Inneren Partei gleichzeitig anerkannt und 
nicht anerkannt) besteht in dem Verbrauch der maschinellen 
Erzeugnisse, ohne den allgemeinen Lebensstandard zu heben. 
Seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts war in der industriellen 
Gesellschaftsordnung das Problem immer latent, was man mit 
der Uberproduktion von Verbrauchsgtitern anfangen sollte. 
Gegenwartig, da wenige Menschen auch nur genug zu essen 
haben, ist dieses Problem offensichtlich nicht dringlich und ware 



214 



es vielleicht auch ohne das Einschalten von kiinstlichen 
Vernichtungsprozessen nicht geworden. 

Die Welt von heute ist ein armseliger, hungerleidender, 
jammerlicher Aufenthaltsort, verglichen mit der Welt von vor 
1914, und das gilt noch in verstarktem Mafie, wenn man sie mit 
der imaginaren Zukunft vergleicht, die die Menschen jener Zeit 
erwarteten. Anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts gehorte die 
Vision einer zukunftigen unglaublich reichen, tiber Mufie 
verfugenden, geordneten und tuchtigen Gesellschaftsordnung - 
einer schimmernden antiseptischen Welt aus Glas, Stahl und 
schneeweifiem Beton - zum Vorstellungsbild nahezu jedes 
gebildeten Menschen. Wissenschaft und Technik entwickelten 
sich mit wunderbarer Geschwindigkeit, und die Annahme schien 
naturlich, dafi sie sich immer weiterentwickeln wurden. 
Das war jedoch nicht der Fall, teils infolge der durch eine lange 
Reihe von Kriegen und Revolutionen verursachten Verarmung, 
teils weil wissenschaftlicher und technischer Fortschritt von 
einem durch Erfahrung gestutzten Denken abhingen. Die heute 
in Ozeanien herrschenden Krafte haben allerdings an einer 
Kultur des Wissens keinerlei Interesse. Im Gegenteil: Sie haben 
die ehemals hoch entwickelten Nationen Europas durch 
jahrzehntelange, innere Zersetzung zerstort und anschliefiend 
durch ihre Revolution verwustet und zertrummert. Mit dem 
Niedergang und dem Zerfall der technisierten Nationen und 
Volker Europas und dem Untergang der fruher europaisch 
gepragten Vereinigten Staaten kam auch der Zerfall der ubrigen 
Welt, die in den Strudel des damit entstandenen Machtvakuums 
hineingesogen worden ist. 

Im Ganzen genommen ist die Welt von heute demnach 
primitiver, als sie es vor funfzig Jahren war. Lediglich Verfahren, 
die mit Kriegfuhrung oder Polizeibespitzelung 

zusammenhangen, entwickelten sich im beschrankten Mafie 
weiter, aber Experiment und Erfindung haben so gut wie 
aufgehort, und die Verheerungen der Revolution und des darauf 
folgenden Atomkrieges wurden nie wieder ganz wettgemacht. 



215 



Nichtsdestoweniger sind die der Maschine, also der 
Industrieproduktion, innewohnenden Gefahren noch immer 
vorhanden. Von dem Augenblick an, als die Maschine zum 
erstenmal in Erscheinung trat, war es fur alle denkenden 
Menschen klar, dafi die Notwendigkeit der Muhsal erledigt war. 
Wenn die Maschine wohluberlegt mit diesem Ziel vor Augen in 
Dienst gestellt wurde, dann konnten Hunger, Uberstunden, 
Schmutz. Elend, Unbildung und Krankheit in ein paar 
Generationen uberwunden werden. Und tatsachlich hob die 
Maschine, ohne fur einen solchen Zweck eingesetzt zu werden, 
sondern durch eine Art automatischen Prozefi, indem sie namlich 
einen Uberfluss produzierte, den zu verteilen sich manchmal 
nicht umgehen liefi, wahrend eines Zeitraums von ungefahr 
funfzig Jahren am Ende des neunzehnten und am Anfang des 
zwanzigsten Jahrhunderts den Lebensstandard des 
Durchschnittsmenschen sehr betrachtlich. 

Aber es war auch klar, dafi ein allgemein wachsender Wohlstand 
das Bestehen einer geordneten Gesellschaft bedrohte, ja 
tatsachlich in gewisser Weise ihre Auflosung bedeutete. In einer 
Welt, in der jedermann nur wenige Stunden arbeiten mufite, in 
der jeder genug zu essen hatte, in einem Haus mit Badezimmer 
und Kuhlschrank wohnte, ein Auto oder sogar ein Flugzeug 
besafi, in einer solchen Welt ware die augenfalligste und 
vielleicht wichtigste Form der Ungleichheit bereits 
verschwunden. Wurde dieser Wohlstand erst einmal 
Allgemeingut, so bedeutete er keine Vorzugsstellung mehr. 
Es war zweifellos moglich, sich eine Gesellschaftsordnung 
vorzustellen, in der Wohlstand im Sinne von personlichem Besitz 
und Luxusartikeln gleichmafiig verteilt war, wahrend die Macht 
in den Handen einer kleinen privilegierten Schicht lag. Aber in 
der Praxis wurde eine solche Gesellschaftsordnung niemals lange 
Bestand haben und die leitenden Krafte der Weltpolitik wollen 
dies auch in keiner Weise, denn ihre Macht liegt in der 
Beherrschung des Geldes und der Rohstoffe begrundet. 



216 



Zu einer ackerbautreibenden Vergangenheit zuruckzukehren, 
wie es einige Denker zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts 
ertraumten, war keine ausfuhrbare Losung. 

Sie stand im Widerspruch mit der fast auf der ganzen Welt 
gleichsam instinktiv gewordenen Mechanisierungstendenz, und 
aufierdem war jedes industriell zuriickgebliebene Land in 
militarischer Hinsicht hilflos und dazu verurteilt, direkt oder 
indirekt von seinen fortschrittlichen Rivalen beherrscht zu 
werden. 

Auch war es keine befriedigende Losung, die Massen dadurch in 
Armut zu erhalten, dafi man die Herstellung von 
Gebrauchsgutern abdrosselte, wie es in den Jahren vor der 
Revolution kurzzeitig versuchte. In vielen Landern liefi man 
damals die Wirtschaft zum Stillstand kommen, die Felder blieben 
unbebaut, veraltete Maschinen wurden nicht erganzt, grofie Teile 
der Bevolkerung wurden der Arbeit entfremdet und durch 
staatliche Unterstutzung gerade noch am Leben gehalten. Aber 
auch das brachte militarische Schwache mit sich, und da die 
damit verbundenen Opfer offensichtlich unnotig waren, erhob 
sich unvermeidlich eine Opposition. 

Das Problem bestand darin, die Rader der Industrie sich weiter 
drehen zu lassen, ohne den wirklichen Wohlstand der Welt zu 
erhohen. Verbrauchsguter mufiten zwar produziert, durften aber 
nicht unter die Leute gebracht werden. Und in der Praxis war der 
einzige Weg, dieses Ziel zu erreichen, eine immerwahrende 
Kriegfuhrung. Zudem hatte sich diese Ausgangslage nach dem 
Entstehen eines rivalisierenden Ost- und Westblocks und dem 
Aufkommen Ostasiens ohnehin ergeben. 

Die Hauptwirkung des Krieges ist demnach heute die 
Zerstorung, nicht notwendigerweise von Menschenleben, 
sondern von Erzeugnissen menschlicher Arbeit. Der Krieg ist ein 
Mittel, um Materialien, die sonst dazu benutzt werden konnten, 
die Massen zu bequem und damit auf lange Sicht zu intelligent 
zu machen, in Stucke zu sprengen, in die Stratosphare zu 
verpulvern oder in die Tiefe des Meeres zu versenken. Sogar 



217 



wenn nicht wirklich Kriegswaffen zerstort werden, so ist ihre 
Fabrikation doch ein bequemer Weg, Arbeitskraft zu 
verbrauchen, ohne etwas zu erzeugen, was konsumiert werden 
kann. In einer Schwimmenden Festung zum Beispiel steckte eine 
Arbeitsleistung, mit der man mehrere hundert Frachtschiffe 
bauen konnte. Am Schlufi wird sie als uberholt abgewrackt, ohne 
jemals jemandem wirklichen Nutzen gebracht zu haben, und mit 
einem weiteren riesigen Arbeitsaufwand wird eine neue 
Schwimmende Festung gebaut. Im Prinzip dienen die 
Kriegsanstrengungen dazu, jeden Uberschufi, der vielleicht nach 
Befriedigung der unerlafilichen Bedurfnisse der Bevolkerung 
verbleiben konnte, aufzuzehren. 

In der Praxis werden die Bedurfnisse der Bevolkerung immer 
unterschatzt, mit dem Ergebnis, dafi eine chronische 
Verknappung der Halfte aller lebenswichtigen Guter herrscht; 
aber das wird als Vorteil angesehen. Es ist gewollte Politik, sogar 
die privilegierten Gruppen am Rande der Not zu halten, denn ein 
allgemeiner Verknappungszustand hebt die Bedeutung von 
kleinen Privilegien hervor und vergrofiert so den Unterschied 
zwischen einer Gruppe und einer anderen. An dem 
Lebensstandard zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts 
gemessen, fuhrt selbst ein Mitglied der Inneren Partei ein hartes, 
arbeitsreiches Leben. 

Dennoch sieht seine Welt durch die paar Vorzuge, deren er sich 
erfreut - seine grofie, gut eingerichtete Wohnung, den besseren 
Stoff seiner Anzuge, die bessere Qualitat seines Essens, Trinkens 
und Tabaks, seine zwei oder drei Dienstboten, sein Privatauto 
oder Helikopter -, anders aus als die eines Mitglieds der Aufieren 
Partei, und die Mitglieder der Aufieren Partei geniefien einen 
ahnlichen Vorteil im Vergleich mit den von uns als »Proles« 
bezeichneten, entwurzelten Massen. 

Die soziale Atmosphare gleicht der einer belagerten Stadt, in der 
der Besitz eines Stuckes Pferdefleisch den Unterschied zwischen 
Reichtum und Armut bedeutet. Gleichzeitig lafit das 
Bewusstsein, im Kriegszustand und deshalb in Gefahr zu sein, es 



218 



als die naturliche, unvermeidliche Bedingung fur ein Weiterleben 
erscheinen, die gesamte Macht in die Hande einer kleinen 
Gruppe von Machtigen zu legen. 

Der Krieg erfullt nicht nur, wie man sehen wird, das notwendige 
Zerstorungswerk, sondern erfullt es auch in einer psychologisch 
annehmbaren Weise. 

Im Prinzip ware es ganz einfach, die uberschussige Arbeit der 
Welt dadurch verpuffen zu lassen, dafi man Tempel und 
Pyramiden baut, Locher grabt und sie wieder zuschuttet, oder 
sogar grofie Mengen von Gutern erzeugt und sie dann verbrennt. 
Aber damit ware nur die wirtschaftliche, nicht aber die 
gefuhlsmafiige Basis fur die heutige Gesellschaftsordnung 
geschaffen. Es geht hier nicht um die Moral der Massen, deren 
Einstellung unwichtig ist, solange sie fest bei der Arbeit gehalten 
werden, sondern um die Moral der Partei selbst. 
Sogar von dem einfachsten Parteimitglied wird erwartet, dafi es 
in engen Grenzen fahig, fleifiig, ja sogar klug ist, jedoch ist es 
ebenfalls unerlasslich, dafi der Betreffende ein glaubiger und 
unwissender Fanatiker ist, dessen hauptsachliche 
Gefuhlsregungen Angst, Hass, Speichelleckerei und wilder 
Triumph sind. 

Mit anderen Worten, es ist notwendig, dafi er eine dem 
Kriegszustand entsprechende Mentalitat besitzt. Es spielt keine 
Rolle, ob wirklich Krieg gefuhrt wird, und da kein 
entscheidender Sieg moglich ist, kommt es nicht darauf an, ob 
der Krieg gut oder schlecht verlauft. Es ist weiter nichts notig, als 
dafi Kriegszustand herrscht. 

Die verstandesmafiige Zweiteilung, die die Partei von ihren 
Mitgliedern verlangt und die leichter in einer Kriegsatmosphare 
zustande kommt, ist heute fast allgemein, aber je hoher in den 
Rangen man hinaufkommt, desto deutlicher wird sie. Gerade in 
der Inneren Partei sind Kriegshysterie und Feindhass am 
starksten vertreten. In seiner Eigenschaft als Verwalter der 
Machtigen mufi ein Mitglied der Inneren Partei oft wissen, dafi 
dieser oder jener Punkt der Kriegsmeldungen unwahr ist, und er 



219 



mag sich haufig bewusst sein, dafi der ganze Krieg 
Spiegelfechterei ist und entweder nicht stattfindet oder aus ganz 
anderen als den angeblichen Grunden ausgefochten wird: Aber 
dieses Wissen wird leicht durch die Anwendung des 
Doppeldenks neutralisiert. 

Mittlerweile schwankt kein Inneres Parteimitglied einen 
Augenblick in seinem mystischen Glauben, dafi der Krieg echt ist 
und mit einem Sieg enden mufi, bei dem Ozeanien als der 
unbestrittene Beherrscher der ganzen Welt hervorgeht. 
Alle Mitglieder der Inneren Partei glauben an diese kommende 
Eroberung wie an einen Glaubensartikel. Sie wird entweder 
dadurch erreicht, dafi man langsam mehr und immer mehr 
Gebiete erobert und so eine erdruckende Machtuberlegenheit 
aufbaut, oder durch die Entdeckung einer neuen Waffe, gegen 
die es kein Abwehrmittel gibt. 

Die Suche nach neuen Waffen geht ununterbrochen weiter und 
ist eine der wenigen ubriggebliebenen Tatigkeiten, in denen der 
Erfinder- oder Forschergeist sich Luft machen kann. In Ozeanien 
hat heutigen Tages die Wissenschaft im althergebrachten Sinne 
fast aufgehort zu existieren, denn die zu einer hoheren Kultur, 
Technologie und Zivilisation fahigen Volker zerfallen in immer 
schnellerem Mafie. 

Im Neusprech gibt es kein Wort fur »Wissenschaft«! Die 
empirische Denkweise, auf der alle wissenschaftlichen 
Errungenschaften der Vergangenheit fufiten, widerspricht den 
fundamentalsten Prinzipien von Engsoz. Und sogar ein 
technologischer Fortschritt wird nur erzielt, wenn seine 
Erzeugnisse in irgendeiner Weise zur Beschrankung der 
menschlichen Freiheit benutzt werden konnen. 
In alien nutzbringenden Kunsten steht die Welt entweder still 
oder macht sogar einen Riickschritt. Die Acker werden mit 
Pferdepflug bestellt, wahrend Bucher maschinell geschrieben 
werden. Aber in lebenswichtigen Dingen - womit in Wirklichkeit 
Krieg und Polizeibespitzelung gemeint sind - wird die 



220 



empirische Einstellung auch heute noch ermutigt oder 
wenigstens geduldet. 

Die beiden Ziele der Partei und der sie leitenden 
Hintergrundmachte sind, die ganze Erdoberflache zu erobern 
und ein fur allemal die Moglichkeit unabhangigen Denkens 
auszutilgen. Infolgedessen gibt es zwei grofie Probleme, deren 
Losung die Partei anstrebt. Das eine ist, die Gedanken eines 
anderen Menschen zu entdecken, ohne dafi er sich dagegen 
wehren kann. Und das andere besteht in der Auffindung eines 
Verfahrens zur Totung von mehreren hundert Millionen 
Menschen in ein paar Sekunden ohne vorhergehende Warnung. 
Soweit es noch wissenschaftliche Forschung gibt, ist dies ihr 
Hauptgegenstand. 

Der heutige Wissenschaftler ist entweder eine Mischung von 
Psychologe und Inquisitor, der mit ungewohnlicher 
Sorgfaltigkeit die Bedeutung von Gesichtsausdrucken, Gebarden 
und Stimmschwankungen studiert und die zu wahrheitsgemafien 
Aussagen zwingenden Wirkungen von Drogen, Schock-Therapie, 
Hypnose und korperlicher Folterung erprobt. Oder er ist ein 
Chemiker, Physiker oder Biologe, der sich nur mit solchen Fragen 
seines Spezialfaches beschaftigt, die auf die Vernichtung des 
Lebens Bezug haben. 

In den ausgedehnten Laboratorien des Friedensministeriums und 
den grofien, in den brasilianischen Waldern oder der 
australischen Wuste oder auf den abgelegenen Inseln der 
Antarktis verborgenen Versuchsstationen sind Gruppen von 
Fachleuten unermudlich am Werk. Manche sind lediglich mit der 
Bewegungs-, Unterbringungs- und Verpflegungskunde 
zukunftiger Kriege beschaftigt. Andere dagegen erfinden grofiere 
und immer grofiere Raketengeschosse, Explosivstoffe von immer 
verheerenderer Wirkung und immer undurchdringlicherer 
Panzerung. Wieder andere suchen nach neuen und todlicheren 
Gasen oder auflosbaren Giften, die in solchen Mengen produziert 
werden konnen, um damit die Vegetation ganzer Kontinente zu 



221 



vernichten, oder nach Krankheitsbakterien, gegen die es kein 
immun machendes Gegenmittel gibt. 

Andere bemuhen sich, ein Fahrzeug zu konstruieren, das sich 
unter der Erde wie ein Unterseeboot unter Wasser fortbewegt, 
oder ein Flugzeug, das von seinem Stutzpunkt so unabhangig ist 
wie ein Segelschiff . Andere erforschen sogar noch ferner liegende 
Moglichkeiten, wie zum Beispiel die Sonnenstrahlen in Tausende 
von Kilometern im Raum entfernt aufgehangten Linsen zu 
sammeln, oder durch Anzapfen des gluhenden Erdinneren 
kunstliche Erdbeben und Flutwellen hervorzurufen. 
Aber keines dieser Projekte kommt jemals der Verwirklichung 
nahe, und keiner der drei Superstaaten erlangt jemals ein 
bedeutendes Ubergewicht tiber die anderen. Noch 
bemerkenswerter ist, dafi alle drei Machte in der Atombombe 
bereits eine weit gewaltigere Waffe besitzen, als einer ihrer 
derzeitigen Versuche jemals hervorzubringen verspricht. Wenn 
auch die Partei gemafi ihrer Gewohnheit die Erfindung fur sich in 
Anspruch nimmt, so traten die Atombomben bereits in den 
Jahren nach 1940 erstmalig in Erscheinung und wurden zum 
erstenmal in grofiem Umfang etwa zehn Jahre spater 
angewendet. Zu der Zeit wurden einige hundert Bomben auf 
Industriezentren, hauptsachlich im europaischen Rufiland, 
Westeuropa und Nordamerika abgeworfen. 

Die dadurch erzielte Wirkung war, dafi die fuhrenden Krafte 
hinter den drei Superstaaten zu der Uberzeugung gelangten, ein 
paar Atombomben mehr wurden das Ende jeder geordneten 
Gesellschaft und damit ihrer eigenen Macht bedeuten. Danach 
wurden, obwohl nie ein formelles Abkommen getroffen oder 
angedeutet wurde, keine Atombomben mehr abgeworfen. 
Alle drei Machte fahren lediglich fort, Atombomben herzustellen 
und sie fur die entscheidende Gelegenheit aufzuspeichern, von 
der sie alle glauben, dafi sie fruher oder spater kommen wird. 
Und inzwischen ist die Kriegskunst dreifiig oder vierzig Jahre so 
gut wie zum Stillstand gekommen. Helikopter werden mehr 
benutzt als fruher, Bombenflugzeuge wurden grofitenteils durch 



222 



selbstgesteuerte Geschosse ersetzt, und das leicht verwundbare 
bewegliche Schlachtschiff ist der nahezu unversenkbaren 
Schwimmenden Festung gewichen; aber sonst hat sich wenig 
weiterentwickelt. Der Tank, das Unterseeboot, das Torpedo, das 
Maschinengewehr, sogar das gewohnliche Gewehr und die 
Handgranate sind noch immer im Gebrauch. Und ungeachtet der 
endlosen in der Presse und durch den Televisor gemeldeten 
Gemetzel fanden die verzweifelten Schlachten fruherer Kriege, in 
denen oft sogar in ein paar Wochen Hunderttausende oder sogar 
Millionen von Menschen getotet wurden, nie eine Wiederholung. 
Keiner der drei Superstaaten unternimmt je eine Kriegshandlung, 
die das Gefahrenmoment einer ernsten Niederlage in sich 
schliefit. Wenn eine grofie Kriegshandlung unternommen wird, 
so handelt es sich gewohnlich um einen Uberraschungsangriff 
gegen einen Verbundeten. 

Die Strategic, die alle drei Machte verfolgen oder zu verfolgen 
glauben, ist die gleiche. Sie zielt darauf ab, sich durch ein 
Zusammenwirken von Kampfhandlungen, Verhandeln und 
zeitlich wohlberechnetem Verrat einen Ring von Stutzpunkten zu 
schaffen, der den einen oder anderen der rivalisierenden Staaten 
vollkommen einkreist, und dann mit diesem Rivalen einen 
Freundschaftspakt zu schliefien und so viele Jahre friedliche 
Beziehungen mit ihm zu unterhalten, dafi jeder Argwohn 
einschlaft. Wahrend dieser Zeit konnen mit Atombomben 
geladene Raketengeschosse an alien strategisch wichtigen 
Punkten gehortet werden; am Schlufi werden sie alle gleichzeitig 
mit so verheerender Wirkung abgeschossen, dafi eine 
Wiedervergeltung unmoglich gemacht ist. 

Dann ist es Zeit, mit der ubriggebliebenen Weltmacht in 
Vorbereitung eines neuen Angriffs einen Freundschaftspakt zu 
schliefien. Dieses Schema ist, wie kaum gesagt zu werden 
braucht, ein unmoglich zu verwirklichender Wunschtraum. 
Aufierdem kommt es nie zu Kampfhandlungen, aufier in den um 
den Aquator und den Pol gelegenen umstrittenen Gebieten: nie 
wird ein Einfall in feindliches Gebiet unternommen. Das erklart 



223 



die Tatsache, dafi an manchen Stellen die Grenzen zwischen den 
Superstaaten willkurlich gezogen sind. Eurasien zum Beispiel 
konnte leicht die Britischen Inseln, die geographisch einen 
Bestandteil Europas bilden, erobern. Oder andererseits ware es 
fur Ozeanien moglich, seine Grenzen bis zum Rhein oder sogar 
bis zur Weichsel vorzuschieben. 

Doch das wurde das System aus dem Gleichgewicht bringen, 
denn inzwischen haben sich die drei Superstaaten, deren 
fuhrende Gruppen in einem schwankenden Verhaltnis von 
heimlicher Zusammenarbeit und offener Rivalitat stehen, mit der 
Pattsituation abgefunden und zugleich erkannt, das sie 
notwendig ist, um ihre Macht im Inneren aufrecht zu erhalten. 
Und noch eine Tatsache kommt hinzu, namlich jene, dafi die 
Lebensbedingungen in alien drei Superstaaten fast genau die 
gleichen sind. In Ozeanien wird die herrschende 
Weltanschauung als Engsoz bezeichnet, in Eurasien heifit sie 
Neo-Bolschewismus, und in Ostasien wird sie durch ein 
chinesisches Wort ausgedruckt, das gewohnlich mit Sterbekult 
ubersetzt, vielleicht aber treffender mit Ausloschung des eigenen 
Ichs wiedergegeben wird. Vor allem die bolschewistischen 
Beherrscher Eurasiens und die fuhrenden Krafte Ozeaniens 
kommen aus der gleichen Wurzel, wenn sie heute auch Rivalen 
im Kampf um die Weltmacht sind. 

Der einfache Bewohner Ozeaniens darf hingegen nichts von den 
Grundsatzen der beiden anderen Lebensanschauungen wissen, 
wird aber gelehrt, sie als barbarische Verstofie gegen Moral und 
gesunden Menschenverstand zu verabscheuen. In Wirklichkeit 
sind die drei Lebensanschauungen kaum voneinander 
unterscheidbar, und die gesellschaftlichen Einrichtungen, zu 
deren Stutze sie dienen, unterscheiden sich uberhaupt in keiner 
Weise. Uberall findet sich der gleiche pyramidenformige Aufbau, 
die gleiche Verehrung eines halbgottlichen Scheinperson, die 
gleichen, durch und fur dauernde Kriegfuhrung 
vorgenommenen Sparmafinahmen. 



224 



Daraus folgt, dafi die drei Superstaaten nicht nur einander nicht 
uberwinden konnen, sondern auch keinen Vorteil davon hatten. 
Im Gegenteil, solange sie in gespanntem Verhaltnis zueinander 
stehen, stutzen sie sich gegenseitig wie drei aneinander gelehnte 
Getreidegarben. Und wie gewohnlich, sind sich die herrschenden 
Gruppen aller drei Machte dessen, was sie tun, gleichzeitig 
bewusst und nicht bewusst. 

Ihr Leben ist der Welteroberung gewidmet, sie wissen aber auch, 
dafi es notwendig ist, dafi der Krieg ewig und ohne Endsieg 
fortdauert. Inzwischen macht die Tatsache, dafi keine Gefahr 
einer Eroberung besteht, die Verleugnung der Wirklichkeit 
moglich, die eines der besonderen Merkmale von Engsoz und 
seinen rivalisierenden Denksystemen ist. Hier mufi das bereits 
fruher Gesagte wiederholt werden, wonach der Krieg dadurch, 
dafi er zu einem Dauerzustand wurde, seinen Charakter 
grundlegend geandert hat. 

In fruheren Zeiten war ein Krieg fast seiner Definition nach schon 
etwas, das fruher oder spater zu einem Ende kam, gewohnlich in 
Form eines klaren Sieges oder einer ebensolchen Niederlage. 
Auch war in der Vergangenheit der Krieg eines der Hauptmittel, 
um die Verbindung der menschlichen Gesellschaften mit der 
gegebenen Wirklichkeit aufrechtzuerhalten. Alle Machthaber in 
alien Zeitaltern haben stets versucht, ihren Anhangern ihre 
Weltbilder einzuimpfen, aber sie konnten es sich nicht leisten, 
eine Illusion zu ermutigen, die dazu angetan war, die militarische 
Starke zu beeintrachtigen. 

Solange eine Niederlage gleichbedeutend war mit Verlust der 
Unabhangigkeit oder ein anderes unerwunschtes Ergebnis im 
Gefolge hatte, mufite man ernstliche Vorkehrungen gegen eine 
Niederlage treffen. Greifbare Tatsachen konnten nicht aufier Acht 
gelassen werden. 

In Philosophic Religion, Ethik und Politik mochten wohl zwei 
plus zwei gleich ftinf sein, aber wenn es sich um die Konstruktion 
eines Gewehrs oder eines Flugzeugs handelte, dann mufite es 
gleich vier sein. Untuchtige Nationen wurden immer fruher oder 



225 



spater vernichtet, und der Kampf um die Leistungsfahigkeit 
erlaubte keine Illusionen. Aufierdem mufite man, um 
leistungsfahig zu sein, aus der Vergangenheit lernen konnen, was 
bedeutet, dafi man eine ziemlich genaue Vorstellung von dem 
haben mufite, was sich in der Vergangenheit zugetragen hatte. 
Zeitungen und Geschichtsbucher waren freilich immer gefarbt 
und einseitig, aber Falschungen von der heute ublichen Art 
waren unmoglich gewesen. Der Krieg war eine sichere 
Burgschaft fur Vernunft, und was die herrschenden Klassen 
betrifft, vielleicht das wichtigste aller Schutzmittel. Solange 
Kriege gewonnen oder verloren werden konnten, konnte keine 
Klasse ganz verantwortungslos sein. 

Aber wenn der Krieg buchstablich ein Dauerzustand wird, dann 
hort er auch auf, gefahrlich zu sein. Wenn Krieg ein 
Dauerzustand ist, dann gibt es so etwas wie eine militarische 
Notwendigkeit nicht mehr. Technischer Fortschritt kann 
aufhoren, und die offenkundigsten Tatsachen konnen geleugnet 
oder aufier Acht gelassen werden. 

Wie wir gesehen haben, werden fur Kriegszwecke zwar noch 
Forschungen angestellt, die man als wissenschaftlich bezeichnen 
konnte, aber in der Hauptsache handelt es sich dabei um 
Phantasiegespinste, und die Tatsache, dafi sie kein Resultat 
zeitigen, ist unwichtig. Leistungsfahigkeit, sogar militarische 
Leistungsfahigkeit, ist nicht mehr notwendig. Nichts in Ozeanien 
ist leistungsfahig aufier der Gedankenpolizei. Da jeder der drei 
Superstaaten uneinnehmbar ist, stellt jeder von ihnen im Effekt 
eine Welt fur sich dar, in der fast jede Gedankenverdrehung 
ungestraft begangen werden kann. 

Die Wirklichkeit macht sich nur durch den Druck der 
Alltagserfordernisse bemerkbar - die Notwendigkeit zu essen 
und zu trinken, zu wohnen und sich zu kleiden, es zu vermeiden, 
Gift zu schlucken oder aus einem Dachfenster hinauszusteigen, 
und dergleichen. Zwischen Leben und Tod und zwischen 
korperlichem Wohlbehagen und korperlichem Schmerz besteht 
wohl noch ein Unterschied, aber das ist auch alles. Abgeschnitten 



226 



von der Beruhrung mit der Aufienwelt und der Vergangenheit, 
gleicht der Burger Ozeaniens einem Menschen im 
interplanetarischen Raum, der keinen Anhaltspunkt hat, in 
welcher Richtung oben oder unten ist. 

Die Machthaber eines solchen Staates sind so absolut, wie es die 
Pharaonen oder Caesaren nicht sein konnten. Sie mussen 
verhindern, dafi ihre Anhanger in einer Zahl verhungern, die 
grofi genug ist, um unbequem zu werden, und dafur Sorge 
tragen, dafi sie auf dem gleichen Tiefstand militarischer Technik 
stehen bleiben wie ihre Rivalen. Sind aber erst einmal diese 
Minimalforderungen erfullt, dann konnen sie der Wirklichkeit 
jede von ihnen gewunschte Gestalt geben. 

Der Krieg ist demnach, wenn wir nach den Mafistaben fruherer 
Kriege urteilen, lediglich ein Schwindel. Es ist das gleiche wie die 
Kampfe zwischen gewissen Wiederkauern, deren Horner in 
einem solchen Winkel gewachsen sind, dafi sie einander nicht 
verletzen konnen. 

Wenn er aber auch nur ein Scheingefecht ist, so ist er doch nicht 
zwecklos. Durch ihn wird der Uberschuss von Gebrauchsgutern 
verbraucht, und er hilft die besondere geistige Atmosphare 
aufrechtzuerhalten, die die Machtigen benotigen, um 
unangetastet zu bleiben. 

Der Krieg ist jetzt, wie man sehen wird, eine rein innenpolitische 
Angelegenheit. In der Vergangenheit kampften Gruppen oder 
Nationen, wenn sie auch ihr gemeinsames Interesse erkennen 
und deshalb die Zerstorungswirkung des Krieges beschranken 
mochten, doch eine gegen die andere, und immer brandschatzte 
der Sieger den Besiegten. Heutzutage kampfen sie uberhaupt 
nicht gegeneinander. 

Der Krieg wird von jeder herrschenden Gruppe gegen ihre 
eigenen Anhanger gefuhrt, und das Kriegsziel ist nicht, 
Gebietseroberungen zu machen oder zu verhindern, sondern die 
von ihnen beherrschten Massen weiterhin unter Kontrolle zu 
haben. 



227 



Inf olgedessen ist schon das Wort »Krieg« irrefuhrend geworden. 
Es ware vermutlich richtig zu sagen, der Krieg habe dadurch, dafi 
er ein Dauerzustand wurde, aufgehort zu existieren. Der 
charakteristische Druck, den er zwischen dem spateren 
Steinzeitalter und dem anfanglichen zwanzigsten Jahrhundert 
auf die Menschen ausgeubt hat, ist verschwunden und wurde 
durch etwas ganz anderes ersetzt. Die Wirkung ware die gleiche, 
wenn die drei Superstaaten, anstatt einander zu bekampfen, 
ubereinkamen, in dauerndem Friedenszustand zu leben, wobei 
jeder Block sein Territorium erhalt und die dort herrschenden 
Gruppen weiterhin an der Macht bleiben. 

Denn in diesem Falle ware jeder Superstaat eine in sich 
abgeschlossene Welt, fur immer von dem hemmenden Einflufi 
einer von aufien drohenden Gefahr befreit, wahrend die 
herrschenden Krafte der Blocke zugleich die Volker der Erde 
zusammen beherrschen wiirden. Ein wirklich dauerhafter Friede 
ware das gleiche wie dauernder Krieg. Das ist - wenn auch die 
grofie Mehrheit der Parteimitglieder es nur in einem seichteren 
Sinne versteht - der tiefere Sinn des Parteischlagwortes: Krieg 
bedeutet Frieden. 

Winston unterbrach einen Augenblick seine Lektiire. Irgendwo in 
weiter Feme donnerte eine Raketenbombe. Das Glucksgefuhl, mit 
dem verbotenen Buch allein in einem Zimmer zu sein, in dem es 
keinen Televisor gab, hatte ihn noch nicht verlassen. Einsamkeit 
und Geborgenheit waren Wohltaten, die sich irgendwie mit der 
Mudigkeit seines Korpers, der Weichheit des Stuhles, dem 
durchs Fenster kommenden leisen Luftzug, der seine Wange 
streichelte, vermischten. Das Buch fesselte oder, genauer gesagt, 
beruhigte ihn. In gewissem Sinne sagte es ihm nichts Neues, aber 
das gehorte zu seinem besonderen Reiz. Es schilderte, was auch 
er gesagt hatte, wenn er seine wirren Gedanken hatte ordnen 
konnen. Es war das Produkt eines Geistes, der dem seinigen 
ahnelte, nur dafi er viel, viel starker, systematischer und weniger 
verangstigt war. Die besten Bucher, erkannte er, sind die, welche 



228 



einem vor Augen fuhren, was man bereits weifi. Er hatte gerade 

zum ersten Kapitel zuruckgeblattert, als er Julias Schritte auf der 

Treppe horte und von seinem Stuhl aufsprang, um sie zu 

empfangen. Sie stellte ihre braune Werkzeugtasche auf den 

Boden ab und warf sich in seine Arme. Es war mehr als eine 

Woche her, seitdem sie einander zuletzt gesehen hatten. 

»Ich habe das Buch«, sagte er, als sie sich voneinander 

freimachten. 

»So, hast du's? Schon«, sagte sie ohne viel Interesse und kniete 

fast sogleich neben dem Petroleumkocher nieder, um Kaffee zu 

machen. 

Sie kamen erst wieder auf das Thema zuruck, als sie bereits eine 

halbe Stunde im Bett lagen. Der Abend war gerade ktihl genug, 

dafi es sich lohnte, die Steppdecken hochzuziehen. Von drunten 

erschallte der vertraute Gesang und das Scharren von Schuhen 

auf den Steinplatten. Die muskulose Frau mit den roten Armen, 

die Winston bei seinem ersten Besuch dort gesehen hatte, war 

fast ein Inventarstuck des Hofes. 

Es schien keine Tagesstunde zu geben, zu der sie nicht zwischen 

Waschzuber und Wascheleine hin und her ging, wobei sie sich 

abwechselnd mit Wascheklammern den Mund vollstopfte und 

schmalzige Lieder anstimmte. 

Julia hatte sich auf die Seite gekuschelt und schien bereits im 

Begriff einzuschlafen. Er griff nach dem Buch, das auf dem 

Fufiboden lag, und setzte sich, gegen das Kopfteil des Bettes 

gelehnt, auf. 

»Wir mussen es lesen«, sagte er. »Du auch. Alle Mitglieder der 

Briiderschaft mussen es lesen.« 

»Lies du es«, sagte sie mit geschlossenen Augen. »Lies es laut 

vor. Das ist die beste Methode. Dann kannst du es mir gleich 

dabei erklaren.« 

Die Uhrzeiger deuteten auf sechs, was soviel hiefi wie achtzehn 

Uhr. Sie hatten noch drei oder vier Stunden vor sich. Er stutzte 

das Buch gegen seine Knie und begann zu lesen: 



229 



1. Kapitel Unwissenheit ist Starke 

Seit Beginn der geschichtlichen Uberlieferung, und vermutlich 
seit dem Ende des Steinzeitalters, gab es auf der Welt gemafi der 
kollektivistischen Ideologic drei soziale Gruppen: die Ober-, die 
Mittel- und die Unterschicht. Sie waren mehrfach unterteilt, 
fuhrten zahllose verschiedene Namensbezeichnungen, und 
sowohl ihr Zahlenverhaltnis wie ihre Einstellung zueinander 
wandelten sich von einem Jahrhundert zum anderen: Die 
Grundstruktur der menschlichen Gesellschaft jedoch hat sich nie 
gewandelt. Sogar nach gewaltigen Umwalzungen und scheinbar 
unwiderruflichen Veranderungen hat sich immer wieder die 
gleiche Ordnung durchgesetzt, ganz so wie ein Kreisel immer 
wieder das Gleichgewicht herzustellen bestrebt ist, wie sehr man 
ihn auch nach der einen oder anderen Seite neigt. . . 
»Julia, bist du noch wach?« fragte Winston. 
»Ja, Liebster, ich hore. Lies weiter. Es ist wundervoll.« 
Er fuhr zu lesen fort: Die Ziele dieser drei Gruppen sind 
miteinander vollkommen unvereinbar. Das Ziel der Oberen ist, 
sich da zu behaupten, wo sie sind. Das der Mittelklasse, mit den 
Oberen den Platz zu tauschen. Das der Unteren, wenn sie 
uberhaupt ein Ziel haben - denn es ist ein bleibendes 
Charakteristikum der Unteren, dafi sie durch die Miihsal zu 
zermurbt sind, um etwas anderes als hin und wieder ihr 
Alltagsleben ins Bewusstsein dringen zu lassen -, besteht darin, 
alle Unterschiede abzuschaffen und eine Gesellschaft ins Leben 
zu rufen, in der alle Menschen „gleich" sind. 

So wiederholt sich die ganze Geschichte hindurch ein in seinen 
Grundlinien gleicher Kampf wieder und immer wieder. Wahrend 
langen Zeitspannen scheinen die Oberen sicher an der Macht zu 
sein, aber fruher oder spater kommt immer ein Augenblick, in 
dem sie entweder ihren Selbstglauben oder ihre Fahigkeit, streng 
zu regieren, oder beides verlieren. Dann werden sie von den 
Angehorigen der Mittelklasse gesturzt, die die Unteren auf ihre 
Seite Ziehen, indem sie ihnen vormachen, fur Freiheit und 



230 



Gerechtigkeit zu kampfen. Sobald sie ihr Ziel erreicht haben, 
drangen die Angehorigen der Mittelklasse die Unteren wieder in 
ihre alte Knechtschaftsstellung zuruck, und sie selber werden die 
Oberen. Bald darauf spaltet sich von einer der anderen Gruppen 
oder von beiden eine neue Mittelgruppe ab, und der Kampf 
beginnt wieder von vorne. Von den drei Gruppen gelingt es nur 
den Unteren nie, auch nur zeitweise ihre Ziele zu erreichen. 
Es ware eine Ubertreibung, zu sagen, dafi im Verlauf der 
Geschichte kein materieller Fortschritt erzielt worden sei. Sogar 
heutzutage, in einer Periode des Niedergangs, ist der 
Durchschnittsmensch physisch besser daran, als er es vor ein 
paar Jahrhunderten war. Aber keine Steigerung des Wohlstandes, 
keine Milderung der Sitten, keine Reform oder Revolution hat die 
Gleichheit der Menschen jemals auch nur um einen Millimeter 
nahergebracht. Vom Gesichtspunkt der Unteren aus hat kein 
geschichtlicher Wandel jemals viel anderes bedeutet als eine 
Anderung der Namen ihrer Herren. 

So war es auch im Falle der kollektivistischen Revolution, in 
deren Verlauf der Superstaat Ozeanien erst entstanden ist. Waren 
die heute herrschenden Krafte schon zu Beginn des 20. 
Jahrhunderts in den ehemaligen Vereinigten Staaten, England 
und in den meisten Staaten Europas im Besitz der Geldmacht 
und der Presse, so waren auch sie es, die letztendlich die 
kollektivistische Revolution durchfuhrten und finanzierten. 
Sie brachten sich damit vollstandig in den Besitz aller materiellen 
Guter und Rohstoffe der wichtigsten Nationen der Erde und 
begannen nun diese diktatorisch zu beherrschen. Die Auflosung 
aller Traditionen, Kulturen und Volker ist eine bereits seit langem 
geplante Folge der kollektivistischen Revolution. 
In der Vergangenheit war die Notwendigkeit einer 
hierarchischen Gesellschaftsform bereits die von den Oberen 
vertretene Doktrin gewesen. Sie war von Konigen, Adeligen und 
Priestern, den mit der Rechtsprechung Betrauten und ahnlichen 
Leuten, die von ihnen schmarotzten, gepredigt und gewohnlich 
durch Versprechungen einer Vergeltung in einer imaginaren 



231 



Welt jenseits des Grabes schmackhafter gemacht worden. Die 
Mitte hatte immer, solange sie um die Macht kampfte, Parolen 
wie Freiheit, Gleichheit und Bruderlichkeit im Munde gefuhrt. 
Jetzt jedoch begann die Auffassung menschlicher Bruderlichkeit 
einer Kritik von Menschen unterzogen zu werden, die noch keine 
herrschende Stellung innehatten, sondern lediglich hofften, bald 
soweit zu sein. 

In der Vergangenheit hatte die Mitte Revolutionen unter dem 
Banner der Gleichheit gemacht und dann eine neue Tyrannei 
aufgerichtet, sobald die alte gesturzt war. Die neuen 
Mittelgruppen proklamierten ihre Tyrannei im Voraus. Diese 
unzufriedene Mitte wurde jedoch schon von Beginn an von den 
im Hintergrund herrschenden Kraften instrumentalisiert und zur 
Revolution angestachelt. 

Der Sozialismus, eine Theorie, die anfangs des neunzehnten 
Jahrhunderts auftauchte und das letzte Glied einer 
Gedankenkette war, die zu den Sklavenaufstanden des Altertums 
zuruckreichte, war noch heftig von dem Utopismus vergangener 
Zeitalter infiziert. Aber in jeder von 1900 an sich geltend 
machenden Spielart von Sozialismus wurde das Ziel, „Freiheit 
und Gleichheit" einzusetzen, immer unumwundener aufgegeben. 
Die neuen Bewegungen, die um die Mitte des Jahrhunderts 
auftauchten, namlich Engsoz in Ozeanien, Neo-Bolschewismus in 
Eurasien, Sterbekult, wie er gewohnlich bezeichnet wird, in 
Ostasien, setzten es sich bewufit zum Ziel, Unfreiheit und 
Ungleichheit zu einem Dauerzustand zu machen. 
Diese neuen Bewegungen gingen naturlich aus den alten hervor 
und neigten dazu, deren Namen beizubehalten und ihren 
Ideologien Lippenlob zu zollen. Aber alle zielten darauf ab, dem 
Fortschritt Einhalt zu gebieten und die Geschichte in einem 
entsprechenden Augenblick fur immer zum Stillstand zu 
bringen. Das ubliche Ausschlagen des Pendels sollte noch einmal 
vor sich gehen, und dann sollte es stehen bleiben. Wie 
gewohnlich sollten die Oberen von den Mittleren verdrangt 
werden, die damit die Oberen wurden. Aber diesmal wurden die 



232 



Oberen durch eine bewusste Strategic imstande sein, ihre 
Stellung fur immer zu behaupten. Zudem standen hinter den 
Revolutionaren ja die im Hintergrund herrschenden Krafte der 
internationalen Finanz, so dass die Staatsoberhaupter, die ja auch 
schon vor der Revolution von jenen abhangig waren, in gewisser 
Hinsicht nur formal entmachtet wurden. 

Demnach hatte die durch die kollektivistische Revolution 
gefestigte und mit brutaler Gewalt verteidigte Stellung in 
Wahrheit die Aufgabe, den hinter den Revolutionaren stehenden 
Kraften die Herrschaft tiber die Volker dauerhaft zu sichern. 
Die neuen Lehren traten nun infolge der Anhaufung historischen 
Wissens und des zunehmenden Verstandnisses fur Geschichte, 
das es vor dem neunzehnten Jahrhundert kaum gegeben hatte, in 
Erscheinung. Die zyklische Bewegung der Geschichte war jetzt 
erkennbar oder schien es wenigstens zu sein. Und wenn sie 
erkennbar war, dann konnte man sie auch andern. Aber der 
hauptsachliche, tiefere Grund lag darin, dafi bereits anfangs des 
zwanzigsten Jahrhunderts ein allgemein gleich hoher Wohlstand 
technisch moglich geworden war. 

Es ist jedoch eine bewiesene Tatsache, dafi die Menschen nicht 
„gleich" sind in ihren angeborenen Begabungen und dafi fur die 
Erfullung bestimmter Auf gaben eine Auswahl der von Natur aus 
Fahigen getroffen werden mufite, durch die einzelne gegenuber 
anderen bevorzugt wurden. 

Aber es bestand dennoch keine wirkliche Notwendigkeit mehr 
fur grofiere Besitzunterschiede. In fruheren Zeiten waren 
Besitzunterschiede nicht nur unvermeidbar, sondern sogar 
erwunscht gewesen. Ungleichheit war der Preis der Zivilisation. 
Mit der Weiterentwicklung der maschinellen Produktion anderte 
sich jedoch die Sachlage. Sogar wenn die Menschen noch die eine 
oder andere Arbeit selbst verrichten mufiten, so brauchten sie 
doch nicht mehr auf verschiedenen sozialen oder wirtschaftlichen 
Stufen zu stehen. 

Deshalb war vom Gesichtspunkt der neuen Gruppen, die im 
Begriff standen, die Macht zu ergreifen, Besitzgleichheit kein 



233 



erstrebenswertes Ideal mehr, sondern vielmehr eine Gefahr, die 
verhutet werden mufite. In primitiveren Zeitaltern, als eine 
gerechte und friedliche Gesellschaftsordnung tatsachlich nicht 
moglich war, war es ganz leicht gewesen, daran zu glauben. Die 
Vorstellung eines irdischen Paradieses, in dem die Menschen 
ohne Gesetze und ohne harte Arbeit in einem 
Verbruderungszustand leben sollten, hatte der menschlichen 
Phantasie Tausende von Jahren vorgeschwebt. Und diese Vision 
hatte sogar noch einen gewissen Einflufi auf jene Gruppen 
ausgeubt, die in Wirklichkeit aus jeder geschichtlichen 
Veranderung Vorteile zogen. 

Die Erben der franzosischen, englischen und amerikanischen 
Revolutionen hatten teilweise an ihre eigenen Phrasen von 
„Menschenrechten", „freier Meinungsaufierung", „Gleichheit vor 
dem Gesetz" und dergleichen mehr geglaubt und hatten sogar 
ihr Verhalten bis zu einem gewissen Grade davon beeinflussen 
lassen. 

Das irdische Paradies war genau in dem Augenblick in Mifikredit 
geraten, in dem es sich verwirklichen liefi, wobei die treibenden 
Krafte der Weltpolitik naturlich niemals selbst an diese Parolen 
geglaubt hatten und sie lediglich dazu benutzten, um 
revolutionare Unruhen zu schuren und ihre eigene totale 
Herrschaft uber die Volker aufzurichten. 

Jede neue politische Theorie, wie immer sie sich nannte, fuhrte 
schliefilich zu Klassenherrschaft und Reglementierung. Und bei 
der ungefahr um das Jahr 1930 einsetzenden Vergroberung der 
moralischen Auffassung wurden Praktiken, die seit langem 
aufgegeben worden waren, in manchen Fallen seit Hunderten 
von Jahren - wie Inhaftierung ohne Gerichtsverhandlung, die 
Verwendung von Kriegsgefangenen als Arbeitssklaven, 
offentliche Hinrichtungen, Folterung zur Erpressung von 
Gestandnissen, das Gefangennehmen von Geiseln und die 
Deportation ganzer Bevolkerungsteile -, nicht nur wieder 
allgemein, sondern auch von Menschen geduldet und sogar 
verteidigt, die sich fur aufgeklart und f ortschrittlich hielten. 



234 



Erst nach einem Jahrzehnt der Burgerkriege, Revolutionen und 
Gegenrevolutionen in alien Teilen der Welt traten Engsoz und 
seine Rivalen als sich voll auswirkende politische Doktrinen 
hervor. Welche Gruppe in dieser Welt fortan die Macht ausuben 
sollte, war gleicherweise offensichtlich gewesen. Die neue 
Herrenschicht setzte sich zum grofiten Teil aus Burokraten, 
Wissenschaftlern, Technikern, Gewerkschaftsfunktionaren, 
Propagandafachleuten, Soziologen, Lehrern, Journalisten und 
Berufspolitikern zusammen, die als Verwalter und Handlanger 
der hinter ihnen stehenden wirklichen Fadenzieher der 
Weltpolitik fungierten. 

Diese Menschen, die aus dem Lohn empfangenden Mittelstand 
und der gehobenen Arbeiterschaft stammten, waren durch die 
durre Welt der Monopol-Industrie und das gesellschaftliche 
Chaos zusammengefuhrt worden. Mit ihren Gegenstucken in 
fruheren Generationen verglichen, waren sie weniger 
besitzgierig, weniger auf Luxus versessen, mehr nach blofier 
Macht hungrig, und vor allem sich ihres Handelns mehr bewufit 
und mehr darauf bedacht, die Opposition zu vernichten. 
Dieser letztere Unterschied war grundlegend. Im Vergleich mit 
der heute herrschenden waren alle Tyranneien der 
Vergangenheit lau und unwirksam. 

Die herrschenden Gruppen waren immer bis zu einem gewissen 
Grade von liberalen Ideen infiziert und damit zufrieden gewesen, 
uberall ein Hinterturchen often zu lassen, um nur die 
offenkundige Tat ins Auge zu fassen und sich nicht darum zu 
kummern, was ihre Untertanen dachten. Sogar die katholische 
Kirche des Mittelalters war, nach neuzeitlichen Mafistaben 
gemessen, duldsam. Ein teilweiser Grund hierfur war, dafi in der 
Vergangenheit keine Regierung die Macht besafi, ihre Burger 
unter dauernder Uberwachung zu halten. Die Erfindung der 
Buchdruckerkunst machte es jedoch leichter, die offentliche 
Meinung zu beeinflussen, und Film und Radio forderten diesen 
Prozefi noch weiter. Mit der Entwicklung des Fernsehens und bei 
dem technischen Fortschritt, der es ermoglichte, mit Hilfe 



235 



desselben Instruments gleichzeitig zu empfangen und zu senden, 
war das Privatleben zu Ende. Jeder Burger oder wenigstens jeder 
Burger, der wichtig genug war, um einer Uberwachung fur wert 
befunden zu werden, konnte vierundzwanzig Stunden des Tages 
den Argusaugen der Polizei und dem Getrommel der amtlichen 
Propaganda ausgesetzt gehalten werden, wahrend ihm zugleich 
alle anderen Informationsquellen verschlossen blieben. 
Jetzt, zum ersten Mai, bestand die Moglichkeit, alien Untertanen 
nicht nur vollkommenen Gehorsam gegenuber dem Willen des 
Staates, sondern auch vollkommene Meinungsgleichheit 
aufzuzwingen. Nach der revolutionaren Periode der funfziger 
und sechziger Jahre gruppierte sich die menschliche Gesellschaft 
wie immer wieder in eine Ober-, eine Mittel- und eine 
Unterschicht. 

Aber die neue Oberschicht handelte anders als ihre Vorlaufer, 
nicht aus dem Instinkt heraus, sondern wufite, was notig war, um 
ihre Stellung zu behaupten. Man war seit langem 
dahintergekommen, dafi die einzig sichere Grundlage einer 
Oligarchic im Kollektivismus besteht. Wohlstand und Vorrechte 
werden am leichtesten verteidigt, wenn sie Gemeinbesitz sind. 
Die sogenannte »Abschaffung des Privateigentums«, die um die 
Mitte des Jahrhunderts vor sich ging, bedeutete in der 
Auswirkung die Konzentration alien Besitzes in den Handen 
genau jener, die die Revolution bereits vorbereitet, finanziert und 
durchgefuhrt hatten. 

Als einzelnem gehort keinem Parteimitglied etwas, aufier seiner 
unbedeutenden personlichen Habe. Kollektiv gehort in Ozeanien 
der Partei alles, da sie alles kontrolliert und tiber die Erzeugnisse 
nach Gutdunken verfugt. In den auf die Revolution folgenden 
Jahren konnte sie nahezu widerstandslos diese beherrschende 
Stellung einnehmen, da das ganze Verfahren als eine 
Kollektivhandlung hingestellt wurde. Man hatte immer 
angenommen, dafi nach der Enteignung der Kapitalistenklasse 
der Sozialismus nachfolgen musse: Und die Kapitalisten waren 
fraglos enteignet worden. Fabriken, Bergwerke, Land, Hauser, 



236 



Transportmittel - alles war ihnen weggenommen worden: und 
da diese Dinge nicht mehr Privateigentum waren, folgte, dafi sie 
offentlicher Besitz sein mufiten. Engsoz, der aus der fruheren 
sozialistischen Bewegung hervorging und das Erbe ihrer 
Phraseologie antrat, hat in der Tat den Hauptpunkt des 
sozialistischen Programms zur Durchfuhrung gebracht, mit dem 
vorhergesehenen und gewunschten Ergebnis, dafi wirtschaftliche 
Ungleichheit zu einem Dauerzustand wurde. 
Aber die Probleme, eine derartige Gesellschaftsordnung fur 
immer einzusetzen, liegen tiefer. Es gibt nur vier Moglichkeiten, 
auf die eine herrschende Gruppe der Macht verlustig gehen 
kann. Entweder wird sie von aufien uberwunden; oder sie regiert 
so ungeschickt, dafi die Massen zu einer Erhebung aufgeruttelt 
werden; oder sie lafit eine starke und unzufriedene Mittelschicht 
aufkommen; oder aber sie verliert ihr Selbstvertrauen und die 
Lust am Regieren. Diese Grunde wirken nicht vereinzelt, und in 
der Regel sind alle vier von ihnen in gewissem Grade vorhanden. 
Eine herrschende Gruppe, die sich gegen sie alle schutzen 
konnte, bliebe dauernd an der Macht. Letzten Endes ist der 
entscheidende Faktor die geistige Einstellung der herrschenden 
Gruppe selbst. 

Nach Mitte des gegenwartigen Jahrhunderts war die erste Gefahr 
in Wirklichkeit verschwunden. Jede der drei Machte, die sich 
heute in die Welt teilen, ist faktisch unuberwindlich und konnte 
nur durch langsame Anderungen in der Zusammensetzung ihrer 
Bevolkerung, die eine Regierung mit weitgehender Macht leicht 
abwenden kann, uberwindlich gemacht werden. Die zweite 
Gefahr ist ebenfalls nur eine theoretische. Die Massen revoltieren 
niemals aus sich selbst heraus und lehnen sich nie nur deshalb 
auf, weil sie unterdruckt werden. Tatsachlich werden sie sich, 
solange man ihnen keine Vergleichsmafistabe zu haben erlaubt, 
uberhaupt nie auch nur bewufit, dafi sie unterdruckt sind. 
Die immer wiederkehrenden Wirtschaftskrisen vergangener 
Zeiten waren vollstandig unnotig und durfen jetzt nicht 
eintreten, aber andere und ebenso grundlegende Verschiebungen 



237 



konnen eintreten und treten ein, ohne politische Folgen zu haben, 
denn es gibt keinen Weg, auf dem sich die Unzufriedenheit laut 
aufiern konnte. Was das Problem der Uberproduktion anbelangt, 
das in unserer Gesellschaftsordnung seit der Entwicklung der 
Maschinentechnik latent war, so ist es durch den Kunstgriff 
dauernder Kriegfuhrung gelost worden (siehe drittes Kapitel), 
die sich auch als nutzlich erweist, um die allgemeine Moral zur 
notigen Hochstimmung anzufeuern. 

Daher besteht von dem Gesichtspunkt unserer gegenwartigen 
Machthaber aus die einzige wirkliche Gefahr in der Abspaltung 
einer neuen Gruppe von begabten, nicht genugend ausgefullten, 
machthungrigen Menschen und dem Zunehmen von 
Freiheitsdrang und Skeptizismus in ihren eigenen Reihen. Das 
Problem ist daher sozusagen erzieherischer Natur. Es besteht 
darin, dauernd das Denken sowohl der leitenden Gruppe als 
auch der grofieren, unmittelbar nach ihr folgenden ausfuhrenden 
Gruppe zu formen. Das Denken der Massen braucht nur in 
negativer Weise beeinf lusst zu werden. 

Wenn man diesen Hintergrund kennt, so konnte man sich, wenn 
es einem nicht schon bekannt ware, das Aussehen der 
allgemeinen Struktur der Gesellschaft Ozeaniens 
zusammenreimen. An der Spitze der Pyramide steht der Grofie 
Bruder, wobei er gleichzeitig symbolisch fur die im Hintergrund 
herrschenden Krafte steht. Der Grofie Bruder ist unfehlbar und 
allmachtig. Jeder Erfolg, jede Leistung, jeder Sieg, jede 
wissenschaftliche Entdeckung, alles Wissen, alle Weisheit, alles 
Gluck, alle Tugend werden unmittelbar seiner Fuhrerschaft und 
Eingebung zugeschrieben. Niemand hat je den Grofien Bruder 
gesehen. 

Er ist ein Gesicht an den Litfasssaulen, eine Stimme am Televisor. 
Wir konnen billigerweise sicher sein, dafi er nie sterben wird, und 
es besteht bereits betrachtliche Unsicherheit in bezug auf das 
Datum seiner Geburt. Der Grofie Bruder ist die Vermummung, in 
der die Partei vor die Welt zu treten beschliefit. Seine Funktion 
besteht darin, als Sammelpunkt fur Liebe, Furcht und Verehrung 



238 



zu dienen, Gefuhle, die leichter einem einzelnen Menschen als 
einer Organisation entgegengebracht werden. Nach dem Grofien 
Bruder kommt die Innere Partei, die ihrer Zahl nach nur sechs 
Millionen Mitglieder oder etwas weniger als zwei Prozent der 
Bevolkerung Ozeaniens umfafit. 

Nach der Inneren Partei kommt die Aufiere Partei, die, wenn 
man die Innere Partei als das Gehirn des Staates bezeichnet, 
berechtigterweise mit dessen Handen verglichen wird. Danach 
kommen die dumpfen Massen, die wir gewohnlich als »die 
Proles« bezeichnen, der Zahl nach ungefahr funfundachtzig 
Prozent der Bevolkerung. 

In der Bezeichnung unserer fruheren Klassifizierung sind die 
Proles die Unterschicht; denn die Sklavenbevolkerung der 
aquatorialen Lander, die standig von einem Eroberer zum 
anderen wechseln, ist kein dauernder und notwendiger Teil der 
Struktur. Die Proles selbst sind ein in sich nicht einheitlicher Brei 
aus Individuen verschiedenster Herkunft, die kein testes 
kulturelles oder nationales Volksbewusstsein mehr haben und 
daher kaum fahig zu einem gemeinsamen Widerstand sind. 
Im Prinzip ist die Zugehorigkeit zu diesen drei Gruppen nicht 
erblich. Das Kind von Eltern, die zur Inneren Partei gehoren, ist 
in der Theorie nicht in die Innere Partei hineingeboren. Die 
Aufnahme in eine der beiden Gliederungen der Partei findet auf 
Grund einer im Alter von sechzehn Jahren abzulegenden 
Prufung statt. 

Auch gibt es dort keine Rassenunterschiede, so wenig wie eine 
ausgesprochene Vorherrschaft einer Provinz gegenuber einer 
anderen. Juden, Neger, Sudamerikaner von rein indianischem 
Geblut sind in den hochsten Stellen der Partei zu finden. 
Die Schaffung einer wurzellosen, dienenden Masse ohne Rassen-, 
Geschlechts- und Volkszugehorigkeit, wie auch ohne kulturelle 
Identitat, ist zudem das erklarte Ziel der Partei, denn die 
Uneinheitlichkeit der Masse ist stets gegenuber der starren 
Einheitlichkeit der ozeanischen Fuhrungsschicht im Nachteil. 



239 



In keinem Teil Ozeaniens haben die Bewohner das Gefuhl, eine 
von einer fernen Hauptstadt aus regierte Kolonialbevolkerung zu 
sein. Ozeanien hat keine Hauptstadt, und sein nominelles 
Oberhaupt ist ein Mensch, dessen Aufenthaltsort niemand kennt. 
Abgesehen davon, dafi Englisch seine Umgangssprache ist und 
Neusprech seine Amtssprache, ist es in keiner Weise zentralisiert. 
Seine wahren Machthaber bleiben immer die Gleichen, wahrend 
ihre direkten Diener, also die Angehorigen der Inneren und 
Aufieren Partei, durch ihre Ideologic fest verbunden sind. 
Demnach ist unsere Gesellschaft geschichtet, und zwar sehr 
streng geschichtet nach einer Ordnung, die auf den ersten Blick 
nach den Richtlinien der Vererbung ausgerichtet zu sein scheint. 
Es gibt weit weniger Hin und Her zwischen den verschiedenen 
Gruppen, als unter dem Kapitalismus oder sogar in den 
vorindustriellen Zeitaltern stattfand. Zwischen den beiden 
Gliederungen der Partei findet ein gewisser Austausch statt, aber 
nur gerade so viel, um zu gewahrleisten, dafi Schwachlinge aus 
der Inneren Partei ausgeschlossen und ehrgeizige Mitglieder der 
Aufieren Partei unschadlich gemacht werden dadurch, dafi man 
ihnen emporzusteigen erlaubt. 

Proletariern wird in der Praxis nicht gestattet, in die Partei 
aufzurucken. Die begabtesten unter ihnen, die moglicherweise 
einen Unruheherd schaffen konnten, werden ganz einfach von 
der Gedankenpolizei vorgemerkt und liquidiert. Aber dieser 
Stand der Dinge ist nicht notwendigerweise ein Dauerzustand, 
auch ist er kein Prinzip. Die Partei ist keine Klasse im 
althergebrachten Sinne des Wortes. Sie zielt nicht darauf ab, die 
Macht auf ihre eigenen Kinder als solche zu ubertragen; nur 
wenn es keinen anderen Weg gabe, die fahigsten Menschen an 
der Spitze zu halten, so ware sie durchaus bereit, eine ganz neue 
Generation aus den Reihen des Proletariats zu rekrutieren. In den 
kritischen Jahren trug die Tatsache, dafi die Partei keine erbliche 
Korperschaft war, viel zur Ausschaltung der Opposition bei. Ein 
Sozialist vom alten Geprage, der darauf gedrillt worden war, 
gegen etwas, das man »Klassenvorrechte« nannte, zu kampfen, 



240 



nahm an, was nicht erblich ist, konne auch nicht dauernd sein. Er 
erkannte nicht, dafi die Kontinuitat einer Oligarchic keine 
leibliche zu sein braucht, auch hielt er sich nicht mit der 
Uberlegung auf, dafi erbliche Adelsherrschaften immer kurzlebig 
waren, wahrend alien Menschen zugangliche Organisationen wie 
die katholische Kirche manchmal Hunderte oder Tausende von 
Jahren Bestand hatten. 

Das Wesentliche der oligarchischen Herrschaft ist nicht die 
Vererbung vom Vater auf den Sohn, sondern der Fortbestand 
einer gewissen Weltanschauung und einer gewissen 
Lebensweise, die von den Toten den Lebenden aufoktroyiert 
werden. Eine herrschende Gruppe ist so lange eine herrschende 
Gruppe, als sie ihre Nachfolger bestimmen kann. Der Partei geht 
es nicht darum, ewig ihr Blut, sondern sich selbst ewig zu 
behaupten. Wer die Macht ausubt, ist nicht wichtig, 
vorausgesetzt, dafi die hierarchische Struktur immer dieselbe 
bleibt. 

Alle fur unsere Zeit charakteristischen Uberzeugungen, 
Gewohnheiten, Geschmacksrichtungen, Meinungen, geistigen 
Einstellungen sind in Wirklichkeit dazu bestimmt, das Mystische 
der Partei aufrechtzuerhalten und zu verhindern, dafi die wahre 
Natur der heutigen Gesellschaftsordnung erkannt wird. 
Leibliche Auflehnung oder jeder auf Auflehnung abzielende 
Schritt ist gegenwartig nicht moglich. Von den Proletariern ist 
nichts zu befurchten. Sich selbst uberlassen, werden sie von 
Generation zu Generation und von Jahrhundert zu Jahrhundert 
fortfahren zu arbeiten, Kinder in die Welt zu setzen und zu 
sterben, nicht nur ohne jeden Antrieb, zu rebellieren, sondern 
ohne sich auch nur vorstellen zu konnen, dafi die Welt anders 
sein konnte, als sie ist. 

Zudem sind sie ein geistloser Brei ohne jede Art von Fuhrung. Sie 
konnten nur gefahrlich werden, wenn die fortschreitende 
Entwicklung der industriellen Technik es notwendig machen 
sollte, ihnen eine hohere Erziehung angedeihen zu lassen; aber da 
die militarische und merkantile Konkurrenz keine Bedeutung 



241 



mehr hat, ist das Niveau der offentlichen Erziehung im Sinken 
begriffen. Welche Ansichten die Massen vertreten oder nicht 
vertreten, wird als belanglos angesehen. Man darf ihnen getrost 
geistige Freiheit einraumen, denn sie haben keinen Geist. 
Andererseits kann bei einem Parteimitglied auch nicht die 
kleinste Meinungsabweichung in der unbedeutendsten Frage 
geduldet werden. 

Ein Angehoriger der Partei lebt von der Geburt bis zum Tode 
unter den Augen der Gedankenpolizei. Sogar wenn er allein ist, 
kann er nie sicher sein, ob er wirklich allein ist. Wo er auch sein 
mag, ob er schlaft oder wacht, arbeitet oder ausruht, in seinem 
Bad oder in seinem Bett liegt, kann er ohne Warnung und ohne 
zu wissen, dafi er beobachtet wird, beobachtet werden. Nichts, 
was er tut, ist gleichgultig. 

Seine Freundschaften, seine Zerstreuungen, sein Benehmen 
gegen seine Frau und seine Kinder, sein Gesichtsausdruck, wenn 
er allein ist, die von ihm im Schlaf gemurmelten Worte, sogar die 
ihm eigentumlichen Bewegungen seines Korpers, alles wird einer 
peinlich genauen Prufung unterzogen. Nicht nur jedes wirkliche 
Vergehen, sondern jede Schrullenhaftigkeit, sie mag noch so 
unbedeutend sein, jede Gewohnheitsanderung, jede nervose 
Absonderlichkeit, die moglicherweise das Symptom eines 
inneren Kampfes ist, konnen unweigerlich entdeckt werden. 
Er hat keine freie Wahl in keiner wie immer gearteten Hinsicht. 
Andererseits ist sein Verhalten weder gesetzlich noch durch klar 
formulierte Verhaltungsvorschriften geregelt. 
In Ozeanien gibt es kein Gesetz. Gedanken und Taten, die den 
sicheren Tod bedeuten, wenn sie entdeckt werden, sind nicht 
formell verboten, und die endlosen Sauberungsaktionen, 
Festnahmen, Folterungen, Einkerkerungen und Vaporisierungen 
werden nicht als Strafe fur wirklich begangene Verbrechen 
verhangt, sondern sind lediglich die Austilgung von Menschen, 
die vielleicht einmal in der Zukunft ein Verbrechen begehen 
konnten. Von einem Parteimitglied wird nicht nur verlangt, dafi 
es die richtigen Ansichten, sondern dafi es auch die richtigen 



242 



Instinkte hat. Viele der von ihm geforderten 
Glaubensbekenntnisse und Einstellungen sind nie deutlich 
festgelegt worden und konnten nicht festgelegt werden, ohne die 
dem Engsoz anhaftenden Widersprtiche aufzudecken. Wenn er 
ein von Natur strengglaubiger Mensch ist (im Neusprech ein 
Gutdenker), dann wird er unter alien Umstanden wissen, ohne 
nachdenken zu mtissen, was der richtige Glaube ist oder wie 
seine Empfindung aussehen soil. 

Aber auf alle Falle macht ihn eine sorgfaltige Schulung, die er in 
der Jugend durchgemacht hat und die von den 
Neusprechwortern Verbrechenstop, Schwarzweifi und 
Doppeldenk umrissen ist, nicht willens und unfahig, zu 
tiefschurfend tiber irgendein Thema nachzudenken. 
Von einem Angehorigen der Partei wird erwartet, dafi er keine 
Privatgefuhle hat und seine Begeisterung kein Erlahmen kennt. 
Man nimmt von ihm an, dafi er in einer dauernden Hassraserei 
gegenuber Systemfeinden und inlandischen Verratern lebt, tiber 
Siege frohlockt und sich vor der Macht und der Weisheit der 
Partei beugt. 

Die durch sein schales, unbefriedigendes Leben hervorgerufene 
Unzufriedenheit wird mit Bedacht nach aufien gelenkt und durch 
Einrichtungen wie die Zwei-Minuten-Hass-Sendung zerstreut. 
Und die Betrachtungen, die zu einer skeptischen und 
auflehnenden Haltung ftihren konnten, werden im Voraus durch 
seine schon frtih erworbene innere Schulung abgetotet. Die erste 
und einfachste Stufe in der Schulung, die sogar kleinen Kindern 
beigebracht werden kann, heifit im Neusprech Verbrechenstop. 
Verbrechenstop bedeutet die Fahigkeit, gleichsam instinktiv auf 
der Schwelle jedes gefahrlichen Gedankens haltzumachen. 
Es schliefit die Gabe ein, ahnliche Umschreibungen nicht zu 
verstehen, aufierstande zu sein, logische Irrttimer zu erkennen, 
die einfachsten Argumente mifizuverstehen, wenn sie 
engsozfeindlich sind, und von jedem Gedankengang gelangweilt 
oder abgestofien zu werden, der in eine ketzerische Richtung 
ftihren konnte. Verbrechenstop bedeutet, kurz gesagt, schtitzende 



243 



Dummheit. Aber Dummheit allein genugt nicht. Im Gegenteil 
verlangt Rechtglaubigkeit in vollem Sinne des Wortes eine 
ebenso vollstandige Beherrschung der eigenen Gedankengange, 
wie sie ein Schlangenmensch tiber seinen Korper besitzt. 
Die ozeanische Gesellschaftsordnung fufit letzten Endes auf dem 
Glauben, dafi der Grofie Bruder allmachtig und die Partei 
unfehlbar ist. Aber da in Wirklichkeit der Grofie Bruder nicht 
allmachtig und die Partei nicht unfehlbar ist, mussen die 
Tatsachen unermudlich von einem Augenblick zum anderen 
entsprechend zurechtgebogen werden. Das Schlagwort hierfur 
lautet „Schwarzweifi". 

Wie so viele Neusprechworte hat dieses Wort zwei einander 
widersprechende Bedeutungen. Einem Gegner gegenuber 
angewandt, bedeutet es die Gewohnheit, im Widerspruch zu den 
offenkundigen Tatsachen unverschamt zu behaupten, schwarz 
sei weifi. Einem Parteimitglied gegenuber angewandt, bedeutet 
es eine redliche Bereitschaft, zu sagen, schwarz sei weifi, wenn es 
die Parteidisziplin erfordert. Aber es bedeutet auch die Fahigkeit, 
zu glauben, dafi schwarz gleich weifi ist, und darilber hinaus zu 
wissen, dafi schwarz weifi ist, und zu vergessen, dafi man jemals 
das Gegenteil geglaubt hat. Das verlangt eine standige Anderung 
der Vergangenheit, die durch das Denkverfahren ermoglicht 
wird, das in Wirklichkeit alles Ubrige einschliefit und im 
Neusprech als Doppeldenk bekannt ist. 

Die Anderung der Vergangenheit ist aus zwei Grunden 
notwendig, deren einer untergeordnet und sozusagen 
vorbeugend ist. Der untergeordnete Grund besteht darin, dafi das 
Parteimitglied, ahnlich wie der Proletarier, die gegenwartigen 
Lebensbedingungen zum Teil deshalb duldet, weil er keine 
Vergleichsmoglichkeiten besitzt. Er mufi von der Vergangenheit 
abgeschnitten werden, ganz so, wie er auch vom Ausland 
abgeschnitten werden mufi, weil es notwendig ist, dafi er glaubt, 
besser daran zu sein als seine Vorfahren, und dafi sich das 
Durchschnittsniveau der materiellen Bequemlichkeit dauernd 
hebt. Aber der bei weitem wichtigere Grund fur die Anderung 



244 



der Vergangenheit ist die Notwendigkeit, die Unfehlbarkeit der 
Partei zu garantieren. 

Nicht nur mussen Reden, Statistiken und Aufzeichnungen jeder 
Art standig mit den jeweiligen Erfordernissen in Einklang 
gebracht werden, um aufzuzeigen, dafi die Voraussagen der 
Partei in alien Fallen richtig waren. Sondern es darf auch nie eine 
Veranderung in der Doktrin oder in der politischen Ausrichtung 
zugegeben werden. Denn seine Ansicht oder gar seine Politik zu 
andern, ist ein Eingestandnis der Schwache. Wenn zum Beispiel 
Eurasien oder Ostasien (welches es auch sein mag) der Feind von 
heute ist, dann mufi dieses Land schon immer der Feind gewesen 
sein. Und wenn die Tatsachen anders lauten, dann mussen die 
Tatsachen eben geandert werden. Auf diese Weise wird die 
Geschichte dauernd neu geschrieben. Diese Falschung der 
Vergangenheit von einem Tag auf den anderen, die vom 
Wahrheitsministerium durchgefuhrt wird, ist fur den Bestand 
des Regimes ebenso notwendig wie die von dem Ministerium fur 
Liebe besorgte Unterdruckungs- und Bespitzelungstatigkeit. 
Die Veranderlichkeit der Vergangenheit ist die Grundlehre von 
Engsoz. Vergangene Geschehnisse, wird darin bedeutet, haben 
keinen objektiven Bestand, sondern leben nur in schriftlichen 
Aufzeichnungen und im Gedachtnis der Menschen weiter. Die 
Vergangenheit sieht so aus, wie es die Aufzeichnungen und die 
Erinnerungen wahrhaben wollen. 

Und da die Partei alle Aufzeichnungen vollkommen unter ihrer 
Kontrolle hat, so wie sie auch die Denkweise ihrer Mitglieder 
unter ihrer ausschliefilichen Kontrolle hat, folgt daraus, dafi die 
Vergangenheit so aussieht, wie die Partei sie darzustellen beliebt. 
Auch folgt daraus, dafi die Vergangenheit, wenn sie auch 
wandelbar ist, doch nie in einem besonderen Einzelfall 
abgewandelt wurde. 

Denn wenn sie in der im Augenblick benotigten Form neu 
geschaffen worden ist, dann ist eben diese neue Version die 
Vergangenheit, und eine andere Version kann es nie gegeben 
haben. Das gilt auch dann, wenn ein und dasselbe Ereignis, wie 



245 



es haufig vorkommt, im Laufe eines Jahres mehrmals nicht 
wiedererkennbar abgeandert werden mufi. Die Partei ist jederzeit 
im Besitz der wirklichen Wahrheit, und klarerweise kann die 
Wirklichkeit nie anders ausgesehen haben als jetzt. Man wird 
sehen, dafi die Kontrolle tiber die Vergangenheit vor allem von 
der Schulung des Gedachtnisses abhangt. Dafur zu sorgen, dafi 
alle schriftlichen Aufzeichnungen sich mit der Forderung des 
Augenblicks decken, ist eine lediglich mechanische Handlung. 
Aber man mufi sich auch daran erinnern, dafi Ereignisse in der 
gewunschten Form stattfanden. 

Und wenn es nottut, seine Erinnerungen umzuordnen oder mit 
schriftlichen Aufzeichnungen willkurlich umzuspringen, dann 
gilt es zu vergessen, dafi man das getan hat. Das Verfahren, wie 
man das macht, ist ebenso erlernbar wie jedes andere 
Geistestraining. Die Mehrzahl der Parteimitglieder hat es gelernt 
und jedenfalls alle diejenigen, die sowohl klug als auch 
rechtglaubig sind. In der Altsprache wird es, recht unverhohlen, 
als »Wirklichkeitskontrolle« bezeichnet. In der Neusprech heifit 
es Doppeldenk, wenn auch Doppeldenk noch viele andere 
Bedeutungen hat. 

Doppeldenk bedeutet die Gabe, gleichzeitig zwei einander 
widersprechende Ansichten zu hegen und beide gelten zu lassen. 
Der Parteiintellektuelle weifi, in welcher Richtung seine 
Erinnerungen geandert werden mussen. Er weifi deshalb auch, 
dafi er mit der Wirklichkeit jongliert. Aber durch das Einschalten 
von Doppeldenk beschwichtigt er sich auch dahingehend, dafi 
der Wirklichkeit nicht Gewalt angetan wird. Das Verfahren mufi 
bewufit sein, sonst wurde es nicht mit genugender Prazision 
ausgefuhrt werden, es mufi aber auch unbewufit sein, sonst 
brachte es ein Gefuhl der Falschheit und damit der Schuld mit 
sich. 

Doppeldenk ist der eigentliche Wesenskern von Engsoz, denn 
das grundlegende Verfahren der Partei besteht darin, eine 
bewufite Tauschung auszuuben und dabei eine 
Zweckentschlossenheit zu bewahren, wie sie restloser Ehrlichkeit 



246 



eignet. Bewufite Lugen zu erzahlen, wahrend man ehrlich an sie 
glaubt; jede Tatsache zu vergessen, die unbequem geworden ist, 
um sie dann, wenn man sie wieder braucht, nur eben so lange, als 
notwendig ist. aus der Vergessenheit hervorzuholen; das 
Vorhandensein einer objektiven Wirklichkeit zu leugnen und die 
ganze Zeit die von einem geleugnete Wirklichkeit in Betracht zu 
ziehen - alles das ist unerlafilich notwendig. 
Allein schon beim Gebrauch des Wortes Doppeldenk ist es 
unumganglich, Doppeldenk auszuuben. Denn indem man das 
Wort gebraucht, gibt man zu, dafi man mit der Wirklichkeit 
willkurlich umspringt; durch einen erneuten Akt von 
Doppeldenk loscht man dieses Wissen aus; und so unbegrenzt 
weiter, wobei die Luge der Wahrheit immer um einen Sprung 
voraus ist. Letzten Endes war die Partei mit Hilfe des 
Doppeldenks imstande - und wird nach allem, was wir wissen, 
Tausende von Jahren weiterhin imstande sein -, den Lauf der 
Geschichte aufzuhalten. 

Alle Oligarchien der Vergangenheit sind entweder deshalb der 
Macht verlustig gegangen, weil sie verknocherten oder weil sie 
erschlafften. Entweder wurden sie dumm und anmafiend, 
versaumten, sich den veranderten Umstanden anzupassen, und 
wurden gesturzt. Oder sie wurden liberal und feige, machten 
Konzessionen, wenn sie hatten Gewalt anwenden sollen, und 
wurden wiederum gesturzt. 

Sie sturzten, heifit das, entweder durch ihr Verschulden oder 
ohne ihr Verschulden. Die Partei hat das Verdienst, ein 
Denkverfahren erfunden zu haben, bei dem beide Einstellungen 
nebeneinander moglich sind. Und auf keiner anderen 
verstandesmafiigen Basis konnte der Herrschaft der Partei Dauer 
verliehen werden. Wenn man herrschen und sich an der 
Herrschaft behaupten will, mufi man das Wirklichkeitsgefuhl 
zurechtrucken konnen. Denn das Geheimnis der Herrschaft 
besteht darin, den Glauben an die eigene Unfehlbarkeit mit der 
Gabe zu verbinden, von den Fehlern der Vergangenheit zu 
lernen. 



247 



Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, dafi die spitzfindigsten 
Fachleute im Doppeldenk die sind, die Doppeldenk erfunden 
haben und wissen, dafi es ein grofies geistiges Betrugsmanover 
ist. 

In unserer Gesellschaftsordnung sind diejenigen, die am besten 
wissen, was gespielt wird, auch am weitesten davon entfernt, die 
Welt so zu sehen, wie sie tatsachlich ist. Im Allgemeinen gilt, je 
tiefer der Einblick, desto grofier die Verblendung; je kliiger, desto 
weniger vernunftig. Das wird deutlich illustriert durch die 
Tatsache, dafi die Kriegshysterie an Heftigkeit zunimmt, je hoher 
man auf der sozialen Stufenleiter hinaufkommt. Diejenigen, 
deren Einstellung zum Krieg der Vernunft am nachsten kommt, 
sind die unterworfenen Menschen der umstrittenen Gebiete. 
Fur diese Menschen ist der Krieg einfach ein dauerndes Ungluck, 
das wie eine schreckliche Flutwelle tiber sie hin und her braust. 
Welche Seite siegt, ist fur sie vollig gleichgultig. Sie sind sich 
bewufit, dafi eine Anderung der Machtherrschaft lediglich 
bedeutet, dafi sie die gleiche Arbeit wie bisher fur neue Herren 
verrichten mussen, die sie in der gleichen Weise wie die alten 
behandeln. Die etwas bessergestellten Arbeiter, die wir als »die 
Proles« bezeichnen, werden sich nur gelegentlich des Krieges 
bewufit. Wenn es erforderlich ist, konnen sie in Furcht- und 
Hassrasereien versetzt werden, aber sich selbst uberlassen, sind 
sie imstande, lange Zeit zu vergessen, dafi Krieg herrscht. 
In den Reihen der Partei, und vor allem der Inneren Partei, ist die 
echte Kriegsbegeisterung zu finden. An die Eroberung der Welt 
glauben am festesten diejenigen, die wissen, dafi sie 
undurchfuhrbar ist. Diese merkwurdige Verknupfung von 
Gegensatzen - Wissen mit Unwissenheit, Zynismus mit 
Fanatismus - ist eines der Hauptmerkmale der ozeanischen 
Gesellschaft. 

Die offizielle Ideologic wimmelt von Widerspruchen, auch dort, 
wo keine praktische Notwendigkeit fur sie besteht. So verwirft 
und verleugnet die Partei jeden Grundsatz, fur den die 
sozialistische Bewegung ursprunglich eintrat, und tut das im 



248 



Namen des Sozialismus. Sie predigt eine Verachtung der 
Arbeiterklasse, fur die es in den vergangenen Jahrhunderten kein 
Beispiel gibt, und sie bekleidet ihre Mitglieder mit einer Uniform, 
die ursprunglich den Handarbeitern vorbehalten war und aus 
diesem Grunde eingefuhrt wurde. 

Sie unterminiert systematisch die Solidaritat der Familie und 
benennt ihren Fuhrer mit einem Namen, der ein unmittelbarer 
Appell an das Familiengefuhl ist. Sogar die Namen der vier 
Ministerien, von denen wir regiert werden, grenzen in ihrer 
offenen Umkehrung der Tatsachen an schamlosen Hohn. 
Das Friedensministerium befafit sich mit Krieg, das 
Wahrheitsministerium mit Lugen, das Ministerium fur Liebe mit 
Folterung und das Ministerium fur Uberflufi mit Einschrankung. 
Diese Widerspruche sind nicht zufallig, auch entspringen sie 
nicht einer gewohnlichen Heuchelei: Es ist die wohluberlegte 
Anwendung von Doppeldenk. Denn nur dadurch, dafi 
Widerspruche miteinander in Einklang gebracht werden, lafit 
sich die Macht unbegrenzt behaupten. Auf keine andere Art und 
Weise konnte der alte Zyklus gebrochen werden. Wenn die 
Gleichheit der Menschen fur immer vermieden werden soil - 
wenn die Oberen, wie wir sie genannt haben, dauernd ihren Platz 
behaupten sollen, dann mufi die vorherrschende 
Geistesverfassung staatlich beaufsichtigter Irrsinn sein. 
Aber hier taucht eine Frage auf, die wir bis zu diesem Augenblick 
so gut wie aufier Acht gelassen haben. Sie lautet: Warum soil die 
Gleichheit der Menschen vermieden werden? Angenommen, der 
Mechanismus des Verfahrens wurde richtig geschildert: Was ist 
der Beweggrund fur diesen grofiangelegten, genau vorgeplanten 
Versuch, die Geschichte an einem bestimmten Zeitpunkt zum 
Stillstand zu bringen? 

Hier kommen wir zu dem tiefsten Geheimnis. Wie wir gesehen 
haben, hangt das Mystische der Partei, vor allem der Inneren 
Partei, von dem Doppeldenk ab. Aber tiefer als dieses liegt der 
ursprungliche Beweggrund, der nie untersuchte Instinkt, der 
zuerst zur Machtergreifung fuhrte und danach Doppeldenk, 



249 



Gedankenpolizei, dauernden Kriegszustand und all das andere 
Drum und Dran mit sich brachte. Dieser Beweggrund besteht in 
Wahrheit darin. . . " 

Winston wurde sich der Stille bewufit, so wie man sich eines 
neuen Gerausches bewufit wird. Es kam ihm vor, als sei Julia seit 
einiger Zeit sehr still gewesen. Sie lag, von der Hufte aufwarts 
nackt, auf ihrer Seite, die Wange auf ihre Hand gebettet, wahrend 
eine dunkle Locke iiber ihre Augen fiel. Ihre Brust hob und 
senkte sich langsam und regelmafiig. 
»Julia!« Keine Antwort. »Julia, bist du wach?« 
Keine Antwort. Sie schlief. Er klappte das Buch zu, legte es 
behutsam auf den Boden, streckte sich lang aus und zog die 
Bettdecke iiber sie beide. Er hatte, uberlegte er, das letzte 
Geheimnis noch immer nicht gelost. Er verstand das Wie, aber er 
verstand nicht das Warum. Das 1. Kapitel wie das 3. Kapitel hatte 
ihm in Wirklichkeit nichts enthullt, was er nicht schon wufite; es 
hatte lediglich Ordnung in das Wissen gebracht, das er bereits 
besafi. 

Aber nachdem er es gelesen hatte, wufite er besser als zuvor, dafi 
er nicht verruckt war. Zu einer Minderheit zu gehoren, selbst zu 
einer Minderheit von einem einzigen Menschen, stempelte einen 
noch nicht als verruckt. Hier war die Wahrheit und dort war die 
Unwahrheit, und wenn man sogar gegen die ganze Welt an der 
Wahrheit festhielt, war man nicht verruckt. 

Ein gelber Strahl der untergehenden Sonne fiel schrag durchs 
Fenster und auf das Kissen, Er schloss die Augen. Die Sonne auf 
seinem Gesicht und der glatte Korper des Madchens, der seinen 
eigenen beruhrte, gab ihm ein beruhigendes, einschlaferndes, 
vertrauensvolles Gefuhl. Er war in Sicherheit, alles war schon 
und gut. 

Im Einschlafen murmelte er vor sich hin: »Geistige Gesundheit ist 
keine statistische Angelegenheit« und hatte das Gefuhl, diese 
Feststellung enthalte eine tiefe Weisheit. 



250 



Zehntes Kapitel 



Er erwachte mit dem Gefuhl, lange Zeit geschlafen zu haben, 
aber ein Blick auf die altmodische Uhr belehrte ihn, dafi es erst 
zwanzig Uhr dreifiig war. Er lag eine Weile da und doste; dann 
drang vom Hof unten die ubliche tiefe Singstimme herauf: »Es 
war nur ein tiefer Traum, Ging wie ein Apriltag vorbeiii, Aber 
sein Blick war leerer Schaum, Brach mir das Herz entzweiii!« 
Das torichte Lied schien sich seine Beliebtheit bewahrt zu haben. 
Man horte es noch immer uberall. Es hatte den Hassgesang 
uberlebt. Julia wachte bei diesen Tonen auf, rakelte sich 
geniefierisch und stieg aus dem Bett. 

»Ich bin hungrig«, sagte sie. »Machen wir uns noch einen Kaffee. 
Verflixt! Der Kocher ist ausgegangen, und das Wasser ist kalt.« 
Sie nahm den Kocher hoch und schuttelte ihn. »Kein Brennstoff 
mehr drin.« 

»Wir konnen sicher welchen vom alten Charrington bekommen.« 
»Das Komische ist nur, dafi ich mich uberzeugt hatte, dafi er voll 
war. Ich ziehe rasch meine Sachen an«, fugte sie hinzu. 
»Es scheint kalter geworden zu sein.« Winston stand gleichfalls 
auf und zog sich an. 

Die unermudliche Stimme sang weiter: »Man sagt, die Zeit heile 
alles, Es heifit, man kann alles vergessen, Aber vom Schmerz 
meines Falles, Von dem bleib' ich ewig besessen!« 
Wahrend er den Gurtel seines Trainingsanzuges zumachte, 
schlenderte er hinuber zum Fenster. Die Sonne mufite hinter den 
Hausern untergegangen sein; sie schien nicht mehr in den Hof. 
Die Steinplatten waren feucht, als seien sie soeben gewaschen 
worden, und er hatte das Gefuhl, als sei auch der Himmel 
gewaschen worden, so frisch und blafi war das Blau zwischen 
den Kaminrohren. Ohne zu erlahmen, ging die Frau unten hin 
und her, verkorkte und entkorkte ihren Mund mit 
Wascheklammern, sang und schwieg wieder und hangte mehr 



251 



und mehr und immer noch mehr Windeln auf. Er fragte sich, ob 

sie Wasche zum Erwerb ihres Lebensunterhalts annahm oder 

lediglich die Sklavin von zwanzig oder dreifiig Enkelkindern 

war. 

Julia war neben ihn getreten; zusammen blickten sie in einer Art 

Bezauberung hinunter auf die stammige Gestalt. Wie er die Frau 

in ihrer charakteristischen Haltung betrachtete, ihre dicken Arme 

zur Wascheleine emporgehoben, wahrend ihre machtigen, an 

eine Stute erinnernden Hinterbacken sich wolbten, kam es ihm 

zum erstenmal zum Bewufitsein, dafi sie schon war. Es war ihm 

nie vorher in den Sinn gekommen, der Korper einer 

funfzigjahrigen Frau, der durch Geburten zu monstrosen 

Ausmafien gedunsen und dann durch Arbeit vergrobert und 

verhartet war, bis seine grobe Haut der Schale einer uberreifen 

Rube ahnelte, konnte schon sein. Aber dem war so und, dachte 

er, warum auch nicht? 

Der teste, umrifilose Korper, der wie ein Granitblock war, und 

die rauhe rote Haut verhielten sich zu einem Madchenleib 

genauso wie die Hagebutte zur Heckenrose. Warum sollte man 

die Frucht geringer schatzen als die Blume? 

»Sie ist schon«, murmelte er. 

»Sie misst leicht einen Meter um die Huften herum«, meinte Julia. 

»Das ist ihre Art von Schonheit«, sagte Winston. 

Sein Arm umspannte muhelos Julias biegsame Taille. Von der 

Hufte bis zum Knie schmiegte sich ihr Korper an den seinen. Aus 

ihren Leibern wurde nie ein Kind hervorgehen. Das war etwas, 

was sie nie tun konnten. Nur von Mund zu Mund, von einem 

Eingeweihten zum anderen, konnten sie das Geheimnis 

weitergeben. 

Die Frau da unten wufite von nichts, sie bestand nur aus starken 

Armen, einem warmen Herzen und einem fruchtbaren Leib. Er 

fragte sich, wie viele Kinder sie wohl geboren hatte. Es mochten 

leicht funfzehn sein. Sie hatte ihre vielleicht ein Jahr wahrende 

kurze Blutezeit einer Wildrosen-Schonheit durchlebt und war 

dann plotzlich aufgegangen wie eine befruchtete Frucht, war 



252 



hart, rot und derb geworden, und dann hatte ihr Leben ohne 
Unterbrechung dreifiig Jahre hindurch aus Waschen, 
Reinemachen, Flicken, Kochen, Fegen, Putzen, Nahen, 
Schrubben, Waschewaschen, erst fur Kinder, dann fur 
Enkelkinder, bestanden. 

Am Ende von alledem sang sie noch immer. Die geheimnisvolle 
Verehrung, die er fur sie empfand, war irgendwie vermischt mit 
dem Anblick des hellen, wolkenlosen Himmels, der sich hinter 
den Kaminrohren in grenzenlose Feme erstreckte. 
Wenn es eine Hoffnung gab, dann lag sie bei den Proles! Ohne 
das Buch zu Ende gelesen zu haben, wufite er, dafi darin 
Goldsteins letzte Botschaft bestehen mufite. Die Zukunft gehorte 
den Proles. Aber konnte er sicher sein, dafi die Welt, die sie 
aufbauten, ihm, Winston Smith, nicht ebenso fremd sein wurde 
wie die Welt der Partei? Nein, denn letzten Endes wurde es eine 
geistig gesunde Welt sein. 

Fruher oder spater wurde es dahin kommen, die Kraft wurde 
sich ihrer bewufit werden. Die Proles waren unsterblich, daran 
konnte man nicht zweifeln, wenn man diese tapfere Gestalt im 
Hof ansah. Zu guter Letzt wurden sie erwachen. Und bis es 
soweit war - wenn es auch tausend Jahre dauern mochte -, 
wurden sie trotz aller Unbilden sich am Leben erhalten wie die 
Vogel und von Leib zu Leib die Lebenskraft weitergeben, an der 
die Partei nicht teilhatte und die sie nicht umbringen konnte. 
Irgendwann wurde die Tyrannei fallen und dann wurde eine 
neue Welt entstehen aus dem Rest, der ubrig geblieben war. 
»Erinnerst du dich«, sagte er, »an die Drossel, die uns an jenem 
ersten Tag am Rand des Waldchens etwas vorsang?« 
»Sie sang nicht fur uns«, sagte Julia. »Sie sang zu ihrem 
Vergnugen. Noch nicht einmal das. Sie sang nur eben.« 
Die Vogel sangen, die Proles sangen, aber die Partei sang nicht. 
Doch einige Reste wurden ubrigbleiben. Einige wenige Kluge 
und Starke wurden am Ende doch aus der gesichts- und 
geistlosen Masse emporsteigen und ein neues Zeitalter 
begrunden konnen. Aus ihrem machtigen Schofi mufite eines 



253 



Tages ein Geschlecht wissender Menschen hervorgehen. Ihr seid 

die Toten; die Zukunft gehort ihnen. Aber man konnte teilhaben 

an dieser Zukunft, wenn man den Geist lebendig erhielt, so wie 

sie den Leib lebendig erhielten, und die geheime Lehre 

weitergab, dafi zwei und zwei gleich vier ist. 

»Wir sind die Toten«, sagte er. 

»Wir sind die Toten«, betete Julia getreulich nach. 

»Ihr seid die Toten! «, sagte eine eiserne Stimme hinter ihnen. 

Sie fuhren auseinander. Winston fuhlte seine Eingeweide zu Eis 

erstarren. Er konnte rund um die Iris von Julias Augen das Weifie 

sehen. Ihr Gesicht hatte sich milchiggelb verfarbt. Das noch auf 

jedem Backenknochen vorhandene Rouge hob sich scharf ab, fast 

wie ohne Zusammenhang mit der Haut darunter. 

»Ihr seid die Toten«, wiederholte die eiserne Stimme. 

»Es kam hinter dem Bild hervor«, fliisterte Julia. 

»Es kam hinter dem Bild hervor«, sagte die Stimme. »Bleibt 

genau da stehen, wo ihr seid. Macht keine Bewegung, ehe es euch 

befohlen wird.« 

Es war soweit, endlich war es soweit! Sie konnten nichts machen, 

aufier dazustehen und einander in die Augen zu starren. Auf und 

davon zu laufen, das Haus zu verlassen, ehe es zu spat war - ein 

solcher Gedanke kam ihnen gar nicht. Unvorstellbar, der eisernen 

Stimme von der Wand nicht zu gehorchen. Man horte ein 

Schnappen, so als sei ein Haken zuruckgedreht worden, und das 

Krachen splitternden Glases. Das Bild war auf den Boden 

gefallen, so dafi der dahinter angebrachte Televisor zum 

Vorschein kam. 

»Jetzt konnen sie uns sehen«, sagte Julia. 

»Jetzt konnen wir euch sehen«, sagte die Stimme. »Stellt euch in 

die Mitte des Zimmers. Stellt euch Rucken an Rucken. 

Verschrankt die Hande hinter euren Kopfen. Beruhrt einander 

nicht. « 

Sie beruhrten einander nicht, aber es kam ihm vor, als konnte er 

Julias Korper zittern fuhlen. Oder vielleicht war es nur das 



254 



Zittern seines eigenen. Er konnte mit Mtihe verhindern, dafi seine 
Zahne klapperten, aber er hatte keine Gewalt tiber seine Knie. 
Unten im Hof und im Haus war ein Gerausch von trampelnden 
Stiefeln zu horen. Der Hof schien voll mit Menschen zu sein. 
Etwas wurde tiber die Steine geschleift. Der Gesang der Frau war 
jah abgebrochen. Man horte ein langes, rumpelndes Klirren, so 
als sei der Waschzuber tiber den Hof geschleudert worden, und 
dann ein Durcheinander argerlicher Rufe, das mit einem 
Schmerzensschrei endete. 
»Das Haus ist umzingelt«, sagte Winston. 
»Das Haus ist umzingelt«, sagte die Stimme. 
Er horte Julia die Zahne aufeinander beifien. »Ich glaube, wir 
konnen ebenso gut voneinander Abschied nehmen«, sagte sie. 
»Ihr konnt ebenso gut voneinander Abschied nehmen«, sagte die 
Stimme. Und dann fiel eine andere, grundverschiedene Stimme, 
eine leise, gebildete Stimme, von der Winston den Eindruck 
hatte, sie bereits frtiher gehort zu haben ein: »Und bei der 
Gelegenheit, weil wir gerade bei dem Thema sind: Here comes a 
candle to light you to bed, here comes a chopper to chop off your 
head!« 

Etwas prasselte hinter Winstons Rticken aufs Bett. Die Spitze 
einer Leiter war durchs Fenster geschoben worden und hatte den 
Rahmen zertrtimmert. Jemand kletterte durchs Fenster herein. 
Die Treppen herauf horte man wildes Fufigetrappel. Das Zimmer 
war voll kraftiger Manner in schwarzen Uniformen, mit 
eisenbeschlagenen Stiefeln an den Ftifien und Gummikntippeln 
in den Handen. 

Winston zitterte nicht mehr. Sogar seine Augen bewegten sich 
kaum. Es gait nur eines: stillzuhalten, stillzuhalten und ihnen 
keinen Vorwand zu bieten, einen zu schlagen! Ein Mann mit der 
glattrasierten Kinnlade eines Preisboxers, in dem der Mund nur 
ein Schlitz war, blieb vor ihm stehen und wippte seinen 
Gummikntippel nachdenklich zwischen Daumen und 
Zeigefinger. Winston begegnete seinem Blick. 



255 



Das Geftihl der Nacktheit, mit seinen hinter dem Kopf 
verschrankten Handen und sein Gesicht und Korper vollig 
ungeschtitzt, war nahezu unertraglich. Der Mann streckte die 
Spitze einer weifien Zunge heraus, leckte tiber die Stelle, wo seine 
Lippen hatten sein sollen, und ging dann weiter. Ein erneutes 
Krachen erfolgte. Jemand hatte den glasernen Briefbeschwerer 
vom Tisch genommen und ihn auf der Kaminplatte in Stticke 
geschlagen. 

Das Korallensttickchen, ein winzigkleiner rosafarbener Ast wie 
ein Zuckerkringel von einer Torte, rollte tiber die Bodenmatte. 
Wie klein, mufite Winston denken, wie klein es doch war! Hinter 
ihm ein Keuchen und ein dumpfer Aufschlag, und er erhielt 
einen heftigen Stofi gegen den Fufiknochel, der ihn beinahe aus 
dem Gleichgewicht warf. Einer der Manner hatte Julia einen 
Faustschlag in die Magengrube versetzt, was sie wie ein 
Taschenmesser zusammenklappen liefi. Sie wand sich am Boden, 
nach Luft ringend. Winston wagte nicht, seinen Kopf auch nur 
um einen Millimeter zu drehen, aber manchmal geriet ihr 
blauliches, atemschnappendes Gesicht in sein Blickfeld. 
Sogar in seiner Herzensangst war es, als konnte er den Schmerz 
am eigenen Leib sptiren, den unertraglichen Schmerz, der 
dennoch weniger vordringlich war als das Ringen nach Luft. Er 
wufite, wie das war: der schreckliche, qualvolle Schmerz, der die 
ganze Zeit da war, dem man aber noch nicht nachgeben konnte, 
denn vor allem anderen mufite man Atem schopfen. 
Dann hoben zwei von den Mannern sie an Knien und Schultern 
hoch und trugen sie wie einen Sack aus dem Zimmer. Winston 
konnte einen fltichtigen Anblick von ihrem Gesicht erhaschen: es 
war verwtistet, gelb und verzerrt, die Augen geschlossen und 
noch immer mit etwas Rouge auf jeder Wange. Das war das 
letzte, was er von ihr sah. 

Er stand unbeweglich da. Noch hatte ihn niemand geschlagen. 
Gedanken, die sich ungewollt einstellten, aber vollig 
uninteressant schienen, begannen ihm durch den Kopf zu 
huschen. Er fragte sich, ob sie auch Herrn Charrington 



256 



festgenommen hatten. Und was hatten sie mit der Frau im Hof 
getan? Er merkte, dafi er dringend Wasser lassen mufite, und war 
ein wenig erstaunt daruber, denn er hatte das erst vor zwei oder 
drei Stunden getan. 

Er bemerkte, dafi die Uhr auf dem Kaminsims auf neun zeigte, 
was soviel bedeuten sollte wie einundzwanzig Uhr. Aber das 
Licht schien zu hell. War es an einem Augustabend um 
einundzwanzig Uhr nicht schon dunkler? Er fragte sich, ob nicht 
am Schlufi er und Julia sich in der Zeit geirrt - einen Tag 
uberschlafen und gedacht hatten, es sei zwanzig Uhr dreifiig, 
wahrend es in Wirklichkeit genau acht Uhr dreifiig am nachsten 
Morgen war. Aber er verfolgte den Gedanken nicht weiter. Es 
war nicht interessant. 

Auf dem Gang naherte sich jetzt ein anderer, leichterer Schritt. 
Herr Charrington kam ins Zimmer. Das Benehmen der 
schwarzuniformierten Manner wurde plotzlich unterwurfiger. 
Auch in Herrn Charringtons Aufierem hatte sich etwas 
verandert. Sein Blick fiel auf die Splitter des glasernen 
Briefbeschwerers. 

»Diese Splitter aufheben!«, sagte er scharf. 

Ein Mann buckte sich, um zu gehorchen. Der Londoner 
Vorstadtakzent war verschwunden; Winston war sich plotzlich 
daruber im Klaren, wessen Stimme es war, die er vor ein paar 
Augenblicken am Televisor gehort hatte. Herr Charrington hatte 
noch immer seine alte Samtjacke an, aber sein Haar, das fast weifi 
gewesen war, hatte sich in Schwarz verwandelt. Auch trug er 
keine Brille. Er warf nur einen einzigen scharfen Blick auf 
Winston, so als stelle er seine Identitat fest, und schenkte ihm 
dann keine Aufmerksamkeit mehr. Er war noch erkennbar, aber 
er war nicht mehr derselbe Mensch. Sein Korper hatte sich 
gestrafft und schien grofier geworden zu sein. Sein Gesicht hatte 
nur geringfugige Veranderungen erfahren, die trotzdem eine 
vollstandige Verwandlung herbeigefuhrt hatten. 
Die schwarzen Augenbrauen waren weniger buschig, die Falten 
verschwunden, die ganze Physiognomie schien sich verandert zu 



257 



haben; sogar die Nase wirkte kurzer. Es war das aufgeweckte, 
kalte Gesicht eines Mannes von etwa funfunddreifiig Jahren. Es 
kam Winston zum Bewusstsein, dafi er zum erstenmal in seinem 
Leben wissentlich einem Mitglied der Gedankenpolizei 
gegenuberstand. 



258 



Dritter Teil 



Erstes Kapitel 



Er wufite nicht, wo er sich befand. Wahrscheinlich war er im 
Ministerium fur Liebe; aber es bestand keine Moglichkeit, sich zu 
vergewissern. 

Er befand sich in einer hohen, fensterlosen Zelle mit Wanden aus 
schimmernden weifien Kacheln. Verborgene Lampen 
durchfluteten sie mit kaltem Licht, und ein leises, standig 
summendes Gerausch war zu horen, von dem er annahm, dafi es 
etwas mit der Luftung zu tun hatte. Eine Bank oder Pritsche, 
gerade breit genug, um darauf zu sitzen, lief rings um die Wand 
und war nur bei der Tur unterbrochen. Am Zellenende, der Tur 
gegenuber, war eine Klosettschussel ohne holzernen Sitz 
angebracht. Ein Televisor war an jeder der vier Wande 
vorhanden. 

Ein dumpfer Schmerz in der Magengegend qualte ihn. Er hatte 
sich von dem Augenblick an bemerkbar gemacht, als man ihn in 
den geschlossenen Gefangniswagen gesteckt und weggefahren 
hatte. Aber er war auch hungrig, er fuhlte einen nagenden, 
krankhaften Hunger. Es mochte vierundzwanzig Stunden her 
sein, seit er zuletzt etwas gegessen hatte - oder auch 
sechsunddreifiig. Er wufite noch immer nicht und wurde es 
vermutlich nie wissen, ob es Morgen oder Abend gewesen war, 
als man ihn festnahm. Seit seiner Verhaftung hatte er nichts mehr 
zu essen bekommen. 

Er safi so unbeweglich da, wie er konnte, mit uber dem Knie 
verschrankten Handen auf der schmalen Bank. Er hatte bereits 
gelernt, still dazusitzen. Machte man unerwartete Bewegungen, 



259 



so wurde man durch den Televisor angeschrien. Aber sein 
Verlangen nach etwas Essbarem wurde immer heftiger. Vor 
allem gelustete ihn nach einem Stuck Brot. Er glaubte sich zu 
erinnern, dafi in der Tasche seines Trainingsanzugs ein paar 
Brotkrumen waren. Er kam auf diesen Gedanken, weil ihn von 
Zeit zu Zeit etwas am Bein zu kitzeln schien - dafi noch ein 
anstandiges Stuck Rinde darin steckte. Schliefilich war sein 
Verlangen, sich davon zu uberzeugen, starker als seine Furcht. Er 
schob seine Hand in die Tasche. 

»Smith!« schrie eine Stimme aus dem Televisor. »6079 Smith W.! 
In der Zelle Hande aus der Tasche !« 

Er safi wieder still da, seine Hande tiber dem Knie verschrankt. 
Bevor man ihn hierher gebracht hatte, war er an einen anderen 
Ort gebracht worden, der ein gewohnliches Gefangnis oder ein 
von den Polizeistreifen benutzter vorubergehender Gewahrsam 
gewesen sein mufite. Er wufite nicht, wie lange er dort gewesen 
war; jedenfalls einige Stunden; ohne Uhr und ohne Tageslicht 
war es schwer, die Zeit abzuschatzen. Es war ein larmender, 
ubelriechender Ort gewesen. Man hatte ihn in eine Zelle gesteckt, 
die der ahnelte, in der er sich jetzt befand, aber grauenhaft 
schmutzig und standig mit zehn bis funfzehn Menschen belegt 
war. 

Die Mehrzahl davon waren gemeine Verbrecher, aber es gab ein 
paar politische Gefangene unter ihnen. Er hatte still gegen die 
Wand gelehnt dagesessen, zwischen schmutzigen Leibern 
herumgestofien, zu sehr mit seiner Angst und seinen 
Leibschmerzen beschaftigt, um grofies Interesse an seiner 
Umgebung zu nehmen. Aber er gewahrte doch den erstaunlichen 
Unterschied im Verhalten gegenuber den Partei-Gefangenen und 
den anderen. 

Die Partei-Gefangenen waren immer stumm und voll Furcht, 
aber die gewohnlichen Gefangenen schienen nichts und 
niemanden zu scheuen. Sie schrien dem Wachpersonal 
Beschimpfungen zu. wehrten sich wutend, wenn ihre Sachen 
beschlagnahmt wurden, schrieben unflatige Worte auf den 



260 



Fufiboden, alien eingeschmuggelte Nahrungsmittel, die sie aus 
geheimnisvollen Verstecken ihrer Kleidung hervorzogen, und 
schrien sogar den Televisor nieder, wenn er die Ordnung 
wiederherzustellen versuchte. Andererseits schienen manche von 
ihnen auf gutem Fufi mit den Wachen zu stehen, nannten sie bei 
Spitznamen und versuchten Zigaretten durch das Guckloch in 
der Tur zu schieben. Die Wachen wiederum behandelten die 
gewohnlichen Gefangenen mit einer gewissen Nachsicht, auch 
wenn sie derb mit ihnen umspringen mufiten. Es wurde viel von 
den Zwangsarbeitslagern geredet, und die meisten Gefangenen 
erwarteten, dorthin verschickt zu werden. 

Es war »ertraglich« in diesen Lagern, reimte er sich zusammen, 
solange man gute Beziehungen hatte und den ganzen Rummel 
kannte. Es herrschte dort Bestechung, Bevorzugung und 
organisiertes Verbrechertum aller Art, es gab Homosexualitat 
und Prostitution, es gab sogar aus Kartoffeln heimlich 
gebrannten Schnaps. Die Vertrauensposten bekamen nur die 
gewohnlichen Verbrecher, besonders Gewaltverbrecher und 
Morder. Alle schmutzigen Arbeiten wurden von den Politischen 
verrichtet. 

Es war ein dauerndes Kommen und Gehen von Gefangenen aller 
Art: von Rauschgifthandlern, Dieben, Strafienraubern, 
Schwarzhandlern, Trunkenbolden, Prostituierten. Manche von 
den Betrunkenen waren so 

aufier Rand und Band, dafi die anderen Gefangenen sich 
zusammentun mufiten, um sie zu uberwaltigen. Ein riesiges 
Wrack von einem Weib, etwa sechzigjahrig, mit grofien 
Hangebrusten und dicken, aufgerollten weifien Haarlocken, die 
bei ihrem Kampf aufgegangen waren, wurde, mit Fufien und 
Handen um sich schlagend und schreiend, von vier Wachen 
hereingetragen, die sie jeder an einem Ende festhielten. Sie rissen 
ihr die Schuhe herunter, mit denen sie ihnen Tritte zu versetzen 
versuchte, und schleuderten sie Winston in den Schofi, so dafi 
ihm fast die Schenkelknochen brachen. Die Frau rappelte sich 
hoch und schrie ihnen »Verfluchte Sauhunde!« nach. Dann, als 



261 



sie merkte, dafi sie auf etwas Unebenem safi, rutschte sie von 

Winstons Knien herunter auf die Bank. 

»Verzeihung, mein Schatz«, sagte sie. »Ich hatte mich nicht auf 

Sie gesetzt, aber die Kerls schmissen mich da hin. Sie wissen 

nicht, wie man eine Dame behandelt.« Sie brach ab, tatschelte 

ihre Brust und rulpste. 

»Verzeihung«, sagte sie, »ich hab' noch nicht alle Sinne 

beieinander.« 

Sie beugte sich vor und erbrach sich ausgiebig auf den Fufiboden. 

»So ist's besser«, sagte sie und lehnte sich mit geschlossenen 

Augen zuruck. »Nie es drunten lassen, sag' ich immer. Raus 

damit, solange es noch frisch im Magen ist.« 

Sie kam wieder zu sich, drehte sich um, um nochmals einen Blick 

auf Winston zu werfen, und schien sofort eine Vorliebe fur ihn zu 

fassen. Sie legte einen dicken Arm um seine Schulter und zog ihn 

naher zu sich, wobei sie ihm Bierdunst und den Geruch von 

Erbrochenem ins Gesicht atmete. 

»Wie heifit du, Schatz?« sagte sie. 

»Smith«, antwortete Winston. 

»Smith?« sagte die Frau. »Das is' komisch. Ich heifie auch Smith. 

Denk mal«, fugte sie sentimental hinzu, »ich konnte deine Mutter 

sein.« 

Ja, dachte Winston, sie konnte seine Mutter sein. Sie war 

ungefahr im gleichen Alter und von entsprechender 

Korpergrofie, und es war wahrscheinlich, dafi sich die Menschen 

nach zwanzig Jahren in einem Zwangsarbeitslager einigermafien 

veranderten. 

Sonst hatte niemand mit ihm gesprochen. In erstaunlichem Mafie 

ignorierten die gewohnlichen Verbrecher die Partei-Haftlinge. 

»Die Politischen« nannten sie sie mit einer Art uninteressierter 

Verachtung. Die Partei-Haftlinge schienen Angst zu haben, mit 

jemand zu sprechen, und vor allem, miteinander zu sprechen. 

Nur einmal, als zwei Parteiangehorige, beides Frauen, auf der 

Bank eng aneinander gepresst wurden, horte er zufallig in dem 

allgemeinen Stimmengewirr ein paar hastig geflusterte Worte, 



262 



und zwar war es eine Anspielung auf etwas, das als »Zimmer 
eins-null-eins« bezeichnet wurde, was er nicht verstand. 
Es mochte zwei oder drei Stunden her sein, dafi man ihn hierher 
gebracht hatte. Der dumpfe Schmerz in seinem Magen horte 
nicht auf, aber manchmal wurde es besser und dann wieder 
schlimmer, und seine Gedanken waren je nachdem in die weitere 
Zukunft oder nur auf den Augenblick gerichtet. 
Wenn er schlimmer wurde, dachte er nur an den Schmerz und an 
sein Verlangen nach Essen. Liefi er nach, so befiel ihn eine Panik. 
Es gab Augenblicke, in denen er die Dinge, die mit ihm 
geschehen wurden, mit solcher Deutlichkeit voraussah, dafi sein 
Herz raste und sein Atem stockte. Er fuhlte die Schlage von 
Gummiknuppeln auf seinen schutzend erhobenen Armen und 
eisenbeschlagene Stiefel gegen seine Schienbeine. Er sah sich auf 
dem Fufiboden herumkriechen und zwischen eingeschlagenen 
Zahnen hervor um Gnade flehen. 

An Julia dachte er kaum. Er konnte sein Denken nicht auf sie 
konzentrieren. Er liebte sie und wurde sie nicht verraten; aber 
das war nur eine Tatsache, die ihm so vertraut war wie die 
Regeln der Arithmetik. Er empfand keine Liebe fur sie, und er 
fragte sich sogar kaum, was wohl mit ihr geschah. Haufiger 
dachte er an O'Brien, und zwar mit einer flackernden Hoffnung. 
O'Brien mufite wissen, dafi er verhaftet worden war. 
Die Bruderschaft, hatte er gesagt, versuchte nie, ihre Mitglieder 
zu retten. Aber da war die Rasierklinge; sie wurden die 
Rasierklinge schicken, wenn sie konnten. Er wurde ungefahr ftinf 
Sekunden Zeit haben, ehe die Wachen in die Zelle hereinsturmen 
konnten. Die Klinge wurde mit schneidender Kalte in ihn 
eindringen, und sogar die Finger, die sie hielten, wurden bis auf 
den Knochen durchgeschnitten werden. Alles hing von seinem 
hinfalligen Korper ab, der zitternd vor dem kleinsten Schmerz 
zuruckschreckte. 

Er war nicht sicher, ob er die Rasierklinge benutzen wurde, sogar 
wenn sich ihm die Moglichkeit bot. Es war naturlicher, von 
einem Augenblick auf den anderen zu leben, weitere zehn 



263 



Minuten Leben mit der Gewifiheit hinzunehmen, dafi ihn am 
Ende die Folterung erwartete. 

Manchmal versuchte er, die Porzellankacheln an den Wanden 
der Zelle zu zahlen. Es mufite ganz leicht sein, aber er verzahlte 
sich immer wieder an der einen oder anderen Stelle. Noch offer 
fragte er sich, wo er sich wohl befand und welche Tageszeit es 
war. In dem einen Augenblick hatte er das sichere Gefuhl, 
draufien sei heller Tag, im nachsten war er ebenso sicher, dafi 
stockfinstere Dunkelheit herrschte. Hier an diesem Ort, wufite er 
instinktiv, wurde nie die kunstliche Beleuchtung ausgeschaltet. 
Es war der Ort, an dem es keine Dunkelheit gab: Er erkannte 
jetzt, warum O'Brien die Anspielung verstanden zu haben schien. 
Im Ministerium fur Liebe gab es keine Fenster. Seine Zelle konnte 
im Innersten des Gebaudes gelegen sein oder hinter seiner 
Aufienmauer, zehn Stockwerke unter dem Erdboden oder dreifiig 
daruber. Er versetzte sich im Geist von Ort zu Ort und versuchte 
gefuhlsmafiig zu entscheiden, ob er sich hoch droben in der Luft 
befand oder tief unter der Erde begraben war. 
Von draufien kam das Drohnen marschierender Stiefel. Die 
Stahltur offnete sich mit einem Klirren. Ein junger Offizier, eine 
schmucke schwarzuniformierte Gestalt, die von Kopf bis Fufi von 
poliertem Leder zu glanzen schien und deren bleiches, streng 
geschnittenes Gesicht wie eine Wachsmaske war, trat forsch 
durch den Tureingang. Er gab den draufien stehenden Wachen 
ein Zeichen, den von ihnen gefuhrten Gefangenen 
hereinzubringen. Der Dichter Ampleforth torkelte in die Zelle. 
Die Tur schlofi sich klirrend wieder. 

Ampleforth machte ein paar unsichere Bewegungen von einer 
Seite zur anderen, so als schwebe ihm etwas von einer anderen 
Tur vor, durch die er hinaus musse. Dann begann er in der Zelle 
hin und her zu gehen. Er hatte Winstons Anwesenheit noch nicht 
bemerkt. Seine verwirrten Augen starrten etwa einen Meter tiber 
Winstons Kopfhohe auf die Wand. Er war ohne Schuhe; grofie 
schmutzige Zehen lugten aus den Lochern in seinen Socken 
hervor. Auch war er seit mehreren Tagen nicht mehr rasiert. Ein 



264 



struppiger Bart bedeckte sein Gesicht und verlieh ihm das 

Aussehen eines Strafienraubers, das schlecht zu seinem 

aufgeschossenen zarten Korper und seinen nervosen 

Bewegungen pafite. 

Winston richtete sich ein wenig aus seiner Lethargie hoch. Er 

mufite mit Ampleforth sprechen und es auf sich nehmen, durch 

den Televisor angebrullt zu werden. Es war sogar denkbar, dafi 

Ampleforth der Bote mit der Rasierklinge war. 

»Ampleforth«, sagte er. Aus dem Televisor erfolgte kein 

Anbrullen. Ampleforth blieb ein wenig verblufft stehen. Seine 

Augen richteten sich langsam auf Winston. 

»Ach, Smith!« sagte er. »Sie auch!« 

»Weswegen sind Sie hier?« 

»Um Ihnen die Wahrheit zu sagen...« Er setzte sich linkisch 

Winston gegenuber auf die Bank. »Es gibt nur ein Verbrechen - 

oder nicht?« sagte er. 

»Und haben Sie es begangen?« 

»Offenbar ja.« Er legte eine Hand an seine Stirn und presste einen 

Augenblick seine Schlafen, so als versuche er sich an etwas zu 

erinnern. 

»Diese Dinge passieren eben«, begann er unbestimmt. »Es ist mir 

gelungen, mir einen Fall ins Gedachtnis zuruckzurufen - einen 

moglichen Fall. Es war zweifellos eine Unklugheit. Wir stellten 

eine definitive Ausgabe der Gedichte Kiplings zusammen. 

Ich liefi das Wort >Gott< am Ende einer Verszeile stehen. Ich 

konnte nicht anders!« fugte er nahezu ungehalten hinzu, indem 

er das Gesicht hob, um Winston anzusehen. »Es war einfach 

unmoglich, die Verszeile zu andern. Der Reim endete mit >Trott<. 

Wissen Sie, dafi es in unserer ganzen Sprache nur aufierst wenige 

Reime auf >Trott< gibt? Tagelang zerbrach ich mir den Kopf. Es 

gab einfach keinen anderen Reim.« 

Sein Gesichtsausdruck anderte sich. Der Arger verschwand 

daraus, und einen Augenblick sah er fast zufrieden aus. Eine Art 

geistiger Hochstimmung, die Freude des Pedanten, der eine 



265 



nutzlose Tatsache entdeckt hat, leuchtete durch den Schmutz und 

das Haargestrupp. 

»Ist Ihnen jemals in den Sinn gekommen«, sagte er, »dafi die 

ganze Entwicklung der englischen Dichtkunst durch die Tatsache 

bestimmt wurde, dafi es in der englischen Sprache nicht genug 

Reime gibt?« 

Nein, dieser besondere Gedanke war Winston nie gekommen. 

Auch kam er ihm, unter den gegebenen Umstanden, nicht sehr 

wichtig oder interessant vor. 

»Wissen Sie, was fur eine Tageszeit es ist?« fragte er. 

Ampleforth machte wieder ein erschrockenes Gesicht. »Ich habe 

noch kaum daruber nachgedacht. Man verhaftete mich - es kann 

zwei, vielleicht drei Tage her sein.« 

Seine Blicke huschten tiber die Wande, so als hoffe er halbwegs, 

irgendwo ein Fenster zu finden. »Hier an diesem Ort besteht kein 

Unterschied zwischen Tag und Nacht. Ich kann mir nicht 

vorstellen, wie man die Zeit berechnen konnte.« 

Ein paar Minuten unterhielten sie sich oberflachlich, dann, ohne 

offensichtlichen Grand, gebot ihnen ein Befehl aus dem Televisor 

Schweigen. Winston safi still da, mit ubereinandergelegten 

Handen. Ampleforth, der zu grofi war, um bequem auf der 

schmalen Bank sitzen zu konnen, rutschte zappelig von einer 

Seite auf die andere, verschrankte seine langen Hande erst um 

das eine Knie, dann um das andere. Der Televisor raunzte ihn an, 

sich ruhig zu verhalten. Die Zeit verstrich. Zwanzig Minuten, 

eine Stunde - es war schwer zu beurteilen. Wieder erklang 

draufien das Gerausch von Schritten. Winstons Eingeweide 

zogen sich zusammen. Bald, sehr bald, vielleicht in ftinf Minuten, 

vielleicht jetzt, wurde das Stiefelgetrampel bedeuten, dafi die 

Reihe an ihn gekommen war. 

Die Tur offnete sich. Der junge Offizier mit dem kalten Gesicht 

trat in die Zelle. Mit einer kurzen Handbewegung deutete er auf 

Ampleforth. 

»Zimmer 101 !«, sagte er. 



266 



Ampleforth schritt schwerfallig zwischen den Wachen hinaus, 
sein Gesicht war ein wenig beunruhigt, jedoch ohne zu begreifen. 
Eine scheinbar lange Zeit verstrich. Der Schmerz in Winstons 
Bauch war wieder erwacht. 

Sein Denken kreiste rund und rund um dieselbe Bahn, wie eine 
Kugel, die immer wieder in die gleiche Reihe von Lochern fallt. 
Er kannte nur sechs Gedanken: Seine Leibschmerzen; ein Stuck 
Brot; das Blut und das Wehgeschrei; O'Brien; Julia; die 
Rasierklinge. Seine Eingeweide krampften sich erneut 
zusammen; die schweren Stiefel naherten sich. Als die Tur 
aufging, wehte der von ihr hervorgerufene Luftzug einen 
durchdringenden kalten Schweifigeruch herein. Parsons trat in 
die Zelle. Er hatte eine kurze Khakihose und ein Sporthemd an. 
Diesmal war Winston so verblufft, dafi er alle Vorsicht vergafi. 
»Sie hier!« sagte er. 

Parsons warf Winston einen Blick zu, aus dem weder Teilnahme 
noch Erstaunen, sondern nur Jammer sprach. Er begann mit 
ruckhaften Bewegungen hin und her zu gehen, offensichtlich 
unfahig, sich ruhig zu verhalten. Jedesmal, wenn er seine 
plumpen Knie durchdruckte, sah man, dafi sie zitterten. Seine 
Augen hatten einen aufgerissenen, starren Blick, so als konnte er 
sich nicht enthalten, nach etwas in der naheren Umgebung zu 
stieren. 

»Weswegen sind Sie hier?« fragte Winston. 

»Gedankenverbrechen!« sagte Parsons, fast unter Schluchzen. 
Der Ton seiner Stimme druckte gleichzeitig ein vollstandiges 
Eingestandnis seiner Schuld als auch eine Art unglaubigen 
Entsetzens aus, dafi ein solches Wort uberhaupt auf ihn 
Anwendung finden konnte. 

Er blieb vor Winston stehen und begann sich eifrig bei ihm zu 
beschweren: »Sie glauben doch nicht, dafi sie mich erschiefien 
werden, nicht wahr, alter Junge? Sie erschiefien einen doch nicht, 
wenn man nicht wirklich etwas verbrochen hat - sondern nur in 
Gedanken, wofur man nichts kann? Ich weifi, dafi sie einem ein 
anstandiges Verhor gewahren. Ach, darin habe ich voiles 



267 



Vertrauen zu ihnen! Sie werden ja meinen Personalakt kennen. 

Sie wissen, was fur ein Mensch ich war. Auf meine Art kein 

schlechter Kerl. Kein sehr grofies Licht freilich, aber beflissen. Ich 

habe mein Bestes fur die Partei zu tun versucht, das hab' ich 

doch, nicht wahr? Ich werde mit ftinf Jahren davonkommen, 

glauben Sie nicht? Oder auch mit zehn Jahren? Ein Mann wie ich 

konnte sich in einem Arbeitslager sehr nutzlich machen. Sie 

werden mich doch nicht erschiefien, nur weil ich einmal entgleist 

bin?« 

»Sind Sie schuldig?« fragte Winston. 

»Naturlich bin ich schuldig!« schrie Parsons mit einem 

kriecherischen Seitenblick nach dem Televisor. 

»Sie glauben doch nicht, dafi die Partei einen unschuldigen 

Menschen verhaften wurde?« Sein Froschgesicht wurde ruhiger 

und nahm sogar einen ein wenig scheinheiligen Ausdruck an. 

»Gedankenverbrechen ist etwas Schreckliches, alter Junge«, sagte 

er salbungsvoll. »Es ist etwas Heimtuckisches. Es kann einen 

uberkommen, sogar ohne dafi man es weifi. Wissen Sie, wie es 

mich uberkommen hat? Im Schlaf! Ja, das ist Tatsache. Da war 

ich, plagte mich, versuchte das meinige zu leisten - und hatte 

keine Ahnung, dafi ich uberhaupt je etwas Boses im Kopf hatte. 

Und dann fing ich an, im Schlaf zu sprechen. Wissen Sie, was 

man mich sagen horte?« 

Er senkte die Stimme wie jemand, der aus arztlichen Grunden 

gezwungen ist, eine Unschicklichkeit auszusprechen. 

»>Nieder mit dem Grofien Bruder!< Ja, das sagte ich! Sagte es 

immer wieder, wie es scheint. Unter uns, alter Junge, ich bin froh, 

dafi man mich ertappt hat, ehe es weiterging. Wissen Sie, was ich 

sagen werde, 

wenn ich vor Gericht stehe? >Danke euch<, werde ich sagen, 

>danke euch, dafi ihr mich gerettet habt, ehe es zu spat war.<« 

»Wer hat Sie angezeigt?« fragte Winston. 

»Es war mein Tochterchen«, sagte Parsons mit einer Art von 

betrubtem Stolz. »Sie lauschte am Schlusselloch. Horte, was ich 

sagte, und gleich am nachsten Tag lief sie zu den Streifen. 



268 



Allerhand tuchtig fur einen Dreikasehoch von sieben Jahren, he? 

Ich hege deshalb keinen Groll gegen sie. Tatsachlich bin ich stolz 

auf sie. Es beweist jedenfalls, dafi ich sie in dem richtigen Geist 

erzogen habe.« 

Er ging noch ein paar Mai erregt hin und her, wobei er mehrmals 

einen sehnsuchtigen Blick auf die Klosettschussel warf. Dann 

streifte er plotzlich seine kurze Hose herunter. 

»Entschuldigen Sie, alter Junge«, sagte er. »Ich kann's nicht mehr 

aushallen. Schuld ist das ewige Warten.« 

Er pflanzte seinen dicken Hintern auf die Klosettschussel. 

Winston bedeckte sein Gesicht mit den Handen. 

»Smith!« schrie die Stimme vom Televisor. »6079 Smith W.! 

Hande vom Gesicht. In den Zellen gibt es keine bedeckten 

Gesichter.« 

Winston liefi die Hande sinken. Parsons benutzte den Abtritt 

gerauschvoll und ausgiebig. Es stellte sich dann heraus, dafi die 

Spiilung kaputt war, und die Zelle stank noch stundenlang 

nachher abscheulich. 

Parsons wurde abgefuhrt. Neue Gefangene kamen und gingen in 

geheimnisvoller Weise. Einmal wurde eine Frau nach »Zimmer 

101« beordert und schien, wie Winston wahrnahm, ohnmachtig 

zu werden und sich zu verfarben, als sie die Worte horte. Es kam 

eine Zeit, zu der es, wenn es Morgen gewesen war, als er hierher 

gebracht wurde, jetzt Nachmittag sein mufite. 

Es befanden sich sechs Gefangene in der Zelle, Manner und 

Frauen. Alle safien sehr still da. Winston gegenuber safi ein Mann 

mit einem kinnlosen Gesicht mit vorstehenden Schneidezahnen, 

das genau wie das eines grofien harmlosen Nagetiers aussah. 

Seine dicken, fleckigen Backen bildeten nach unten solche 

Taschen, dafi es einem schwer fiel, nicht zu glauben, er habe dort 

keine Speisevorrate versteckt. Seine hellgrauen Augen huschten 

angstlich von einem Gesicht zum anderen und wandten sich 

rasch wieder ab, wenn er jemandes Blick begegnete. 



269 



Die Tur offnete sich, und ein anderer Gefangener wurde 
hereingebracht, dessen ganze Erscheinung Winston ein 
augenblickliches Frosteln verursachte. 

Er war ein alltaglicher, unbedeutend aussehender Mann, der ein 
Ingenieur oder sonst ein Techniker hatte sein konnen. Aber das 
Erschreckende war die Abzehrung seines Gesichts. Es war wie 
ein Totenschadel. Infolge seiner Magerkeit sahen der Mund und 
die Augen unverhaltnismafiig grofi aus, und die Augen schienen 
von einem morderischen, unversohnlichen Hass gegen jemand 
oder etwas erfullt. 

Der Mann setzte sich ein kleines Stuck weit von Winston entfernt 
auf die Bank. Winston sah ihn nicht mehr an, doch das gequalte, 
totenkopfartige Gesicht schwebte ihm in Gedanken so deutlich 
vor, als hatte er es gerade vor Augen gehabt. Plotzlich merkte er, 
was los war. Der Mann starb vor Hunger. Der gleiche Gedanke 
schien fast gleichzeitig jedem in der Zelle zu kommen. Rings um 
die Bank regte sich eine ganz leise Emporung. 
Die Blicke des kinnlosen Mannes huschten dauernd hinuber zu 
dem Mann mit dem Totenschadelgesicht, wandten sich 
schuldbewufit weg und wurden von einem unwiderstehlichen 
Zwang wieder angezogen. Jetzt begann er unruhig auf seinem 
Sitz hin und her zu rutschen. Endlich stand er auf, schwankte 
schwerfallig hinuber durch die Zelle, steckte die Hand tief in die 
Tasche seines Trainingsanzugs und hielt dem Mann mit dem 
Totenschadelgesicht verlegen ein verschmutztes Stuckchen Brot 
hin. 

Ein wutendes, ohrenbetaubendes Gebriill kam aus dem 
Televisor. Der kinnlose Mann sprang zuruck. Der Mann mit dem 
Totenschadelgesicht hatte rasch die Hande auf den Rucken 
gelegt, so, als wollte er der ganzen Welt vor Augen fuhren, dafi er 
die Gabe zuruckwies. 

»Bumstead!« brullte die Stimme. »2713 Bumstead J.! Lassen Sie 
das Stuck Brot fallen!« Der kinnlose Mann warf das Stuck Brot 
auf den Boden. 



270 



»Bleiben Sie stehen, wo Sie sind«, sagte die Stimme. »Gesicht zur 
Tur. Ruhren Sie sich nicht.« 

Der kinnlose Mann gehorchte. Seine grofien Hangebacken 
zitterten unbeherrscht. Die Tur sprang klirrend auf . Als der junge 
Offizier hereinkam und beiseite trat, tauchte hinter ihm ein 
kleiner untersetzter Wachmann mit riesigen Armen und 
Schultern auf. Er nahm vor dem kinnlosen Mann Aufstellung, 
und dann, auf ein Zeichen des Offiziers hin, landete er einen 
furchtbaren Faustschlag mit Unterstutzung der ganzen Wucht 
seines Korpergewichts gerade auf den Mund des kinnlosen 
Mannes. Die Gewalt des Hiebes schien ihn fast vom Boden zu 
lupfen. Sein Korper wurde durch die Zelle geschleudert und von 
dem Klosettbecken aufgehalten. Einen Augenblick lag er wie 
betaubt da, wahrend dunkles Blut aus seinem Mund und seiner 
Nase sickerte. Ein ganz leises Wimmern oder Winseln, das 
unbewusst zu sein schien, entrang sich ihm. Dann rollte er auf 
die Seite und richtete sich unsicher auf Hande und Knie auf. 
Unter einem Strom von Blut und Speichel fielen die beiden 
Halften einer Gebifiplatte aus seinem Mund. Die Gefangenen 
safien ganz still, ihre Hande tiber den Knien verschrankt. 
Der kinnlose Mann kletterte auf seinen Platz zuruck. Sein Mund 
war zu einer formlosen kirschroten Masse mit einem schwarzen 
Loch in der Mitte geschwollen. Von Zeit zu Zeit tropfte ein wenig 
Blut auf die Brust seines Trainingsanzugs. Seine grauen Augen 
huschten noch immer von Gesicht zu Gesicht, schuldbewusster 
denn je, so, als wollte er herausfinden, wie sehr ihn die anderen 
wegen seiner Erniedrigung verachteten. 

Die Tur offnete sich. Mit einem kleinen Wink bezeichnete der 
Offizier den Mann mit dem Totenschadelgesicht. 
»Zimmer 101«, sagte er. Neben Winston war ein keuchendes 
Atmen zu horen, und eine Aufregung entstand. Der Mann hatte 
sich auf die Knie geworfen und hob die gefalteten Hande. 
»Genosse! Herr Offizier!« schrie er. »Sie brauchen mich nicht 
dorthin zu bringen. Hab' ich euch nicht bereits alles gesagt? Was 
wollt ihr noch wissen? Es gibt nichts, was ich nicht gestehen 



271 



wurde, nichts! Sagen Sie mir, was es sein soil, und ich gestehe es 

auf der Stelle. Schreiben Sie es nieder, und ich unterschreibe - 

alles! Nur nicht Zimmer 101 !« 

»Zimmer 101«, sagte der Offizier tonlos. Das schon sehr bleiche 

Gesicht des Mannes nahm eine Farbe an, die Winston nicht fur 

moglich gehalten hatte. Es war deutlich, unmissverstandlich eine 

Schattierung von Grtin. 

»Machen Sie alles mit mir!« schrie er. »Ihr habt mich seit Wochen 

hungern lassen. Macht weiter damit und lafit mich sterben. 

Erschiefit mich. Hangt mich auf. Verurteilt mich zu 

funfundzwanzig Jahren. 

1st sonst noch jemand da, den ich angeben soil? Sagt nur, wer es 

ist, und ich sage alles aus, was ihr wollt. Es ist mir gleich, wer es 

ist oder was ihr mit ihm anfangt. Ich habe eine Frau und drei 

Kinder. Das grofite davon ist noch keine sechs Jahre alt. Ihr konnt 

sie alle nehmen und ihnen vor meinen Augen die Gurgeln 

abschneiden, und ich will dabeistehen und zuschauen. Aber nicht 

Zimmer 101 !« 

»Zimmer 101 !« sagte der Offizier. Der Mann blickte aufier sich 

rundum die anderen Gefangenen an, so, als schwebe ihm der 

Gedanke vor, 

ein anderes Opfer an seine Stelle setzen zu konnen. Seine Augen 

blieben an dem zerschlagenen Gesicht des kinnlosen Mannes 

haften. Er reckte einen mageren Arm. 

»Den da solltet ihr nehmen, nicht mich!« rief er. »Sie haben nicht 

gehort, was er gesagt hat, nachdem man ihm das Gesicht 

zerschlagen hat. Geben Sie mir die Moglichkeit, und ich 

wiederhole Ihnen jedes Wort davon. Er ist es, der gegen die 

Partei ist, nicht ich.« 

Die Wachen traten vor. Die Stimme des Mannes steigerte sich zu 

einem Schreien. »Sie haben ihn nicht gehort!« wiederholte er. 

»Etwas am Televisor war nicht in Ordnung. Er ist der, den Sie 

wollen. Nehmen Sie ihn, nicht mich.« 

Die zwei stammigen Wachleute waren stehen geblieben, um ihn 

an den Armen zu ergreifen. Aber gerade in diesem Augenblick 



272 



warf er sich auf den Boden der Zelle und umklammerte eines der 
eisernen Beine der Bank. Er hatte ein wortloses Geheul 
angestimmt, wie ein Tier. Die Wachen griffen zu und versuchten 
ihn loszureifien, aber er hielt sich mit erstaunlicher Kraft fest. 
Vielleicht zwanzig Sekunden lang zerrten sie an ihm. Die 
Gefangenen safien still da, die Hande auf ihren Knien gefaltet, 
und blickten geradeaus vor sich hin. Das Geheul horte auf; der 
Mann hatte keinen Atem mehr ubrig, aufier um sich festzuhalten. 
Dann ertonte eine andere Art von Schrei. Ein Tritt von dem 
Stiefel eines Wachmannes hatte die Finger seiner einen Hand 
gebrochen. Sie stellten ihn auf die Beine. 
»Zimmer 101 !«, sagte der Offizier. 

Der Mann wurde hinausgefuhrt. Er ging schwankend, sein Kopf 
war vornuber gesunken, so leckte er an seiner zermalmten Hand; 
sein Kampfgeist war gebrochen. Eine lange Zeit verging. Wenn es 
Mitternacht gewesen war, als der Mann mit dem 
Totenschadelgesicht abgefuhrt wurde, dann war es jetzt Morgen. 
War es aber Morgen gewesen, dann war es jetzt Nachmittag. 
Winston war allein und war seit Stunden allein gewesen. Es war 
eine solche Qual, auf der schmalen Bank zu sitzen, dafi er oft 
aufstand und umherging, ohne aus dem Televisor angeschrieen 
zu werden. Das Stuck Brot lag noch immer dort, wo der kinnlose 
Mann es hingeworfen hatte. Anfangs kostete es eine harte 
Anstrengung, nicht darauf hinzublicken, aber nun wich der 
Hunger dem Durst. Sein Mund war klebrig, und er empfand 
einen schlechten Geschmack. 

Das summende Gerausch und das unveranderte weifie Licht 
verursachten eine Art von Ohnmacht, ein Gefuhl der Leere in 
seinem Kopf. Er stand auf, weil der Schmerz in seinen Knochen 
nicht mehr ertraglich war, um sich dann sofort wieder 
hinzusetzen, weil er zu schwindlig war, um sicher auf den Fufien 
zu stehen. Sobald er sich ein wenig in der Gewalt hatte, befiel ihn 
wieder die Angst. Manchmal dachte er mit einer schwachen 
Hoffnung an O'Brien und die Rasierklinge. Es war denkbar, dafi 
die Rasierklinge in seinem Essen versteckt kam, wenn er 



273 



uberhaupt jemals etwas zu essen erhielt. Unbestimmter dachte er 
an Julia. 

Irgendwo litt sie, vielleicht noch schlimmer als er. Sie schrie 
vielleicht in diesem Augenblick vor Schmerz. Er dachte: »Wenn 
ich Julia dadurch retten konnte, dafi ich meine eigene Qual 
verdoppele, wurde ich es tun? Ja, ich tate es.« 
Aber das war nur ein verstandesmafiiger Entschluss, den er in 
dem Bewusstsein fafite, dafi er es tun sollte. Er empfand ihn 
nicht. Hier, an diesem Ort, konnte man nichts empfinden, aufier 
Qual und dem Vorauswissen der Qual. War es aufierdem 
moglich, aus welchem Grund auch immer zu wunschen, der 
eigene Schmerz moge sich vergrofiern, wenn man ihn auch 
wirklich erlitt? Aber diese Frage war noch nicht beantwortbar. 
Wieder naherten sich Stiefel. Die Tur offnete sich. O'Brien kam 
herein. Winston starrte auf seine Fufie. Der Schreck des Anblicks 
liefi ihn alle Vorsicht aufier Acht lassen. Zum erstenmal seit 
vielen Jahren vergafi er, dafi ein Televisor da war. 
»Sie haben auch Sie erwischt!« rief er. 

»Sie erwischten mich schon vor geraumer Zeit«, sagte O'Brien mit 
einer sanften, fast bedauernden Ironie. 

Er trat beiseite, hinter ihm trat ein breitbrustiger Wachmann mit 
einem langen schwarzen Gummiknuppel in der Hand hervor. Ja, 
erkannte er jetzt, er hatte es immer gewufit. Aber jetzt war keine 
Zeit, daran zu denken. Alles, wofur er Augen hatte, war der 
Gummiknuppel in der Hand des Wachsoldaten. Er konnte 
uberallhin treffen: auf den Scheitel, die Ohrspitze, den Oberarm, 
den Ellbogen. Den Ellbogen! 

Er war, fast gelahmt, auf die Knie gesunken, wahrend er mit 
seiner anderen Hand den getroffenen Ellbogen umklammerte. 
Alles war zu gelbem Licht explodiert. Unfafilich, einfach 
unfafilich, dafi ein Schlag solchen Schmerz verursachen konnte! 
Es wurde lichter, und er konnte die beiden anderen sehen, wie sie 
auf ihn herabblickten. Der Wachmann lachte tiber seine 
Verkrummungen. Eine Frage jedenf alls war beantwortet. Nie, aus 
keinem Grunde der Welt, konnte man eine Vergrofierung des 



274 



Schmerzes wunschen. Von dem Schmerz konnte man nur eines 
hoffen: namlich, dafi er aufhorte. 

Nichts auf der Welt war so schlimm wie korperlicher Schmerz. 
Angesichts des Schmerzes gibt es keine Helden. Es gibt es keine 
Helden, dachte er wieder und immer wieder, wahrend er sich auf 
dem Boden wand und vergeblich seinen kraftlos 
herunterbaumelnden Arm streichelte. 



Zweites Kapitel 



Er lag auf etwas, das sich wie ein Feldbett anfuhlte, aufier dafi es 
hoher vom Boden entfernt und dafi er auf irgendeine Weise 
darauf gefesselt war, so dafi er sich nicht ruhren konnte. Licht, 
das starker als gewohnlich schien, fiel auf sein Gesicht. O'Brien 
stand neben ihm und blickte gespannt auf ihn herab. An der 
anderen Seite stand ein Mann in einem weifien Mantel, eine 
Injektionsspritze in der Hand. 

Sogar nachdem er die Augen geoffnet hatte, nahm er seine 
Umgebung nur allmahlich in sich auf. Er hatte den Eindruck, in 
dieses Zimmer aus einer ganz anderen Welt, einer Art von tief 
unter ihr gelegenen Unterwasserwelt, empor zutauchen. Wie 
lange er dort unten gewesen war, wufite er nicht. Seit dem 
Augenblick seiner Festnahme hatte er weder Dunkelheit noch 
Tageslicht zu sehen bekommen. Aufierdem waren seine 
Erinnerungen unzusammenhangend. Es hatte Zeitspannen 
gegeben, in denen das Bewusstsein - sogar die Art von 
Bewusstsein, die man im Schlaf hat - vollkommen ausgeschaltet 
gewesen war und sich nach einer Zwischenpause der Leere 
wieder eingeschaltet hatte. Aber ob diese Zwischenpausen Tage 
oder Wochen oder nur Sekunden wahrten, konnte er nicht sagen. 
Mit jenem ersten Schlag auf den Ellbogen hatte der Alptraum 



275 



begonnen. Erst spater sollte er erfahren, dafi alles, was damals 
geschah, lediglich ein Vorspiel, ein Schabloneverhor war, dem 
fast alle Gefangenen unterworfen wurden. Es gab eine lange 
Reihe von Verbrechen - Spionage, Sabotage und dergleichen -, 
deren sich jeder von Anfang an schuldig bekennen mufite. Das 
Gestandnis war eine Formalitat, wenn auch die Folterung echt 
war. Wie oft er geschlagen worden war, wie lange die Prugeleien 
fortgesetzt wurden, konnte er sich nicht erinnern. 
Immer fielen ftinf oder sechs Manner in schwarzen Uniformen 
gleichzeitig tiber ihn her. Manchmal bearbeiteten sie ihn mit den 
Fausten, manchmal mit Gummiknuppeln, dann wieder mit 
Stahlruten oder mit den Stiefeln. Es gab Zeiten, wo er sich auf 
dem Boden herumwalzte, schamlos wie ein Tier, seinen Korper 
hierhin und dorthin duckte in einem endlosen, hoffnungslosen 
Bemuhen, den Fufitritten auszuweichen, und damit nur mehr 
und immer noch mehr Fufitritte in seine Rippen, seinen Bauch, 
auf seine Ellbogen, gegen seine Schienbeine, in seine Hoden, auf 
sein Steifibein herausforderte. Es gab Zeiten, in denen es weiter 
und immer weiter ging, bis ihm nicht das grausam, verrucht und 
unverzeihlich erschien, dafi die Wachen nicht abliefien, ihn zu 
schlagen, sondern dafi er sich nicht dazu zwingen konnte, das 
Bewusstsein zu verlieren. 

Es gab Zeiten, in denen ihn der Mut so im Stich liefi, dafi er sogar 
schon vor Beginn der Prugelei um Gnade zu schreien anting, in 
denen allein schon der Anblick einer zum Schlag erhobenen 
Faust genugte, um ihn ein Gestandnis wirklicher und erfundener 
Verbrechen hervorsprudeln zu lassen. Es gab andere Zeiten, wo 
er sich vornahm, nichts zu gestehen, so dafi jedes Wort zwischen 
Schmerzgekeuche aus ihm herausgepresst werden mufite, und es 
gab Zeiten, wo er jammerlich einen Kompromifi zu schliefien 
versuchte, in dem er zu sich selbst sagte: »Ich will gestehen, aber 
noch nicht gleich. Ich mufi so lange standhalten, bis der Schmerz 
unertraglich wird. Noch drei Schlage, noch zwei Schlage, und 
dann sage ich ihnen, was sie wollen.« 



276 



Manchmal wurde er geschlagen, bis er kaum mehr stehen 
konnte, dann wie ein Sack Kartoffeln auf den Steinboden einer 
Zelle geworfen und ein paar Stunden in Ruhe gelassen, um sich 
wieder zu erholen, und dann herausgefuhrt und erneut 
geschlagen. 

Es gab auch langere Erholungspausen. Er entsann sich ihrer 
undeutlich, denn er hatte sie meist schlafend oder in stumpfer 
Betaubung verbracht. Er erinnerte sich an eine Zelle mit einer 
Pritsche, einem aus der Wand herausragenden Gestell und einer 
blechernen Waschschussel, ferner an Mahlzeiten, bestehend aus 
warmer Suppe, Brot und manchmal Kaffee. Er erinnerte sich 
eines murrischen Friseurs, der ihm das Kinn zu schaben und die 
Haare zu schneiden kam, und geschaftsmafiiger, unbarmherziger 
Manner in weifien Manteln, die ihm den Puis fuhlten, das 
Funktionieren seiner Reflexe pruften, ihm die Augenlider 
hochhoben, ihn mit sachlichen Fingern nach einem gebrochenen 
Knochen abtasteten und ihm Injektionsnadeln in den Arm 
stiefien, damit er schlafen konnte. 

Die Priigeleien wurden weniger haufig angewandt, in der 
Hauptsache als Drohung, als ein Schreckmittel, dem er in jedem 
Augenblick wieder ausgeliefert werden konnte, wenn seine 
Antworten unbefriedigend ausfielen. 

Die ihn Verhorenden waren jetzt keine Rohlinge in schwarzer 
Uniform, sondern Partei-Intellektuelle, kleine rundliche Manner 
mit raschen Bewegungen und blitzenden Brillenglasern, die ihn, 
einander ablosend, in Zeitspannen von - wie er glaubte, denn 
sicher konnte er es nicht sagen - zehn oder zwolf Stunden 
unaufhorlich bearbeiteten. 

Diese ihn jetzt Vernehmenden sorgten dafur, dafi er standig unter 
der Betaubung eines leisen Schmerzes stand, aber in der 
Hauptsache verliefien sie sich nicht auf den Schmerz. Sie 
schlugen ihn wohl ins Gesicht, verdrehten ihm die Ohren, rissen 
ihn an den Haaren, liefien ihn auf einem Bein stehen, erlaubten 
ihm nicht, Wasser zu lassen, hielten ihm blendendes Licht vor 
das Gesicht, bis ihm die Tranen aus den Augen liefen; aber alles 



277 



das diente nur dazu, ihn zu demutigen und ihm die Kraft zum 
Widerstand und zu vernunftigem Denken zu nehmen. 
Ihre wirkliche Waffe war das unerbittliche Verhor, das weiter 
und immer weiter ging, Stunde um Stunde, das ihn aus dem 
Konzept brachte, ihm Fallen stellte, alle seine Worte verdrehte, 
ihn bei jedem Schritt der Lugen und des Widerspruchs schuldig 
erklarte, bis er aus Beschamung sowie aus nervoser Erschopfung 
zu weinen anting. Manchmal weinte er ein halbes Dutzend Mai 
im Verlauf einer einzigen Vernehmung. Die meiste Zeit schrieen 
sie ihn mit Schimpfnamen an und drohten ihm bei jedem Zogern, 
ihn wieder den Wachen auszuliefern. Manchmal aber anderten 
sie plotzlich ihre Tonart, nannten ihn Genosse, ermahnten ihn im 
Namen von Engsoz und dem Grofien Bruder und fragten ihn 
kummervoll, ob er denn sogar jetzt noch nicht genugend Treue 
der Partei gegenuber aufbringen konnte, um zu wunschen, das 
getane Unrecht wieder gutzumachen. 

Wenn seine Nerven nach stundenlangem Verhor in Fetzen 
waren, dann konnte ihn sogar diese Mahnung zu triefenden 
Tranen bringen. Am Schlufi erledigten ihn die qualenden 
Stimmen griindlicher als die Stiefel und Fauste der Wachen. Er 
wurde nur noch zu einem Mund, der etwas stammelte, und einer 
Hand, die unterschrieb, was man von ihm wollte. Er hatte nur 
noch einen Wunsch, namlich herauszufinden, was sie wollten, 
das er gestehen sollte, um es dann rasch zu gestehen, ehe die 
Qualerei von neuem anting. 

Er bekannte sich schuldig der Ermordung fuhrender 
Parteimitglieder, der Verbreitung aufruhrerischer Flugschriften, 
der Unterschlagung offentlicher Mittel, des Verrats militarischer 
Geheimnisse und der Sabotage aller Art. Er bekannte, bereits im 
Jahre 1968 ein von der Regierung Ostasiens bezahlter Spion 
gewesen zu sein. Er bekannte sich als einen religios Glaubigen, 
einen Bewunderer des Kapitalismus und eines sexuell 
Pervertierten. Er bekannte, seine Frau ermordet zu haben, 
obwohl er wufite - und seine Befrager wissen mufiten -, dafi 
seine Frau noch am Leben war. Er bekannte, seit Jahren in 



278 



personlicher Verbindung mit Goldstein gestanden zu haben und 

das Mitglied einer Untergrundorganisation gewesen zu sein, der 

fast jeder Mensch, den er nur je gekannt hatte, angehort hatte. 

Es war leichter, alles zu gestehen und Gott und die Welt mit 

hineinzuverwickeln. Aufierdem war in gewisser Weise alles 

wahr. Es war wahr, dafi er ein Feind der Partei gewesen war, und 

in den Augen der Partei bestand kein Unterschied zwischen 

Gedanken und Taten. 

Es gab auch noch andere Erinnerungen. Sie hoben sich in seinem 

Denken unzusammenhangend ab, wie rings von Dunkelheit 

umgebene Bilder. 

Er befand sich in einer Zelle, die entweder dunkel oder hell 

gewesen sein mochte, denn er konnte nichts als nur ein paar 

Augen unterscheiden. In seiner Nahe tickte langsam und 

regelmafiig ein Apparat. Die Augen wurden grofier und 

leuchtender. Plotzlich schwebte er aus seinem Sitz empor, tauchte 

in die Augen und wurde aufgesogen. 

Er war unter blendendem Licht auf einen von Skalenscheiben 

umgebenen Stuhl festgeschnallt. Ein Mann in weifiem Mantel las 

die Skalen ab. Draufien horte man das Getrampel schwerer 

Stiefel. Die Tur offnete sich klirrend. Der Offizier mit dem 

Wachsmaskengesicht marschierte, von zwei Wachen gefolgt, 

herein. 

»Zimmer 101 !«, sagte der Offizier. 

Der Mann im weifien Mantel drehte sich nicht um. Er sah auch 

Winston nicht an; er blickte nur auf die Skalen. Er walzte sich 

einen riesigen Gang von einem Kilometer Breite hinunter, der 

von strahlendem, goldenem Licht erfullt war, brullend vor 

Lachen und mit Aufwand seiner ganzen Stimme Gestandnisse 

hinausschreiend. 

Er gestand alles, sogar die Dinge, die er unter der Folter zu 

verschweigen fertiggebracht hatte. Er berichtete seine ganze 

Lebensgeschichte einer Zuhorerschaft, die sie bereits kannte. Mit 

ihm walzten sich die Wachen, die anderen Verhorenden, die 

Manner in weifien Manteln, O'Brien, Julia, Herr Charrington, alle 



279 



zusammen vor Lachen brullend den Gang hinunter. Etwas 
Schreckliches, das im Schofi der Zukunft gelegen hatte, war 
irgendwie ubersprungen worden und nicht Wirklichkeit 
geworden. Alles war schon und gut, es gab keinen Schmerz 
mehr, die letzte Einzelheit seines Lebens war blofigelegt, 
verstanden und vergeben. 

Er fuhr von der Pritsche hoch, in der halben Gewissheit, O'Briens 
Stimme gehort zu haben. Wahrend seines ganzen Verhors hatte 
er, obwohl er ihn nie gesehen hatte, das Gefuhl gehabt, O'Brien 
stehe unmittelbar neben ihm, er sei es, der alles leitete. Er sei es, 
der die Wachen auf Winston hetzte und der sie daran hinderte, 
ihn zu toten. Ihm war, als entschied O'Brien daruber, wann 
Winston vor Schmerz schreien, wann er seine Erholungspause 
haben, wann er etwas zu essen bekommen, wann er schlafen 
sollte und wann die Drogen in seinen Arm eingespritzt werden 
sollten. Er stellte die Fragen und bestimmte die Antworten. Er 
war der Peiniger, der Beschutzer, der Inquisitor, der Freund. 
Und einmal - Winston konnte sich nicht erinnern, ob es im 
narkotischen oder im Normalschlaf oder gar in einem 
Augenblick des Wachzustandes war - murmelte ihm eine 
Stimme ins Ohr: »Keine Angst, Winston, du bist in meiner Hut. 
Sieben Jahre habe ich dich beobachtet. Nun ist der Wendepunkt 
gekommen. Ich werde dich retten, dich zum Rechten fuhren.« Er 
war nicht sicher, ob es O'Briens Stimme war; aber es war die 
gleiche Stimme, die in jenem anderen Traum vor sieben Jahren zu 
ihm gesagt hatte: »Wir werden uns an einem Ort treffen, wo 
keine Dunkelheit herrscht.« 

Er erinnerte sich nicht, dafi sein Verhor jemals ein Ende 
genommen hatte. Es kam eine Zeitspanne, wo alles schwarz war, 
und dann hatte die Zelle oder das Zimmer, in dem er sich nun 
befand, langsam um ihn herum Gestalt angenommen. Er lag fast 
flach auf dem Rucken und war aufierstande, eine Bewegung zu 
machen. Sein Korper wurde an jedem in Frage kommenden 
Punkt niedergehalten. Sogar sein Hinterkopf war auf irgendeine 
Weise festgeklammert. O'Brien blickte ernst und fast traurig auf 



280 



ihn herunter. Sein Gesicht sah von unten gesehen derb und 
abgespannt aus, mit Sacken unter den Augen und muden Linien 
von der Nase zum Kinn. Er war alter, als Winston gedacht hatte; 
er war vielleicht achtundvierzig oder funfzig Jahre alt. Seine 
Hand lag auf einer Skala mit einem Hebel darauf, mit rings um 
die Scheibe angeordneten Zahlen. 

»Ich sagte Ihnen«, erklarte O'Brien, »wenn wir uns wieder trafen, 
wurde es hier sein.« 
»Ja«, sagte Winston. 

Ohne jede Warnung, aufier einer kleinen Bewegung von O'Briens 
Hand, durchflutete eine Schmerzenswelle seinen Leib. Es war ein 
erschreckender Schmerz, denn er konnte nicht sehen, was vor 
sich ging, und hatte das Gefuhl, als wurde ihm eine todbringende 
Verletzung zugefugt. Er wufite nicht, ob sich der Vorgang 
wirklich abspielte oder die Wirkung elektrisch hervorgebracht 
wurde; aber sein Leib wurde aus der Form gedehnt, die Gelenke 
langsam auseinandergezerrt. Obwohl der Schmerz den Schweifi 
auf seiner Stirn hatte ausbrechen lassen, war doch das 
Schlimmste vor allem die Angst, sein Ruckgrat sei im Begriff, 
auseinander zureifien. Er bifi die Zahne zusammen und atmete 
angestrengt durch die Nase in dem Bemuhen, sich so lange wie 
moglich still zu verhalten. 

»Sie haben Angst«, sagte O'Brien, der sein Gesicht beobachtete, 
»dafi im nachsten Augenblick etwas birst. Sie furchten besonders, 
dafi es Ihr Ruckgrat sein konnte. Ihnen schwebt lebhaft das Bild 
vor, dafi die Ruckenwirbel auseinander schnappen und das 
Ruckenmark zwischen ihnen heraustropft. Das sind Ihre 
Gedanken, stimmt's, Winston?« 

Winston antwortete nicht. O'Brien drehte den Hebel auf der 
Scheibe zuruck. Die Schmerzenswelle ebbte fast ebenso schnell 
ab, wie sie gekommen war. 

»Das ware Starke vierzig«, bemerkte O'Brien. »Sie konnen sehen, 
dafi die Zahlen auf dieser Skala bis hundert reichen. Wollen Sie 
bitte wahrend unserer ganzen Unterhaltung daran denken, dafi 
es in unserer Macht steht, Ihnen in jedem Augenblick und in 



281 



jedem von mir gewtinschten Grad Schmerz zuzuftigen. Wenn Sie 

mir Ltigen auftischen oder irgendwelche Ausfltichte zu machen 

versuchen, oder auch nur sich dtimmer stellen, als Sie sind, 

werden Sie sofort vor Schmerz aufschreien. Haben Sie 

verstanden?« 

»Ja«, sagte Winston. 

O'Briens Art und Weise wurde weniger streng. Er rtickte 

nachdenklich seine Brille zurecht und machte ein paar Schritte 

hin und her. Als er sprach, war seine Stimme sanft und geduldig. 

Er sah aus wie ein Arzt, ein Lehrer, ja sogar wie ein Priester, 

mehr darauf bedacht, zu erklaren und zu tiberreden, als zu 

bestrafen. 

»Ich gebe mir Mtihe mit Ihnen, Winston«, sagte er, »denn bei 

Ihnen lohnt sich die Mtihe. Sie wissen sehr wohl, was mit Ihnen 

los ist. Sie wufiten es seit Jahren, wenn Sie es auch nicht wissen 

wollten. Sie sind geistesgestort. Sie leiden an einem 

Gedachtnisdefekt. Sie sind aufierstande, sich wirklicher 

Geschehnisse zu erinnern, und reden sich ein, sich an andere 

Geschehnisse zu erinnern, die nie stattfanden. 

Zum Gltick ist das heilbar. Sie haben sich nie davon geheilt, weil 

Sie es nicht wollten. Es bedurfte einer kleinen 

Willensanstrengung, die zu machen Sie nicht willens waren. 

Sogar jetzt halten Sie an Ihrer moralischen Krankheit fest in dem 

Wahn, sie sei eine Tugend. Nun wollen wir mal ein Beispiel 

hernehmen. Mit welcher Macht ist Ozeanien augenblicklich im 

Kriegszustand?« 

»Als ich verhaftet wurde, befand sich Ozeanien im Kriegszustand 

mit Ostasien.« 

»Mit Ostasien. Richtig. Und Ozeanien hat sich immer im 

Kriegszustand mit Ostasien befunden, nicht wahr?« Winston 

schopfte Atem. 

Er machte den Mund auf, um zu sprechen, und sprach dann doch 

nicht. Er konnte seinen Blick nicht von der Skala wegwenden. 

»Die Wahrheit, bitte, Winston. Ihre Wahrheit. Sagen Sie mir, was 

Sie sich zu erinnern glauben.« 



282 



»Ich erinnere mich, dafi wir uns eine Woche vor meiner 
Verhaftung uberhaupt noch nicht im Krieg mit Ostasien 
befanden. Wir hatten ein Bundnis mit Ostasien. Der Krieg war 
gegen Eurasien gerichtet. Dieser hatte vier Jahre gedauert. 
Vorher..." 

O'Brien gebot ihm mit einer Handbewegung Einhalt. »Ein 
anderes Beispiel«, sagte er. »Vor einigen Jahren hatten Sie unter 
einer tatsachlich sehr ernsten Selbsttauschung zu leiden. Sie 
glaubten, drei Manner, drei ehemalige Parteimitglieder namens 
Jones, Aaronson und Rutherford - Manner, die wegen 
Hochverrat und Sabotage hingerichtet wurden, nachdem sie das 
denkbar umfassendste Gestandnis abgelegt hatten -, seien der 
Verbrechen, deren sie angeklagt wurden, nicht schuldig. 
Sie glaubten, einen unumstofilichen dokumentarischen Beweis 
gesehen zu haben, wonach ihre Gestandnisse falsch waren. Es 
spielte da eine gewisse Fotografie eine Rolle, bezuglich der Sie 
eine Halluzination gehabt hatten. Sie glaubten, sie tatsachlich in 
Handen gehalten zu haben. Es war eine Fotografie ungefahr wie 
diese da.« 

Ein langlicher Zeitungsausschnitt war zwischen O'Briens Fingern 
zum Vorschein gekommen. Vielleicht ftinf Sekunden lang befand 
er sich in Winstons Gesichtswinkel. Es war eine Fotografie, und 
es bestand keine Frage, was sie darstellte. Es war die Fotografie. 
Es war ein anderer Abzug der Aufnahme von Jones, Aaronson 
und Rutherford bei der Parteifunktion in New York, auf der er 
vor elf Jahren zufallig gestofien war und die er sogleich 
vernichtet hatte. 

Nur einen Augenblick hatte er einen Blick darauf werfen konnen, 
dann war sie wieder fort. Aber er hatte sie gesehen, hatte sie 
fraglos gesehen! Er machte eine verzweifelte, qualvolle 
Anstrengung, seine obere Korperhalfte zu befreien. Es war 
unmoglich, sich auch nur um einen Zentimeter in irgendeiner 
Richtung zu bewegen. In diesem Augenblick hatte er sogar die 
Skala vergessen. Er wollte nur noch einmal die Fotografie in 
Handen halten oder sie wenigstens sehen. 



283 



»Sie ist vorhanden!« rief er. 

»Nein«, sagte O'Brien. 

Er ging durchs Zimmer. In der Wand druben befand sich ein 

Gedachtnis-Loch. O'Brien hob das Schlitzgitter. Ungesehen 

wirbelte das leichte Stuckchen Papier in dem Warmluftzug 

davon; es verschwand in einem Aufflammen. O'Brien wendete 

sich von der Wand ab. 

»Asche«, sagte er. »Nicht einmal identifizierte Asche. Staub. Es ist 

nicht vorhanden. War nie vorhanden.« 

»Aber es war vorhanden! Ist vorhanden! Es ist in meiner 

Erinnerung vorhanden. Ich erinnere mich daran. Sie erinnern sich 

daran.« 

»Ich erinnere mich nicht daran«, sagte O'Brien. 

Winstons Mut sank. Das war Doppeldenk. Es uberkam ihn ein 

Gefuhl vollstandiger Hilflosigkeit. Wenn er hatte sicher sein 

konnen, dafi O'Brien log, dann hatte das nichts ausgemacht. Aber 

es war durchaus moglich, dafi O'Brien das Bild wirklich 

vergessen hatte. Und wenn dem so war, dann hatte er bereits 

vergessen, dafi er geleugnet hatte, sich an sie zu erinnern, und 

auch den Vorgang des Vergessens vergessen. Wie konnte man 

sicher sein, dafi es nur Betrug war? Vielleicht konnte diese 

verruckte Korrektur nach unseren Wunschen wirklich im 

Verstand vor sich gehen: das war der Gedanke, der ihn 

niederschmetterte. 

O'Brien blickte prufend auf ihn hinunter. Mehr als je sah er aus 

wie ein Lehrer, der sich mit einem widerspenstigen, aber 

vielversprechenden Kinde Mtihe gibt. 

»Es gibt einen Partei-Wahlspruch bezuglich der Kontrolle der 

Vergangenheit«, sagte er. 

»>Wer die Vergangenheit kontrolliert, der kontrolliert die 

Zukunft; wer die Gegenwart kontrolliert, der kontrolliert die 

Vergangenheit<«, wiederholte Winston folgsam. 

»>Wer die Gegenwart kontrolliert, der kontrolliert die 

Vergangenheit<«, sagte O'Brien mit einem zustimmenden 



284 



Kopfnicken. »Sie sind der Meinung, Winston, dafi die 

Vergangenheit eine tatsachliche Existenz hat?« 

Wieder bemachtigte sich Winstons das Gefuhl der Hilflosigkeit. 

Seine Augen suchten rasch die Skala. Nicht nur wufite er nicht, 

ob »ja« oder »nein« die richtige Antwort war, die ihn vor 

Schmerz bewahren wurde; er wufite nicht einmal, welche 

Antwort ihm die richtige schien. 

O'Brien lachelte leise. »Sie sind kein Metaphysiker, Winston«, 

sagte er. »Bis jetzt hatten Sie nie in Betracht gezogen, was mit 

Existenz gemeint ist. Ich will es deutlicher ausdrucken. Existiert 

die Vergangenheit konkret - im Raum? Gibt es irgendwo einen 

Ort, eine Welt greifbarer Dinge, wo die Vergangenheit noch in 

Erscheinung tritt?« 

»Nein.« 

»Wo dann existiert die Vergangenheit, wenn uberhaupt?« 

»In Aufzeichnungen. Sie ist niedergeschrieben.« 

»In Aufzeichnungen. Und?« 

»Im Denken. Im Gedachtnis der Menschen.« 

»Im Gedachtnis. Nun, dann also gut. Wir, die Partei, 

kontrollieren alle Aufzeichnungen, und wir kontrollieren alle 

Erinnerungen. Demnach also kontrollieren wir die 

Vergangenheit, oder nicht?« 

»Aber wie konnt ihr die Menschen daran hindern, sich an Dinge 

zu erinnern?« rief Winston, der wieder einen Augenblick die 

Skala vergafi. »Es geschieht unwillkurlich. Man kann nichts 

dagegen tun. Wie konnt ihr das Gedachtnis kontrollieren? Meines 

habt ihr nicht kontrolliert!« 

O'Briens Verhalten wurde wieder streng. Er legte die Hand auf 

die Zahlenscheibe. »Umgekehrt«, sagte er. »Sie haben es nicht 

kontrolliert. Das hat Sie hierher gebracht. Sie sind hier, weil Sie es 

an Demut, an Selbstdisziplin haben fehlen lassen. Sie wollten den 

Akt der Unterwerfung nicht vollziehen, der der Preis ist fur 

geistige Gesundheit. Sie zogen es vor, ein Verruckter, eine 

Minderheit von einem einzelnen zu sein. Nur der geschulte Geist 

erkennt die Wirklichkeit, Winston. 



285 



Sie glauben, Wirklichkeit sei etwas Objektives, aufierlich 

Vorhandenes, aus eigenem Recht Bestehendes. Auch glauben Sie, 

das Wesen der Wirklichkeit sei an sich klar. Wenn Sie sich der 

Selbsttauschung hingeben, etwas zu sehen, nehmen Sie an, 

jedermann sehe das gleiche wie Sie. Aber ich sage Ihnen, 

Winston, die Wirklichkeit ist nicht etwas an sich Vorhandenes. 

Die Wirklichkeit existiert im menschlichen Denken und 

nirgendwo anders. Nicht im Denken des einzelnen, der irren 

kann und auf jeden Fall bald zugrunde geht: nur im Denken der 

Partei, die kollektiv und unsterblich ist. 

Was immer die Partei fur Wahrheit halt, ist Wahrheit. Es ist 

unmoglich, die Moglichkeit anders als durch die Augen der 

Partei zu sehen. Diese Tatsache mussen Sie wieder lernen, 

Winston. Dazu bedarf es eines Aktes der Selbstaufgabe, eines 

Willensaufwandes. Sie mussen sich demutigen, ehe Sie geistig 

gesund werden konnen.« 

Er wartete ein paar Augenblicke, wie um das Gesagte erst einmal 

wirken zu lassen. »Erinnern Sie sich«, fuhr er fort, »in Ihr 

Tagebuch geschrieben zu haben: >Freiheit ist die Freiheit zu 

sagen, dafi zwei und zwei vier ist<?« 

»Ja«, sagte Winston. 

O'Brien hob seine linke Hand hoch, den Handrucken Winston 

zugekehrt, den Daumen versteckt und die vier Finger 

ausgestreckt. »Wie viele Finger halte ich empor, Winston?« 

»Vier.« 

»Und wenn die Partei sagt, es seien nicht vier, sondern ftinf - wie 

viele sind es dann?« 

»Vier.« 

Das Wort endete mit einem Schmerzensschrei. Der Zeiger der 

Zahlenscheibe schnellte auf funfundfunfzig hoch. Winston war 

am ganzen Leib der Schweifi aus alien Poren getreten. Die Luft 

drang in seine Lungen und brach als dumpfes Stohnen wieder 

daraus hervor, dem er sogar nicht durch Zusammenbeifien der 

Zahne Einhalt gebieten konnte. O'Brien beobachtete ihn, noch 



286 



immer die vier Finger erhoben. Er zog den Hebel zurtick. 

Diesmal wurde der Schmerz nur um ein geringes gemildert. 

»Wie viele Finger, Winston?« 

»Vier.« 

Die Nadel stieg auf sechzig. 

»Wie viele Finger, Winston?« 

»Vier, vier! Was kann ich denn anderes sagen? Vier!« 

Die Nadel mufite noch einmal geklettert sein, aber er sah nicht 

hin. Er hatte nur das ernste, strenge Gesicht und die vier Finger 

vor Augen. Die Finger erhoben sich vor seinen Augen wie 

Saulen, riesig, verschwommen und scheinbar schwankend, aber 

unverkennbar vier. 

»Wie viele Finger, Winston?« 

»Vier! Horen Sie auf, horen Sie auf! Nicht mehr weiter! Vier!« 

»Wie viele Finger, Winston?« 

»Funf! Ftinf! Ftinf !« 

»Nein, Winston, das hat keinen Zweck. Sie liigen. Sie glauben 

noch immer, es seien vier. Wie viele Finger, bitte?« 

»Vier! Ftinf! Vier! Was Sie wollen. Nur horen Sie auf, horen Sie 

auf mit der Qualerei!« 

Unversehens safi er aufgerichtet da. O'Briens Arm um seine 

Schultern gelegt. Er hatte vielleicht ein paar Sekunden das 

Bewufitsein verloren gehabt. Die Fesseln, die seinen Korper 

niedergehalten hatten, waren gelockert. Er fror heftig, schlotterte 

haltlos, seine Zahne klapperten, und Tranen rollten seine 

Wangen herab. Einen Augenblick klammerte er sich an O'Brien 

wie ein kleines Kind, seltsam getrostet durch den um seine 

Schultern gelegten schweren Arm. Er hatte das Geftihl, O'Brien 

sei sein Beschtitzer, der Schmerz sei etwas von aufien, von einer 

anderen Quelle Kommendes, und O'Brien werde ihn davor 

beschirmen. 

»Sie sind langsam im Lernen, Winston«, sagte O'Brien sanft. 

»Was kann ich dagegen machen?« stiefi er unter Schmerzen 

hervor. »Was kann ich dagegen machen, dass ich sehe, was ich 

vor Augen habe? Zwei und zwei macht vier.« 



287 



»Manchmal, Winston. Manchmal macht es ftinf. Manchmal drei. 

Manchmal alles zusammen. Sie mtissen sich mehr Mtihe geben. 

Es ist nicht leicht, verntinftig zu werden.« 

Er legte Winston auf das Streckbett nieder. Seine Glieder wurden 

wieder umklammert, aber der Schmerz war abgeflaut, und das 

Zittern hatte aufgehort; er ftihlte sich nur noch kalt und schwach. 

O'Brien gab mit dem Kopf dem Mann im weifien Mantel ein 

Zeichen, der wahrend des ganzen Verhors unbeweglich 

dagestanden hatte. Der Mann im weifien Mantel beugte sich 

hinunter und blickte aufmerksam in Winstons Augen, befuhlte 

seinen Puis, legte ein Ohr an seine Brust, klopfte ihn da und dort 

ab. Dann nickte er O'Brien zu. 

»Noch einmal«, sagte O'Brien. 

Der Schmerz durchflutete Winstons Korper. Der Zeiger mufite 

auf siebzig, funfundsiebzig stehen. Diesmal hatte Winston die 

Augen geschlossen. Er wufite, dafi die Finger noch immer 

erhoben und dafi es noch immer vier waren. Es kam nur darauf 

an, irgendwie am Leben zu bleiben, bis der krampfartige 

Schmerz voruber war. Er war sich nicht mehr bewufit, ob er 

schrie oder nicht. Der Schmerz liefi wieder nach. Er offnete die 

Augen. O'Brien hatte die Hebel zuruckgedreht. 

»Wie viele Finger, Winston?« »Vier. Ich glaube, es sind vier. Ich 

wtirde ftinf sehen, wenn ich konnte. Ich versuche, ftinf zu sehen.« 

»Was wollen Sie: mir einreden, Sie sahen ftinf, oder sie wirklich 

sehen. « 

»Sie wirklich sehen. « 

»Noch einmal«, sagte O'Brien. 

Der Zeiger war vielleicht bei achtzig, neunzig. Winston konnte 

sich nur in Abstanden entsinnen, warum der Schmerz da war. 

Hinter seinen verdrehten Augenlidern schien ein Wald von 

Fingern sich in einer Art Tanz zu bewegen, sich zu verflechten 

und wieder aufzulosen, einer hinter dem anderen zu 

verschwinden und wieder zu erscheinen. Er versuchte, sie zu 

zahlen, ohne sich erinnern zu konnen, warum er das tat. Er 

wufite, dafi es unmoglich war, sie zu zahlen, und dafi das 



288 



irgendwie mit der geheimnisvollen Gleichheit zwischen ftinf und 
vier zusammenhing. Der Schmerz liefi wieder nach. Als er die 
Augen offnete, sah er noch immer das gleiche: zahllose Finger 
glitten immer noch wie sich bewegende Baume wechselweise 
nach beiden Seiten voruber. Er schlofi wieder die Augen. 
»Wie viele Finger halte ich hoch, Winston?« 

»Ich weifi nicht, weifi es nicht. Sie toten mich, wenn Sie noch 
einmal einschalten. Vier, fiinf, sechs - ganz ehrlich gesagt, ich 
weifi es nicht. « 

»Schon besser«, sagte O'Brien. 

Eine Nadel drang in Winstons Arm. Fast im gleichen Augenblick 
durchflutete eine wonnige, wohltuende Warme seinen ganzen 
Korper. Der Schmerz war bereits halbwegs vergessen. Er offnete 
die Augen und blickte dankbar zu O'Brien, empor. Beim Anblick 
dieses ernsten, tiefgefurchten Gesichts, das so hasslich und so 
klug war, schien sich ihm das Herz umzudrehen. Hatte er sich 
bewegen konnen, er hatte eine Hand ausgestreckt und sie auf 
O'Briens Arm gelegt. Noch nie hatte er ihn so tief geliebt wie in 
diesem Augenblick, und nicht nur deshalb, weil er den Schmerz 
abgestellt hatte. 

Das alte Gefuhl, dafi es im Grunde nichts ausmachte, ob O'Brien 
ein Freund war oder ein Feind, hatte sich wieder eingestellt. 
O'Brien war ein Mensch, mit dem man reden konnte. Vielleicht 
will man nicht so sehr geliebt als verstanden sein. O'Brien hatte 
ihn fast bis zum Wahnsinn gefoltert, und nach einer kleinen 
Weile wurde er ihn mit Bestimmtheit dem Tod uberliefern. Das 
bedeutete nichts. In gewissem Sinne ging alles das tiefer als 
Freundschaft, sie waren Engvertraute: irgendwie gab es, obwohl 
das vielleicht nie mit Worten ausgesprochen wurde, eine Ebene, 
auf der sie sich begegnen und miteinander reden konnten. 
O'Brien blickte auf ihn hinunter mit einem Gesichtsausdruck, der 
nahe legte, er habe vielleicht den gleichen Gedanken im Sinn. Als 
er sprach, war es in einem leichten Unterhaltungston. 
»Wissen Sie, wo Sie sich befinden, Winston?« fragte er. 



289 



»Nein, ich weifi es nicht. Aber ich kann es mir denken. Im 

Ministerium der Liebe.« 

»Wissen Sie, wie lange Sie hier gewesen sind?« 

»Ich weifi es nicht. Tage, Wochen, Monate - ich glaube, es sind 

Monate.« 

»Und warum, glauben Sie, bringen wir die Menschen hierher?« 

»Um sie zu einem Gestandnis zu zwingen.« 

»Nein, das ist nicht der Grund. Versuchen Sie's noch einmal.« 

»Um sie zu bestrafen.« 

»Nein!« rief O'Brien. 

Seine Stimme hatte sich plotzlich verandert, und sein Gesicht war 

plotzlich ernst und eifrig geworden. »Nein! Nicht nur, um Ihr 

Gestandnis zu erpressen, so wenig um Sie zu bestrafen. Soil ich 

Ihnen sagen, warum wir Sie hierher gebracht haben? Um Sie zu 

heilen! Um Sie geistig gesund zu machen! Merken Sie sich, 

Winston, dafi niemals ein Mensch, den wir hier an diesen Ort 

bringen, unsere Hande ungeheilt verlasst. Uns interessieren nicht 

diese dummen Verbrechen, die Sie begangen haben. Die Partei 

kummert sich nicht um die offene Tat: nur der Gedanke ist uns 

wichtig. Wir vernichten nicht nur unsere Feinde, sondern machen 

andere Menschen aus ihnen. Verstehen Sie, was ich damit 

meine?« 

Er neigte sich tiber Winston. Sein Gesicht sah riesig aus durch die 

Nahe und so von unten gesehen furchtbar hasslich. Aufierdem 

war es von einer Art Verzuckung, einer verruckten 

Uberspanntheit verzerrt. Wieder verliefi Winston der Mut. Wenn 

es moglich gewesen ware, hatte er sich tiefer in das Streckbett 

verkrochen. Er war sicher, dafi O'Brien im Begriff stand, aus 

reiner Lust an dem Hebel zu drehen. In diesem Augenblick 

jedoch wandte O'Brien sich weg. Er machte ein paar Schritte auf 

und ab. Dann fuhr er weniger heftig fort: »An erster Stelle gilt es 

fur Sie zu verstehen, dafi es hier kein Martyrertum gibt. Sie haben 

von den Religionsverfolgungen in der Vergangenheit gelesen. Im 

Mittelalter gab es die Inquisition. Sie war ein Versager. Sie 



290 



unternahm es, die Ketzerei auszutilgen, und endete damit, sie zu 
verewigen. 

Fur jeden Ketzer, den man auf dem Scheiterhaufen verbrannte, 
standen Tausende andere auf. Warum das? Weil die Inquisition 
ihre Feinde in der Offentlichkeit totete und sie totete, weil sie 
noch unbufifertig waren: recht eigentlich sie deshalb totete, weil 
sie unbufifertig waren. 

Die Menschen starben, weil sie ihren wahren Glauben nicht 
aufgeben wollten. Naturlich fiel der ganze Ruhm dem Opfer zu, 
und die ganze Schande kam auf den Inquisitor, der sie 
verbrannte. Spater, im zwanzigsten Jahrhundert, kamen die 
sogenannten totalitaren Regierungen. Die Bolschewisten 
verfolgten Ketzerei grausamer, als die Inquisition es jemals getan 
hatte. 

Und sie glaubten, von den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu 
haben; jedenfalls wufiten sie, dafi man keine Martyrer machen 
durfte. Ehe sie ihre Opfer zu einer offentlichen Verhandlung 
brachten, liefien sie es sich wohlbedacht angelegen sein, ihre 
Haltung zu brechen. Sie zermurbten sie durch Folter und 
Einzelhaft, bis sie verachtungswiirdige, kriechende, armselige 
Wurmer waren, die alles bekannten, was man ihnen in den Mund 
legte, sich mit Schande bedeckten, einander bezichtigten und um 
Gnade winselnd sich einer hinter dem anderen zu verschanzen 
versuchten. Und doch hatte sich nur nach ein paar Jahren das 
gleiche wiederholt. 

Die Getoteten waren Martyrer geworden, und ihre 
Entwurdigung war vergessen. Und wieder frage ich Sie: Wie kam 
das? Erstens einmal, weil die von ihnen gemachten Gestandnisse 
offensichtlich gewaltsam erpresst und unecht waren. Wir 
begehen keine solchen Fehler. Alle Gestandnisse, die hier 
abgelegt werden, sind echt. Wir machen sie echt. Und vor allem 
lassen wir es nicht zu, dafi die Toten gegen uns aufstehen. Sie 
mussen aufhoren, sich einzubilden, die Nachwelt werde Sie 
rechtfertigen. Die Nachwelt wird nie von Ihnen horen. Sie 
werden ganz einfach aus dem Lauf der Geschichte gestrichen 



291 



sein. Wir verwandeln Sie in Gas und lassen Sie in die 
Stratosphare verstromen. Nichts von Ihnen wird tibrigbleiben; 
kein Name in einem Verzeichnis, keine Erinnerung in einem 
lebenden Gehirn. Sie werden sowohl aus der Vergangenheit wie 
aus der Zukunft gestrichen. Sie werden uberhaupt nie existiert 
haben.« 

Warum sich dann die Mtihe machen, mich zu foltern? Dachte 
Winston mit einer fliichtigen Bitterkeit. O'Brien machte mitten im 
Schritt halt, so als habe Winston den Gedanken laut 
ausgesprochen. Sein grofies hafiliches Gesicht kam mit etwas 
verengten Augen naher heran. 

»Sie denken«, sagte er, »warum wir, da wir doch vorhaben, Sie so 
vollstandig zu vernichten, dafi nichts, was Sie sagen oder tun, 
den geringsten Unterschied ausmachen kann - warum wir uns 
dann die Mtihe machen, Sie zuerst zu verhoren? Das war es doch, 
was Sie dachten, nicht wahr?« 
»Ja«, sagte Winston. 

O'Brien lachelte leise. »Sie sind ein Fehler im Muster. Sie sind ein 
Fleck, der ausgemerzt werden mufi. Habe ich Ihnen nicht soeben 
gesagt, dafi wir anders sind als die Verfolger der Vergangenheit. 
Wir geben uns nicht zufrieden mit negativem Gehorsam, auch 
nicht mit der kriecherischsten Unterwerfung. Wenn Sie sich uns 
am Schlufi beugen, so mufi es freiwillig geschehen. 
Wir vernichten den Ketzer nicht, weil er uns Widerstand leistet: 
solange er uns Widerstand leistet, vernichten wir ihn niemals. 
Wir bekehren ihn, bemachtigen uns seiner geheimsten Gedanken, 
formen ihn um. Wir brennen alles Bose und alien Irrglauben aus 
ihm aus; wir Ziehen ihn auf unsere Seite, nicht nur dem Anschein 
nach, sondern tatsachlich, mit Herz und Seele. Wir machen ihn 
zu einem der Unsrigen, ehe wir ihn toten. 

Es ist ftir uns unertraglich, dafi irgendwo auf der Welt ein 
irrglaubiger Gedanke existieren sollte, mag er auch noch so 
geheim und machtlos sein. Sogar im Augenblick des Todes 
konnen wir keine Abweichung dulden. Frtiher schritt der Ketzer 
zum Scheiterhauf en noch immer als ein Ketzer, der sich offentlich 



292 



zu seiner Irrlehre bekannte und bei ihr beharrte. Sogar das Opfer 
der russischen Sauberungsaktion konnte in seinem Kopf 
aufruhrerische Gedanken hegen, wahrend es in Erwartung der 
todlichen Kugel zum Richtplatz schritt. 

Wir aber bringen einem Menschen erst das richtige Denken bei, 
ehe wir seinen Denkapparat vernichten. Das Gebot des alten 
Despotismus lautete: >Du sollst nicht.< Das Gebot der totalitaren 
Systeme hiefi: >Du sollst.< Unser Gebot ist: >Sei.< 
Kein Mensch, den wir hierher bringen, halt je seinen Widerstand 
uns gegenuber aufrecht. Jeder wird reingewaschen. Sogar diese 
drei elenden Verrater, an deren Unschuld Sie einmal glaubten - 
Jones, Aaronson und Rutherford - haben wir am Schlufi eines 
Besseren belehrt. Ich nahm selbst an ihrem Verhor teil. Ich sah sie 
langsam murbe werden, winseln, kriechen, weinen - und zwar 
zuletzt nicht aus Schmerz oder Furcht, sondern lediglich aus 
Reue. 

Als wir fertig waren mit ihnen, waren sie nur noch leere Hiillen 
von Menschen. In ihnen war nichts anderes mehr ubrig geblieben 
als Reue tiber das, was sie getan hatten, und Liebe zum Grofien 
Bruder. Es war ruhrend anzusehen, wie sehr sie ihn liebten. Sie 
baten, rasch erschossen zu werden, um sterben zu konnen, 
solange ihr Denken noch sauber war.« 

Seine Stimme war fast traumerisch geworden. Die 
Uberspanntheit, die verruckte Begeisterung waren noch in 
seinem Gesicht. Er tut nicht nur so als ob, dachte Winston; er ist 
kein Heuchler; er glaubt jedes Wort, das er sagt. Was ihn am 
meisten bedrilckte, war das Bewufitsein seiner eigenen geistigen 
Unterlegenheit. Er beobachtete die wuchtige, aber sich elegant 
bewegende Gestalt, wie sie hin und her schlenderte, in seinen 
Gesichtskreis und wieder aus ihm heraus trat. 
O'Brien war ein in jeder Beziehung grofierer Mensch als er. Es 
gab keinen Gedanken, den er je gehabt hatte oder haben konnte, 
den O'Brien nicht schon langst gedacht, gepruft und verworfen 
hatte. Sein Denken umfafite Winstons Denken. Aber wie konnte 
es in diesem Falle stimmen, dafi O'Brien verruckt war? Er, 



293 



Winston, mufite der Verruckte sein. O'Brien blieb stehen und 

blickte auf ihn hinunter. Seine Stimme war wieder streng 

geworden. 

»Bilden Sie sich nicht ein, sich retten zu konnen, Winston, auch 

wenn Sie sich uns noch so vollkommen beugen. Keiner, der je 

vom rechten Weg abgewichen ist, wird geschont. Und sogar 

wenn wir es vorzogen, Sie Ihr Leben bis zu seinem naturlichen 

Ende leben zu lassen, so wurden Sie doch nie mehr von uns 

loskommen. Was Ihnen hier geschieht, gilt fur immer. Merken Sie 

sich das im Voraus. Wir zermalmen Sie bis zu dem Punkt, von 

dem es kein Zuruck mehr gibt. Dinge werden Ihnen widerfahren, 

von denen Sie sich nicht freimachen konnten, und wenn Sie 

tausend Jahre alt wurden. 

Nie wieder werden Sie zu einem gewohnlichen menschlichen 

Empfinden fahig sein. Alles in Ihnen ist tot. Nie wieder werden 

Sie der Liebe, der Freundschaft, der Lebensfreude, des Lachens, 

der Neugierde, des Mutes oder der Lauterkeit fahig sein. Sie 

werden ausgehohlt sein. Wir werden Sie leer pressen und dann 

mit unserem Gedankengut fullen.« 

Er verstummte und winkte dem Mann im weifien Mantel. 

Winston merkte, wie eine schwere Apparatur hinter seinem Kopf 

herangeschoben wurde. O'Brien hatte sich neben das Streckbett 

gesetzt, so dafi sein Gesicht fast in gleicher Hohe mit dem 

Winstons war. 

»Dreitausend«, sagte O'Brien, tiber Winstons Kopf hinweg zu 

dem Mann im weifien Mantel. 

Zwei weiche, ein wenig feucht sich anfuhlende Polster legten sich 

an Winstons Schlafen. Er zitterte. Jetzt kam wieder ein Schmerz, 

eine neue Art von Schmerz. O'Brien legte eine Hand beruhigend 

auf seine. »Diesmal wird es nicht wehtun Halten Sie Ihre Augen 

in meine gerichtet.« 

In diesem Augenblick erfolgte eine furchtbare Explosion, oder 

was eine Explosion zu sein schien, obwohl es nicht sicher war, 

dafi ein Larm zu horen war. Zweifellos hatte ein blendender Blitz 

aufgezischt. Winston war nicht verletzt, nur niedergeschmettert. 



294 



Obwohl er bereits auf dem Rticken gelegen hatte, als die 

Entladung erfolgte, hatte er ein merkwurdiges Gefuhl, in diese 

Lage umgeworfen worden zu sein. Ein furchtbarer, schmerzloser 

Stofi hatte ihn flach niedergeprefit. Auch in seinem Kopf war 

etwas vor sich gegangen. Als seine Augen wieder richtig 

eingestellt waren, erinnerte er sich, wer und wo er war, und 

erkannte das Gesicht wieder, das in seines starrte. Aber 

irgendwie machte sich eine grofie Leere geltend, so als sei ein 

Stuck von seinem Gehirn herausgenommen worden. 

»Es bleibt nicht so«, sagte O'Brien. »Schauen Sie mir in die 

Augen. Mit welchem Land liegt Ozeanien im Krieg?« 

Winston uberlegte. Er wufite, was mit Ozeanien gemeint war, 

und dafi er ein Burger Ozeaniens war. Auch an Eurasien und 

Ostasien erinnerte er sich. Wer aber mit wem im Krieg lag, wufite 

er nicht. Tatsachlich war er sich gar nicht bewufit gewesen, dafi 

uberhaupt ein Krieg herrschte. 

»Ich entsinne mich nicht.« 

»Ozeanien liegt mit Ostasien im Krieg. Erinnern Sie sich jetzt 

daran?« 

»Ja.« 

»Ozeanien ist immer mit Ostasien im Krieg gelegen. Seit Beginn 

Ihres Lebens, seit der Grundung der Partei, seit Anfang der 

Geschichte hat der Krieg ohne Unterbrechung fortgedauert, 

immer derselbe Krieg. Erinnern Sie sich dessen?« 

»Ja.« 

»Vor elf Jahren erfanden Sie eine Legende von drei Mannern, die 

wegen Hochverrat zum Tode verurteilt worden waren. Sie gaben 

vor, einen Zeitungsausschnitt gesehen zu haben, der ihre 

Schuldlosigkeit bewies. Ein solches Stuck Papier hat nie existiert. 

Sie haben es erfunden und glaubten spater selbst daran. Sie 

erinnern sich jetzt an den Augenblick, an dem Sie es zum 

erstenmal erfanden. Erinnern Sie sich daran?« 

»Ja.« 

»Eben erst hielt ich die Finger meiner Hand fur Sie empor. Sie 

sahen ftinf Finger. Erinnern Sie sich dessen?« 



295 



»Ja.« 

O'Brien hielt die Finger seiner linken Hand, den Daumen 

versteckt, empor. »Hier sind ftinf Finger. Sehen Sie ftinf Finger?« 

»Ja.« 

Und er sah sie wirklich, einen fltichtigen Augenblick lang, bevor 

sich das Bild vor seinem Geist wieder gewandelt hatte. Er sah 

ftinf Finger, und ihnen haftete nichts Mifigestaltetes an. Dann war 

wieder alles normal, und die alte Furcht, der Hass und die 

Verwirrung kehrten wieder zurtick. Aber es hatte einen 

Augenblick gegeben - er wufite nicht, wie lange er gewahrt hatte, 

vielleicht dreifiig Sekunden -, in dem eine leuchtende Gewifiheit 

ihn beseelt, in dem jede neue Behauptung O'Briens eine leere 

Stelle ausgeftillt hatte und zur absoluten Wahrheit geworden 

war, und in dem zwei und zwei ebenso gut drei hatte sein 

konnen als ftinf, wenn es notig war. 

Dieser Augenblick war verstrichen, ehe O'Brien die Hand hatte 

sinken lassen; aber wenn er ihn auch nicht wiederherstellen 

konnte, so konnte er sich doch daran erinnern, so wie man sich 

an ein lebhaftes Erlebnis in einer fernen Zeit seines Lebens 

erinnert, als man in Wahrheit ein anderer Mensch war. 

»Sie sehen jetzt«, sagte O'Brien, »dafi es in jedem Falle moglich 

ist.« 

»Ja«, sagte Winston. 

O'Brien stand mit einer befriedigten Miene auf. Links hinter ihm 

sah Winston den Mann im weifien Mantel eine Ampulle 

abbrechen und den Kolben einer Spritze zurtickziehen. Mit einem 

Lacheln wandte sich O'Brien zu Winston. Fast in der alten Art 

rtickte er seine Brille auf der Nase zurecht. 

»Erinnern Sie sich, in Ihr Tagebuch geschrieben zu haben«, sagte 

er, »dafi es nichts ausmachte, ob ich ein Freund oder ein Feind 

sei, da ich wenigstens ein Mensch war, der Sie verstand und mit 

dem man reden konnte? Sie hatten Recht. Ich rede gerne mit 

Ihnen. Ihr Geist sagt mir zu. Er ahnelt meinem eigenen, nur dafi 

Sie wahnsinnig sind. Ehe wir die Sitzung beenden, konnen Sie, 

wenn Sie wollen, ein paar Fragen an mich stellen.« 



296 



»Jede Frage, die ich will?« 

»Alles.« 

Er sah, dafi Winstons Blick auf die Zahlenscheibe gerichtet war. 

»Sie ist abgestellt. Wie lautet Ihre erste Frage?« 

»Was hat man mit Julia gemacht?« sagte Winston. 

O'Brien lachelte wieder. »Sie hat Sie verraten, Winston. Sofort - 

ruckhaltlos. Ich habe selten jemand so rasch zu uns ubertreten 

sehen. Sie wurden sie kaum wiedererkennen, wenn Sie sie sehen. 

Ihre ganze Widerspenstigkeit, ihre Tucke, ihre Narrheit, ihre 

niedrige Gesinnung - alles das wurde ihr ausgebrannt. Es war 

eine vollstandige Bekehrung, das richtige Schulbeispiel.« 

»Man hat sie gefoltert.« 

O'Brien liefi das unbeantwortet. »Nachste Frage«, sagte er. 

»Existiert der Grofie Bruder?« 

»Naturlich existiert er. Die Partei existiert. Der Grofie Bruder ist 

die Verkorperung der Partei. « 

»Existiert er so, wie ich existiere?« 

»Sie existieren nicht«, sagte O'Brien. 

Wieder uberfiel ihn das Gefuhl der Hilflosigkeit. Er kannte die 

Argumente, oder konnte sie sich vorstellen, die seine eigene 

Nichtexistenz bewiesen; aber sie waren Unsinn, sie waren nur ein 

Spiel mit Worten. Enthielt nicht die Feststellung »Sie existieren 

nicht« eine logische Sinnwidrigkeit? Aber was fur einen Zweck 

hatte es, das auszusprechen? Sein Geist scheute zuruck, als er an 

die unbeantwortbaren, verruckten Argumente dachte, mit denen 

O'Brien ihn abtun wurde. 

»Ich glaube, ich existiere«, sagte er rnude. »Ich bin mir meines 

Ichs bewufit. Ich wurde geboren und werde sterben. Ich habe 

Arme und Beine. Ich nehme einen gewissen Platz im Raum ein. 

Kein anderer fester Gegenstand kann gleichzeitig den gleichen 

Platz einnehmen. Existiert der Grofie Bruder in diesem Sinne?« 

»Das ist ohne Bedeutung. Er existiert.« 

»Wird der Grofie Bruder jemals sterben?« 

»Naturlich nicht. Wie konnte er sterben? Nachste Frage. « 

»Gibt es die Bruderschaft?« 



297 



»Das, Winston, werden Sie nie erfahren. Falls wir beschliefien, 
Ihnen die Freiheit zuruckzugeben, wenn wir mit Ihnen fertig 
sind, und Sie leben weiter, bis Sie neunzig Jahre alt sind, werden 
Sie doch nie erfahren, ob die Antwort auf diese Frage ja oder nein 
lautet. So lange Sie leben, wird das in Ihrem Denken ein 
ungelostes Ratsel sein.« 

Winston lag still da. Seine Brust hob und senkte sich ein wenig 
rascher. Noch hatte er nicht die Frage gestellt, die ihm als erste in 
den Sinn gekommen war. Er mufite sie stellen, und doch war es 
so, als wollte sie ihm nicht tiber die Lippen kommen. Ein Anflug 
von Belustigung lag auf O'Briens Gesicht. Sogar seine 
Brillenglaser schienen ironisch zu glanzen. Er weifi, dachte 
Winston plotzlich, er weifi, was ich fragen will! Bei diesem 
Gedanken brachen die Worte aus ihm heraus: »Was ist in 
Zimmer 101?« 

O'Brien antwortete trocken: »Sie wissen, was in Zimmer 101 ist, 
Winston. Jedermann weifi, was in Zimmer 101 ist.« 
Er hob einen Finger zu dem Mann im weifien Mantel. Offenbar 
war das Verhor zu Ende. Eine Nadel drang in Winstons Arm. 
Fast augenblicklich sank er in tiefen Schlaf. 



Drittes Kapitel 



»Ihre Umerziehung geht in drei Etappen vor sich«, sagte O'Brien. 
»Lernen, verstehen und bejahen. Es ist an der Zeit fur Sie, in die 
zweite Etappe einzutreten.« 

Wie immer lag Winston flach auf dem Rucken. Aber in letzter 
Zeit hatten sich seine Fesseln gelockert. Sie hielten ihn zwar noch 
auf dem Streckbett nieder, aber er konnte seine Knie ein wenig 
bewegen, seinen Kopf von einer Seite auf die andere drehen und 
seinen Arm vom Ellbogen an beugen. Auch die Skala war kein 



298 



solcher Schrecken mehr. Er konnte ihre Qualen vermeiden, wenn 

er gewitzigt genug war: hauptsachlich wenn er Dummheit an 

den Tag legte, drehte O'Brien den Hebel. 

Manchmal kam die Skala eine ganze Sitzung hindurch nicht in 

Anwendung. Er konnte sich nicht erinnern, wie viele Sitzungen 

stattgefunden hatten. Die ganze Prozedur schien sich tiber eine 

lange, unbestimmte Zeit - moglicherweise waren es Wochen - 

hinzuziehen, und die Zwischenzeiten zwischen den Sitzungen 

mochten manchmal Tage, manchmal nur eine oder zwei Stunden 

betragen haben. 

»Wahrend Sie so dalagen«, sagte O'Brien, »haben Sie sich oft 

gefragt - ja, sogar mich gefragt -, warum das Ministerium fur 

Liebe soviel Zeit und Mtihe an Sie wendet. Und wenn Sie frei 

waren, zerbrachen Sie sich den Kopf tiber die im Grunde gleiche 

Frage. Sie konnten den Mechanismus der Gesellschaft, in der Sie 

lebten, begreifen, nicht aber die ihr zugrunde liegenden 

Beweggrtinde. Erinnern Sie sich, dafi Sie in Ihr Tagebuch 

geschrieben haben: >Das Wie verstehe ich, aber nicht das 

Warum<. Wenn Sie tiber das >Warum< nachdachten, zweifelten 

Sie an Ihrer eigenen Vernunft. Sie haben das Buch, Goldsteins 

Buch, oder wenigstens Teile davon gelesen. Hat es Ihnen irgend 

etwas gesagt, was Sie nicht schon wufiten?« 

»Sie haben es gelesen?« fragte Winston. 

»Ich schrieb es. Das heifit, ich arbeitete bei seiner Abfassung mit. 

Kein Buch wird von einem einzelnen hervorgebracht, wie Sie 

wissen.« 

»Ist es wahr, was darin steht?« 

»Als Schilderung, ja. Das Programm, das es entwickelt, ist 

Unsinn. Geheime Aufspeicherung von Wissen - eine allmahlich 

um sich greifende Aufklarung - schliefilich eine proletarische 

Erhebung - der Sturz der Partei. 

Sie sahen selbst voraus, dafi es inhaltlich auf das hinauskommen 

wtirde. Das ist alles Unsinn. Die Proletarier werden sich nie 

erheben, nicht in tausend oder einer Million Jahren. Sie konnen es 

nicht. Ich brauche Ihnen den Grund nicht zu sagen: Sie kennen 



299 



ihn bereits. Wenn Sie jemals Traume von einem gewaltsamen 
Aufstand gehegt haben, dann miissen Sie sie aufgeben. Es gibt 
keine Moglichkeit, mit Hilfe derer die Partei gesturzt werden 
konnte. Die Herrschaft der Partei gilt fur immer. Nehmen Sie das 
zum Ausgangspunkt Ihrer Uberlegungen.« 

Er trat naher an das Streckbett heran. »Fur immer!« wiederholte 
er. »Und nun lassen Sie uns zu der Frage von >Wie< und >Warum< 
zuriickkommen. Sie verstehen recht gut, wie die Partei sich an 
der Macht halt. Nun aber sagen Sie mir, warum halten wir an der 
Macht fest? Was ist unser Beweggrund? Warum sollten wir 
Macht wunschen? Los, reden Sie«, fugte er hinzu, als Winston 
stumm blieb. 

Trotzdem sagte Winston ein paar weitere Augenblicke lang 
nichts. Ein Gefuhl des Uberdrusses hatte ihn uberkommen. Der 
undeutliche, irre Begeisterungsschimmer war wieder auf 
O'Briens Gesicht erschienen. Er wufite im Voraus, was O'Brien 
sagen wiirde. Namlich, dafi die Partei die Macht nicht um ihrer 
eigenen Zwecke willen anstrebte, sondern nur zum Wohlergehen 
der Menschheit. 

Dafi sie die Macht suchte, weil die Menschen in der Masse 
schwache, feige Kreaturen waren, die es nicht ertrugen, frei zu 
sein oder der Wahrheit ins Angesicht zu sehen, sondern von 
anderen, die starker waren als sie, beherrscht und systematisch 
betrogen werden mufiten. Dafi die Menschheit die Wahl hatte 
zwischen Freiheit oder Gliick, und dafi - fur die grofie Masse der 
Menschen - Gliick besser war. Dafi die Partei die ewige Behuterin 
der Schwachen war, eine geweihte Sekte, die Boses tat, auf dafi 
das Gute kommen moge, und die ihr eigenes Gliick dem anderer 
opferte. 

Das Schreckliche, dachte Winston, das Schreckliche war, dafi 
O'Brien, wenn er das sagte, daran glaubte. Das konnte man 
seinem Gesicht ansehen. O'Brien wufite alles. Tausendmal besser 
als Winston wufite er, wie die Welt wirklich aussah, in welcher 
Erniedrigung die Masse der Menschen lebte und durch welche 
Ltigen und Barbareien die Partei sie dort hielt. Er hatte alles das 



300 



erkannt, alles abgewogen, und es machte nichts aus: alles war 

durch den Endzweck gerechtfertigt. Was kann man, dachte 

Winston, gegen den Wahnsinnigen machen, der kliiger ist als 

man selbst, der die Argumente des anderen geduldig anhort und 

dann doch ganz einfach bei seinem Wahn beharrt? 

»Ihr herrscht tiber uns zu unserem eigenen Besten« sagte er 

schwach. »Ihr glaubt, dafi die Menschen nicht imstande sind, sich 

selbst zu regieren, und deshalb...« 

Er fuhr zusammen und schrie fast laut auf. Eine Schmerzenswelle 

hatte seinen Korper durchbrandet. O'Brien hatte den Hebel der 

Zahlenscheibe auf funfunddreifiig hochgedreht. 

»Das war dumm, Winston, sehr dumm!« sagte er. »Sie sollten es 

besser wissen und so etwas nicht sagen.« 

Er drehte den Hebel zuruck und fuhr fort: »Jetzt werde ich Ihnen 

die Antwort auf meine Frage geben. Sie lautet: Die Partei strebt 

die Macht lediglich in ihrem eigenen Interesse an. Uns ist nichts 

am Wohl anderer gelegen; uns interessiert einzig und allein die 

Macht als solche. 

Nicht Reichtum oder Luxus oder langes Leben oder Gliick: nur 

Macht, reine Macht. Was reine Macht besagen will, werden Sie 

gleich verstehen. Wir sind darin von alien Oligarchien der 

Vergangenheit verschieden, dafi wir wissen, was wir tun. Alle 

anderen, sogar die, welche uns ahnelten, waren feige und 

scheinheilig. 

Wir aber wissen, dafi nie jemand die Macht ergreift in der 

Absicht, sie wieder abzutreten. Die Macht ist kein Mittel, sie ist 

ein Endzweck. Eine Diktatur wird nicht eingesetzt, um eine 

Revolution zu sichern: sondern man macht eine Revolution, um 

eine Diktatur einzusetzen. Der Zweck der Verfolgung ist die 

Verfolgung. Der Zweck der Folter ist die Folter. Der Zweck der 

Macht ist die Macht. Fangen Sie nun an, mich zu verstehen?« 

Winston fiel, wie schon vorher, die Mudigkeit von O'Briens 

Gesicht auf. Es war kraftig, fleischig und brutal, es war voll 

Klugheit und einer Art kontrollierter Leidenschaft, der gegenuber 

er sich hilflos fuhlte; aber es war miide. Es hatte Sacke unter den 



301 



Augen, die Haut hing schlaff von den Backenknochen herab. 
O'Brien beugte sich tiber ihn und brachte das abgekampfte 
Gesicht absichtlich naher heran. 

»Sie denken«, sagte er, »dafi mein Gesicht alt und mtide ist. Sie 
denken, ich sprache von Macht und sei doch nicht imstande, 
meinen eigenen korperlichen Verfall aufzuhalten. Konnen Sie 
denn nicht begreifen, Winston, dafi der einzelne Mensch nur eine 
Zelle ist? Die Schwache der Zelle ist die Starke des Organismus. 
Sterben Sie etwa, wenn Sie Ihre Fingernagel abschneiden?« 
Er wandte sich von dem Streckbett weg und begann wieder, eine 
Hand in der Tasche, hin und her zu gehen. 

»Wir sind die Priester der Macht«, sagte er. »Gott ist Macht. Aber 
noch bedeutet fur Sie Macht nur ein Wort. Es ist fur Sie an der 
Zeit, eine Vorstellung davon zu bekommen, was Macht besagen 
will. Als erstes mtissen Sie sich vor Augen halten, dafi Macht 
Kollektivgeist ist. Der einzelne besitzt nur insoweit Macht, als er 
aufhort, ein einzelner zu sein. Sie kennen das Parteischlagwort: 
>Freiheit ist Sklaverei.< 

Ist Ihnen jemals der Gedanke gekommen, dafi man es auch 
umkehren kann? Sklaverei ist Freiheit. Allein - frei - geht der 
Mensch immer zugrunde. Das mufi so sein, denn jedem 
Menschen ist bestimmt, zu sterben, was der grofite aller Mangel 
ist. Wenn ihm aber vollstandige, letzte Unterwerfung gelingt, 
wenn er seinem Ich entrinnen, in der Partei aufgehen kann, so 
dafi es die Partei ist, dann ist er allmachtig und unsterblich. Als 
zweites mussen Sie sich bewufit werden, dafi Macht 
gleichbedeutend ist mit Macht tiber Menschen und Volker. Uber 
den Leib - aber vor allem tiber den Geist. Macht tiber die Materie 
- die aufierliche Wirklichkeit, wie Sie sagen wtirden - ist nicht 
wichtig. Unsere Kontrolle tiber die Materie ist bereits eine 
vollkommene.« 

Einen Augenblick liefi Winston die Skala aufier Acht. Er machte 
eine heftige Anstrengung, sich zu sitzender Stellung 
aufzurichten, und brachte es lediglich fertig, seinen Korper 
schmerzvoll zu verdrehen. 



302 



»Aber wie konnt ihr die Materie kontrollieren?« brach es aus ihm 
heraus. »Ihr kontrolliert noch nicht einmal das Klima oder die 
Schwerkraft. Und da sind Krankheit, Schmerz und Tod...« 
O'Brien gebot ihm durch eine Handbewegung Schweigen. »Wir 
kontrollieren die Materie, weil wir den Geist kontrollieren. Die 
Wirklichkeit spielt sich im Kopf ab. Sie werden Schritt um Schritt 
lernen, Winston. Es gibt nichts, was wir nicht machen konnten. 
Unsichtbarkeit, Levitation - alles. Ich konnte mich von diesem 
Boden erheben wie eine Seifenblase, wenn ich wollte. Ich will es 
nicht, weil die Partei es nicht will. Sie mussen sich von diesen 
dem neunzehnten Jahrhundert angehorenden Vorstellungen 
hinsichtlich der Naturgesetze freimachen. Die Naturgesetze 
machen wir.« 

»Aber ihr macht sie nicht! Ihr seid nicht einmal Meister dieses 
Planeten. Was ist mit Eurasien und Ostasien? Ihr habt sie noch 
nicht erobert.« 

»Unwichtig. Wir werden sie erobern, wenn wir es fur richtig 
halten. Und wenn wir es nicht taten, was machte das schon aus? 
Die Partei ist auch nur ein Werkzeug jener, die im Grunde den 
Planeten beherrschen. Sie wissen, von wem ich spreche, nicht 
wahr?" 

»Aber diese Welt ist selbst nur ein Staubkorn. Und der Mensch ist 
winzig - hilflos! Wie lange hat er schon existiert? Millionen von 
Jahren war die Erde unbewohnt.« 

»Unsinn. Die Erde ist so alt wie wir, nicht alter. Wie konnte sie 
alter sein? Alles ist nur im menschlichen Bewufitsein vorhanden.« 
»Aber das Gestein ist voll von den Knochen ausgestorbener Tiere 
- Mammute und urzeitliche Elefantengattungen und riesige 
Reptilien, die hier lebten, lange bevor man etwas vom Menschen 
horte.« 

»Haben Sie je diese Knochen gesehen, Winston? Naturlich nicht. 
Die Biologen des neunzehnten Jahrhunderts haben sie erfunden. 
Vor dem Menschen gab es nichts. Nach dem Menschen, wenn er 
erloschen konnte, gabe es nichts. Aufier dem Menschen gibt es 
nichts. « 



303 



»Aber das ganze Weltall ist unerreichbar fur uns. Sehen Sie die 
Sterne an! Einige von ihnen sind eine Million Lichtjahre entfernt. 
Sie sind fur ewig aufierhalb unserer Reichweite.« 
»Was bedeuten schon die Sterne?« sagte O'Brien gleichgultig. 
»Sie sind ein paar Kilometer entfernte kleine Feuerherde. Wir 
konnten sie erreichen, wenn wir wollten. Oder wir konnten sie 
ausloschen. Die Erde ist der Mittelpunkt des Weltalls. Die Sonne 
und die Sterne drehen sich um sie. Und ich als Mitglied der 
Inneren Partei diene denen, die diese Welt kontrollieren. Und 
diese Welt ist alles." 

Winston machte erneut eine krampfhafte Bewegung. Diesmal 
sagte er nichts. O'Brien fuhr fort, als beantworte er einen 
ausgesprochenen Einwand: »Zu gewissen Zwecken hat das 
naturlich keine Gultigkeit. Wenn wir das Meer befahren oder 
wenn wir eine Sonnenfinsternis voraussagen, finden wir es oft 
bequem anzunehmen, die Erde drehe sich um die Sonne und die 
Sterne seien Millionen und aber Millionen von Kilometern 
entfernt. Aber was schadet das? Halten Sie uns nicht fur fahig, 
ein doppeltes astronomisches System hervorzubringen? Die 
Sterne konnen nah oder fern sein, je nachdem wir es brauchen. 
Glauben Sie, unsere Mathematiker seien dem nicht gewachsen? 
Haben Sie Doppeldenk vergessen?« 

Winston sank auf das Streckbett zuruck. Was auch immer er 
sagte, die rasche Antwort knuppelte ihn nieder. Und doch wufite 
er, wufite, dafi er Recht hatte. Sicherlich mufite es einen Weg 
geben, um aufzuzeigen, dafi der Glaube, es gebe nichts aufierhalb 
unserer Vorstellung, falsch war? War er nicht vor langer Zeit als 
Irrtum entlarvt worden? Es gab sogar eine Bezeichnung dafur, 
die er vergessen hatte. Ein Lacheln zuckte um O'Briens 
Mundwinkel, als er auf ihn hinunterblickte. 

»Ich sagte Ihnen schon, Winston«, sagte er, »dafi die Metaphysik 
nicht Ihre Starke ist. Das Wort, das Sie suchen, heifit Solipsismus. 
Aber Sie irren sich. Hier handelt es sich nicht um Solipsismus. 
Kollektiven Solipsismus, wenn Sie wollen. Das hier ist etwas 
anderes: in der Tat das Gegenteil davon. Alles das ist eine 



304 



Abschweifung«, ftigte er in einem anderen Ton hinzu. »Die 
wirkliche Macht, die Macht, um die wir Tag und Nacht kampfen 
mtissen, ist nicht die Macht tiber Dinge, sondern iiber 
Menschen.« Er schwieg und nahm einen Augenblick wieder sein 
Gehaben eines Schulmeisters an, der einen hoffnungslosen 
Schiller prtift: »Wie versichert sich ein Mensch seiner Macht tiber 
einen anderen, Winston?« 

Winston tiberlegte. »Indem er ihn leiden lafit«, sagte er. 
»Ganz recht. Indem er ihn leiden lafit. Gehorsam ist nicht genug. 
Wie konnte man die Gewifiheit haben, es sei denn, er leidet, dafi 
er Ihrem und nicht seinem eigenen Willen gehorcht? Die Macht 
besteht darin, Schmerz und Demtitigungen zuftigen zu konnen. 
Macht heifit, einen menschlichen Geist in Stticke zu reifien und 
ihn nach eigenem Gutdtinken wieder in neuer Form 
zusammenzusetzen. Fangen Sie nun an zu sehen, was ftir eine 
Art von Welt wir im Begriff sind zu schaffen? 
Sie ist das genaue Gegenteil der bloden, auf Freude hinzielenden 
Utopien, die den alten Reformatoren vorschwebten. Eine Welt 
der Angst, des Verrats und der Qualen, eine Welt des Tretens 
und Getretenwerdens, eine Welt, die nicht weniger unerbittlich, 
sondern immer unerbittlicher werden wird, je weiter sie sich 
entwickelt. Fortschritt in unserer Welt bedeutet Fortschreiten zu 
grofierer Pein. 

Die alten Kulturen erhoben Anspruch darauf, auf Liebe oder 
Gerechtigkeit gegrtindet zu sein. Die unserige ist auf Hass 
gegrtindet. In unserer Welt wird es keine anderen Geftihle geben 
als Hass, Wut, Frohlocken und Selbstbeschamung. 
Alles andere werden wir vernichten - und zwar alles. Wir 
merzen bereits die Denkweisen aus, die noch aus der Zeit vor der 
Revolution stammen. Wir haben die Bande zwischen Kind und 
Eltern, zwischen Mensch und Mensch und zwischen Mann und 
Frau durchschnitten. Niemand wagt es mehr, einer Gattin, einem 
Kind oder einem Freund zu trauen. Aber in Zukunft wird es 
keine Gattinnen und keine Freunde mehr geben. Die Kinder 



305 



werden ihren Mtittern gleich nach der Geburt weggenommen 
werden, so wie man einer Henne die Eier wegnimmt. 
Kreaturen mit dem Mai des Tieres auf der Stirn werden vor uns 
tiber diese Erde schlurfen, so wie es die Herren dieser Erde 
wtinschen. Denn sie werden nur noch Tiere sein und wenn sie 
noch etwas wissen, dann das, dass sie nur noch Tiere sind. 
Der Geschlechtstrieb - er wird ausgerottet. Die Zeugung wird 
eine alljahrlich vorgenommene Formalitat wie die Erneuerung 
einer Lebensmittelkarte werden. Wir werden das Wollustmoment 
abschaffen. Unsere Neurologen arbeiten gegenwartig daran. Es 
wird keine Treue mehr geben, aufier der Treue gegenuber der 
Partei. Es wird keine Liebe geben, aufier der Liebe zum Grofien 
Bruder. 

Es wird kein Lachen geben, aufier dem Lachen des Frohlockens 
tiber einen besiegten Feind. Es wird keine Kunst geben, keine 
Literatur, keine Wissenschaft. Wenn wir allmachtig sind, werden 
wir die Wissenschaft nicht mehr brauchen. Es wird keinen 
Unterschied geben zwischen Schonheit und Hafilichkeit. Es wird 
keine Neugier, keine Lebenslust geben. Alle Freuden des 
Wettstreits werden ausgetilgt sein. Aber immer - vergessen Sie 
das nicht, Winston - wird es den Rausch der Macht geben, die 
immer mehr wachst und immer raffinierter wird. 
Dauernd, in jedem Augenblick, wird es den aufregenden Kitzel 
des Sieges geben, das Geftihl, auf einem wehrlosen Feind 
herumzutrampeln. Wenn Sie sich ein Bild von der Zukunft 
ausmalen wollen, dann stellen Sie sich einen Stiefel vor, der in ein 
Menschenantlitz tritt - immer und immer wieder.« 
Er verstummte, so als erwarte er, dafi Winston etwas sagen 
wtirde. Winston versuchte sich in die Oberflache seines 
Streckbettes zu verkriechen. Er brachte kein Wort hervor. 
O'Brien fuhr fort: »Und vergessen Sie nicht, dafi das ftir immer 
gilt. Das Gesicht zum Treten wird immer da sein. Den Ketzer, 
den Feind der Gesellschaft, wird es immer geben, so dafi er 
immer wieder besiegt und gedemtitigt werden kann. 



306 



Alles, was Sie durchgemacht haben, seitdem Sie uns in die Hande 

gerieten - alles das wird weitergehen, und noch schlimmer. Die 

Bespitzelung, der Verrat, die Verhaftungen, die Folterungen, die 

Hinrichtungen, die Verschleppungen werden nie aufhoren. Es 

wird sowohl eine Welt des Schreckens als des Triumphes sein. Je 

machtiger die Partei ist, desto weniger duldsam wird sie sein: je 

schwacher die Opposition, desto unerbittlicher die 

Gewaltherrschaft. Goldstein und seine Irrlehren werden ewig in 

der Welt sein. 

Jeden Tag, jeden Augenblick werden sie zunichte gemacht, 

beschimpft, verlacht, bespuckt werden - und doch werden sie 

immer bleiben. Das Drama, das ich mit Ihnen sieben Jahre 

hindurch aufgefuhrt habe, wird wieder und wieder, Generation 

um Generation, in immer raffinierteren Formen gespielt werden. 

Immer werden wir den Abtrunnigen auf Gnade oder Ungnade 

uns hier ausgeliefert haben, wie er vor Schmerz schreit, schwach 

und verraterisch wird - um am Schlufi ruckhaltlos bereuend, vor 

sich selbst gerettet, aus eigenem Antrieb uns vor die Fufie zu 

kriechen. Diese Welt streben wir an, Winston. 

Eine Welt, in der Sieg auf Sieg, Triumph auf Triumph folgt: ein 

nicht endender Kitzel des Machtnervs. Wie ich sehen kann, 

fangen Sie zu begreifen an, wie diese Welt aussehen wird. Aber 

am Schlufi werden Sie mehr tun, als sie nur begreifen. Sie werden 

sie begriifien, sie willkommen heifien, sich zu ihr bekennen.« 

Winston hatte sich genugend erholt, um sprechen zu konnen. 

»Das konnt ihr nicht!« sagte er schwach. 

»Was wollen Sie mit dieser Bemerkung sagen, Winston?« 

»Ihr konnt keine solche Welt schaffen, wie Sie sie soeben 

geschildert haben.« 

»Warum?« 

»Es ist unmoglich, eine Kultur auf Furcht, Hass und Grausamkeit 

aufzubauen. Sie wurde nie Bestand haben. « 

»Warum nicht?« 

»Sie hatte keine Lebensfahigkeit. Sie wurde sich auflosen. Sie 

wurde Selbstmord begehen.« 



307 



»Unsinn. Sie stehen unter dem Eindruck, Hass sei aufreibender 
als Liebe. Warum sollte dem so sein? Und wenn, was wurde es 
ausmachen? Angenommen, wir hatten beschlossen, uns rascher 
zu verbrauchen. Angenommen, wir beschleunigen das Tempo 
des Menschenlebens, bis die Menschen mit dreifiig Jahren 
alter sschwach sind. Was wurde selbst dadurch geandert? Konnen 
Sie nicht begreifen, dafi der Tod des einzelnen nicht den Tod der 
Partei bedeutet? Die Partei ist unsterblich.« 

Wie gewohnlich, hatte die Stimme Winston zu volliger 
Hilflosigkeit niedergeschmettert. Aufierdem fiirchtete er, O'Brien 
wiirde, wenn er auf seinem Widerspruch beharrte, wieder den 
Hebel drehen. Und doch konnte er nicht schweigen. Schwach wie 
er war, ohne Beweisgrunde, mit nichts zu seiner Unterstutzung 
aufier seinem unaussprechlichen Grauen vor dem, was O'Brien 
gesagt hatte, griff er erneut an. 

»Ich weifi nicht - kann es nicht sagen. Irgendwie wird es euch 
fehlschlagen. Etwas macht euch einen Strich durch die Rechnung. 
Das Leben macht euch einen Strich durch die Rechnung.« 
»Wir kontrollieren das Leben, Winston, in alien seinen 
Aufierungen. Sie bilden sich ein, es gebe so etwas wie die 
sogenannte menschliche Natur, die durch unser Tun beleidigt 
sein und sich gegen uns auflehnen werde. Aber wir machen die 
menschliche Natur. 

Die Menschen sind unendlich gefugig. Oder vielleicht sind Sie 
wieder auf Ihre alte Idee zuruckgekommen, dafi die Proletarier 
oder die Sklaven aufstehen und uns sturzen werden. Schlagen Sie 
sich das aus dem Kopf. Sie sind hilflos wie die Tiere. Die 
Menschheit ist die Partei und die Menschheit ist nur noch ein 
Brei. Die anderen stehen aufierhalb und sind belanglos.« 
»Meinetwegen. Am Schlufi werden sie euch abtun. Fruher oder 
spater werden sie euch als das erkennen, was ihr seid, und dann 
werden sie euch in Stucke reifien.« 

»Sehen Sie irgendein Anzeichen dafiir, dafi das geschieht? Oder 
einen Grund, warum es geschehen sollte?« 



308 



»Nein. Ich glaube einfach daran. Ich weifi, dafi es euch 

fehlschlagen wird. Es gibt etwas in der Welt - ich weifi nicht, 

einen Geist, ein Prinzip -, das ihr nie uberwinden werdet.« 

»Glauben Sie an Gott, Winston?« 

»Nein.« 

»Was ist dann dieses Prinzip, das uns zuschanden machen 

wird?« 

»Ich weifi es nicht. Der menschliche Geist. « 

»Und halten Sie sich fur einen Menschen?« 

»Ja.« 

»Wenn Sie ein Mensch sind, Winston, dann sind Sie der letzte 

Mensch. Ihre Gattung ist ausgestorben; wir sind die Erben. 

Begreifen Sie, dafi Sie allein dastehen? Sie stehen aufierhalb der 

Geschichte, Sie sind nicht-existent.« Seine Art anderte sich, und 

er sagte barscher: »Und Sie halten sich uns moralisch fur 

uberlegen, mit unseren Lugen und unserer Grausamkeit?« 

»Ja, ich halte mich fur uberlegen.« 

O'Brien sagte nichts. Zwei andere Stimmen sprachen. Nach 

einem Augenblick erkannte Winston eine davon als seine eigene. 

Es war eine Wachsplattenaufnahme des Gesprachs, das er mit 

O'Brien am Abend seiner Aufnahme in die Bruderschaft gefuhrt 

hatte. Er horte sich geloben zu lugen, zu stehlen, zu falschen, zu 

morden, die Rauschgiftsucht und die Prostitution zu ermutigen, 

Geschlechtskrankheiten zu verbreiten, einem Kind Vitriol ins 

Gesicht zu schutten. O'Brien machte eine kleine ungeduldige 

Geste, so als wollte er sagen, die Vorfuhrung lohne kaum die 

Mtihe. Dann drehte er einen Knopf, und die Stimmen 

verstummten. 

»Stehen Sie auf von diesem Lager«, sagte er. 

Die Fesseln hatten sich gelost. Winston liefi sich auf den 

Fufiboden heruntergleiten und richtete sich unsicher auf. »Sie 

sind der letzte Mensch«, sagte O'Brien. »Sie sind der Huter des 

menschlichen Geistes. Sie sollen sich sehen, wie Sie sind. Ziehen 

Sie Ihre Kleider aus.« 



309 



Winston knupfte das Stuck Schnur auf, das seinen 
Trainingsanzug zusammenhielt. Der Reifiverschlufi war schon 
seit langem herausgerissen. Er konnte sich nicht erinnern, ob er 
seit seiner Festnahme jemals seine ganzen Kleider gleichzeitig 
abgelegt hatte. Unter dem Trainingsanzug war sein Korper in 
schmutzig gelbliche Fetzen gehullt, die man gerade noch als 
Uberreste von Unterwasche erkennen konnte. Als er sie auf den 
Boden abstreifte, sah er, dafi am anderen Ende des Raumes ein 
dreiteiliger Spiegel stand. Er trat naher heran und blieb mit einem 
Ruck stehen. Unwillkurlich war ihm ein Schrei entfahren. 
»Gehen Sie weiter«, sagte O'Brien. »Stellen Sie sich zwischen die 
beiden Seitenteile des Spiegels. Sie sollen sich auch von der Seite 
sehen.« 

Er war stehen geblieben, weil er erschrak. Ein gebeugtes, 
graufarbenes, skelettartiges Etwas kam auf ihn zu. Sein 
tatsachliches Aussehen und nicht nur die Tatsache, dafi er wufite, 
dafi er das selbst war, war erschreckend. Er trat naher an den 
Spiegel heran. Das Gesicht des Wesens schien infolge seiner 
gebeugten Haltung vorgeschoben. Ein verzweifeltes 
Verbrechergesicht mit einer edlen Stirn, die in eine glatzkopfige 
Schadelhaut auslief, eine Hakennase und entstellt aussehende 
Backenknochen, daruber wilde, wachsame Augen. Die Wangen 
waren zerschunden, der Mund eingefallen. Es war freilich sein 
eigenes Gesicht, aber es schien ihm mehr verandert, als er sich 
innerlich verandert hatte. Er war stellenweise glatzkopfig 
geworden. Im ersten Augenblick hatte er gemeint, zugleich auch 
grau geworden zu sein, aber es war nur die Kopfhaut, die grau 
war. 

Mit Ausnahme seiner Hande und des Ovals seines Gesichts war 
sein ganzer Korper grau von altem, in die Haut eingefressenem 
Schmutz. Da und dort waren unter dem Schmutz die roten 
Narben von Wunden zu sehen, und die Krampfaderknoten an 
seinem Fufiknochel bildeten eine entzundete Masse, von der sich 
Hautfetzen abschalten. Aber das wirklich Erschreckende war die 
Abgezehrtheit seines Korpers. Die Rippen seines Brustkorbes 



310 



zeichneten sich deutlich ab wie bei einem Skelett; das Fleisch der 
Beine war so geschunden, dafi die Knie dicker waren als die 
Oberschenkel. Jetzt ging ihm ein Licht auf, was O'Brien damit 
gemeint hatte, als er sagte, er sollte sich von der Seite ansehen. 
Die Ruckgratverkrummung war erstaunlich. 
Die mageren Schultern fielen nach vorne, als sollte an Stelle der 
Brust eine Hohlung entstehen; der dunne Hals schien vom 
Gewicht des Schadels gebeugt. Auf den ersten Blick hatte er 
gesagt, es handle sich um den Korper eines Sechzigjahrigen, der 
an einer bosartigen Krankheit litt. 

»Sie haben manchmal gedacht«, sagte O'Brien, »mein Gesicht - 
das Gesicht eines Mitglieds der Inneren Partei - sehe alt und 
verbraucht aus. Was denken Sie nun tiber Ihr eigenes Gesicht?« 
Er ergriff Winston bei der Schulter und drehte ihn herum, so dafi 
er Angesicht zu Angesicht vor ihm stand. 

»Sehen Sie sich Ihren Zustand an!« sagte er. »Betrachten Sie die 
schmierige Schicht, die Ihren ganzen Korper bedeckt. Schauen Sie 
den Schmutz zwischen Ihren Zehen an. Sehen Sie die scheufiliche 
wassernde Wunde an Ihrem Bein. Wissen Sie, dafi Sie stinken wie 
ein Bock? Vermutlich merken Sie es nicht mehr. 
Schauen Sie sich Ihre Magerkeit an. Sehen Sie? Ich kann Ihren 
Bizeps mit Daumen und Zeigefinger umfassen. Ich konnte Ihren 
Hals abbrechen wie eine Mohrrube. Wissen Sie, dafi Sie 
funfundzwanzig Kilo eingebufit haben, seit Sie in unseren 
Handen sind? Sogar Ihr Haar geht buschelweise aus. Sehen Sie 
her!« Er ergriff Winstons Schopf und hielt ein Buschel Haare in 
der Hand. »Machen Sie den Mund auf. Neun...zehn...elf Zahne 
sind ubriggeblieben. Wie viele hatten Sie, als Sie zu uns kamen? 
Und die paar, die Sie noch haben, fallen aus. Schauen Sie her.« 
Er packte einen von Winstons restlichen Schneidezahnen 
zwischen seinem starken Daumen und Zeigefinger. Ein 
stechender Schmerz durchfuhr Winstons Kiefer. O'Brien hatte 
den lockeren Zahn mit der Wurzel herausgedreht. Er schnippte 
ihn durch die Zelle. 



311 



»Sie verfaulen schon langsam«, sagte er, »Sie losen sich in Ihre 
Bestandteile auf. Was sind Sie? Ein Haufen Unrat. Nun drehen 
Sie sich um und schauen Sie noch einmal in diesen Spiegel. Sehen 
Sie das Wesen, das Sie daraus anblickt? Es ist der letzte Mensch. 
Wenn Sie menschlich sind, so ist das die Menschheit. Jetzt Ziehen 
Sie Ihre Kleider wieder an.« 

Winston begann sich mit langsamen, steifen Bewegungen 
anzuziehen. Bis jetzt hatte er scheinbar nicht bemerkt, wie mager 
und schwach er war. Nur ein Gedanke beschaftigte ihn: dafi er 
langer, als er gedacht hatte, hier gewesen sein mufite. Dann, als er 
die elenden Lumpen um sich hullte, iiberfiel ihn ein Gefuhl des 
Mitleids mit seinem zugrunde gerichteten Korper. Ehe er wufite, 
was er tat, war er auf einen neben dem Bett stehenden kleinen 
Schemel gesunken und in Tranen ausgebrochen. Er war sich 
seiner Hafilichkeit, seines unerquicklichen Anblicks bewufit, wie 
er als ein Bundel Knochen in schmutziger Unterwasche in dem 
grellen weifien Licht dasafi und heulte: aber er konnte sich nicht 
beherrschen. O'Brien legte ihm, fast begutigend, die Hand auf die 
Schulter. 

»Es dauert nicht ewig«, sagte er. »Sie konnen dem entrinnen, 
wenn Sie wollen. Alles hangt von Ihnen selbst ab.« 
»Sie haben das getan!« schluchzte Winston. »Sie versetzten mich 
in diesen Zustand.« »Nein, Winston, Sie selbst haben sich darein 
versetzt. Damit mufiten Sie rechnen, als Sie sich gegen uns 
auflehnten. Alles das war in diesem ersten Schritt beschlossen. Es 
geschah nichts, was Sie nicht voraussehen konnten.« 
Er schwieg und fuhr dann fort: »Wir haben Sie geschlagen, 
Winston. Wir haben Sie kleingemacht. Sie haben gesehen, wie Ihr 
Korper aussieht. Ihr Geist befindet sich in demselben Zustand. 
Ich glaube nicht, dafi noch viel Stolz in Ihnen stecken kann. Sie 
wurden mit Fufien getreten, geprugelt und beschimpft. Sie haben 
vor Schmerz gebrullt, haben sich in Ihrem Blut und Ihrem 
eigenen Erbrochenen auf dem Boden gewalzt. Sie haben um 
Gnade gewimmert, jeden und alles verraten. Fallt Ihnen auch nur 



312 



eine einzige Demutigung ein, die Sie nicht durchgemacht 

haben?« 

Winston hatte zu weinen aufgehort, wenn ihm auch noch die 

Tranen aus den Augen rannen. Er blickte zu O'Brien empor. 

»Julia habe ich nicht verraten«, sagte er. 

O'Brien blickte nachdenklich auf ihn hinunter. »Nein«, sagte er, 

»nein, das stimmt vollkommen. Sie haben Julia nicht verraten.« 

Die merkwurdige Verehrung fur O'Brien, die nichts erschuttern 

zu konnen schien, durchflutete wieder Winstons Herz. Wie klug, 

dachte er, wie weise! O'Brien versagte nie darin, zu verstehen, 

was man zu ihm sagte. 

Jeder andere Mensch auf dieser Welt hatte sogleich geantwortet, 

dafi er Julia verraten habe. Denn was gab es, was sie unter der 

Folter nicht aus ihm herausgeprefit hatten? 

Er hatte ihnen alles gestanden, was er von ihr wufite, ihre 

Gewohnheiten, ihren Charakter, ihr bisheriges Leben. Er hatte bis 

zur kleinsten Einzelheit ausgesagt, was sich bei ihren 

Begegnungen abgespielt hatte, alles, was er zu ihr und sie zu ihm 

gesagt hatte; ihre Schwarzmarkt-Mahlzeiten, ihre 

Bettgemeinschaften, ihr unklares Planeschmieden gegen die 

Partei - alles. 

Und doch, in dem Sinne, was er mit dem Wort ausdrucken 

wollte, hatte er sie nicht verraten. Er hatte nicht aufgehort, sie zu 

lieben; sein Geftihl ihr gegenuber war das gleiche geblieben. 

O'Brien hatte erkannt, was er sagen wollte, ohne dafi es einer 

Erklarung bedurft hatte. 

»Sagen Sie mir«, fragte Winston, »wie bald wird man mich 

erschiefien?« 

»Es kann noch lange dauern«, sagte O'Brien. »Sie sind ein 

schwieriger Fall. Aber geben Sie die Hoffnung nicht auf. Jeder 

wird fruher oder spater geheilt. Und am Schlufi erschiefien wir 

Sie.« 



313 



Viertes Kapitel 



Es ging ihm viel besser. Mit jedem Tag, sofern man von Tagen 
sprechen konnte, wurde er dicker und kraftiger. Das weifie Licht 
und der summende Ton waren unverandert geblieben, aber seine 
neue Zelle war ein wenig bequemer als die fruheren. Auf der 
Holzpritsche lagen ein Kissen und eine Matratze, und es gab 
einen Schemel zum Sitzen. Man hatte ihm ein Bad genehmigt, 
und er durfte sich ziemlich haufig in einer Zinnwanne waschen. 
Man gab ihm dazu sogar warmes Wasser. Man hatte ihm neue 
Unterwasche und einen sauberen Trainingsanzug gebracht. Hatte 
sein Krampfadergeschwur mit einer schmerzlindernden 
Heilsalbe verbunden. Die restlichen Zahne hatte man ihm 
gezogen und ein neues Gebifi eingesetzt. Wochen oder Monate 
mufiten verstrichen sein. Es ware jetzt moglich gewesen 
auszurechnen, wie viel Zeit vergangen war, wenn er Wert darauf 
gelegt hatte, denn er bekam sein Essen in scheinbar regelmafiigen 
Abstanden. 

Seiner Schatzung nach erhielt er drei Mahlzeiten in 
vierundzwanzig Stunden; manchmal fragte er sich 
verschwommen, ob sie ihm nachts oder tags gebracht wurden. 
Das Essen war uberraschend gut, zu jeder dritten Mahlzeit gab es 
Fleisch. Einmal bekam er sogar ein Packchen Zigaretten. Er hatte 
keine Zundholzer, aber der ewig stumme Wachmann, der ihm 
sein Essen brachte, wurde ihm Feuer geben. Das erste Mai, als er 
zu rauchen versuchte, wurde ihm schlecht, aber er fuhr damit 
fort, und er reichte mit dem Packchen eine lange Zeit, indem er 
nach jeder Mahlzeit eine halbe Zigarette rauchte. 
Man hatte ihm eine weifie Schreibtafel mit einem an der Ecke 
angebundenen Bleistiftstumpf gegeben. Zuerst machte er keinen 
Gebrauch davon. Sogar im Wachzustand doste er dumpf vor sich 
hin. Oft lag er von einer Mahlzeit bis zur nachsten fast 
bewegungslos da, manchmal schlafend, dann wieder wach in 



314 



undeutlichen Traumereien versunken, bei denen es schon zuviel 
Mtihe bedeutete, die Augen zu offnen. Er hatte sich seit langem 
daran gewohnt, bei grell in sein Gesicht scheinendem Licht zu 
schlafen. Es schien ihm nichts auszumachen, aufier dafi die 
Traume mehr Zusammenhang bekamen. Er traumte diese ganze 
Zeit hindurch viel, und immer waren es gliickhafte Traume. Er 
weilte in dem Goldenen Land oder safi zwischen riesigen, 
prachtigen, sonnenbeschienenen Ruinen mit seiner Mutter, mit 
Julia, mit O'Brien - ohne etwas zu tun, sondern einfach so in der 
Sonne und plauderte von friedlichen Dingen. 
Soweit er uberhaupt Gedanken hatte, wenn er wach lag, drehten 
sie sich meistens um seine Traume. Die Kraft zu einer geistigen 
Anstrengung schien ihm abhanden gekommen zu sein, jetzt, wo 
der Erregungsfaktor des Schmerzes nicht mehr mitwirkte. Er 
empfand keine Langeweile, verspurte kein Verlangen nach 
Unterhaltung oder Zerstreuung. Er wollte nur eben allein sein, 
nicht geschlagen oder verhort werden, genug zu essen haben und 
am ganzen Korper sauber sein - mehr wollte er nicht. 
Allmahlich verbrachte er weniger Zeit mit Schlafen, verspurte 
aber noch immer keine Lust, das Bett zu verlassen. Ihn verlangte 
nur danach, still dazuliegen und zu fuhlen, wie die Kraft in 
seinen Korper zuruckkehrte. Er befuhlte sich da und dort und 
versuchte sich zu uberzeugen, dafi es keine Tauschung war, dafi 
seine Haut sich straffte und seine Muskeln runder wurden. 
Endlich stand aufier Zweifel fest, dafi er an Gewicht zunahm; 
seine Oberschenkel waren jetzt deutlich dicker als seine Knie. 
Danach begann er, zuerst widerwillig, regelmafiig korperliche 
Ubungen zu machen. Schon bald konnte er drei Kilometer laufen, 
wie er an seinen Schritten in der Zelle abmafi, und seine 
gebeugten Schultern wurden gerader. 

Er versuchte schwierigere Ubungen und war erstaunt und 
gedemutigt bei der Entdeckung, was er alles nicht fertig brachte. 
Er konnte unterm Gehen keine anderen Bewegungen machen, 
konnte seinen Schemel nicht auf Armeslange hinaushalten, 
konnte nicht auf einem Bein stehen, ohne seitlich umzukippen. Er 



315 



hockte sich auf seine Fersen nieder und entdeckte, dafi es ihm mit 
qualvollen Schmerzen in Schenkeln und Waden nur eben gelang, 
sich zu stehender Stellung aufzurichten. Er legte sich flach auf 
den Bauch und versuchte, sich mit aufgestutzten Handen 
hochzustemmen. Es war hoffnungslos, er konnte sich keinen 
Zentimeter vom Boden hochheben. Aber nach ein paar weiteren 
Tagen - ein paar weiteren Mahlzeiten - gelang ihm auch dieses 
Kunststuck. 

Es kam eine Zeit, als er es sechsmal hintereinander fertig brachte. 
Er begann richtig stolz zu werden auf seinen Korper und sich 
dem heimlichen Glauben hinzugeben, auch sein Gesicht werde 
wieder normal. Nur wenn er zufallig die Hand auf seinen kahlen 
Schadel legte, fiel ihm das zerschundene, zerstorte Gesicht ein, 
das ihn aus dem Spiegel angeblickt hatte. Sein Geist wurde 
wacher. Er setzte sich auf die Pritsche, mit dem Rucken zur Wand 
und die Schreibtafel auf seine Knie gelegt, und machte sich 
behutsam daran, seinen Geist wieder zu tiben. 
Er hatte kapituliert, soviel stand fest. In Wahrheit war er, wie er 
nun erkannte, bereit gewesen zu kapitulieren, lange ehe er den 
Entschlufi dazu gefafit hatte. Von dem Augenblick an, als er sich 
in dem Ministerium fur Liebe befand - ja sogar schon wahrend 
der Minuten, als er und Julia hilflos dagestanden hatten, 
wahrend ihnen die eiserne Stimme aus dem Televisor sagte, was 
sie tun sollten -, hatte er die Leichtfertigkeit, die 
Oberflachlichkeit seines Versuches, sich gegen die Macht der 
Partei aufzulehnen, voll erkannt. 

Er wufite jetzt, dafi ihn die Gedankenpolizei sieben Jahre 
hindurch wie einen Kafer unter einem Vergrofierungsglas 
beobachtet hatte. Es gab keine korperliche Verrichtung, kein laut 
gesprochenes Wort, das sie nicht wahrgenommen hatten, keinen 
Gedankengang, den sie nicht im Voraus gewufit hatten. Sogar 
das weifie Staubkornchen auf dem Einband seines Tagebuches 
hatten sie sorgfaltig wieder ersetzt. 

Sie hatten ihm Wachsplattenaufnahmen vorgespielt, ihm 
Fotografien gezeigt. Einige davon waren Fotografien von Julia 



316 



und ihm. Ja, sogar...Er konnte nicht langer gegen die Partei 
ankampfen. Aufierdem war die Partei im Recht. Sie mufite es 
sein: denn wie konnte der unsterbliche kollektive Geist irren? Mit 
welchem aufieren Mali stab konnte man seine Werte nachprufen? 
Das Urteil des gesunden Menschenverstandes stand statistisch 
fest. Es war lediglich eine Frage, so denken zu lernen, wie sie 
dachten. Nur. . . ! 

Der Bleistift fuhlte sich plump und sperrig zwischen seinen 
Fingern an. Er begann die Gedanken niederzuschreiben, die ihm 
durch den Kopf gingen. Zuerst schrieb er in grofien unbeholfenen 
Anfangsbuchstaben: FREIHEIT 1ST SKLAVEREI 
Dann, fast ohne Innehalten, schrieb er darunter: ZWEI UND 
ZWEI 1ST FUNF 

Jetzt aber schaltete sich eine Art Hemmung ein. Sein Geist schien 
so, als scheue er vor etwas zuruck, aufierstande, sich zu sammeln. 
Er wufite, dafi er wufite, was als nachstes kam; aber im 
Augenblick konnte er nicht darauf kommen. Als er dann darauf 
kam, was es sein mufite, war es nur auf Grund bewufiter 
Uberlegung; es fiel ihm nicht von selber ein. Er schrieb: GOTT 
1ST MACHT 

Er nahm jetzt alles richtig hin. Die Vergangenheit war 
veranderlich. Die Vergangenheit war nie verandert worden. 
Ozeanien lag im Krieg mit Ostasien. Ozeanien war immer mit 
Ostasien im Krieg gelegen. Jones, Aaronson und Rutherford 
waren der Verbrechen schuldig, deren sie angeklagt waren. Er 
hatte die Fotografie gesehen, die ihre Schuld widerlegte. Sie hatte 
nie existiert, er hatte sie erfunden. Er erinnerte sich, dafi er sich 
gegenteiliger Dinge erinnert hatte, aber das waren falsche 
Erinnerungen, Produkte der Selbsttauschung. Wie einfach alles 
war! Man brauchte nur nachzugeben, und alles andere ergab sich 
von selbst. Es war wie das Schwimmen gegen eine Stromung, die 
einen zuruckrifi, wie sehr man sich auch anstrengte, bis man 



317 



dann plotzlich beschlofi, kehrtzumachen und mit der Stromung 

zu gehen, statt gegen sie. 

Nichts hatte sich geandert, aufier die eigene Haltung: Das vom 

Schicksal Vorbestimmte geschah in jedem Fall. Er wufite kaum, 

warum er sich jemals aufgelehnt hatte. Alles war einfach, 

aufier...! 

Alles konnte wahr sein. Die sogenannten Naturgesetze waren 

Unsinn. Das Gesetz der Schwerkraft war Unsinn. »Wenn ich 

wollte«, hatte O'Brien gesagt, »dann konnte ich mich von diesem 

Boden erheben wie eine Seifenblase.« 

Winston verfolgte diesen Gedanken weiter. »Wenn er glaubt, sich 

vom Fufiboden erheben zu konnen, und ich gleichzeitig glaube, 

dafi ich ihn das tun sehe, dann geschieht es wirklich.« 

Wie ein Teil eines uberschwemmten Wracks hochkommend die 

Oberflache des Wassers durchbricht, so durchdrang ihn plotzlich 

der Gedanke: »Es geschieht nicht wirklich. Wir bilden es uns ein. 

Es ist eine Sinnestauschung.« 

Sofort wies er diesen Gedanken von sich. Der Trugschlufi war 

offensichtlich. Er setzte voraus, dafi es irgendwo aufierhalb einem 

selbst eine »wirkliche« Welt gab, in der »wirkliche« Dinge 

geschahen. Aber wie konnte es eine solche Welt geben? Was 

wissen wir von irgendetwas, aufier durch unser eigenes Denken? 

Alle Geschehnisse spielen sich im Denken ab. Was immer sich im 

Denken aller abspielt, geschieht wirklich. 

Es fiel ihm nicht schwer, den Trugschlufi abzutun, und er war 

nicht in Gefahr, ihm anheim zufallen. Trotzdem war er sich 

bewufit, dafi ihm dieser Einfall nie hatte kommen durfen. Das 

Denken sollte eine leere Stelle einschalten, sooft sich ein 

gefahrlicher Gedanke einstellte. Der Prozefi sollte automatisch, 

instinktiv vor sich gehen. Verbrechenstop nannte man es in der 

Neusprech. 

Er machte sich daran, sich in Verbrechenstop zu tiben. Er stellte 

bei sich Behauptungen auf wie »Die Partei sagt, die Erde ist 

flach«, »Die Partei sagt, Eis ist schwerer als Wasser« und schulte 

sich darin, die Argumente, die gegen diese Behauptungen 



318 



sprachen, nicht zu sehen oder nicht zu verstehen. Das war nicht 
leicht. Es bedurfte grofier Geschicklichkeit im Argumentieren 
und Improvisieren. So gingen zum Beispiel die durch solche 
Behauptungen wie »Zwei und zwei ist vier« aufgeworfenen 
arithmetischen Probleme tiber seine geistige Fassungskraft 
hinaus. Auch war eine Art geistiges Athletentum notig, die 
Fahigkeit zu entwickeln, in dem einen Augenblick mit der 
geschliffenen Logik vorzugehen und im nachsten die grobsten 
logischen Fehler zu ubersehen. Dummheit tat ebenso not wie 
Klugheit und war ebenso schwer zu erreichen. 
Die ganze Zeit fragte er sich mit einem Teil seines Denkens, wie 
bald sie ihn wohl erschiefien wurden. »Alles hangt von Ihnen 
selbst ab«, hatte O'Brien gesagt. Aber er wufite, dafi er durch 
keine besondere Handlung diesen Augenblick beschleunigen 
konnte. Es konnte, von jetzt ab gerechnet, in zehn Minuten oder 
in zehn Jahren da sein. Sie hielten ihn vielleicht jahrelang in 
Einzelhaft, schickten ihn vielleicht in ein Zwangsarbeiterlager, 
liefien ihn vielleicht eine Weile frei, wie sie das manchmal 
machten. 

Es war durchaus moglich, dafi er, bevor er erschossen wurde, das 
ganze Trauerspiel seiner Festnahme und seines Verhors noch 
einmal von vorne durchmachen mufite. Eines jedenfalls war 
gewifi, dafi der Tod nie in einem erwarteten Augenblick kam. 
Das ubliche Verfahren - das stillschweigende Verfahren, von 
dem man irgendwie wufite, obwohl nie daruber gesprochen 
wurde - bestand darin, dafi sie einen hinterrucks erschossen: 
immer in den Hinterkopf, und zwar ohne Warnung, wahrend 
man von Zelle zu Zelle den Gang entlangging. 
Eines Tages - aber »eines Tages« war nicht die richtige 
Bemerkung; ganz ebenso wahrscheinlich konnte es mitten in der 
Nacht gewesen sein: - einmal also verfiel er in eine seltsame, 
selige Traumerei. Er ging den Gang hinunter in Erwartung der 
Kugel. Er wufite, dafi sie im nachsten Moment kommen wurde. 
Alles war entschieden, geklart, versohnt. Es gab keine Zweifel 
mehr, keine Streitfragen, keinen Schmerz, keine Angst. Sein 



319 



Korper war gesund und stark. Er ging leichten Schrittes, mit einer 
Freude an der Bewegung und in dem Gefuhl, im Sonnenlicht zu 
wandeln. Es war nicht mehr in den engen grellweifien Gangen 
des Ministeriums fur Liebe, er befand sich in dem riesigen, einen 
Kilometer breiten Durchlafi, von dem es ihm so vorgekommen 
war, als durchwandle er ihn in einem durch Drogen 
herbeigefuhrten Wahn. 

Er war im Goldenen Land und folgte dem Fufipfad durch die 
alte, von Kaninchen bevolkerte Weide. Er konnte den 
kurzgeschorenen, federnden Rasen unter seinen Fufien und den 
milden Sonnenschein auf seinem Gesicht fuhlen. Am Rande des 
Feldes standen leise sich wiegend die Ulmen, und irgendwo 
dahinter war der Flufi, in dem sich die Weififische in den grunen 
Tumpeln unter den Hangeweiden tummelten. Plotzlich fuhr er in 
jahem Erschrecken hoch. Der Schweifi brach ihm aus alien Poren. 
Er hatte sich laut ausrufen horen: »Julia! Julia! Julia, Geliebte! 
Julia!« 

Einen Augenblick hatte ihn uberzeugend die Tauschung 
uberkommen, sie sei da. Es hatte ihm geschienen, als sei sie nicht 
nur bei ihm, sondern in ihm. Es war, als sei sie unter das Gewebe 
seiner Haut gekrochen. In diesem Augenblick hatte er sie weit 
mehr geliebt als je zuvor, als sie noch zusammen und frei waren. 
Auch wufite er, dafi sie irgendwo noch am Leben war und seiner 
Hilfe bedurfte. 

Er legte sich auf dem Bett zuruck und versuchte, sich zu fassen. 
Was hatte er angerichtet? Wie viele Jahre hatte er seiner 
Knechtschaft durch diesen Augenblick der Schwache 
hinzugefugt? 

Im nachsten Augenblick wurde er draufien den Schritt schwerer 
Stiefel horen. Seine Peiniger konnten einen solchen Ausbruch 
nicht ungestraft hingehen lassen. Sie wurden jetzt wissen, wenn 
sie es nicht schon vorher gewufit hatten, dafi er das mit ihnen 
getroffene Abkommen brach. Er gehorchte der Partei, aber noch 
immer Hasste er sie. In den vergangenen Tagen hatte er einen 
aufruhrerischen Geist hinter zur Schau getragener Fugsamkeit 



320 



versteckt. Jetzt hatte er sich einen Schritt weiter zuruckgezogen: 
er hatte im Geist nachgegeben, jedoch gehofft, sein Herzinneres 
unversehrt zu bewahren. Er wufite, dafi er im Unrecht war, aber 
lieber wollte er im Unrecht sein. Sie wurden das erkennen - 
O'Brien wurde es erkennen. All das war in diesem einzigen 
torichten Schrei eingestanden. 

Er wurde noch einmal ganz von neuem anfangen mussen. Es 
konnte Jahre dauern. Er fuhr sich mit der einen Hand ubers 
Gesicht, in dem Versuch, sich mit dessen neuer Form vertraut zu 
machen. Er hatte tiefe Furchen in den Wangen, die 
Backenknochen standen hervor, die Nase war abgeplattet. 
Aufierdem hatte er, seitdem er sich zum letzten Mai im Spiegel 
gesehen hatte, ein vollstandig neues Gebifi bekommen. Es war 
nicht leicht, ein undurchdringliches Gesicht zu machen, wenn 
man nicht wufite, wie das eigene Gesicht aussah. Jedenfalls, nur 
das Gesicht zu wahren, genugte nicht. 

Zum ersten Mai erkannte er, dafi jemand, der ein Geheimnis 
bewahren will, es auch vor sich selbst bewahren mufi. Man mufi 
standig um sein Vorhandensein wissen, aber bis die 
Notwendigkeit besteht, darf man es nie in irgendeiner 
benennbaren Form ins eigene Bewufitsein dringen lassen. Von 
jetzt an mufite er nicht nur richtig denken, er mufite richtig 
ftihlen, richtig traumen. Und die ganze Zeit mufite er seinen Hass 
in sich verschlossen halten wie eine Gewebewucherung, die ein 
zu ihm gehoriger Bestandteil war und doch mit seinem ubrigen 
Ich nichts zu tun hatte - eine Art Zyste. 

Eines Tages wurden sie beschliefien, ihn zu erschiefien. Man 
konnte nicht sagen, wann das sein wurde, aber ein paar 
Sekunden vorher mufite man es erraten konnen. Es geschah 
immer durch Genickschufi, wahrend man einen Gang 
entlangging. Zehn Sekunden wurden genugen. In dieser Zeit 
konnte die Welt in ihm eine Umdrehung erfahren. Und dann 
plotzlich, ohne ein Wort zu aufiern, ohne im Schritt innezuhalten, 
ohne dafi sich auch nur ein Zug in seinem Gesicht veranderte - 
plotzlich wurde die Tarnung fallengelassen und peng! wurden 



321 



sich die Batterien seines Hasses entladen. Hass wurde ihn 
erfullen wie eine riesige brausende Flamme. Und fast im gleichen 
Augenblick wurde peng! die Kugel fallen, zu spat oder zu frtih. 
Sie wurden ihm eine Kugel durchs Hirn gejagt haben, ehe sie es 
wieder zu richtigem Denken zuruckgefuhrt haben konnten. Der 
ketzerische Gedanke wurde unbestraft, unbereut, fur immer 
ungreifbar fur sie bleiben. Sie hatten ein Loch in ihre eigene 
Vortrefflichkeit geschossen. Im Hass gegen sie zu sterben war 
gleichbedeutend mit Freiheit! 

Er schlofi die Augen. Das war schwieriger, als sich einer geistigen 
Disziplin zu unterwerfen. Es erforderte, sich selbst zu 
erniedrigen, zu verstummeln. Er mufite sich in den schlimmsten 
Schmutz sturzen. Was war das Schrecklichste, Ekelhafteste von 
allem? Er dachte an den Grofien Bruder. Das riesige Gesicht (da 
er es dauernd auf Plakaten sah, stellte er es sich immer einen 
Meter breit vor) mit seinem dicken schwarzen Schnurrbart und 
den Augen, die einem uberallhin folgten, schien ihm ganz von 
selbst einzufallen. Was waren seine wahren Gefuhle gegenuber 
dem Grofien Bruder? 

Ein schweres Stiefelgetrampel war draufien auf dem Gang zu 
horen. Die Stahlture schwang klirrend auf. O'Brien trat in die 
Zelle. Hinter ihm drein kamen der wachsgesichtige Offizier und 
die schwarzuniformierten Wachen. 
»Stehen Sie auf«, sagte O'Brien. »Kommen Sie her.« 
Winston stand vor ihm. O'Brien ergriff Winstons Schultern mit 
seinen kraftigen Handen und sah ihn scharf an. 
»Sie liefien es sich einfallen, mich tauschen zu wollen«, sagte er. 
»Das war dumm. Stehen Sie strammer. Schauen Sie mich an.« 
Er schwieg und fuhr in milderem Ton fort: »Sie bessern sich. 
Verstandesmafiig ist recht wenig an Ihnen auszusetzen. Nur 
gefuhlsmafiig haben Sie keinen Fortschritt gemacht. Sagen Sie 
mir, Winston - und denken Sie daran, keine Lugen: Sie wissen, 
dafi ich eine Luge immer herausfinden kann -, sagen Sie, was 
sind Ihre wahren Gefuhle gegenuber dem Grofien Bruder?« 
»Ich hasse ihn.« 



322 



»Sie hassen ihn. Schon. Dann ist fur Sie die Zeit gekommen, den 
letzten Schritt zu tun. Sie mussen den Grofien Bruder lieben. Es 
geniigt nicht, ihm zu gehorchen: Sie mussen ihn lieben.« 
Er liefi Winston los, indem er ihm einen kleinen Stofi in Richtung 
zu den Wachleuten versetzte. »Zimmer 101 !«, sagte er. 



Fxinftes Kapitel 



In jedem Stadium seiner Haft hatte er gewufit - oder zu wissen 
geglaubt -, wo in dem fensterlosen Gebaude er sich befand. 
Moglicherweise machten sich leichte Unterschiede im Luftdruck 
bemerkbar. Die Zellen, wo ihn die Wachen geprugelt hatten, 
lagen unter ebener Erde. Das Zimmer, in dem er von O'Brien 
verhort worden war, war hoch oben in Dachnahe. Dieser Raum 
nun befand sich viele Meter unter der Erde, so tief drunten wie 
moglich. 

Es war grofier als die meisten Zimmer, in denen er gewesen war. 
Aber Winston nahm seine Umgebung kaum wahr. Er sah nur 
zwei kleine, gerade vor ihm stehende Tische, von denen jeder mit 
grunem Flanell bezogen war. 

Der eine stand nur einen oder zwei Meter von ihm entfernt, der 
andere weiter weg bei der Tur. Er war aufrecht sitzend so fest auf 
einen Stuhl angeschnallt, dafi er nichts, nicht einmal den Kopf, 
bewegen konnte. Eine Art Schiene umklammerte von hinten 
seinen Kopf und zwang ihn, den Blick geradeaus vor sich hin 
gerichtet zu halten. Einen Augenblick war er allein, dann offnete 
sich die Tur, und O'Brien kam herein. 

»Sie haben mich einmal gefragt«, sagte O'Brien, »was in Zimmer 
101 ware. Ich sagte, Sie wufiten die Antwort bereits. Jedermann 
weifi sie. Was einen in Zimmer 101 erwartet, ist das Schlimmste 
auf der Welt.« 



323 



Wieder offnete sich die Tur. Ein Wachmann kam herein und trug 
etwas aus Drahtgeflecht, eine Art Behalter oder Korb. Er stellte es 
auf den entferntesten Tisch. Wegen der Stellung, die O'Brien 
einnahm, konnte Winston nicht sehen, was es war. 
»Das Schlimmste auf der Welt«, sagte O'Brien, »ist individuell 
verschieden. Es kann lebendig begraben werden sein oder Tod 
durch Verbrennen, durch Ertranken, durch Aufpfahlen, oder 
funfzig andere Todesarten. Es gibt Falle, bei denen es eine ganz 
nichtssagende, nicht einmal todbringende Sache ist.« 
Er war ein wenig beiseite getreten, so dafi Winston den 
Gegenstand auf dem Tisch besser sehen konnte. Es war ein 
langlicher Drahtkafig, mit oben einem Griff zum Tragen. An der 
Vorderseite war etwas befestigt, das wie eine Fechtmaske aussah, 
mit der Hohlseite nach aufien. Obwohl es drei oder vier Meter 
von ihm entfernt stand, konnte er sehen, dafi der Kafig der Lange 
nach in zwei Abteilungen geteilt war, und in jeder befand sich ein 
Lebewesen. Es waren Ratten. 

»Fur Sie«, sagte O'Brien, »sind zufallig das Schlimmste auf der 
Welt Ratten. « 

Eine Art warnendes Zittern, eine Furcht vor - er wufite nicht 
genau was - hatte Winston bei seinem ersten Blick auf den Kafig 
befallen. Aber in diesem Augenblick kam ihm plotzlich eine 
Erleuchtung, zu was die vorne befestigte maskenartige 
Vorrichtung diente. Ihm schien der Boden unter den Fufien zu 
wanken. 

»Das konnen Sie nicht tun!« rief er mit schriller brechender 
Stimme. »Nur das nicht, nur das nicht! Es ist unmoglich!« 
»Erinnern Sie sich«, sagte O'Brien, »an das Panikmoment, das 
sich in Ihren Traumen einzustellen pflegte? Vor Ihnen tat sich 
eine dunkle Mauer auf, und in Ihren Ohren vernahmen Sie ein 
heulendes Gerausch. Etwas Schreckliches lauerte auf der anderen 
Seite der Mauer. Sie waren sich bewufit, dafi Sie wufiten, was es 
war, aber sie wagten nicht, es ans Licht zu ziehen. Es waren die 
Ratten, die sich auf der anderen Seite der Mauer befanden.« 



324 



»0'Brien!« rief Winston mit einer Anstrengung, seine Stimme in 

die Gewalt zu bekommen. »Sie wissen, dafi das nicht notwendig 

ist. Was wollen Sie, das ich tun soll?« 

O'Brien gab keine direkte Antwort. Als er sprach, war es in der 

schulmeisterlichen Art, die er manchmal an den Tag legte. Er 

blickte nachdenklich in die Feme, so als wende er sich an eine 

Zuhorerschaft im Rucken von Winston. 

»Schmerz als solcher«, sagte er, »genugt nicht immer. Es gibt 

Gelegenheiten, wo ein Mensch dem Schmerz standhalt, sogar bis 

zum Tode. Aber fur jeden Menschen gibt es etwas Unertragliches 

- etwas, das er nicht ins Auge fassen kann. Das hat nichts mit Mut 

oder Feigheit zu tun. Wenn man aus einer Hohe heruntersturzt, 

ist es nicht feig, sich an ein Seil zu klammern. 

Wenn man aus der Tiefe des Wassers emportaucht, ist es nicht 

feig, die Lungen mit Luft voll zupumpen. Es ist lediglich ein 

Instinkt, gegen den man sich nicht wehren kann. Das gleiche gilt 

von den Ratten. Sie sind eine Form des Zwanges, dem Sie nicht 

Widerstand leisten konnen, sogar wenn Sie wollten, Sie werden 

tun, was man von Ihnen verlangt.« 

»Aber was ist es, was ist es? Wie kann ich es tun, wenn ich nicht 

weifi, was es ist?« 

O'Brien ergriff den Kafig und brachte ihn heruber zu dem 

naheren Tisch. Er stellte ihn behutsam auf die Flanelldecke. 

Winston konnte das Blut in seinen Ohren sausen horen. Er hatte 

das Gefuhl, in volliger Einsamkeit dazusitzen. Er befand sich in 

der Mitte einer grofien leeren Ebene, einer von Sonnenlicht 

durchtrankten flachen Wuste, tiber die alle Gerausche aus 

ungeheuren Entfernungen zu ihm drangen. 

Dabei war der Kafig mit den Ratten keine zwei Meter von ihm 

entfernt. Es waren riesige Ratten. Sie waren in dem Alter, in dem 

die Schnauze einer Ratte rauh und grimmig und ihr Fell braun 

statt grau wird. 

»Die Ratte«, sagte O'Brien, noch immer an seine unsichtbare 

Zuhorerschaft gewendet, »ist, obwohl ein Nagetier, doch ein 

Fleischfresser. Halten Sie sich das vor Augen. Sie werden von den 



325 



Dingen gehort haben, die in den Armenvierteln dieser Stadt 
passieren. In manchen Strafien wagt eine Frau ihren Saugling 
nicht einmal ftinf Minuten allein im Haus zu lassen. Die Ratten 
wiirden das Kind bestimmt angreifen. In ganz kurzer Zeit 
wtirden sie es bis auf die Knochen abnagen. Sie greifen auch 
Kranke oder Sterbende an. Sie legen eine erstaunliche Intelligenz 
darin an den Tag, zu wissen, wann ein Mensch hilflos ist.« 
Vom Kafig her horte man jetzt ein lautes Quieken. Es schien aus 
weiter Feme an Winstons Ohr zu dringen. Die Ratten rauften 
miteinander; sie versuchten, einander durch das Trennungsgitter 
anzufallen. Er horte auch ein tiefes Verzweiflungsstohnen. Auch 
das schien nicht von ihm selbst zu kommen. 

O'Brien ergriff den Kafig und druckte dabei auf etwas darin. Ein 
scharfes Klinken erfolgte. Winston machte eine furchtbare 
Anstrengung, sich von dem Stuhl zu befreien. Es war 
hoffnungslos, jeder Teil von ihm, sogar sein Kopf, waren 
unbeweglich festgehalten. O'Brien rtickte den Kafig naher heran. 
Er war kaum einen Meter von Winstons Gesicht entfernt. 
»Ich habe auf den ersten Hebel gedruckt«, erklarte O'Brien. »Sie 
verstehen die Konstruktion dieses Kafigs. Die Maske pafit tiber 
Ihren Kopf, so dafi kein Durchschlupf bleibt. Wenn ich auf diesen 
anderen Hebel drticke, schiebt sich die Kafigture auf. Diese vor 
Hunger fast wahnsinnigen Scheusale werden wie Geschosse 
daraus hervorschiefien. Haben Sie je eine Ratte durch die Luft 
springen sehen? Sie werden Ihnen ins Gesicht springen und sich 
sofort einen Weg hindurch bahnen. Manchmal greifen sie als 
erstes die Augen an. Manchmal wtihlen sie sich durch die 
Wangen und zerfressen die Zunge.« 

Der Kafig kam naher; schlofi sich um ihn. Winston vernahm eine 
Folge schriller Schreie, die in der Luft tiber seinem Kopf zu 
erschallen schienen. Aber er kampfte wtitend gegen seine 
panische Angst an. Uberlegen, tiberlegen, auch wenn nur ein 
Sekundenbruchteil Zeit blieb, tiberlegen war die einzige 
Hoffnung. Plotzlich stieg ihm der widerliche, muffige Geruch der 
Scheusale in die Nase. Ein furchtbarer Ekel wtirgte ihn, und er 



326 



verlor fast das Bewufitsein. Alles war schwarz geworden vor 
seinen Augen. Einen Augenblick war er vernunftlos, ein 
kreischendes Tier. Dann jedoch rifi er sich von dem 
Schwindelgefuhl los, indem er sich an eine Idee klammerte. Es 
gab einen, nur einen einzigen Weg, sich selbst zu retten. Er mufite 
einen anderen Menschen, den Korper eines anderen Menschen, 
zwischen sich und die Ratten schieben. 

Die Kreisoffnung der Maske war jetzt grofi genug, um alles 
andere aus dem Gesichtskreis auszuschliefien. 
Die Drahtture war zwei Handspannen von seinem Gesicht 
entfernt. Die Ratten wufiten, was nun kommen wurde. Eine von 
ihnen sprang auf und ab, die andere, ein alter schuppiger 
Grofivater aus den Kloaken, richtete sich mit ihren rosa Pfoten an 
den Gitterstaben auf und schnupperte wild in die Luft. Winston 
konnte die Schnurrhaare und die gelben Zahne sehen. Wieder 
uberfiel ihn die schwarze Panik. Er war blind, hilflos, ohne 
Vernunft. 

»Im kaiserlichen China war es eine ubliche Strafe«, sagte O'Brien 
in seiner gewohnten lehrerhaften Art. 

Die Maske legte sich vor Winstons Gesicht. Der Draht beriihrte 
seine Wange. Und dann - nein, es war keine Erlosung, nur eine 
Hoffnung - ein winziger Hoffnungsschimmer. Zu spat, vielleicht 
zu spat. Aber er hatte plotzlich erkannt, dafi es auf der ganzen 
Welt nur einen Menschen gab, auf den er seine Strafe abwalzen, 
nur einen Korper, den er zwischen sich und die Ratten schieben 
konnte. Und aufier sich schrie er, wieder und immer wieder: 
»Nehmen Sie Julia! Nehmen Sie Julia! Nicht mich! Julia! Mir ist's 
gleich, was Sie mit ihr machen. Zerreifien Sie ihr das Gesicht, 
Ziehen Sie ihr das Fleisch von den Knochen. Nicht mich! Julia! 
Nicht mich!« 

Er fiel zuruck, in riesige Tiefen, fort von den Ratten. Er war noch 
immer auf dem Stuhl festgeschnallt, aber er war durch den 
Fufiboden, durch die Mauern des Gebaudes, durch die Erde, 
durch die Meere, durch die Atmosphare in den freien Raum, in 



327 



die Abgrunde zwischen den Sternen gesturzt - immer weiter, 
weiter und weiter weg von den Ratten. 

Er war Lichtjahre entfernt, aber O'Brien stand noch immer an 
seiner Seite. Noch war die kalte Beriihrung eines Drahtes an 
seiner Wange. Aber durch die ihn einhullende Dunkelheit 
vernahm er ein nochmaliges metallisches Klinken und wufite, 
dafi die Kafigtur ins Schlofi gefallen war und sich nicht geoffnet 
hatte. 



Sechstes Kapitel 



Das Cafe »Zum Kastanienbaum« war fast leer. Ein schrag durch 
ein Fenster einfallender Sonnenstrahl fiel auf verstaubte 
Tischplatten. Es war die stille Stunde nach funfzehn Uhr. 
Blechmusik rieselte aus den Televisoren. Winston safi in seiner 
Stammtischecke und starrte in ein leeres Glas. Dann und warm 
hob er den Blick zu einem grofien Gesicht, das ihn von der 
gegenuberliegenden Wand ansah. Der Grofie Bruder sieht dich 
an, lautete der Begleittext. 

Unaufgefordert kam ein Kellner und fullte sein Glas mit Victory- 
Gin, wobei er ein paar Tropfen aus einer anderen Flasche, deren 
Kork von einem Federkiel durchbohrt war, hineinspritzte. Es war 
mit Gewurznelken versetztes Sacharin, die Spezialitat des 
Hauses. 

Winston lauschte auf den Televisor. Im Augenblick ertonte nur 
Musik, aber es bestand die Moglichkeit, dafi jeden Augenblick 
eine Sondermeldung des Friedensministeriums erfolgte. Die 
Nachrichten von der Afrikafront waren aufierst beunruhigend. 
Immer wieder hatte er sich den ganzen Tag Sorgen daruber 
gemacht. Eine eurasische Armee (Ozeanien befand sich im 
Kriegszustand mit Eurasien: Ozeanien hatte sich immer im 



328 



Kriegszustand mit Eurasien befunden) ruckte in Eilmarschen 
gegen Suden vor. Der Tagesbericht vom Mittag hatte zwar kein 
bestimmtes Gebiet genannt, aber wahrscheinlich war die 
Kongomundung bereits Kriegsschauplatz. Brazzaville und 
Leopoldville waren in Gefahr. Man brauchte nicht erst die 
Landkarte anzusehen, um zu wissen, was das bedeutete. Es war 
nicht nur eine Frage des Verlustes von Mittelafrika: Zum 
erstenmal wahrend des ganzen Krieges war das Gebiet von 
Ozeanien selbst bedroht. 

Eine erregte Gemutsbewegung, nicht gerade Furcht, aber ein ihr 
nicht unahnliches Gefuhl, wallte in ihm hoch, dann verebbte sie 
wieder. Er horte auf, an den Krieg zu denken. Gegenwartig 
konnte er seine Gedanken nie langer als ein paar Augenblicke 
hintereinander auf einen Gegenstand gerichtet halten. Er erhob 
sein Glas und leerte es auf einen Zug. Wie immer, mufite er sich 
danach schutteln und einen leichten Brechreiz uberwinden. Das 
Zeug war greulich. 

Das Sacharin und die Gewurznelken, die einem durch ihre 
widerliche Art an sich schon widerstehen, konnten den faden 
oligen Geschmack nicht vertuschen; am schlimmsten von allem 
aber war, dafi der Gin-Geruch, den er Tag und Nacht nicht los 
wurde, in seiner Vorstellung unentwirrbar vermischt war mit 
dem Geruch dieser. . . 

Er nannte sie nie bei Namen, sogar in Gedanken nicht, und so 
weit wie moglich stellte er sie sich nie im Geiste vor. Sie waren 
etwas, das ihm nur halbwegs zum Bewufitsein kam, das dicht vor 
seinem Gesicht herumschwebte, ein Geruch, den er in der Nase 
hatte. Als ihm der Gin hochkam, stiefi er zwischen purpurroten 
Lippen auf. Er war beleibter geworden, seitdem sie ihn entlassen 
hatten, und hatte wieder seine alte Farbe bekommen - 
wahrhaftig, mehr als das. Seine Gesichtszuge hatten sich 
vergrobert, die Haut von Nase und Backenknochen war derb rot, 
sogar die Glatze war von einem zu dunklen Rosa. 
Ein Kellner brachte, wiederum unaufgefordert, das Schachbrett 
und die Tagesausgabe der Times, auf der Seite mit der 



329 



Schachaufgabe aufgeschlagen. Dann, als er sah, dafi Winstons 
Glas leer war, brachte er die Ginflasche und fullte es. Es bedurfte 
keiner Bestellung. Man kannte seine Gewohnheiten. Das 
Schachbrett wartete immer auf ihn, sein Ecktisch war immer 
reserviert. Sogar wenn das Lokal voll war, hatte er ihn fur sich 
allein, da niemand Wert darauf legte, zu nahe von ihm sitzend 
gesehen zu werden. Er machte sich nie auch nur die Mtihe, seine 
Glaser zu zahlen. 

In unregelmafiigen Abstanden wurde ihm ein schmutziger 
Fetzen Papier gebracht, von dem es hiefi, es sei die Rechnung; 
aber er hatte den Eindruck, dafi man ihm immer zu wenig 
aufrechnete. Es hatte keinen Unterschied ausgemacht, wenn das 
Gegenteil der Fall gewesen ware. Er besafi jetzt immer eine 
Menge Geld. Er hatte sogar eine Stellung, eine Sinekure, die 
besser bezahlt war, als seine alte Stellung es gewesen war. 
Die Musik aus dem Televisor brach ab, und stattdessen kam eine 
Stimme. Winston hob den Kopf, um zu lauschen. Es war jedoch 
kein Frontbericht. Sondern lediglich eine kurze Verlautbarung 
des Ministeriums fur Uberflufi. Im vorausgehenden Vierteljahr, 
zeigte es sich, war die zehnte Quote fur Schnursenkel innerhalb 
des Dreijahresplans um achtundneunzig Prozent ubertroffen 
worden. 

Er studierte die Schachaufgabe und stellte die Figuren auf. Es 
war ein verzwicktes Schlufispiel mit Hilfe von zwei Springern. 
» Weill zieht und setzt Schwarz in zwei Zugen matt.« 
Winston blickte zu dem Bildnis des Grofien Bruders empor. Weill 
setzt immer matt, dachte er mit einer Art von dunklem 
Mystizismus. Immer, ohne Ausnahme, ist es so eingerichtet. Bei 
keiner Schachaufgabe seit Entstehung der Welt hat jemals 
Schwarz gewonnen. Symbolisierte das nicht den ewigen, 
unabanderlichen Sieg des Guten tiber das Bose? Das riesige 
Gesicht blickte voll ruhiger Macht auf ihn zuruck. Weill setzt 
immer matt. 

Die Stimme aus dem Televisor hielt inne und fugte in einem 
anderen, viel ernsteren Ton hinzu: »Wir machen unsere Horer 



330 



auf eine wichtige Meldung aufmerksam, die um ftinfzehn Uhr 
dreifiig durchgegeben wird. Funfzehn Uhr dreifiig! Es handelt 
sich um eine aufierst wichtige Meldung. Sorgen Sie daftir, dafi Sie 
sie nicht versaumen. Funfzehn Uhr dreifiig.« Wieder fiel die 
Blechmusik ein. 

Winstons Herz klopfte heftig. Das war der Frontbericht. Ein 
Instinkt sagte ihm, dafi schlechte Nachrichten kommen wtirden. 
Den ganzen Tag tiber hatte ihn unter kurz aufflackernden 
Erregungszustanden der Gedanke an eine vernichtende 
Niederlage in Afrika beschaftigt und war ihm dann wieder 
entfallen. Ihm war, als sehe er leibhaftig das eurasische Heer tiber 
die nie zuvor tiberschrittene Grenze einschwarmen und sich wie 
eine Ameisenkolonne in die Spitze Afrikas ergiefien. 
Warum war es nicht moglich gewesen, sie in der Flanke zu 
umgehen? Der Umrifi der westafrikanischen Ktiste stand ihm 
lebhaft vor Augen. Er ergriff den weifien Springer und schob ihn 
tiber das Spielbrett. Hier war das richtige Feld. Zur gleichen Zeit, 
wahrend er die schwarzen Horden stidwarts vorsttirmen sah, 
schwebte ihm eine andere, auf geheimnisvolle Weise gesammelte 
Streitmacht vor Augen, die plotzlich in ihrem Rticken auftauchte 
und ihre Verbindungen zu Land und zu Wasser abschnitt. Er 
hatte das Geftihl, durch seinen Willensaufwand diese andere 
Streitmacht ins Leben zu rufen. Aber man mufite rasch handeln. 
Wenn sie ganz Afrika unter ihre Kontrolle bringen konnten, 
wenn sie Flugplatze und Unterseeboot-Sttitzpunkte am Kap 
hatten, dann war Ozeanien in zwei Halften geteilt. 
Daraus konnte sich alles ergeben: Niederlage, Zusammenbruch, 
eine Neuaufteilung der Welt, die Vernichtung der Partei! Er holte 
tief Atem. Ein seltsames Gemisch von Geftihlen - aber 
genaugenommen war es kein Gemisch, eher waren es einander 
ablosende Geftihlsschichten, bei denen man nicht sagen konnte, 
welches Geftihl das unterste war - regte sich in ihm. 
Der Anfall ging vortiber. Er stellte den weifien Springer auf 
seinen Platz zurtick, aber ftir den Augenblick konnte er sich nicht 
einer ernsthaften Uberlegung des Schachproblems widmen. Seine 



331 



Gedanken schweiften erneut. Fast unbewufit malte er mit dem 
Finger in den Staub der Tischplatte: 2x2 = 5 

»In dein Inneres konnen sie nicht eindringen«, hatte Julia gesagt. 
Aber sie konnten in einen eindringen. 

»Was Ihnen hier widerfahrt, gilt fur immer«, hatte O'Brien gesagt. 
Das war ein wahres Wort. Es gab Dinge, eigene Taten, die man 
nie wieder loswurde. Etwas in der eigenen Brust war getotet 
worden: ausgebrannt und ausgeatzt. 

Er hatte sie gesehen; hatte sogar mit ihr gesprochen. Es war keine 
Gefahr dabei. Er wufite gleichsam instinktiv, dafi sie jetzt so gut 
wie kein Interesse an seinem Tun und Treiben nahm. Er hatte 
eine zweite Begegnung mit ihr verabreden konnen, wenn einer 
von ihnen beiden es gewollt hatte. Tatsachlich waren sie sich 
durch Zufall begegnet. Es war im Stadtpark gewesen, an einem 
abscheulichen, schneidenden Marztag, als die Erde aussah wie 
aus Eisen, das ganze Gras abgestorben schien und nirgendwo 
eine Blutenknospe zu sehen war aufier ein paar Krokussen, die 
sich durch das Erdreich durchgekampft hatten, um vom Wind 
zerzaust zu werden. 

Er eilte mit frostblauen Handen und wassernden Augen dahin, 
als er sie keine zehn Meter von sich entfernt erblickte. Sofort fiel 
ihm auf, dafi sie sich in einer schwer bestimmbaren Weise 
verandert hatte. Sie gingen, fast ohne Erkennen zu verraten, 
aneinander vorbei, dann kehrte er um und ging ihr, nicht sehr 
eifrig, nach. Er wufite, dafi keine Gefahr bestand, niemand 
kummerte sich um sie. 

Sie sagte nichts. Sie ging schrag tiber den Rasen davon, so als 
versuche sie, ihn loszuwerden; dann schien sie sich damit 
abzufinden, ihn an ihrer Seite zu haben. Schliefilich kamen sie zu 
einer Gruppe zerzauster, entblatterter Straucher, die weder als 
Versteck noch als Schutz vor dem Wind dienen konnten. Sie 
blieben stehen. Es war scheufilich kalt. Der Wind pfiff durch die 
Zweige und zerpfluckte die verstreut dastehenden, schmutzig 
aussehenden Krokusse. Er legte den Arm um ihre Hufte. Es gab 
keinen Televisor, aber es mufiten versteckte Mikrofone da sein; 



332 



aufierdem konnte man sie sehen. Das machte nichts aus, nichts 
machte etwas aus. Sie hatten sich auf den Boden legen und das 
tun konnen, was sie gewollt hatten. Sein Fleisch erstarrte vor 
Grauen bei dem blofien Gedanken. Sie reagierte uberhaupt nicht 
auf seinen um sie gelegten Arm; sie versuchte nicht einmal, sich 
freizumachen. 

Jetzt wufite er, was sich in ihr verandert hatte. Ihr Gesicht war 
bleicher, und eine teilweise von einer Haarstrahne bedeckte lange 
Narbe lief tiber ihre Stirn und Schlafe. Aber nicht das war die 
Veranderung. Sie bestand darin, dafi ihre Taille dicker und in 
einer uberraschenden Weise steif geworden war. Er erinnerte 
sich, wie er einmal nach der Explosion einer Raketenbombe 
geholfen hatte, eine Leiche aus den Trummern zu ziehen, und 
nicht tiber das unglaubliche Gewicht des Toten gestaunt hatte, 
sondern tiber seine Steifheit und die Schwierigkeit, mit der er sich 
handhaben liefi, so dafi er eher aus Stein als aus Fleisch zu sein 
schien. Ihr Korper ftihlte sich ebenso an. Es kam ihm der 
Gedanke, dafi das Gewebe ihrer Haut ein ganz anderes sein 
mufite als frtiher. 

Er versuchte nicht, sie zu ktissen; auch sprachen sie nicht 
miteinander. Als sie tiber das Gras zurtickgingen, sah sie ihn zum 
erstenmal unmittelbar an. Es war nur ein kurzer Blick, voll 
Verachtung und Abneigung. Er fragte sich, ob es eine Abneigung 
war, die sich nur aus der Vergangenheit herleitete, oder ob sie 
auch durch sein gedunsenes Gesicht und das Wasser, das ihm 
der Wind standig aus den Augen trieb, verursacht war. Sie 
setzten sich auf zwei eiserne Sttihle, Seite an Seite, aber nicht zu 
eng nebeneinander. Er sah, dafi sie im Begriff war, zu sprechen. 
Sie schob ihren plumpen Schuh ein paar Zentimeter vor und 
zertrat bedachtsam einen Zweig. Ihr Fufi schien breiter geworden 
zu sein, bemerkte er. 

»Ich habe dich verraten«, sagte sie trocken. 
»Auch ich verriet dich«, erwiderte er. 

Sie warf ihm einen erneuten kurzen Blick des Abscheus zu. 
»Manchmal«, sagte sie, »drohen sie einem mit etwas - etwas, das 



333 



man nicht aushalten, ja nicht einmal ausdenken kann. Und dann 

sagt man: >Tut es nicht mir an, tut es jemand anderem, tut es dem 

Soundso an.< Und vielleicht macht man sich nachher vor, es sei 

nur ein Kniff gewesen, und man habe nur eben so gesagt, damit 

sie aufhorten, und es sei einem nicht wirklich ernst damit 

gewesen. 

Aber das ist nicht wahr. Zurzeit, wenn es sich abspielt, ist es 

einem ernst damit. Man glaubt, es gebe keinen anderen Ausweg, 

um sich selbst zu retten, und man ist durchaus bereit, sich auf 

diese Weise zu retten. Man will, dafi es dem anderen widerfahrt. 

Es kummert einen keinen Pfifferling, was sie leiden. Es geht nur 

noch um einen selbst.« 

»Es geht nur noch um einen selbst«, echote er. 

»Und danach empfindet man fur den anderen Menschen nicht 

mehr dasselbe.« 

»Nein«, sagte er, »man empfindet nicht mehr dasselbe.« 

Es schien, sie hatten sich nichts mehr zu sagen. Der Wind 

klatschte ihre dunnen Trainingsanzuge an ihre Leiber. Mit einmal 

setzte es einen in Verlegenheit, schweigend dazusitzen: 

aufierdem war es zu kalt, um stillzusitzen. Sie murmelte etwas, 

sie mufite ihre Untergrundbahn erreichen, und stand zum Gehen 

auf. 

»Wir miissen uns wiedersehen«, sagte er. 

»Ja«, sagte sie, »wir miissen uns wiedersehen.« 

Unentschlossen ging er ein kleines Stuck weit mit, einen halben 

Schritt hinter ihr. Sie sprachen nicht noch einmal. Sie versuchte 

nicht direkt, ihn abzuschutteln, sondern ging nur eben in solchem 

Tempo, dass 

er nicht mit ihr Schritt halten konnte. Er hatte bei sich 

beschlossen, sie bis zum Untergrundbahnhof zu begleiten, aber 

plotzlich schien dieses Sich-durch-die-Kalte-Hinterherziehen- 

lassen sinnlos und unertraglich. 

Er fuhlte einen brennenden Wunsch, nicht so sehr von Julia 

wegzukommen, als ins Cafe »Zum Kastanienbaum« 

zuruckzukehren, das ihm nie so anziehend vorgekommen war 



334 



wie in diesem Augenblick. Er hatte eine sehnsuchtige Vision von 

seinem Ecktisch mit der Zeitung, dem Schachbrett und dem ewig 

fliefienden Gin. Vor allem wurde es dort warm sein. Im nachsten 

Augenblick wurde er, rein zufallig, durch eine kleine Gruppe 

Menschen von ihr getrennt. 

Er machte einen schwachen Versuch, sie einzuholen, dann wurde 

er langsamer, machte kehrt und ging in entgegengesetzter 

Richtung davon. Als er funfzig Meter gegangen war, blickte er 

sich um. Es waren nicht viele Menschen auf der Strafie, aber 

schon konnte er sie nicht mehr unterscheiden. Jede von einem 

Dutzend eilender Gestalten hatte Julia sein konnen. Vielleicht 

war ihr dick und steif gewordener Rucken nicht mehr unter den 

anderen Menschen herauszufinden. 

»Zur Zeit, wenn es sich abspielt«, hatte sie gesagt, »ist es einem 

ernst damit.« 

Es war ihm ernst damit gewesen. Er hatte es nicht nur gesagt, 

sondern auch gewunscht, dafi sie und nicht er ausgeliefert wiirde 

an die... 

Etwas an der Musik, die aus dem Televisor rieselte, anderte sich. 

Ein prahlerischer und hohnischer, ein hetzerischer Unterton kam 

hinein. Und dann - vielleicht geschah es nicht wirklich, vielleicht 

war es nur eine sich in eine Melodie kleidende Erinnerung - sang 

eine Stimme: »Under the spreading chestnut tree I sold you and 

you sold me...« 

Tranen stiegen ihm in die Augen. Ein vorbeikommender Kellner 

sah, dafi sein Glas leer war, und kam mit der Ginflasche zuruck. 

Er hob sein Glas und schnupperte daran. Das Zeug wurde mit 

jedem Schluck, den er trank, nicht weniger scheufilich, sondern 

scheufilicher. Aber es war zu dem Element geworden, in dem er 

schwamm. 

Es war sein Leben, sein Tod und sein Wiederbelebungsmittel. 

Der Gin versetzte ihn allabendlich in einen dumpfen Schlaf, und 

der Gin erweckte ihn allmorgendlich wieder zum Leben. Wenn 

er, was selten vor elf Uhr geschah, mit verklebten Augen, mit 

schlechtem Geschmack im Mund und einem wie gebrochenen 



335 



Rucken aufwachte, ware es unmoglich gewesen, sich auch nur 
aus der Horizontale aufzurichten, waren nicht die nachtsuber 
neben dem Bett stehende Flasche und Teetasse gewesen. Uber die 
Mittagsstunde safi er mit verglastem Blick da, die Flasche 
griffbereit vor sich, und lauschte dem Televisor. 
Von funfzehn Uhr bis Lokalschlufi gehorte er zum Inventar des 
Cafes. »Zum Kastanienbaum«. Niemand kummerte sich mehr 
darum, was er tat, keine Sirene weckte, kein Televisor mahnte 
ihn. Gelegentlich, vielleicht zweimal in der Woche, ging er zu 
einem verstaubten, vergessen aussehenden Btiro im 
Wahrheitsministerium und verrichtete ein wenig Arbeit, oder 
wenigstens was man so Arbeit nennt. Er war einem 
Unterausschufi eines Unterausschusses zugeteilt worden, der sich 
von einem der unzahligen Ausschusse abgezweigt hatte, die mit 
der Bearbeitung der unbedeutenden Schwierigkeiten beschaftigt 
waren, die sich bei der Zusammenstellung der elften Ausgabe 
des Neusprech-Worterbuches ergaben. Sie waren mit der 
Abfassung von etwas beauftragt, das sich Zwischenbericht 
nannte, was es aber war, woruber sie berichteten, hatte er nie 
ganz herausgefunden. 

Es hatte etwas mit der Frage zu tun, ob Kommas innerhalb oder 
aufierhalb der Klammern gesetzt werden sollten. Noch vier 
andere gehorten dem Ausschufi an, samtlich Menschen ahnlich 
wie er selber. 

Es gab Tage, an denen sie zusammentraten, um dann gleich 
wieder auseinander zugehen und einander offen einzugestehen, 
dafi in Wirklichkeit nichts zu tun war. Es gab aber auch andere 
Tage, an denen sie sich fast begierig auf ihre Arbeit sturzten, ein 
riesiges Aufheben davon machten, ihre Entwurfe zu besprechen 
und lange Denkschriften zu entwerfen, die nie vollendet wurden 
- an denen der Streit daruber, woruber sie sich eigentlich stritten, 
aufierordentlich verwickelt und unklar wurde, mit spitzfindigen 
Erorterungen von Definitionen, riesigen Abschweifungen, 
Zankereien, ja sogar Drohungen, sich an eine hohere Stelle zu 
wenden. Und dann plotzlich war ihre Lebendigkeit erschopft, sie 



336 



safien herum und sahen einander mit erloschenen Augen an wie 
Gespenster, die sich beim ersten Hahnenschrei in Nichts 
auflosen. Der Televisor war einen Augenblick verstummt. 
Winston hob wieder den Kopf. Der Tagesbericht! 
Aber nein, sie schalteten nur andere Musik ein. Er stellte sich in 
Gedanken die Karte von Afrika vor. Die Bewegungen der Heere 
bildeten ein Diagramm: Ein schwarzer Pfeil stiefi senkrecht nach 
Suden vor und ein weifier Pfeil waagerecht nach Osten, durch 
das Ende des ersteren hindurch. Wie zur Beruhigung blickte er 
zu dem unerschutterlichen Gesicht auf dem Bild empor. War es 
denkbar, dafi der zweite Pfeil nicht einmal existierte? 
Sein Interesse erlahmte wieder. Er trank einen neuen Schluck 
Gin, nahm den weifien Springer zur Hand und machte einen 
versuchsweisen Zug. Schach. Aber es war offenbar nicht der 
richtige Zug, denn - ungerufen kam ihm eine Erinnerung in den 
Sinn. Er sah ein kerzenbeleuchtetes Zimmer mit einem breiten, 
mit einer weifien Steppdecke bedeckten Bett, und sich selbst als 
einen Jungen von neun oder zehn Jahren, wie er auf dem 
Fufiboden safi, einen Wurfelbecher schuttelte und aufgeregt 
lachte. Seine Mutter safi ihm gegenuber und lachte ebenfalls. 
Es mufite etwa einen Monat vor ihrem Verschwinden gewesen 
sein. Es war ein Anblick der Harmonie, in dem der nagende 
Hunger in seinem Magen vergessen und seine fruhere Liebe zu 
ihr wieder vorubergehend aufgebluht war. Er erinnerte sich gut 
an den Tag, einen sturmischen Regentag, an dem das Wasser die 
Fensterscheibe herunterstromte und das Licht im Zimmer zum 
Lesen zu trube war. Die Langeweile der beiden Kinder in dem 
dunklen engen Raum wurde unertraglich. 

Winston greinte und quengelte, verlangte vergeblich etwas zu 
essen, fuhrwerkte im Zimmer herum, wobei er alles von der 
Stelle ruckte und der Wandvertafelung Fufitritte versetzte, bis die 
Nachbarn an die Wand klopften, wahrend das jungere Kind 
zwischendurch jammerte. Am Schlufi hatte seine Mutter gesagt: 
»Sei jetzt brav, und ich kauf dir ein Spielzeug. Ein schones 
Spielzeug - es wird dir gef alien. « 



337 



Und dann war sie in den Regen hinausgegangen zu einem 
kleinen Kramladen in der Nachbarschaft, der noch immer 
zeitweise geoffnet hatte, und kam mit einer Pappschachtel 
zuruck, die eine vollstandige Zusammensetzung eines 
Wettrennspiels enthielt. Er konnte sich noch an den Geruch des 
muffigen Pappdeckels erinnern. 

Das Ganze war jammervoll. Die Pappe hatte Sprunge, und die 
winzigen Holzwiirfel waren so ungleichmafiig geschnitzt, dafi sie 
kaum auf ihren Flachen liegenbleiben wollten. Winston 
betrachtete das Spiel murrisch und teilnahmslos. Aber dann 
zundete seine Mutter einen Kerzenstummel an, und sie setzten 
sich zum Spiel auf den Boden. Bald gliihte er vor Erregung und 
schrie vor Lachen, wenn die Spielmarken hoffnungsvoll 
vorruckten und dann wieder fast bis zum Einsatz zuruckgestellt 
werden mufiten. Sie spielten acht Spiele, wobei jeder vier 
gewann. Sein Schwesterchen, das zu klein war, um etwas von 
dem Spiel zu verstehen, hatte, an ein Polster gelehnt, dagesessen 
und gelacht, weil die anderen lachten. Einen ganzen Nachmittag 
hindurch waren sie alle miteinander glucklich gewesen, wie in 
seiner fruheren Jugend. 

Er verbannte das Bild aus seinen Gedanken. Es war eine falsche 
Erinnerung. Gelegentlich suchten ihn falsche Erinnerungen heim. 
Sie schadeten nichts, solange man sie als das erkannte, was sie 
waren. Manche Dinge hatten sich zugetragen, andere hatten sich 
nicht zugetragen. Er wandte sich wieder dem Schachbrett zu und 
ergriff erneut den weifien Springer. Fast im gleichen Augenblick 
fiel er mit Geklapper hinunter auf das Spielbrett. Er war 
zusammengefahren, als habe man ihm eine Nadel 
hineingerammt. 

Ein schriller Trompetenstofi hatte die Luft durchdrungen. Es war 
der Tagesbericht! Sieg! Es bedeutete immer einen Sieg, wenn ein 
Trompetenstofi den Nachrichten vorherging. Sogar die Kellner 
waren zusammengeschreckt und spitzten die Ohren. 
Der Trompetenstofi hatte einen riesigen Aufwand von Larm 
entfesselt. Schon schnatterte eine aufgeregte Stimme aus dem 



338 



Televisor, aber bereits als sie loslegte, ging sie beinahe in einem 
Hurragebrilll von draufien unter. 

Die Neuigkeit hatte sich wie durch Zauberei in den Strafien 
verbreitet. Er konnte gerade genug von dem, was der Televisor 
verkundete, horen, um zu merken, dafi alles so, wie von ihm 
vorausgesehen, gekommen war; eine grofie, tibers Meer 
gekommene Kriegsflotte war insgeheim zusammengezogen und 
ein plotzlicher Schlag gegen die feindliche Nachhut gefuhrt 
worden, der weifie Pfeil spaltete das Ende des schwarzen 
Bruchstucke triumphierender Phrasen behaupteten sich gegen 
den Larm: »Grofies strategisches Manover - vollendete 
Zusammenarbeit - wilde Flucht des Feindes auf der ganzen Linie 
- eine halbe Million Gefangene - vollkommene Auflosung - 
Kontrolle tiber ganz Afrika - das Kriegsende in absehbare Nahe 
geruckt - grofiter Sieg in der menschlichen Geschichte! Sieg, Sieg, 
Sieg!« 

Winstons Ftifie machten unter dem Tisch krampfhafte 
Bewegungen. Er hatte sich nicht von seinem Platz gertihrt, aber 
in Gedanken rannte er, rannte rasch, war mit der Menge draufien 
und schrie sich mit Hochrufen heiser. Wieder blickte er zu dem 
Bildnis des Grofien Bruders empor. Der Kolofi, der seine Arme 
schutzend tiber die ganze Welt breitete! 

Der Felsen, gegen den die asiatischen Horden vergeblich 
anrannten! Er tiberlegte, wie noch vor zehn Minuten - ja, nur vor 
zehn Minuten - ein Schwanken in seinem Herzen gewesen war, 
als er sich fragte, ob die Meldung von der Front Sieg oder 
Niederlage lauten wtirde. Ach, mehr als ein eurasisches Heer war 
untergegangen! Viel hatte sich in ihm geandert seit jenem ersten 
Tag im Ministerium ftir Liebe, aber die endgtiltige, notwendige, 
heilende Wandlung war bis zu diesem Augenblick nicht erfolgt. 
Die Stimme aus dem Televisor sprudelte noch immer ihren 
Bericht von Gefangenen, Beute und Gemetzel, aber das Geschrei 
draufien hatte sich ein wenig gelegt. Die Kellner gingen wieder 
an ihre Arbeit. Einer von ihnen kam mit der Ginflasche heran. 



339 



Winston, der in seligen Traumen verloren dasafi, achtete nicht 
darauf, als sein Glas gefullt wurde. 

Er rannte nicht mehr und schrie nicht mehr Hurra. Er war wieder 
im Ministerium fur Liebe, alles war vergessen, seine Seele 
schneeweifi. Er safi auf der offentlichen Anklagebank, gestand 
alles, belastete jedermann. Er schritt den mit weifien Fliesen 
belegten Gang hinunter mit dem Gefuhl, im Sonnenschein zu 
wandeln, und ein bewaffneter Wachposten ging hinter ihm drein. 
Das langerhoffte Geschofi drang ihm in sein Gehirn. 
Er blickte hinauf zu dem riesigen Gesicht. Vierzig Jahre hatte er 
gebraucht, um zu erfassen, was fur ein Lacheln sich unter dem 
dunklen Schnurrbart verbarg. 

O grausames, unnotiges Mifiverstehen! O eigensinniges, selbst 
auferlegtes Verbanntsein von der liebenden Brust! Zwei nach Gin 
duftende Tranen rannen an den Seiten seiner Nase herab. Aber 
nun war es gut, war alles gut, der Kampf beendet. Er hatte den 
Sieg tiber sich selbst errungen. Er liebte den Grofien Bruder. 



ENDE 



340 



Kleine Grammatik 



Neusprech war die in Ozeanien eingefuhrte Amtssprache und 
zur Deckung der ideologischen Bedurfnisse des Engsoz erfunden 
worden. Sie hatte nicht nur den Zweck, ein Ausdrucksmittel fur 
die Weltanschauung und geistige Haltung zu sein, die den 
Anhangern des Engsoz allein angemessen war, sondern daruber 
hinaus jede Art anderen Denkens auszuschalten. Wenn 
Neusprech erst ein fur allemal angenommen und die Altsprache 
vergessen worden war (etwa im Jahre 2050), sollte sich ein 
unorthodoxer - d. h. ein von den Grundsatzen des Engsoz 
abweichender Gedanke - buchstablich nicht mehr denken lassen, 
wenigstens insoweit Denken eine Funktion der Sprache ist. 
Der Wortschatz des Neusprech war so konstruiert, dafi jeder 
Mitteilung, die ein Parteimitglied berechtigterweise machen 
wollte, eine genaue und oft mehr differenzierte Form verliehen 
werden konnte, wahrend alle anderen Inhalte ausgeschlossen 
wurden, ebenso wie die Moglichkeit, etwa auf indirekte Weise 
das Gewunschte auszudrucken. Das wurde als durch die 
Erfindung neuer, hauptsachlich aber durch die Ausmerzung 
unerwunschter Worte erreicht, und indem man die 
ubriggebliebenen Worte so weitgehend wie moglich jeder 
unorthodoxen Nebenbedeutung entkleidete. 
Ein Beispiel hierfur: das Wort „frei" gab es zwar im Neusprech 
noch, aber es konnte nur in Satzen wie »Dieser Hund ist frei von 
Flohen«, oder »Dieses Feld ist frei von Unkraut« angewandt 
werden. 

In seinem alten Sinn von »politisch frei« oder »geistig frei« 
konnte es nicht gebraucht werden, da es diese politische oder 
geistige Freiheit nicht einmal mehr als Begriff gab und 
infolgedessen auch keine Bezeichnung dafur vorhanden war. 



341 



Neusprech war auf der vorhandenen Sprache aufgebaut, obwohl 
viele Neusprechsatze, auch ohne neu erfundene Worte zu 
enthalten, fur einen Menschen des Jahres 1950 kaum verstandlich 
gewesen waren. Der Wortschatz war in drei deutlich abgegrenzte 
Klassen eingeteilt, die im Folgenden gesondert behandelt 
werden. Fur die rein grammatikalischen Besonderheiten gilt 
jedoch das unter „ Wortschatz A" Gesagte fur alle drei 
Kategorien. 

Der Wortschatz A bestand aus den fur das tagliche Leben 
benotigten Worten - fur Dinge wie Essen, Trinken, Arbeiten, 
Anziehen, Treppensteigen, Eisenbahnfahren, Kochen u. dgl. Er 
war fast vollig aus bereits vorhandenen Worten 
zusammengesetzt, wie schlagen, laufen, Hund, Baum, Zucker, 
Haus, Feld - aber mit dem heutigen Wortschatz verglichen, war 
ihre Zahl aufierst klein und ihre Bedeutung viel strenger 
umrissen. Sie waren von jedem Doppelsinn und jeder 
Bedeutungsschattierung gereinigt. 

Es ware ganz unmoglich gewesen, sich des Wortschatzes A etwa 
zu literarischen Zwecken oder zu einer politischen oder 
philosophischen Diskussion zu bedienen. Er war nur dazu 
bestimmt, einfache, zweckbestimmende Gedanken 

auszudrucken, bei denen es sich gewohnlich um konkrete Dinge 
oder physische Vorgange handelte. 

Ein Merkmal der Neusprech-Grammatik war die fast 
vollstandige Austauschbarkeit unter den verschiedenen 
syntaktischen Bestandteilen. Jedes Wort konnte sowohl als Zeit-, 
Haupt-, Eigenschafts- oder Umstandswort verwendet werden. 
Zeit- und Hauptwort hatten dieselbe Form, wenn sie die gleiche 
Wurzel hatten, ja selbst wo kein etymologischer Zusammenhang 
vorhanden war. Es gab zum Beispiel kein Wort fur schneiden, da 
seine Bedeutung schon hinreichend durch das Hauptwort Messer 
gedeckt war. Eigenschaftsworte wurden gebildet, indem man 
dem Hauptwort die Nachsilbe -voll, Umstandsworte, indem man 
-weise anhangte. 



342 



Jedes Wort konnte durch Voranstellung von un- in sein Gegenteil 
umgewandelt oder durch die Voranstellung von plus- oder von 
doppelplus- gesteigert werden. So bedeutete beispielsweise 
unkalt »warm«, wahrend pluskalt oder doppelpluskalt »sehr 
kalt« oder »uberaus kalt« bedeuteten. 

Auch war es moglich, die Bedeutung fast jeden Wortes durch die 
Voranstellung von vor-, nach-, ober-, unter- usw. abzuwandeln. 
Diese Methode ermoglichte es, den Wortschatz ganz gewaltig zu 
vermindern. 

Das zweite hervorstechende Merkmal der Neusprech-Grammatik 
war ihre Regelmafiigkeit. Abgesehen von einigen nachfolgend 
erwahnten Ausnahmen folgten alle Beugungen derselben Regel. 
Bei alien Zeitwortern waren das Imperfektum und das Partizip 
der Vergangenheit identisch und endeten auf -te. Das 
Imperfektum von stehlen war stehlte, von denken denkte usw., 
wahrend alle Formen wie dachte, schwamm, brachte, sprach, 
nahm abgeschafft waren. 

Die einzigen Wortarten, die weiterhin unregelmafiig gebeugt 
werden durften, waren die Furworter und die Hilfszeitworte. Ein 
Wort, das schwer auszusprechen oder leicht mifizuverstehen 
war, gait eo ipso als etwas Schlechtes: deshalb wurden 
gelegentlich um des Wohlklangs willen Buchstaben in ein Wort 
eingeschoben oder veraltete Formen beibehalten. Aber diese 
Notwendigkeit machte sich vor allem in Zusammenhang mit 
Wortschatz B bemerkbar. 

Der Wortschatz B bestand aus Worten, die absichtlich zu 
politischen Zwecken gebildet worden waren, d. h. die nicht nur 
in jedem Fall auf einen politischen Sinn abzielten, sondern dazu 
bestimmt waren, den Benutzer in die gewunschte 
Geistesverfassung zu versetzen. Ohne ein eingehendes 
Vertrautsein mit den Prinzipien des Engsoz war es schwierig, 
diese Worte richtig zu gebrauchen. In manchen Fallen konnte 
man sie in die Altsprache oder sogar in Worte aus dem 
Wortschatz A ubersetzen, aber dazu war gewohnlich eine lange 
Umschreibung notwendig, und unweigerlich gingen dabei 



343 



gewisse Schattierungen verloren. Die B-Worte waren eine Art 
Stenographic mit der man oft eine ganze Gedankenreihe in ein 
paar Silben zusammenfassen konnte. Ihre Formulierungen waren 
genauer und zwingender als die gewohnliche Sprache. 
Die B-Worte waren immer zusammengesetzt. Sie bestanden aus 
zwei oder mehr Worten oder Wortteilen, die zu einer leicht 
aussprechbaren Form zusammengezogen waren. Die erzielte 
Verschmelzung war zunachst immer ein Hauptwort, von dem 
dann in der ublichen Weise weitere Worte abgeleitet wurden. 
Beispiel: das Wort Gutdenk bedeutete gemeinhin »orthodoxe 
Haltung, Strengglaubigkeit«, als Zeitwort »in orthodoxer Weise 
denken« (Vergangenheit gutdenkte); als Eigenschaftswort 
gutdenkvoll; als Umstandswort gutdenkweise; als aktives 
Hauptwort Gutdenker. 

Der Stamm der B-Worte konnte Bestandteilen jeder Wortart 
angehoren, die in jeder Reihenfolge angeordnet und beliebig 
verstummelt werden konnten, um ein leicht aussprechbares 
neues Wort zu bilden. In dem Worte Undenk (Verstofi gegen die 
Parteidisziplin) z. B. stand denken an zweiter Stelle, wahrend es 
in Denkpoli (Gedankenpolizei) auf die erste Stelle kam, wobei 
das Wort Polizei seine dritte Silbe einbufite. Manche B-Worte 
hatten eine hochst differenzierte Bedeutung, die jemandem, der 
nicht mit der Sprache im Ganzen vertraut war, kaum 
verstandlich wurde. 

Als Beispiel diene ein typischer Satz aus dem Times-Leitartikel: 
„Altdenker unintusfuhl Engsoz". Die kurzeste Wiedergabe, die 
davon in der Altsprache moglich gewesen ware, hatte lauten 
mussen: »Diejenigen, deren Weltanschauung sich vor der 
Revolution geformt hat, konnen die Prinzipien des neuen 
englischen Sozialismus nicht wirklich von innen heraus 
verstehen.« 

Aber das ist keine ausreichende Ubersetzung. Man mufite 
eigentlich, um die voile Bedeutung des oben angefuhrten 
Neusprechsatzes zu verstehen, erst eine genaue Vorstellung von 
dem haben, was mit Engsoz gemeint war. Dazu kommt, dafi nur 



344 



ein vollig im Engsoz aufgegangener Mensch die ganze Kraft des 
Wortes intusfuhl nachzuempfinden vermag, das eine blinde, 
begeisterte Hingabe bezeichnete, die man sich nur schwer 
vorstellen kann, desgleichen das Wort Altdenk, das untrennbar 
mit der Vorstellung von Schlechtigkeit und Entartung verknupft 
war. 

Wie wir bereits bei dem Wort frei gesehen haben, wurden Worte, 
die fruher einen ketzerischen Sinn hatten, manchmal aus 
Bequemlichkeitsgrunden beibehalten - aber nur, nachdem man 
sie von ihren unerwunschten Bedeutungen gereinigt hatte. 
Zahlreiche Worte wie „Ehre, Gerechtigkeit, Moral, Nation, 
Heimat, Volk, Rasse, Wissenschaft und Religion" gab es ganz 
einfach nicht mehr. 

Sie waren durch ein paar Oberbegriffe ersetzt und damit hinfallig 
geworden. Alle mit den Begriffen der Freiheit und Gleichheit 
zusammenhangenden Worte z. B. waren in dem einzigen Wort 
Undenk enthalten, wahrend alle um die Begriffe Objektivitat und 
Rationalismus kreisenden Worte samtlich in dem Wort Altdenk 
Inbegriffen waren. Eine grofiere Genauigkeit ware gefahrlich 
gewesen. 

Kein Wort des Wortschatzes B war ideologisch neutral. Eine 
ganze Anzahl hatte den Charakter reiner sprachlicher Tarnung 
und waren einfach Euphemismen. So bedeuteten zum Beispiel 
Worte wie Lustlager (= Zwangsarbeitslager) oder Minipax (= 
Friedensministerium - Kriegsministerium) fast das genaue 
Gegenteil von dem, was sie zu besagen schienen. 
Andererseits zeigten einige Worte ganz offen eine verachtliche 
Kenntnis der wahren Natur der ozeanischen Verhaltnisse. Ein 
Beispiel dafur war Prolefutter, womit man die armseligen 
Lustbarkeiten und die verlogenen Nachrichten meinte, mit denen 
die Massen von der Partei abgespeist wurden. Andere Worte 
wiederum hatten eine Doppelbedeutung, sie bedeuteten etwas 
Gutes, wenn sie auf die Partei, und etwas Schlechtes, wenn sie 
auf deren Feinde angewandt wurden. Aber aufierdem gab es 
noch eine grofie Anzahl von Worten, die auf den ersten Blick wie 



345 



einfache Abkurzungen aussahen und ihre ideologische Farbung 
nicht von ihrer Bedeutung, sondern von ihrer Zusammensetzung 
bekamen. 

Soweit wie moglich wurde alles, was irgendwie politische 
Bedeutung hatte oder haben konnte, dem Wortschatz B angepafit. 
Der Name jeder Organisation oder Gemeinschaft, jeden Dogmas, 
jedes Landes, jeder Verordnung, jeden offentlichen Gebaudes 
wurde unabanderlich auf den gewohnten Nenner gebracht: in die 
Form eines einzigen, leicht aussprechbaren Wortes mit moglichst 
geringer Silbenzahl, von dem man die urspriingliche Ableitung 
noch ablesen konnte. Im Wahrheitsministerium z.B. wurde die 
Registratur-Abteilung, in der Winston Smith beschaftigt war, 
Regab genannt, die Literatur-Abteilung Litab, die Televisor- 
Programm-Abteilung Telab usw. 

Das geschah nicht nur aus Grunden der Zeitersparnis. Schon in 
den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts waren 
solche zusammengezogenen Worte charakteristisches Merkmal 
der politischen Sache gewesen; wobei es sich gezeigt hatte, dafi 
die Tendenz, solche Abkurzungen zu benutzen, in totalitaren 
Landern und bei totalitaren Organisationen am ausgepragtesten 
war. 

Zunachst war das Verfahren offenbar ganz unbewufit und 
zufallig in Gebrauch gekommen, im Neusprech aber wurde es 
vorsatzlich angewandt. 

Man hatte erkannt, dafi durch solche Abkurzungen die 
Bedeutung einer Bezeichnung eingeschrankt und unmerklich 
verandert wurde, indem sie die meisten der ihr sonst 
anhaftenden Gedankenverbindungen verlor. Die Worte 
„Kommunistische Internationale" z. B. erweckten das Bild einer 
„weltumspannenden Menschheitsverbruderung", von roten 
Fahnen, Barrikaden, Karl Marx und der Pariser Kommune. 
Das Wort Komintern dagegen lafit lediglich an eine eng 
zusammengeschlossene Organisation und eine deutlich 
umrissene Gruppe von Anhangern einer politischen Doktrin 
denken; es umreifit etwas, das fast so leicht zu erkennen und auf 



346 



seinen Zweck zu beschranken ist wie ein Stuhl oder ein Tisch. 
Komintern ist ein Wort, das man fast gedankenlos gebrauchen 
kann, wahrend man tiber die Bezeichnung Kommunistische 
Internationale schon einen Augenblick nachdenken mufi. 
Ebenso sind die Assoziationen, die durch ein Wort wie Miniwahr 
hervorgerufen werden, geringer an Zahl und leichter 
kontrollierbar, als bei der Bezeichnung Wahrheitsministerium. 
Das erklart nicht nur die Gewohnheit, bei jeder nur moglichen 
Gelegenheit Abkurzungen zu gebrauchen, sondern auch die fast 
ubertriebene Sorgfalt, die darauf verwendet wurde, fur jedes 
dieser Worte eine bequem aussprechbare Form zu finden. 
Es uberwog im Neusprech deshalb die Rucksicht auf leicht 
eingehenden Wohlklang jede andere Erwagung, aufier der 
Genauigkeit der Bedeutung; grammatische Regeln mufiten 
immer zurucktreten, wenn es erforderlich schien. Und das mit 
Recht, denn man benotigte - vor allem fur politische Zwecke - 
unmifiverstandliche Kurzworte, die leicht ausgesprochen werden 
konnten und im Denken des Sprechers ein Minimum an 
ideenverwandten Erinnerungen wachriefen. Die einzelnen Worte 
des Wortschatzes B gewannen noch an Ausdruckskraft dadurch, 
dafi sie einander fast alle sehr ahnlich waren. Sie waren fast 
immer zwei-, hochstens dreisilbig (Gutdenk, Minipax, Lustlager, 
Engsoz, Intusfuhl, Denkpoli), wobei die Betonung ebensohaufig 
auf der ersten wie auf der letzten Silbe lag. 

Durch ihre Verwendung entwickelte sich ein bestimmter 
rednerischer Stil, der zugleich kurz, hohltonend und monoton 
war. 

Der Wortschatz C bildete eine Erganzung der beiden 
vorhergehenden und bestand lediglich aus wissenschaftlichen 
und technischen Fachausdrucken. Diese ahnelten den fruher 
gebrauchlichen und leiteten sich aus den gleichen Wurzeln ab, 
doch liefi man die ubliche Sorgfalt walten, sie streng zu umreifien 
und von unerwunschten Nebenbedeutungen zu saubern. Sie 
folgten den gleichen grammatikalischen Regeln wie die Worte in 
den beiden anderen Wortschatzen. Sehr wenige C-Worte 



347 



tauchten in der politischen Sprache oder der Umgangssprache 
auf. Jeder wissenschaftliche Arbeiter oder Techniker konnte alle 
von ihm benotigten Worte in einer fur sein Fach aufgestellten 
Liste finden, wahrend er selten uber eine mehr als oberflachliche 
Kenntnis der in den anderen Listen verzeichneten Worte 
verfugte. Nur einige wenige Worte standen auf alien Listen, doch 
es gab kein Vokabular, das die Funktion der Wissenschaft 
unabhangig von ihren jeweiligen Zweigen als eine geistige 
Einstellung oder Denkungsart ausgedruckt hatte, ja es gab nicht 
einmal ein Wort fur »Wissenschaft«, da jeder Sinn, den es hatte 
haben konnen, bereits hinreichend durch das Wort Engsoz 
umschrieben war. 

Es war also im Neusprech so gut wie unmoglich, verbotenen 
Ansichten, uber ein sehr niedriges Niveau hinaus, Ausdruck zu 
verleihen. Man konnte naturlich ganz grobe Ketzereien wie einen 
Fluch aussprechen. Man hatte z. B. sagen konnen: Der Grofie 
Bruder ist ungut. 

Aber diese Feststellung, die fur ein orthodoxes Ohr lediglich wie 
ein handgreiflicher Unsinn geklungen hatte, durch 
Vernunftargumente zu stutzen, ware ganz unmoglich gewesen, 
da die notigen Worte dafur fehlten. Im Jahre 1984, zu einer Zeit 
also, da die Altsprache noch das normale Verstandigungsmittel 
war, bestand theoretisch immer noch die Gefahr, dafi man sich 
bei der Benutzung von Neusprechworten an ihren 
ursprunglichen Sinn erinnern konnte. In der Praxis war es fur 
jeden im Doppeldenk geschulten Menschen naturlich nicht 
schwer, das zu vermeiden, aber schon nach zwei weiteren 
Generationen wurde auch die blofie Moglichkeit einer solchen 
Entgleisung uberwunden sein. 

Viele Verbrechen und Vergehen wurde dieser Mensch nicht mehr 
begehen konnen, weil er keinen Namen mehr dafur hatte und sie 
sich deshalb gar nicht mehr vorstellen konnte. 
Es war vorauszusehen, dafi im Laufe der Zeit die Besonderheiten 
des Neusprech immer mehr hervortreten wurden - es wiirde 
immer weniger Worte geben und deren Bedeutung immer starrer 



348 



werden. Auch wurde die Moglichkeit, sie zu unliebsamen 
Zwecken zu gebrauchen, standig geringer werden. 
Sobald die Altsprache ein fur allemal verdrangt war, war auch 
das letzte Bindeglied mit der Vergangenheit dahin. Die 
Geschichte war bereits umgeschrieben worden, doch gab es da 
und dort unzureichend zensierte Bruchstucke aus der Literatur 
der Vergangenheit, und solange jemand die Altsprache verstand, 
war es moglich, sie zu lesen. In der Zukunft wurden solche 
Fragmente, auch wenn sie zufalligerweise erhalten blieben, 
unverstandlich und unubersetzbar sein. Es war unmoglich, 
irgendetwas aus der Altsprache ins Neusprech zu ubertragen, es 
sei denn, es handelte sich um ein technisches Verfahren oder urn 
einen einfachen alltaglichen Vorgang, oder es war bereits 
linientreu („gutdenkvoll" wurde der Neusprechausdruck lauten) 
in seiner Tendenz. 

Praktisch bedeutete dies, dafi kein vor 1960 geschriebenes Buch, 
so wie es war, ubersetzt werden konnte. Vorrevolutionare 
Literatur konnte nur einer ideologischen Ubertragung 
unterzogen werden, das heifit einer Veranderung sowohl dem 
Sinne als der Sprache nach. 

Ein grofier Teil der Literatur der Vergangenheit war tatsachlich 
schon in dieser Weise verandert worden. Prestigerucksichten 
liefien es wunschbar erscheinen, das Andenken an bestimmte 
historische Figuren beizubehalten, doch so, dafi man deren 
Errungenschaften mit der Linie des Engsoz in Einklang brachte. 
Verschiedene Schriftsteller wie Shakespeare, Milton, Swift, 
Byron, Dickens und andere wurden deshalb einer Ubertragung 
unterzogen. Sobald dies vollbracht worden war, wurden sowohl 
die Originalwerke wie auch alles andere, das aus der Literatur 
der Vergangenheit ubriggeblieben war, vernichtet. 
Diese Art von Ubertragung waren eine langwierige und 
muhsame Angelegenheit, und deren Beendigung konnte nicht 
vor dem ersten oder zweiten Jahrzehnt des einundzwanzigsten 
Jahrhunderts erwartet werden. Es gab noch eine grofie Menge 
reiner Fachliteratur - unentbehrlich technische Handbucher und 



349 



dergleichen, die in der gleichen Weise bearbeitet werden mufiten. 
Hauptsachlich um Zeit zu den vorbereitenden 
Ubersetzungsarbeiten zu gewinnen, wurde die endgultige 
Einfuhrung des Neusprech auf einen so spaten Zeitpunkt wie 
2050 festgesetzt. 



350